Nichtoffener Wettbewerb | 10/2025
Sanierung und Neugestaltung Schloss Köthen
2
Perspektive Aussen
©Springer Architekten GmbH
3. Preis
Preisgeld: 18.000 EUR
Architektur
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Verfasser:
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Mitarbeitende:
Erläuterungstext
Erläuterungen zum Wettbewerbsbeitrag
Ziel aller Eingriffe sollte der Erhalt der historischen Schlossanlage in ihrer Gesamtheit und insbesondere auch das Bewahren der historischen Substanz aus ganz unterschiedlichen Epochen sein. In einer über Jahrhunderte gewachsenen Tradition der Interventionen sind Ergänzungen hier in Köthen zwar in ihrer Zeitgebundenheit durchaus lesbar, sie tragen aber in gleichem Maße auch und immer wieder neu zu einer geschlossenen Wirkung des Ganzen bei. In diesem Sinne haben Ergänzungen, gleich welchen Maßstabs, hier recht eigentlich den Charakter einfacher Reparaturen. Die Differenzen zum Bestehenden sind eher subtil, fast beiläufig. Auf eine allzu ostentative Inszenierung des jeweils Neuen kann gut verzichtet werden.
So ist die Schlossanlage in Köthen für uns heute ein wunderbares Beispiel einer wieder neu zeitgemäßen Haltung im Umgang mit dem uns überlieferten Bestand. Im Grunde ein Konglomerat eigenständiger, vielfach umgestalteter Bauwerke, beeindruckt das (bezeichnenderweise als Ganzes so genannte) ‚Schloss‘ mit einer dennoch vergleichsweise kohärenten Gesamtwirkung. Konzediert, dass diese Wirkung sich nicht zuletzt auch dem inzwischen recht oberflächlichen Blick heutiger Betrachter verdankt, bleibt doch bemerkenswert, dass sich sämtliche Eingriffe einigen wenigen, gemeinsamen architektonischen Themen verpflichten. Bandhauers Ferdinand-Bau setzt einen Maßstab: konsequent als Pendant zum gegenüberliegenden, gut zweihundert Jahre älteren Ludwig-Bau konzipiert, darf dort sogar dessen Treppenturm spiegelbildlich kopiert werden.
Bezogen auf den hier in Rede stehenden Neubau ist die Frage also schon, wieviel Eigenständigkeit eine Ergänzung, im Grunde ja eine Reparatur des Ensembles, eigentlich verträgt oder umgekehrt eben: wie sehr nicht auch diese Reparatur sich dem Zusammenhang des Ganzen verpflichten sollte. Dazu lohnt ein genauerer Blick auf den Vorgängerbau, das um 1530 errichtete Amtshaus – bis zu seiner Zerstörung ja immerhin das wohl älteste Bauteil des Schlosses. Etwas niedriger, als der später errichtete Ludwig-Bau und mit seinen eigenwilligen dreibogigen Blendgiebeln belegt das zerstörte Amtshaus eine früher größere Bandbreite architektonischer Ausdrucksformen, als der heutige, von Dreiecksgiebeln und sechseckigen Treppentürmen dominierte Bestand vermuten lässt . Eine geschlossene Wirkung zumindest für den Innenhof mag das Ziel früherer Interventionen, etwa im 19. Jahrhundert bei Bandhauer, gewesen sein, sie wurde aber bisher nie erreicht. Das eröffnet auch für die geplante Ergänzung des Ensembles einen gewissen Spielraum zwischen Anverwandlung und formaler Eigenständigkeit – womit auch das architektonische Thema des ergänzenden Neubaus skizziert wäre.
