Nichtoffener Wettbewerb | 10/2025
Sanierung und Erweiterung Rathaus und Bürgerhaus Niederdorfelden
©CODE UNIQUE Architekten GmbH
Außenperspektive - Blick von der Burgstraße
2. Preis
Preisgeld: 24.000 EUR
Architektur
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Verfasser:
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Mitarbeitende:
Dominic Geppert, Weipeng Yuan, Amelie Langkutsch, Yuliia Strelnikova
Landschaftsarchitektur
Erläuterungstext
Leitidee
Das Rathaus- und Bürgerhausensemble im Norden von Niederdorfelden ist umgeben von kleinteiliger Einfamilienhausbebauung, landwirtschaftlich genutzten Flächen sowie einem rückwärtig gelegenen Parkplatz. Das in den 70er Jahren errichtete Gebäude steht heute an einem Wendepunkt: Bauliche, technische und funktionale Defizite machen eine grundlegende Neustrukturierung erforderlich. Der geplante Umbau setzt einen Impuls, das bestehende Raumgefüge kritisch zu hinterfragen und den multifunktionalen Ort in eine neue, zukunftsweisende Zeitschicht zu führen. Gleichzeitig sichert er die Nutzung als Verwaltung sowie als Raum für bürgerschaftliches Engagement, Vereine und kommunale Veranstaltungen.
Der Entwurf verfolgt einen nachhaltigen Planungsansatz, der den verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen ebenso berücksichtigt wie die Weiterentwicklung des Bestands. Grundlage dafür ist eine funktionale Neuordnung mit klarer Wegeführung, die die unterschiedlichen Nutzungen so miteinander verbindet, dass sie einerseits unabhängig voneinander funktionieren, zugleich aber in einem gemeinsamen räumlichen Gefüge erlebbar werden und die Aufenthaltsqualität stärken.
Aus diesem Grund wird die tragende Substanz des Bestandes von 1970 weitestgehend erhalten. Lediglich das 1984 ergänzte Geschoss mit Satteldach wird aufgrund der geringen Höhe und fehlenden Nutzbarkeit zurückgebaut. Anstelle der ehemaligen Hausmeisterwohnung entsteht ein zweigeschossiger Erweiterungs-bau, der sich bis zum Mehrzwecksaal in den eingeschossigen Solitär schiebt und die Nutzfläche gem. neuer Raumanforderungen erweitert. Der Versatz in Fläche und Höhe erzeugt eine formale Staffelung, die das große Bauvolumen gliedert und maßstäblich in den Kontext einbindet. Das Flachdach wird in Anleh-nung an den Erbauungszustand beibehalten und setzt sich bewusst von den Satteldächern der umliegenden Wohnbebauung ab. Die beiden ineinander verzahnten Kuben vereinfachen die vormals kleinteilige Struk-tur und bündeln Rathaus, Bürgerhaus, Bücherei, Musikschule und Gastronomie zu klaren Funktionsein-heiten, die Synergien optimal nutzen, aber auch die räumliche Trennung ermöglichen. So entsteht ein Haus der Begegnung, Bildung und Kultur – ein generationenübergreifendes Zentrum, das die Dorfge-meinschaft in Niederdorfelden nachhaltig stärkt.
Innere Struktur und äußere Erschließung, räumliche Organisation
Ausgangspunkt des Entwurfs ist die Entwicklung eines ganzheitlichen Sanierungs-, Umbau- und Erweiterungskonzepts, das neben funktionalen und wirtschaftlichen Anforderungen insbesondere die Eigenheiten des Ortes berücksichtigt.
