Mehrfachbeauftragung | 11/2023
Quartiersentwicklung Camnova Nürtingen
3
Perspektive
©haascookzemmrich STUDIO2050
3. Preis
Preisgeld: 7.500 EUR
Stadtplanung / Städtebau
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Verfasser:
Prof. Martin Haas, Dipl. Arch. (Dist), B.A. (Hons) David Cook, Stephan Zemmrich
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Mitarbeitende:
Lukas Hesping, Laura Stepper, Manh Hoan Dao, Lingyang Xu, Lea Proß, Manh Hoan Dao
Landschaftsarchitektur
Erläuterungstext
Der Gebäudekomplex Gleis13 hat aufgrund seiner städtebaulichen Setzung am neuen Bahnhofsvorplatz eine besondere Bedeutung. Der leicht erhöhte und dennoch erkennbare Hochpunkt im Süden des Grundstücks bildet eine erkennbare Landmarke am Bahnhof, welche besonders von Süden, aber auch vom westlichen Busbahnhof und aus der östlichen Bahnstadt im Stadtgefüge erkennbar ist und den neuen Bahnhofsvorplatz markiert. Der Gebäudekomplex bildet drei Gebäudeteile aus, die städtebauliche Bezüge aus der Umgebung aufnehmen und gleichzeitig einen zukünftigen Brückenschlag über die Bahngleise zur östlichen Bahnstadt ermöglichen. Im Verlauf der Oberboihinger Straße und parallel zu den Bahngleisen entsteht eine rhythmische Fassaden- und Höhenstruktur mit abwechslungsreichen und begrünten Terrassenlandschaften.
Statt additiver, individueller und lärm-exponierter Balkonflächen bildet der Gebäudekomplex geschützte, gebündelte und kommunikative Terrassenlandschaften aus.
So können Schallschutzmaßnahmen gebündelt und die Wohnungen zu den grünen und vertikalen Gartenhöfen geöffnet werden. Hier entsteht eine abwechslungsreiche Landschaft aus begrünten Terrassen und Fassaden. Die grünen Höfe ziehen sich bis auf die Dächer, wo gemeinschaftliche Dachterrassen zum Spielen, Verweilen und Gärtnern einladen. Schon von außen ist der besondere Charakter und die ökologische Grundhaltung erkennbar. Es entsteht ein Ensemble ohne Rückseiten.
Das offene Erdgeschoss mit Bahnhofs-zugewandten Nutzungen, wie einem Café und einem Kiosk, aber auch der Mobility Hub mit großer Fahrradhalle, Bike- und Car-Sharing-Angeboten und öffentlichen PKW-Stellplätzen laden Bewohnende, Reisende und Passanten ein, an diesem Ort zusammenzukommen. Im Mobility Hub werden Mobilitätsangebote gebündelt und mit weiteren Angeboten, wie einer Fahrradwerkstatt und einer Paketstation erweitert. An der Mobilitätsinfo wird über alle Angebote informiert und die Nutzung organisiert. Ebenerdige Fahrradabstellräume als Teil des Mobilitätskonzeptes, sowie unterschiedlich gestaltete Spielmöglichkeiten, Grünbereiche und Dachterrassen bieten den Nutzenden ein reichhaltiges Angebot an vielseitigen sozialen Interaktionsflächen. Somit wird die neu entstehende Nachbarschaft am Gleis13 ein integraler Bestandteil am Bahnhof, der sozialen Austausch und Kommunikation fördert und ökologische und nachhaltige Aspekte sichtbar in Szene setzt.
Die Holz-Hybridbauweise berücksichtigt den Anspruch eines minimalen ökologischen Fußabdrucks. Auf einen zweigeschossigen Sockel aus Recyclebeton werden die einzelnen Wohnungen aus vorgefertigten Holzbaumodulen installiert. Das charakteristische Holzbauraster von 3,30m x 3,30m lässt dabei individuelle Terrassenlandschaften entstehen. Die vorgefertigte Modulbauweise ermöglicht serielles Bauen und eine schnelle Umsetzung. Trotz der verschmelzenden Terrassen-landschaften entstehen individuelle und realteilbare Häuser, dessen Grundrisstypologien bedarfs-gerecht angepasst und als geförderter oder freifinanzierter Wohnraum umgesetzt werden können.
