Nichtoffener Wettbewerb | 04/2025
Neugestaltung Ortsmitte und Ortspark Greifenberg
©Architekturbüro Huber
Perspektive Neue Mitte
2. Preis
Preisgeld: 22.500 EUR
Stadtplanung / Städtebau, Landschaftsarchitektur
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Verfasser:
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Mitarbeitende:
Christoph Heinzmann Lichtplanung und Design
Lichtplanung
Visualisierung
Erläuterungstext
STÄDTEBAULICHE IDEE
Die Ortschaft Greifenberg war bisher geprägt von einer klaren Straßendorf- Typologie. Diese beginnt sich aufgrund der stetigen Entwicklung Stück für Stück aufzulösen. Unsere Antwort darauf ist eine Ergänzung durch eine neue Mitte mit einem räumlich stark gefassten Platz, der alle Nutzungen der Dorfgemeinschaft beinhaltet. Als möglichen Ort sehen wir die städtebaulich spannendste Stelle, gleich neben der Kirche um das bisherige Rathaus, wo der Straßenverlauf der Hangkante am nächsten kommt. Der Neue Platz wird so zum Bindeglied zwischen dem Siedlungskörper und der Topografie bzw. dem Grünraum. Durch ein behutsames Freischneiden des Hangbewuchses wird von hier aus der Blick über den Ammersee ermöglicht. Um den vorhandenen Straßenraum zu stärken, wird sowohl der Platz als auch die Straße des Kerngebietes in einem einheitlichen neuen Pflasterbelag ausgeführt. Dabei wird auf eine barrierearme Ausführung geachtet, um eine gute Vernetzung zu gewährleisten. So werden nicht nur der Einzelhandel, sondern vor allem die öffentlichen Einrichtungen wie Pfarrgarten, Kirchplatz, Schloss, Hospiz und der neue Mobilitätshof gut miteinander verbunden. Die Barrierefreie Anbindung an den tieferliegenden Ortsteil mit der Seniorenresidenz Theresienbad und dem Sportplatz erfolgt über eine Liftanlage. In Zukunft wäre so auch eine erneute Anbindung an das aufgelassene Bahnhäuschen möglich.
FUNKTIONALE IDEE NEUE MITTE
Alle für das Dorfleben wichtigen Nutzungen sollen um den neuen Dorfplatz entstehen. Dabei können die historischen Gebäude „Post“ und „Rathaus“ (ursprüngliche Schule) erhalten bleiben. Zur Bildung von eindeutigen Raumkanten soll das VR- Bank Gebäude abgebrochen und der Platz mit drei neuen Baukörpern ergänzt werden. Auf dem Grundstück der VR Bank soll außerdem eine unter der neuen Mitte befindliche Tiefgarage mit 50 Stellplätzen entstehen, die an das Gebäude mit Bürgersaal barrierefrei anschließt. Die Rathausnutzung bleibt im Rathaus erhalten. Die zentrale Gastronomie wird in der alten Post verortet, an welche das Bürgerhaus angebaut wird. Hier bekommen die Bürger und Vereine einen Ort mit vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten. Das neue Gebäude mit Bürgersaal befindet sich gleich nebenan als der Ort für größere Gemeindeversammlungen (Sitzungssaal). Die nachzuweisenden Flächen der VR- Bank befinden sich ebenfalls in diesem Gebäude. Der dritte Baukörper beinhaltet einen Kiosk sowie den Lift (Perfall- Bahn) zur barrierefreien Erschließung des Hanges. Zentrum der Neuen Mitte bildet der Platz mit wassergebundener Wegedecke. Hier befindet sich die Freischankfläche und der Ort für den Maibaum. Die nötigen Flächen für das Hospiz werden in der „Alten Schule“ nachgewiesen. Um hier ideale Bedingungen zu gewährleisten, wird der eingeschossige Anbau durch einen Neubau ersetzt. Um den vorhandenen Pfarrhof (Rupert-Mayer-Haus) mit seiner Nähe zum Spielplatz stärker zu nutzen, wird hier die Mittagsbetreuung sowie die Tagespflege und das Seniorencafé untergebracht.
