Mehrfachbeauftragung | 11/2023
Quartiersentwicklung Camnova Nürtingen
©Stefan Forster GmbH
Visualisierung
2. Preis
Preisgeld: 11.250 EUR
Stadtplanung / Städtebau
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Mitarbeitende:
Landschaftsarchitektur
Erläuterungstext
Der Entwurf sieht einen langen, in zwei Bauteile geteilten Baukörper entlang des Bahngleises vor. Auf dem durchlaufenden Gebäudesockel erheben sich sechs Baukörper mit sieben Obergeschossen, welche durch Rücksprünge jeweils gemeinsame grüne Höfe bilden. Im Sockel sind die gewünschten öffentlichen Nutzungen untergebracht. Die Baumallee entlang der Oberboihinger Straße wird durch Neupflanzung ergänzt.
Beurteilung durch das Preisgericht
Die Arbeit 002 wird stark aus den gewünschten Wohnwelten und der Grundrissfigur entwickelt, städtebauliche Entscheidungen ergeben sich daraus als Konsequenz und scheinen weniger bewusst getroffen und entlang der Gebäudelänge wenig differenziert.
Zur Oberboihinger Straße wird aus einem Modulsystem eine räumlich abgestufte Wohnwelt entwickelt. Diese hat eine gemeinschaftliche Terrasse im 1. OG, zur Bahn entsteht eine durchgehende achtgeschossige Fassadenflucht, die nur einmal in der Mitte (auf Höhe der mögl. zukünftigen Überführung) unterbrochen wird.
Die Qualitäten der Wohnungen im Grundriss weisen zahlreiche Qualitäten auf und werden in Bezug auf Organisation, Modularität, geschützte Freiräume in Ecklage sowie die effiziente Erschließung (4-6-Spänner) sehr positiv gesehen, auch wenn es einzelne schwierige Ausrichtungen von Wohnungen mit hauptsächlich Nordbezug gibt. Die Adressbildung ist geschickt gelöst, indem der Kern vom EG an der Oberboihinger Straße in den OGs auf die Bahnseite wechselt. Die Wohnungen, auch für Studenten gedachte Einzimmerwohnungen, sind überall verteilt und letztere nur am Norden konzentriert. Es ist nicht klar, inwiefern die Verteilung Idee oder Zwang ist. In der Jury werden die Studentenwohnungen eher am Südende gesehen.
Der Bahnhofsplatz wird mit durchgehendem Belag gestaltet und mit einigen Bäumen und Möbeln besetzt, das Konzept bleibt jedoch eher im Unklaren.
Fraglich bleibt, ob die offenen Wohnwelten zur Straße tatsächlich den richtigen städtebaulichen Ausdruck für diese zentrale Lage bieten und die dort angeordneten (halb-)privaten Freiräume bei dem hohen Verkehrsaufkommen und Lärm in der Straße gut genug nutzbar sind, um nicht zum Abstellbereich zu verkommen. Zumindest für die Terrasse auf dem EG wird die Aufenthaltsqualität angezweifelt. Andere gemeinschaftliche Freiräume (z. B. für Kinderspiel) werden nicht aufgezeigt.
Kritisch gesehen wird insbesondere die starke Hierarchie in der Ausrichtung mit der achtgeschossigen Riegelwirkung zur Bahn, die eine starke Schattenwirkung und Rigidität nach sich zieht. Im Bereich der gemeinschaftlichen Treppen wird diese unterbrochen, so dass zumindest eine leichte Durchlässigkeit gegeben ist. Eine differenzierte Höhenstaffelung nach Lage erfolgt nicht.
Hinterfragt wird auch der lange, durchgehende Sockel mit den stark formal ausformulierten Bögen sowie in diesem Zusammenhang ebenso der geringe Anteil an publikumswirksamer Nutzung im Süden (hier gibt es nur das Café zum Platz, zum Bahnsteig wird geparkt). Weitere publikumswirksame Nutzungen sind eher überraschend am Nordende angeordnet. Die Mobilitätsstation mit Car-Sharing etc. ist zentral am Südende angeordnet, dies wurde kontrovers diskutiert.
Die Wirtschaftlichkeit (GFZ und Wohnfläche) liegt im oberen Bereich, es handelt sich jedoch im Wohnungsmix vergleichsweise um eher größere Wohnungen.
Als Fazit wird eine ambitionierte Lösung vorgeschlagen, die eine hohe Qualität der Wohnungen verspricht. Von städtebaulicher Seite – gerade zur Bahn – ist die Lösung jedoch eher hermetisch, es wird die Chance verpasst, entlang des Bahnsteigs zur Stadt hin ein sichtbares Entrée für die Stadt Nürtingen zu schaffen.
©Stefan Forster GmbH | faktorgruen
Lageplan