Der vorgeschlagene Neubau des Besucherzentrums folgt mit der Grundrissfigur des Hauptbaukörpers genau der Figur des zerstörten Amtshauses. Das neue Treppenhaus vor dem nördlichen Giebel ist hingegen eine Neuschöpfung, die auch der gewachsenen Bedeutung dieser Treppe zwischen Besucherzentrum und Steinernem Haus Rechnung trägt. Höhe und Volumetrie des Neubaus vermitteln zwischen den höheren Bauteilen des Johann-Georg-Baus und dem deutlich niedrigeren Steinernen Haus. In ihrer räumlichen Kraft sowohl zum Schlosshof als auch in der Westansicht den hohen Bauteilen des Bestandes durchaus ebenbürtig, bleiben die beiden Fünferreihen rundbogiger Blendgiebel des neuen Besucherzentrums in ihrer Höhe doch deutlich unterhalb der Silhouette des bestehenden Südflügels. Natürlich ist die Form der Giebel nicht zuletzt auch ein Verweis auf die markanten Stufengiebel des zerstörten Vorgängerbaus – keine Rekonstruktion, aber auch keine nur auf sich selbst bezogene Neuerfindung. Eine Anspielung, ein Widerschein der gestalterischen Eigenart des Renaissancebaus auch im neuen Haus.
Mit der einladenden Offenheit des Erdgeschosses vermittelt der Neubau unmissverständlich seine Bestimmung. Das neue Haus ist erster Anlaufpunkt im Ensemble, aber es ist nicht das bedeutendste Haus an diesem Ort. In dieser Spannung bewegt sich auch der Ausdruck der neuen Fassade. Die Bekleidung der Obergeschosse mit weißgrau matt engobierten Ziegeln erzählt erst auf den zweiten Blick wahrnehmbar von der Andersartigkeit der Konstruktion und stellt so einen engen Bezug zu den hell verputzten Fassaden des Bestandes her. Eine Reparatur des Ensembles, die als heutige Hinzufügung erkennbar ist, ohne sich selbst in den Vordergrund spielen zu müssen.
Dieselbe Haltung bestimmt auch die Interventionen im Bestand. Mit minimalen Eingriffen im Johann-Georg-Bau wird dieser für seine beabsichtigen Nutzungen zur Fremdvermietung und als vorübergehender Zugang zu den Museen im Südflügel ertüchtigt. Insbesondere der Umbau der WC-Anlagen im Erdgeschoß ermöglicht es, die historischen Raumzusammenhänge auch in diesem Teil wieder erlebbar zu machen. Dass die WC-Anlagen in die Mittelzone gelegt und die Westfassade so wieder geöffnet wird, trägt maßgeblich zum neuen, lichteren Eindruck bei. Im Torhaus kommt dem großen Raum über der Durchfahrt künftig eine Schlüsselrolle im Übergang zwischen Bestand und Neubau zu. Der Raum mit seinem klassizistischen dreiteiligen Fenster zum Schlosshof trägt zur Orientierung im Ensemble bei und sollte seiner Bedeutung angemessen wiederhergestellt werden – auch wenn die dafür notwendigen denkmalfachlichen Grundlagen wohl noch fehlen. Auch die Wiederherstellung der nördlichen der beiden angewendelten Treppen zwischen Durchfahrt und 1. Obergeschoß ist in diesem Sinn Teil der Reparatur des Ensembles.
Freianlagen
Leitidee ist es, die bestehende räumliche Ästhetik zu bewahren den Hof als offenen, einladenden Ort für alle Besucher zu gestalten. Eine zurückhaltende Gestaltung mit wenigen, gezielten Eingriffen hebt die historische Bedeutung des Ortes hervor und stärkt das Zusammenspiel von Architektur und Umfeld. Ein besonderes Augenmerk liegt zudem auf der Barrierefreiheit. Die prägenden Bestandsbäume bleiben erhalten. Eine neue Geländemodellierung gewährleistet die geordnete Ableitung des Oberflächenwassers zur Hofmitte. Vorhandene Pflastersteine werden, soweit möglich, wiederverwendet, begradigt und neu verlegt. Zum Wiesenfoyer hin vergrößern sich die Fugen, werden grün und schaffen einen sanften Übergang zum Karree in der Mitte des Schlosshofs.
