Nichtoffener Wettbewerb | 01/2025
Neustrukturierung Psychiatriecampus am Universitätsklinikum Frankfurt
4
Innenhof
©Schulz und Schulz / LINDENKREUZ EGGERT
Anerkennung
Preisgeld: 40.000 EUR
Architektur, Stadtplanung / Städtebau
-
Verfasser:
-
Mitarbeitende:
Beurteilung durch das Preisgericht
In der Diskussion bringt der Entwurf bereichernde Gedanken für eine konzeptuelle Fortschreibung des Gesamtgeländes ein – dies zeigt sich insbesondere in der Haltung zum Binnenraum, dem Garten, der als beispielhafte Innovation im Klinikbau der 20er Jahre zum Mittelpunkt der Bearbeitung wird. Die Verfasserinnen und Verfasser beziehen sich deutlich auf die Brommersche Idee der Ausbildung luftiger Gartenkabinette und den auch künftig möglichst weit nach Süden greifenden Freiraum für alle. Diesen Ansatz würdigt das Preisgericht.
Baulich wird im Realisierungsteil eine kongruent zum Bestand modulierte Baukörperformation in voller Länge zur südlichen Grenze gesetzt.
Als Pendant zum Hauptgebäude wird mittig ein 4-geschossiger Baukörper ausgebildet, der sich – leicht nach innen gerückt – über die sonst flacheren und geschmeidig wirkenden Seitenflügel reckt. Dies ist ein wichtiger Schritt, um die erforderliche Baumasse zu erzeugen, reizt aber damit die Höhenthematik zwischen Bestand und Neubau voll aus. Dennoch führt diese Komposition zum Erfolg: die Wohnbauten in der Nachbarschaft werden aus dem Blickfeld des Gartens ausgeblendet.
Diese Haltung zum Bestand, die freiräumliche Fortschreibung sowie das leicht abgerückte Arrondieren des Vorhandenen wird als interessanter Beitrag im Kontext gesehen. Auch verbinden sich alle Bereiche über die gewählte Struktur untereinander, was Synergieeffekte in der Nutzung erwarten lässt. Während diese sehr dezidierte Entwicklung im Realisierungsteil als mögliches Muster einer Klinikentwicklung gesehen wird und funktioniert, erscheint das Auftürmen großer Baumassen im Ideenteil dramatisch und überfrachtend. Die schlanken Bautiefen vieler Gebäudeteile erfordern zur Gewinnung von Fläche mehr Geschosse. Im Schichtenmodell werden die Baumassen im Nordosten als harsche Wand wahrgenommen, die als befremdlich und für die Entwicklung der KJP als kontraproduktiv gesehen wird. Die gelungene Ausformulierung des Realisierungsteils geht auf Kosten künftiger baulicher Entwicklungen.
Auch in der innenräumlichen Entwicklung überzeugt die Lösung nicht vollständig.
Das Potenzial der einfachen Orientierung über die gewählte Mittelflurerschließung wird nicht ausgereizt. Dort fehlt der Arbeit Konsequenz bei der Ausbildung der baulichen Versätze. Die langen Flure werden nicht so angeordnet, dass diese auf Fenster treffen, sondern bleiben dunkel und wirken monoton. Auch die Patientenzimmer verbreiten bei genauerer Betrachtung wenig Atmosphäre, durch die sehr klare Baustruktur und die Gleichwertigkeit aller Elemente fällt die Raumwirkung kühl aus.
Nach außen wartet die Arbeit mit anteilig hoher Transparenz und umgreifenden Fensterbändern auf. In den Ansichten wird damit ein luftiges Fassadenbild erzeugt, allerdings trifft der Entwurf nicht den Tonfall der Nutzung. Es entsteht die Suggestion eines „öffentlichen“ Hauses und lässt für die Spezifik der Nutzung Behaglichkeit und Geborgenheit vermissen.
