Nichtoffener Wettbewerb | 07/2024
Neugestaltung Zentralpark Gasometervorfeld in Wien (AT)
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Blick auf den neuen Zentralpark
©NUWELA, BOGL APS
1. Preis
Preisgeld: 29.500 EUR
Landschaftsarchitektur
NUWELA Büro für Städtebau und Landschaftsarchitektur
Landschaftsarchitektur
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Verfasser:
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Mitarbeitende:
Erläuterungstext
Zentralpark Gasometervorfeld, Wien
Als explorative Grundlage für das Gestaltungskonzept wurde eine “Schatzkarte” entwickelt, um alle besonderen Orte und Qualitäten des Projektgebiets aufzunehmen. Dazu zählen bestehende Gebäude, Räumlichkeiten, Funktionen, Bepflanzungen und Oberflächen, die wir weitgehend erhalten und umgestalten. Neben den physischen ‚Schätzen‘ wurden ebenso immaterielle Qualitäten wie vorhandene Atmosphären und soziale Gefüge aufgenommen und in das Konzept integriert. Neue Elemente und Nutzungen bauen auf bestehenden Strukturen auf. So kann der örtliche Charakter des „Rauen“, „Unfertigen“ und „Vielschichtigen“ in den neuen Park übersetzt werden.
Das Nebeneinander der beschriebenen Kleinteiligkeit einerseits und den immer wieder vorhandenen, pittoresken Ausblicken auf die Gasometer andererseits wird beim Spaziergang durch das Gebiet spürbar und verleiht der Situation einen ortspezifischen Charakter. Der gewachsene Baumbestand verbindet dem Ort eingeschriebene Schollen unterschiedlichster Nutzung miteinander und schafft bereits im Bestand eine charaktervolle Räumlichkeit. Die immer wiederkehrenden Nussbäume (‚juglans regia‘), die alten Werkstattgebäude, kleine (Nutz-)Gärten und die Vielfalt an Nutzer:innen und Gewerbetreibenden verleihen dem Ort ein fast südeuropäisches Flair. Wir sehen großes Potenzial darin, die vor Ort erlebten und in einer intensiven Analysearbeit decodierten Schichten und Geschichten des Planungsgebiets samt Umgebung als Grundlage für einen einzigartigen Park aufzugreifen. Aus den Qualitäten und Eigenheiten des Kontextes wird ein grüner Mittelpunkt für das gesamte Viertel geschaffen.
Neben der Bewahrung vorhandener Strukturen und Qualitäten geht es auch darum, übergeordnete Verbindungen herzustellen und den neuen Park in das Netzwerk öffentlicher Räume einzubetten. Aktuell ist eine intuitive Orientierung durch das Gebiet nicht einfach; Zäune und gesperrte Bereiche zerschneiden den Raum. Im Konzept bilden klar lesbare Hauptwegeverbindungen eine übergeordnete, gliedernde Struktur.
Zentraler Ansatz der räumlichen Idee ist es, das noch weitgehend verborgene Potenzial des Ortes zu enthüllen, das sowohl in der Größe und Weite der Gasometer als auch in den intimen Grünräumen, den geschichtlichen Spuren, den Menschen und dem Alltagsleben liegt. Dazu werden vier Teilräume definiert: “Die offene Weite”, “Der grüne Rahmen”, “Die Einschnitte” und “Die Lichtungen”. Als Gesamtes formulieren sie ein robustes räumliches Rahmenwerk, dass – je nach Entwicklungsstand – auf sich ggf. ändernde Bedarfe reagieren kann. Im Rahmen eines iterativen, begleitenden Prozesses wachsen die vielfältigen Geschichten und Räume des neuen Zentralparks Schritt für Schritt.
Beurteilung durch das Preisgericht
Das Projekt arbeitet sehr stark mit aktuellen Themen wie sanfte Einbettung des Bestands, prozessorientierte Gestaltung, Recycling und Upcycling. Dabei werden einzelne bestehende Objekte sensibel neucodiert und umgenutzt. Dies passiert sowohl mit Gebäuden, Materialien und bestehenden Nutzungen wie auch dem Vegetationsbestand.