Die Burgstraße prägt als südliche Grenze des Wettbewerbsgebiets und wichtigste Verkehrsachse des Ortes die städtebauliche Orientierung des Gemeinschaftsgebäudes. Der von dort ansteigende Geländeverlauf wird von einem massiven Sockel aufgenommen, der sich entlang der Gebäudelängsseiten zu einer Terrasse entfaltet und das Volumen fest in seiner Umgebung verankert. Die südliche Plattform zur Burgstraße wirkt wie ein offenes Podium: Sie verbindet den öffentlichen Straßenraum barrierefrei mit den gleichrangigen Eingängen von Rathaus, Bürgerhaus, Musikschule und Gastronomie und bietet zugleich einen weiten Blick zum Dorfkern. Das auskragende Dach stärkt die Präsenz des Ensembles im Ortsgefüge und leitet Besucherinnen und Besucher intuitiv zu den jeweiligen Eingängen.
Das Bürgerhaus öffnet sich in Richtung Burgstraße mit einem großzügigen, transparenten Foyer, das als Dreh- und Angelpunkt Besucherströme im Veranstaltungsfall bündelt. Spannende Sichtachsen führen vom begrünten Vorplatz über die Terrasse in den Innenraum und unterstreichen das offene, flexible Raumkonzept. Die Garderobe ist als eingestelltes Raummöbel im weitläufigen Foyer integriert und führt rückwärtig in die Bücherei. Im Norden schließt der zweigeschossige Mehrzwecksaal mit fester Bühne an, der als Herzstück des Hauses eine zentrale Stellung einnimmt. Seine großzügige Raumhöhe und die direkte Anbindung an alle Funktionsbereiche des Gebäudekomplexes machen ihn zum räumlichen Mittelpunkt – konzipiert für Vereine, Musikschule, kommunale Gremien, Ausstellungen und Veranstaltungen der Gemeinde. Ergänzend ist auch der kleinere Gemeinschaftsraum an das offene Foyer angebunden und kann flexibel zugeschaltet werden.
Die an zwei Tagen pro Woche geöffnete, kommunale Schul-, Kinder- und Jugendbücherei ist zwischen Rathaus und Bürgerhaus situiert und ermöglicht so den beidseitigen Zugang unterschiedlicher Nutzergruppen. Großzügige Verglasungen öffnen den Raum nach außen und schaffen eine helle, behagliche Lernatmosphäre, die konzentriertes Arbeiten fördert. Über ihre Kernfunktion hinaus bietet die Bücherei flexible Nutzungsmöglichkeiten für das Ortsgericht, das Schiedsamt, Fraktionen und die Nachbarschaftshilfe und kann bei Bedarf auch Vereinen als multifunktionaler Raum dienen.
In direkter Anbindung an Mehrzwecksaal und Gemeinschaftsraum ist die Gaststätte angeordnet. Der zuvor knapp bemessene Innenhof weicht zugunsten der Küche, die auf der Gebäuderückseite einen direkten Zugang zur nördlich gelegenen Anlieferungsschneise erhält. Mit der verglasten, nach Süden auskra-genden Gebäudeecke öffnet sich der Gastraum zur Terrasse und setzt eine prägnante Eingangsgeste. Essensausgabe und Bar sind von hier unmittelbar erreichbar und können im Veranstaltungsfall auch den angrenzenden Gemeinschaftsraum im Bürgerhaus bespielen.
Die Musikschule, bestehend aus drei Räumen mit Sanitäranlagen und Lagerbereich, ist als kompakte Raumspange mit separatem Zugang an der Ostseite des Gebäudes angeordnet. Die Räumlichkeiten verfügen über direkten Außenbezug und sind raumakustisch von den übrigen Funktionen des Gemeinschafts-hauses abgeschirmt. Ein zusätzlicher Vereinsraum, der zur Vorbereitung von Auftritten dient, führt direkt an den rückwärtigen Bühnenbereich des Mehrzwecksaals.