Die Stützpunkte der Akut- und Postakutstation verfügen über keinen unmittelbaren Blickbezug zum Außenbereich. Die Station therapieresistente Depression ist auf zwei Geschosse verteilt. Der Zimmerbaustein ermöglicht keine gleichberechtigte Zonierung. Einzelne Räume des Autismustherapiezentrums befinden sich nicht auf der Eingangsebene. Die Notfallaufnahme und die Forschungsbereiche sind funktional entsprechend der Auslobung.
Die Konstruktion als Stahlbeton-Skelettbau mit hohem Vorfertigungsgrad sowie massiven Holzdecken wird aus Sicht der Ressourcen generell positiv bewertet. Der Einsatz weiterer nachwachsender, natürlicher und kreislauffähiger Baustoffe ist hervorzuheben. Bei der Ausbildung der Innenwände aus Lehm sollte die zukünftige Variabilität des Grundrisses aber nicht außer Acht gelassen werden. Beidseitige verglaste Eckräume werden hinsichtlich des sommerlichen Wärmeschutzes kritisch gesehen.
Die Arbeit besticht durch die Erhaltung des prägenden, nach Süden höhenabgestaffelten Gartenraums als zusammenhängend erlebbaren und nutzbaren Raum. Gleichzeitig entstehen durch die eingefügten eingeschossigen Nord-Südflügel wohlproportionierte, eigenständige und gut zugeordnete Akutgärten. Die Positionierung der Notaufnahme an der östlichen Zufahrt erscheint vom Standort optimal gewählt und belässt eine angemessene Distanz zur Wohnbebauung. Die Fortführung des orthogonalen Baukörpers bis an die Deutschordenstraße führt zu einer wohlproportionierten Eingangszone.
Durch die in Höhe und Tiefe gestaffelte Kubatur des Ideenteils entstehen gut nutzbare und den Therapien zuzuordnende Außenräume.
Der Entwurf respektiert die bestehende Weitläufigkeit des Gartens, muss die daraus resultierende geringe Grundfläche jedoch durch eine ungünstig proportionierte Gebäudehöhe des Südflügels im Baufeld MITTE kompensieren.
Die umarmende Geste der im Realisierungs- und Ideenteil vorgesehenen Baukörper verhindert die Wahrnehmbarkeit der Bestandsbauten von Martin Elsaesser aus dem öffentlichen Raum.
Der Wettbewerbsbeitrag liegt – bezogen auf den vorgegebenen Kostenrahmen – in der vergleichenden Kostenbetrachtung knapp über dem Durchschnitt aller Wettbewerbsbeiträge und über dem Wert der Vorgaben aus dem auf den aktuellen Kostenstand angepassten „0“-Projekt.
Die Plausibilität einer barrierefreien äußeren Erschließung ist nur bedingt prüfbar und barrierefreie PKW-Stellplätze sind nicht nachgewiesen. Die geforderten barrierefreien 1-Bett-Zimmer mit Sanitäreinheit erfüllen nicht den R-Standard und eine barrierefreie Besucher-Toilette ist in dem Bauteil im Baufeld MITTE nicht vorhanden.
Die Erreichbarkeit der Innenseiten der Gebäude für die Feuerwehr wird durch den hohen Verbund der Neubauten erschwert.
Insgesamt stellen sich dem Preisgericht viele Fragen an die mögliche Umsetzung der Arbeit. Sie bringt in der Gesamtschau einen großzügigen Beitrag im Freiraum mit, bleibt aber im Gesamtkonzept der Entwicklung und vor allem in der innenräumlichen Lösung deutlich dahinter zurück. Die gelungene städtebauliche Ausformulierung des Realisierungsteils geht auf Kosten künftiger baulicher Entwicklungen.
Zugangsbereich
©Schulz und Schulz / LINDENKREUZ EGGERT
Städtebaulicher Lageplan Realisierungsteil
©r+b landschaft s architektur
Städtebaulicher Realisierungs- und Ideenteil
©r+b landschaft s architektur