STRASSENRAUM / VERKEHRSKONZEPT
Der Straßenzug von Greifenberg ist geprägt durch seinen dörflichen Charakter. Dieser soll durch die Neuordnung beibehalten werden. Zum einen wird er durch einen einheitlichen Granit- Pflasterbelag (gesägt) verstärkt, zum anderen sollen die stark zugewachsenen Privatgärten zur Straße hin bereinigt werden, um die historische Situation der umzäunten Vorgärten wieder zur Geltung kommen zu lassen. Wo es möglich ist, werden neue Grünräume zur Straßen- bzw. Wegebegleitung mit Aufenthaltsmöglichkeit nach dem Schwammstadtprinzip erstellt, die den Wegeverlauf aufwerten sollen. Hierfür werden Baumscheiben mit extra viel Wurzelraum erstellt. Bei der Bepflanzung wird die Lindenallee aufgegriffen und konsequent fortgeführt. Bänke bieten Sitzmöglichkeiten in unterschiedlichen Aufenthaltsbereichen an. Generell wurde darauf geachtet, dass möglichst wenig versiegelte Flächen entstehen. Die neuen Beläge werden allesamt lokal in den angrenzenden Schwammstadtflächen (Baumstandorten) versickert und in die Pflanzgruben eingeleitet. Eine Regenwasserrigole auf dem zentralen Platz ermöglicht die gezielte Ableitung von Regenwasser in den Untergrund sowie Speicherung von Regenwasser zur Versorgung der Bepflanzung. Die ‚Tempo 30‘ als Geschwindigkeitsbegrenzung wird beibehalten. Die neuen Beläge sind so ausgeführt, dass eine Querung des Straßenraumes Barrierearm und rollatorfreundlich möglich ist. Die vorhandenen Bushaltestellen werden zur Stärkung der neuen Mitte am neuen Platz positioniert. PKW- und Fahrradstellplätze werden in der geforderten Anzahl dezentral nachgewiesen. Als Ergänzung dient eine unter der neuen Mitte befindliche Tiefgarage mit 51 Stellplätzen.
BELEUCHTUNGSKONZEPT
Das Konzept sieht eine homogene Ausleuchtung der Straßen sowie entlang des Zickzack- Weges am Hang vor. Der Fokus liegt auf einem energieeffizienten System, das durch zurückhaltendes Design sowie lichtlenkenden Optiken eine nachhaltige Lösung bietet. Die Einhaltung der DIN-Normen aber auch die Anpassung an die ländliche Struktur, schafft eine funktionale Basis. Die Beleuchtungssituation auf dem Bürgerplatz soll durch eine bedarfsgerechte Steuerung einen Beitrag zu technischem und gestalterischem Anspruch leisten. Moderne Technologie reduziert bzw. regelt die Beleuchtung auf dem Platz so, dass temporäre Veranstaltungen mehr Licht bekommen. In späteren Abendstunden wird ein ruhiges Beleuchtungsniveau hinterlegt, das entsprechend abgesenkt wird. Durch die unterschiedlichen Lichtpunkthöhen passt sich das Konzept an die Umgebung an; so soll eine gewisse Dynamik durch verschiedenen Lichtpunkthöhen auf Bürgerplatz LPH 5,5m; Straßenbeleuchtung LPH 5m und Wegesituation 4m erzeugt werden.