Das Rathaus ist im neuen zweigeschossigen Erweiterungsbau verortet, der sich als kompakter Kubus in den Bestand einschiebt. Durch den Versatz entsteht ein separater Zugang, der den öffentlichen Besucherverkehr von Bürgerhaus, Musikschule und Gaststätte klar vom Rathausbetrieb trennt. Ein helles Atrium empfängt Besuchende und Mitarbeitende und bildet das zentrale Foyer mit Wartebereich. Zur Gewährleistung einer klaren Orientierung gruppieren sich die Bürgerbüros, das Standesamt, das Trauzimmer sowie weitere Büros mit hohem Publikumsverkehr erdgeschossig um den lichtdurchfluteten Luftraum. Von hier führt eine Treppenskulptur als notwendige Treppe in die internen Verwaltungsbereiche mit den Büros der Leitung, der Fachbereiche und der zentralen Verwaltungsstellen. Alle Arbeitsbereiche sind in einem flexiblen Raster fassadenseitig angeordnet und öffnen sich gleichermaßen zur Umgebung wie zum zentralen Luftraum, wodurch ein funktional klares und anpassungsfähiges Raumgefüge entsteht.
Das Untergeschoss bleibt in seiner ursprünglichen Dimension erhalten. Hier sind die technischen Anlagen, die Archivflächen des Rathauses sowie spezifische Lagerflächen untergebracht.
Architektursprache, Fassadengestaltung, Konstruktion
Die Architektursprache verbindet klare Formgebung und funktionale Gliederung mit einer sensiblen städtebaulichen Setzung, sodass das Gemeinschaftsgebäude in seiner Umgebung verankert bleibt und seine Nutzung gleichermaßen erlebbar wird.
Um den Wiedererkennungswert des bestehenden Rat- und Bürgerhauses zu wahren, erhält das Gebäude im Zuge des Umbaus und der energetischen Ertüchtigung erneut eine Fassadenbekleidung aus Holz. Ein regelmäßiges Großraster bildet das übergeordnete Gestaltungsprinzip und stärkt die Adress- und Identitätsbildung des Gemeinschaftshauses. Die strenge Ordnung wird durch ein Wechselspiel aus geschlossenen Holzelementen, Festverglasungen und öffenbaren Fensterflügeln aufgelockert. Je nach innenliegender Nutzung entstehen vollständig geschlossene Flächen bis hin zu offenen, rhythmisch gegliederten Strukturen, die die publikumsorientierten Bereiche markieren. Ein breites horizontales Band, angelehnt an den Ursprungszustand der 1970er-Jahre, durchbricht die vertikale Gliederung und betont die Auskragung des Daches im Bereich der Eingänge. Mit einem massiven Sockel aus hellen Ziegeln nimmt das Gebäude den Geländesprung auf und verzahnt sich über offene Terrassen mit der umgebenden Landschaft.
Im Sinne einer zukunftsorientierten Bauweise wird die Flächenversiegelung auf ein Minimum reduziert und eine kompakte Bauform mit günstigem A/V-Verhältnis realisiert. Die massive Tragstruktur des Bestands in Erd- und Untergeschoss bleibt erhalten und bildet die Basis des Ensembles. Der Erweiterungsbau wird in Holzskelettbauweise ausgeführt, wodurch eine hohe Flexibilität innerhalb des konstruktiven Rasters gewährleistet ist und auf wechselnde Nutzeranforderungen wirtschaftlich reagiert werden kann.