Die räumliche Gliederung erfolgt über vier klare Maßnahmen: den grünen Rahmen, die offene Wiese, Einschnitte und Lichtungen, die parallel mit dem Bestand und den Nutzungen entwickelt werden. Diese Parameter werden über eine organische Wegeführung zusammengehalten und machen den Gesamtpark zu einem zusammenhängend erlebbaren Freiraum mit sehr eigenständiger Atmosphäre und Charakter. Interessant in diesem Zusammenhang ist auch die Wiesenfläche, die sich aus der reinen Definition der Mitte, in den Park entwickelt und mit vereinzelten Baumpflanzungen bzw. Bestandsbäumen beschattet wird.
Die Entrees und Übergänge werden klar herausgearbeitet und Anschlüsse an die Wohnbebauung sicher gestellt. Dabei wird der Auftakt in den Park durch Materialität und Ausstattung akzentuiert. Die Ränder zum öffentlichen Straßenraum sind durch intensive Vegetation klar abgegrenzt, die aus einer dichten, beschattenden Baumstruktur mit Stauden-Gräserunterpflanzung besteht, aber aus fußläufiger Perspektive dennoch Durchblicke gewährleistet.
Die Zonierung orientiert sich an der umgebenden Nutzung und nimmt die Gliederung des Leitkonzeptes auf, indem Sport und Spiel zu den bestehenden Sportflächen bzw. Wohnbebauungen orientiert sind. Die Umnutzung des Bestandes enthält viele kreative Ideen, scheint teilweise jedoch schwierig in der Umsetzung und etwas überbordend. Das Preisgericht sieht hier im Zuge des Prozesses die Möglichkeit zur Reduzierung.
Eine Besonderheit ist die phasenweise und prozessorientierte Entwicklung, die viel Spielraum zu einem Anpassen an neue Anforderungen und Rahmenbedingungen zulässt. Dabei sind die Nutzer*innen aktive Teilnehmer*innen. Die Grundstücksverfügbarkeiten werden jedoch nicht vollständig berücksichtigt und die bestehende Parkanlage Hallergasse wird in der zweiten Ausbauphase teilweise umgebaut, was vom Preisgericht kritisch diskutiert wird.
Die Bepflanzung verfolgt ein klares Konzept: die bestehenden Nussbäume werden als Charakterarten weiter gepflanzt. Der grüne Rahmen ergänzt bestehende Arten durch klimaresistente Baumarten. Die Gartenvegetation, welche sich aus Obstbäumen und Stauden-Gräser zusammensetzt, und Retentionsflächen mit entsprechender Vegetation begleiten die Wegeerschließung.
Auch diese ist ein Beitrag zur Biodiversität, so wie auch diverse andere Bereiche mit Nisthilfen und Futterpflanzen, z.B. im Beipass.
Der Panoramaweg ist sequenziert und über barrierefreie Rampen erreichbar. Der Wechsel von Allee, Lichtungen und Baumpflanzungen wird dabei besonders gewürdigt.
Auch wenn der Entwurf vereinzelt Schwächen aufweist, ist er ein überaus ambitionierter, zukunftsorientierter Beitrag, der sich offen zeigt für Veränderungen und einen ressourcenschonenden Umgang mit Bestand und Materialität aufweist. Ein Park, der für die Stadt Wien einen neuen Weg beschreitet kann.
Empfehlungen für die weitere Bearbeitung:
- Die Vernetzung des Parks Richtung Süden zu den angrenzenden Wohnquartieren der Zippererstraße soll näher betrachtet und überprüft werden.
- Die Dimension der Wegeführungen sind hinsichtlich des doch hohen Versiegelungsgrades kritisch zu prüfen.
- Die vorgeschlagene Brücke über den Medwedweg wird als nicht notwendig erachtet.
- Insgesamt soll das im Rahmen der flexiblen Nutzungen Programm zurückgenommen werden.
- Am südlichen Rand der dreieckigen Fläche besteht bereits eine Wegeverbindung. Es soll geprüft werden, ob durch dieser Fläche eine Wegeverbindung in reduzierter Dimension, als Langsamweg ausreichend ist.
Gesamtplan
©NUWELA, BOGL APS
Eingangssituation, Aussichtsplattform Süd am Panoramaweg
©NUWELA, BOGL APS
Iterativer Prozess 'den Park im Bestand bauen'
©NUWELA, BOGL APS
Arbeiten mit dem Kontext
©NUWELA, BOGL APS
Detailplan Gasometersteg
©NUWELA, BOGL APS
Kulturgarten und Gasometersteg
©NUWELA, BOGL APS