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Nichtoffener Wettbewerb | 09/2024

Neugestaltung Lutherischer Kirchhof in Marburg

5

Anerkennung

Preisgeld: 4.000 EUR

A24 Landschaft

Landschaftsarchitektur

Erläuterungstext

CHARAKTERISTISCHE RAUMFOLGE DURCH DIE OBERSTADT
Die mittelalterliche Oberstadt staffelt sich von der Barfüßerstraße bis zum Landgrafenschloss dramatisch in die Höhe und ist identitätsstiftendes Postkartenmotiv der Stadt Marburg. Die großzügige Terrasse des Lutherischen Kirchhofs mit seinem markanten Kirchenbau und Altbaumbestand ist wichtiger und weithin sichtbarer Trittstein auf dem Weg zum Gipfel. Das Plateau erlaubt einen weiten Panoramablick über die Dächer der Stadt, deren Potenzial jedoch noch nicht vollends ausgeschöpft wird. Die jahrzehntelange Nutzung als Parkplatz sieht man der Fläche an, eine der gesamtstädtischen Bedeutung entsprechende Gestaltung mit Aufenthaltsqualität fehlt.

Das darunterliegende Gassensystem aus Kugelgasse, Rübenstein und anderen folgt der mittelalterlichen Stadtstruktur und den Zwängen der Topografie. Die gut erhaltene Bausubstanz mit vielen Fachwerkhäusern prägt den Charakter des Stadtviertels. Die verwinkelten Gassen schaffen intime Situationen mit versteckten Aufenthaltsbereichen, ein tragendes Grundprinzip das stärker ausgebaut werden soll. Nicht nur für die Anwohner ergeben sich hierdurch attraktive Begegnungsorte entlang alltäglicher Wege, sondern auch für die Besucher der Stadt interessante touristische Nebenrouten. Der vorliegende Entwurf soll beide Ansprüche in Einklang bringen. Die historisch bedingte dicht gesetzte Bebauungsstruktur lässt wenig Raum für Grün und Verschattung, umso wichtiger sind Maßnahmen zur Klimaanpassung und Starkregenvorsorge. Diese Maßnahmen werden in eine einheitliche Gestaltsprache eingebunden und sorgen für ein stimmiges Gesamtbild der Oberstadt.

Die auf einen Fels aus Sandstein gebaute Altstadt drückt sich in der steinernen, mittelalterlich geprägten Bebauungsstruktur aus. Die vorgeschlagenen Oberflächenbeläge aus Naturstein greifen die ortsspezifische, rötliche Farbgebung auf und schaffen einen gestalterischen Zusammenhang, der die Eigenheiten der unterschiedlichen Teilbereiche respektiert und die stadtgeschichtliche Identität stärkt. Ein neuer Mobiliarkatalog aus markanten Sitzelementen aus Holz schafft wiedererkennbare Elemente in unterschiedlicher Skalierung und Dichte, die sich der Atmosphäre der unterschiedlichen Bereiche anpassen. Die klimagerechte Umgestaltung der Oberstadt ist zentrales Thema des Umgestaltungsprozesses und führt zu einer maximalen Durchgrünung der steinernen Stadtstruktur. Der Stadtbalkon erhält eine großzügige Wiesenfläche und schafft einen ruhigen und grünen Gegenpol zum steinernen Marktplatz.

STADTBALKON: QUARTIERSPLATZ AN DER PFARRKIRCHE MIT ALTSTADTPANORAMA
Der Kirchhof erhält einen neuen Fokuspunkt: der wuchtigen Bastionsmauer wird ein großformatiges Sitzmöbel, die Panoramabank, gegenüber gestellt. Das Sitzmöbel aus einer Stahlunterkonstruktion mit Holzauflage setzt sich aus unterschiedlichen Segmenten zusammen, die eine variable Nutzung erlauben. Ein schmalerer Bereich ohne Rückenlehne verbreitert sich nach Westen und integriert eine Rückenlehne sowie Sitzbereiche die sich nach beiden Seiten orientieren, sowohl zum Stadtpanorama als auch zur Kirchenfassade. Die Panoramabank unter den großgewachsenen Linden biete vielfältige Optionen: schattiger Rückzugsort im Grünen, geselliger Versammlungsort in den Abendstunden, Picknickfläche am Wochenende, bespielbares Objekt für Kinder oder aber Tribüne für Gruppenfotos zu Hochzeiten und anderen Anlässen.

Der hohe Versiegelungsgrad des Lutherischen Kirchhofs wird zukünftig etwas reduziert. Eine große zusammenhängende Grünfläche bindet den Altbaumbestand ein und erzeugt eine angenehme Großzügigkeit. Die robuste und pflegeextensive Wiesenfläche kann temporär als Erweiterungsfläche für Veranstaltungen genutzt werden. Die artenreiche Wieseneinsaat mit ortstypischen Arten erhöht die Biodiversität und fördert die Klimaanpassung in der steinernen Oberstadt. Die zusammenhängende Grünfläche dient der Rückhaltung und Speicherung von Regenwasser und unterstützt somit ein ausgeglichenes Mikroklima durch großflächige Verdunstungskühlung. Die vorhandenen Lindenbäume werden durch klimaangepasste Amerikanische Linden (Tilia americana) ergänzt.