Beurteilung durch das Preisgericht
Die besondere städtebaulich-architektonische Figur entwickelt sich klar aus den Ansprüchen innovativen und qualitätsvollen Wohnens an der schwierigen Situation zwischen Bahngleis und Stadtzufahrt:
So prägen den klaren achtgeschossigen Kopfbau am Bahnhof – neben dem Café im EG – Mikrowohnungen in den Regelgeschoßen mit gut nutzbaren Gemeinschaftsräumen, die zukunftsweisendes kommunikatives Wohnen ermöglichen. Neben den 2- bis 3-Zimmer-Wohnungen setzen die Sondernutzungen im 7. OG sehr schöne lebendige Zeichen am Bahnhofsplatz!
Nördlich des Auftaktgebäudes schließen sich zwei komplexe terrassierte Gebäudestrukturen an, deren Kubatur sich aus der Organisation von jeweils sechs Wohnungen um einen rauchsicheren Sicherheitstreppenkern ergibt. Durch die terrassenartigen Abtreppungen erhalten alle Wohnungen sogenannte private „grüne Zimmer“. Durch das wechselseitige Orientieren der dadurch entstehenden „Gartenhöfe“ sowohl zur Straße als auch zur Bahn werden Stadtbausteine geschaffen, die eine sehr gute Belichtung der Wohnungen garantieren und sich zu keiner Seite abweisend verhalten.
Ganz wesentlich ist es, dass das (auf den Plänen visualisierte) Grün nicht durch fehlende Vorkehrungen für Bodenaufbauten etc. marginalisiert wird. Ansonsten würde sich eine völlig andere, nicht gewünschte gestalterische Prägung der Fassadenabwicklung ergeben. Denn im vorgestellten Konzept fehlen die notwendigen baulichen Voraussetzungen für eine intensive dauerhafte Begrünung. Gläserne Brüstungen (wie dargestellt) sind hier nicht zielführend, da sich erfahrungsgemäß nicht jedes Element des privaten Freiraums gestalterisch positiv auf den öffentlichen Raum auswirkt.
Das KFZ-Parken im 1. OG wird hinterfragt. Ob bei einer alternativen Nutzung des 1. OGs als Wohnraum die natürliche Belichtung überall ausreichend ist, wird bezweifelt. Gegebenenfalls müssten hier andere Nutzungen untergebracht werden. Der ruhende Verkehr im EG ab der Mitte des Gebäudekomplexes nach Norden ist für Carsharing sehr gut vorstellbar. Zwischen dem Café im Süden und der Fahrradwerkstatt in der Mitte des Gebäudes ist eine große öffentliche Fahrradhalle vorgesehen; dies wird positiv beurteilt. Ebenso positiv gesehen wird der Zugang zum Mobility-Hub, der auch als Durchgang vom Bahngleis zur Oberboihinger Straße genutzt werden kann.
Ansonsten prägt ein durchgehender Sockel den Eindruck in der Fußgängerebene; dies wird kritisch gesehen, da dadurch die notwendigen barrierefreien Verbindungen zwischen Oberboihinger Straße und Bahngleis beschränkt bleiben auf den südlich gelegenen Bahnhofsplatz und die Passage am Mobility-Hub.
Der Bahnhofsplatz thematisiert sog. „Fenster“ zum darunter liegenden Saubach, sodass für die Unterführung entlang des Saubachs ein positiver Belichtungseffekt entsteht. Fraglich ist, ob die Oberboihinger Straße als neuer Stadtboulevard und als shared space ausgebildet werden kann.
Kritisch wird die Wirtschaftlichkeit des Vorschlags beurteilt: Die Arbeit unterschreitet im Bereich des Wohnens den in der Auslobung anvisierten Zielkorridor massiv und liegt daher bezüglich Wohnfläche und Anzahl der Wohneinheiten im untersten Bereich. Durch die sehr kleinteiligen Abtreppungen des Gebäudevolumens ist das A/V-Verhältnis ungünstig.
Insgesamt handelt es sich bei diesem Beitrag um einen sehr eigenständigen Lösungsansatz, der geeignet ist, einen sehr charakteristischen Ort an diesem zentralen Bereich Nürtingens zu schaffen.
Perspektive Dachgärten
©haascookzemmrich STUDIO2050
Lageplan
©haascookzemmrich STUDIO2050