Beurteilung durch das Preisgericht
Die Verfasser entwickeln die neue Mitte für Greifenberg situativ nachvollziehbar im Bereich des Rathauses und der alten Post. Die randständige Setzung von 3 klaren Baukörpern stärkt die Raumkanten des Platzes und macht ihn ablesbar. Charmant erscheint der Erhalt der alten Post und die zugewiesene Nutzung als Gasthaus. Die Störung der Orthogonalität fungiert als Merkzeichen und schafft Identität. Das Rathaus wird auf dem Platz freigestellt und durch die Lage an der Hangkante und die Entnahme von Bäumen im Hangbereich nach außen sichtbar gemacht. Die Verlegung des Jägersteiges schafft einen verkehrsfreien Dorfplatz mit hoher Aufenthaltsqualität. Die eingeschossigen Gebäude verleihen dem Ort eine Eigenständigkeit, werden im Preisgericht allerdings in Bezug auf die Höhenentwicklung kontrovers diskutiert.
Das alte Schulhaus wird auf die historische Baumasse zurückgebaut und mit einem eingeschossigen, klaren Gebäude ergänzt. Die alleinige Nutzung als Hospizgebäude übererfüllt jedoch den erforderlichen Raumbedarf. Im Bereich des alten Maibaumplatzes werden zwei Wohnhäuser gesetzt. Körnung und Maß der Nutzung erscheinen an der oberen Grenze, zur klaren Beurteilung fehlt die Angabe der Gebäudehöhe.
Die Nutzungsverteilung ist nicht vollumfänglich nachvollziehbar, die Verortung der Mittagsbetreuung im Rupert-Mayer-Haus ist aus Sicht des Preisgerichts nicht umsetzbar, die Verortung im Realisierungsbereich ist unbedingt erforderlich. Die Trennung von Rathaus und Sitzungssaal erscheint nicht optimal.
Dem klaren städtebaulichen Ansatz folgend liegen die Zugänge zu den Häusern typologisch richtig am Dorfplatz. Der KFZ-Verkehr wird richtigerweise an der neuralgischen Stelle Jägersteig / Hauptstraße nach Osten verlegt, im Bereich der Verlegung der Jägerstrasse müsste die verkehrliche Situation noch genauer untersucht werden. Die Tiefgaragenzufahrten liegen richtig, grundsätzlich erscheint die Unterbringung von 51 Tiefgaragenstellplätzen für die Mitte und 20 für den Wohnungsbau wirtschaftlich grenzwertig. Die Stellplatzsituation für den Nahversorger wurde verändert und wäre im Weiteren zu prüfen, ebenso wie die einseitige Anordnung des Gehweges an der Hauptstraße. Die barrierefreie Anbindung an das Kreisseniorenheim mittels eines Liftes wird als Anregung positiv gewertet, müsste aber im Hinblick auf eine Durchführbarkeit genauestes untersucht werden.
Aussagen für Ökologie, Klimaresilienz und Nachhaltigkeit bleiben vage, das Schwammstadtprinzip ist grundsätzlich zu begrüßen, auch der behutsame Umgang mit alter Bausubstanz wird anerkannt.
Die durchgehende Belagsausführung mit gesägtem Granit liegt wirtschaftlich im oberen Bereich. Für die Hochbauten allerdings versprechen die einfachen und klaren Baukörper eine wirtschaftliche Umsetzung.
Insgesamt ist die Lösung ein wichtiger Beitrag für die gestellte Aufgabe, gewürdigt werden vor allem die eigenständige Haltung und die klare Handschrift. Es entsteht ein identitätsstiftender Ort mit hoher Aufenthaltsqualität, „eine neue Mitte für Greifenberg“.
©Architekturbüro Huber
Konzeptplan
©Architekturbüro Huber
Lageplan
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Ausschnitt
©Architekturbüro Huber
Dorfplatz
©Architekturbüro Huber
Vogelperspektive
©Architekturbüro Huber
Neue Mitte
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Ansicht Bürgerhaus
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Ansicht Rathaus
©Architekturbüro Huber
Geländeschnitt
©Architekturbüro Huber
Schnitt Straße
©Architekturbüro Huber
Skizze Straßenraum