Die Lutherische Pfarrkirche wird, entsprechend ihrer Bedeutung, sauber freigestellt und erhält einen ruhigen Rahmen aus Natursteinpflaster. Der feinkörnige Teppich bindet auch die historischen Gebäude am Platz, Kerner und Melanchtonhaus, ein und verknüpft sie zu einer gestalterischen Einheit.

Die derzeit eher funktional gestaltete Platzfläche wird neu gegliedert und zu einer niveaugleichen Belagsfläche zusammengefasst, ohne störende Borde oder andere Einbauten. Das Bestandspflaster wird durch ein Natursteinpflaster aus rotem und grauem Granit ersetzt, welches dem Kirchhof rötliche Schattierungen verleiht. Die warme Farbgebung harmoniert gut mit den historischen Sandsteinmauern der Umgebung und schafft einen deutlichen Kontrast zu den blaugrauen Tönen der Schieferdächer. Die neue Verlegeart setzt auf einen richtungslosen Passeverband, der einen neutraleren Teppich aufspannt. Die geschnittenen Oberflächen erlauben eine gute und barrierearme Begehbarkeit. Großformatige Natursteinplatten schaffen einen deutlichen Kontrast zum feinkörnigen Pflasterteppich, das verbindende Element ist die Materialeinheit aus Granit bis hin zur Baumscheibe aus wassergebundener Decke. Ausstattungselemente wie Fahrradbügel, Abfalleimer und Mastleuchten werden mit Pulverbeschichtung im Farbton DB 703 ausgeführt und setzen Akzente.

In den feinkörnigen Pflasterteppich eingepasste Platzintarsien schaffen eine klare Gliederung, die für Orientierung sorgt. Die Terrasse am Stadtbalkon wird in zwei Teilbereiche gegliedert: den Baumhain mit Wiesenfläche und Panoramabank und einen Platz mit Wasserspiel vor dem Melanchtonhaus. Die kleine Platzintarsie schafft einen eigenständigen Ort zum Verweilen. In den Bodenbelag eingelassene Wasserdüsen sorgen für eine spielerische Komponente und erfrischen in den Sommermonaten. Das bodengleiche Wasserspiel kann abgeschaltet werden und erlaubt eine relativ ebene Veranstaltungsfläche an prominenter Stelle. Eine mobile Bestuhlung unterstützt die flexible Nutzung. Das Wasserspiel wird aus einer neu angelegten unterirdischen Zisterne beschickt, die mit gefiltertem und wiederaufbereitetem Regenwasser gespeist wird.

Die Gesamtanzahl an Pkw-Stellplätzen wird auf vier Stück reduziert, die von Osten über die Nicolaistraße angefahren werden. Der übrige Lutherische Kirchhof profitiert erheblich von einer Unterbindung der Durchfahrbahrkeit. Die Anordnung entlang der Nordfassade des Melanchtonhaus ist möglich, da der Baukörper sich zum Stadtbalkon orientiert. Die vom ruhenden Verkehr weitestgehend freigeräumte Fläche erlaubt einen platzartigen Auftakt ergänzt um eine lockere Baumgruppe. Hierfür werden zwei Bestandsbäume verpflanzt. Der angrenzende Kerner mit seiner Kombination aus kirchlichen Nutzungen im Erdgeschoss und einem „Haus der Nachhaltigkeit“ in den Obergeschossen kann die Fläche multifunktional bespielen. Frei verteilte Stühle schaffen kommunikative Aufenthaltsbereiche unter dem schattigen Baumdach und schaffen eine Art Quartierstreff. 20 Fahrradstellplätze werden am westlichen Ende der Grünintarsie konzentriert.

ALTSTADTGASSEN: GRÜNER RÜCKZUGSORT UND NACHBARSCHAFTSTREFF
Die kleinteilige Gassenstruktur der Marburger Oberstadt basiert auf dem mittelalterlichen Stadtgrundriss und steht in starkem Kontrast zur Großzügigkeit des Stadtbalkons. Das unregelmäßige Wegenetz mit seinen Versprüngen und Aufweitungen sorgt für den besonderen Charme und lädt zum Entdecken ein. Das touristische Potenzial ist unverkennbar, wird aber derzeit nur rudimentär genutzt. Während auf dem Stadtbalkon ein zentraler Begegnungsort geschaffen wird, der mit der exponierten Panoramabank eine entsprechend deutliche Geste erhält, passt sich in den verwinkelten Altstadtgassen die Dimension des Stadtmobiliars an die beengten Gegebenheiten vor Ort an. Die dadurch entstehenden, intimeren Aufenthaltsbereiche prägen den Charakter der kleinen Nachbarschaftsorte. Die Materialität der Holzoberflächen sorgt für eine gestalterische Kontinuität, die sich durch alle Ebenen der Marburger Oberstadt durchzieht und ihr ein erkennbares Gesicht verleiht.