Ökologisch-energetisches Konzept
Das ökologisch-energetische Konzept des Gebäudes orientiert sich an der Systematik für Nachhaltigkeitsanforderungen (SNAP) und strebt die Effizienzhaus-Stufe 40 an. Ziel ist die Minimierung des Energiebedarfs bei gleichzeitig CO₂-armer Energiebereitstellung, unterstützt durch eine PV-Anlage auf dem Dach, die den Eigenbedarf teilweise deckt. Die haustechnischen Anlagen sind im Untergeschoss angeordnet und gewährleisten eine effiziente Versorgung des gesamten Gebäudekomplexes. Die modulare Grundstruktur des Baukörpers besteht aus schadstoffarmem, langlebigem Holz, das klimafreundlich ist, ein behagliches Raumklima schafft und die Wiederverwendbarkeit der Materialien für eine Kreislaufwirtschaft ermöglicht. Der hohe Vorfertigungsgrad der Bauelemente erlaubt eine präzise, schnelle Montage und minimiert den Baustellenaufwand. In Verbindung mit einer durchgehenden vertikalen Medienführung entstehen flexible, anpassungsfähige Grundrisse. Gleichzeitig wird der Bestand maximal erhalten, wodurch die im Gebäude gespeicherte graue Energie genutzt und Ressourcen geschont werden. Die hochgedämmte Gebäudehülle reduziert Wärmeverluste, während Sonnenschutz, Verschattungselemente und die thermische Masse des Bestands passives Heizen und Kühlen unterstützen.
Beurteilung durch das Preisgericht
Der Entwurf geht sehr eigenständig mit der gegebenen anspruchsvollen Situation um. Konzeptionell wird eine interessante Umsetzung des gesamten Raumprogramms, bei weitgehender Erhaltung der Bausubstanz des Bestandsgebäudes im Untergeschoss sowie in Teilen des Erdgeschosses, vorgeschlagen.
Die bestehende Hausmeisterwohnung, die Dachlandschaft, sowie der Innenhof weichen einem zweigeschossigen Ergänzungsneubau, der sich in den Bestand einschiebt und nicht nur programmatisch überzeugt, sondern auch durch das Zurückrücken von der Straße wohltuend zu einer überzeugenden Körnigkeit und Maßstäblichkeit der Gesamtsituation beiträgt.
Ein gut proportionierter Platz in der Süd-Westecke bildet den städtebaulichen Auftakt und lenkt Besucher*innen in das dort situierte Rathaus. Im Erdgeschoss sind die bürgernahen Räume, sowie Trauzimmer und Standesamt angeordnet, im Obergeschoss folgerichtig die Sitzungszimmer sowie die Verwaltung.
Im eingeschossigen, straßenbegleitenden Baukörper werden eine Neuordnung und Umstrukturierung der Räume vorgenommen. Das lichtdurchflutete Foyer als zentraler Verteiler mit vielen Blickbezügen lädt ein, das Bürgerhaus mit seinen unterschiedlichen Angeboten, wie Bibliothek und Mehrzwecksaal wahrzunehmen. Foyer, Bücherei, Gemeinschaftsraum bieten dabei eine großzügige und für Großveranstaltungen bestens funktionierende Raumabfolge, die nach außen ausstrahlt und einladend wirkt. Im Zusammenschluss mit dem Mehrzweckraum als Herz der Anlage mit der seitlich angeordneten gut proportionierten Bühne wird eine überzeugende Gesamteinheit mit gutem Außenraumbezug gebildet.
Im östlichen Gebäudeteil ist die Musikschule ebenerdig, mit eigenem Eingang, gut auffindbar als eigenständige Raumeinheit untergebracht. Daneben befindet sich der Gastraum, der mit seiner Außenbestuhlung den Eingangsbereich belebt. Der Innenhof des ehemaligen Rathauses wird überplant und als innenliegende Küche genutzt, die in ihrer Funktionsfähigkeit Fragen aufwirft. Auch der Zugang und die Dimension des Gastraumes wirken etwas beengt.
Die gewünschte Festplatznutzung ist bedauerlicherweise nicht nachgewiesen.
Der ansonsten in sich stimmige Entwurf thematisiert die Komplexität der Bauaufgabe und liefert mit einem eigenständigen Beitrag eine interessante Antwort auf die gestellte Aufgabe, wenngleich das Maß des Eingriffes in der Jury kritisch diskutiert wurde.
©CODE UNIQUE Architekten GmbH
Innenperspektive - Mehrzwecksaal mit Blick zum Foyer
©CODE UNIQUE Architekten GmbH
Lageplan