Das durch die gewachsenen Grünstrukturen geprägte gartenartige Erscheinungsbild von Kugelgasse und Rübenstein macht den besonderen Charakter aus. Durch die neuen Interventionen soll dieser Eindruck noch verstärkt und gleichzeitig benötigter Raum für Klimaanpassungsmaßnahmen geschaffen werden. Der beengte Straßenquerschnitt ermöglicht lediglich punktuelle Interventionen, die sich an die Maßstäblichkeit der räumlichen Situation anpassen. Dort wo möglich, werden neue Baumpflanzungen mit klimarobusten Arten vorgeschlagen. Die Baumpflanzungen erhöhen die Verschattung in den Sommermonaten und sorgen einer Überhitzung der beengten Altstadtgassen vor. Ergänzt werden die Maßnahmen durch leicht erhöhte Gartenbeete, in den Boden eingelassene Einstaumulden und Pflanzstreifen mit vertikalem Grün entlang der Bestandsmauern. Das sich aus der Gesamtheit der Einzelmaßnahmen zusammensetzende Gesamtbild ergibt ein wesentlich grüneres Erscheinungsbild, insbesondere in der Kugelgasse, und verbessert die Regulierung des Mikroklimas durch Verdunstungskühlung und Verschattung. Pflegeextensive Gräser- und Staudenmischungen für wechselfeuchte (Raingardens) und trockene Standorte (Hochbeete) ergeben ein abwechslungsreiches Pflanzbild.

Das Möblierungskonzept setzt sich aus in der Maßstäblichkeit angepassten Sitzobjekten und Hochbeeten zusammen.
Die Verkleidung der Mülleinhausungen ordnet sich der Gestaltungsvorgabe unter. Die Bodenbeläge mit einer Kombination aus Natursteinpflaster, mit gesägter Oberfläche, und Plattenbelag setzt das Thema der Stadtterrasse fort. Die Bodenplatten definieren Platzintarsien und Aufenthaltsbereiche abseits der Hauptdurchwegungen.

Beurteilung durch das Preisgericht

Den Verfassern gelingt es, mit wenigen Elementen dem Lutherischen Kirchhof ein auf den Bestand verweisendes, aber dennoch neues und vor allem deutlich grüneres Gesamterscheinungsbild zu geben. Ein parallel zur Südfassade der Kirche ausgerollter Rasen-/Wiesenteppich und eine diesen auf der Südseite abschließende lange Panoramabank sind die neuen raumbestimmenden Elemente, die die Kirchenfassade begleiten. Diese werden von einem einheitlichen Oberflächenbelag aus geschnittenem Granitpflaster im Passeeverband eingefasst, welcher eine maßstäbliche Körnung und angemessene Textur verspricht. Dadurch werden auch die raumprägenden Gebäude Kerner und Melanchtonhaus harmonisch in den Platz integriert. So wirkt der Kirchhof einfach und klar in der Gesamterscheinung und ist sowohl im Alltag als auch bei Sonderveranstaltungen gut nutzbar.

Der kleine östliche Vorplatz am Kerner erhält durch Baumergänzungen eine beschattete Vorzone und räumliche Gliederung. Der westliche Vorbereich des Melanchtonhauses wird durch ein bodengleiches Wasserspiel belebt, das diesem Platzausschnitt ein dynamisches Freiraumelement hinzufügt. Die vier Stellplätze nördlich des Melanchtonhauses sind richtig platziert.

Die für den westlichen Zugang vorgeschlagene Treppen-Rampenanlage wirkt hingegen überzogen und für den begrenzten Raum eher unangemessen. Auch die vielen Fahrradparker als westlicher Abschluss des Rasenteppichs werden sehr kritisch betrachtet.

Eine detaillierte und auf den Entwurf bezogene Aussage zur Verwendung oder Versickerung des anfallenden Regenwassers fehlt leider in der Arbeit.

In den südlich angrenzenden Gassen versuchen die Verfasser, die auf dem Platz vorgestellten Elemente und Oberflächen ebenfalls zu etablieren. Dies misslingt jedoch aufgrund der vollkommen unterschiedlichen Voraussetzungen von Topographie und begrenztem Raum. So wirken die massiven Bankelemente in den engen Fachwerkgassen deplatziert, und der Plattenbelag an der Kugelkirche erscheint gestalterisch und funktional unangebracht.

Trotz dieser Kritikpunkte stellt die Arbeit, vor allem aufgrund des ruhigen und angemessenen Gestaltungsansatzes auf dem Lutherischen Kirchhof, einen wertvollen Beitrag dar. Die Wirtschaftlichkeit der Planung liegt im mittleren Bereich, insbesondere in Bezug auf das Verhältnis zwischen befestigten und begrünten Flächen sowie den geringen Einsatz von Sonderkonstruktionen und die zu erwartenden Unterhaltungskosten.