Historische Elemente werden aufgegriffen und neu interpretiert: Granitplatten werden an ihre ursprünglichen Standorte verlegt.
Der östliche Weg zum Ufer stellt eine historische Verbindung wieder her. Im nördlichen Gartenbereich sind eine Promenade mit Lesegarten sowie eine Pergola vorgesehen, die Rückzugsorte für Workshops und Sommeraktivitäten dienen.
Mehrere Aufenthaltsbereiche strukturieren den Schlossraum: Sonnenliegen am westlichen Ufer, Sitzmöbel am Besucherzentrum sowie weitere Sitzmöglichkeiten im grünen Foyer. Die Offenheit ermöglicht zudem flexible Nutzungen z.B. für Veranstaltungen.
Die insgesamt zurückhaltende Gestaltung des gesamten Areals sowie die sorgfältige Verwendung weniger langlebiger, robuster Materialien gewährleistet einen geringen Pflege- und Unterhaltungsaufwand. Die großen Wiesenflächen tragen erheblich zu einem extensiven jedoch abwechslungsreichen Erscheinungsbild bei.
Besucherführung und barrierearme Erschließung
Auch wenn die Besucherführung hier nur für den Fall des vollständigen Ausbaus mit Besucherzentrum dargestellt werden soll, sind die Zwischenzustände im Blick zu behalten. Vorgeschlagen werden fünf neue Aufzüge, drei davon im Südflügel (Aufzüge 1-3), einer vor dem Nordgiebel des Besucherzentrums (4) und ein weiterer östlich der Durchfahrt im Ferdinand-Bau (5). Die Anordnung erreicht mit kleinstmöglichen Eingriffen in den Bestand die barrierefreie Erschließung der allermeisten Räume und sie erleichtert auch die Konzeption möglicher Ausstellungsrundgänge.
Aufzug (1) ermöglicht den barrierefreien Wechsel der Geschoßebenen an der ‚Wendestelle‘ der Rundgänge im Ludwig-Bau. Ausgehend vom neuen Besucherzentrum ist ein Rundgang über das 2. Obergeschoß mit der Residenz- und Baugeschichte und dann zurück im 1. Obergeschoß über das Bachmuseum denkbar (natürlich würden die Bereiche auch separat funktionieren).
Zur unabhängigen, barrierefreien Erschließung der Schlosskapelle vom Schlosshof aus ist ein gesonderter Aufzug (2) sinnvoll.
Aufzug (3) läge natürlich günstiger unmittelbar an den Treppenanlagen, er ist aber im Turm auf der Südwestecke vor dem Johann-Georg-Bau mit weitaus geringeren Eingriffen realisierbar. Der Aufzug gewährleistet die barrierefreie Erschließung der Obergeschosse im Südflügel auch vom Zugang im Johann-Georg-Bau aus (Zwischenzustand) und er erlaubt nach dem Bau des Besucherzentrums eine von den Museen weitgehend unabhängige Nutzung des Spiegelsaals für Veranstaltungen.
Aufzug (4) im Neubau vermittelt ergänzend zur Treppe zwischen den unterschiedlichen Geschoßhöhen von Besucherzentrum (Johann-Georg-Bau) und Steinernem Haus. Damit wären perspektivisch aus dem Besucherzentrum auch alle drei Ebenen des Steinernen Hauses barrierefrei erschlossen.
Ergänzt wird das Konzept durch einen Aufzug (5) im Ferdinand-Bau, der an der vorgeschlagenen Stelle zwar alle Ebenen einschließlich der Durchfahrt, naturgemäß aber nicht alle Sonderhöhen einzelner Räume erschließt. Dabei wird, wie im Nutzungskonzept vorgeschlagen, von einem separaten Zugang zum Ferdinand-Bau aus der Durchfahrt ausgegangen.
Brandschutzkonzept
Das Brandschutzkonzept sieht die Nutzung der historischen Treppentürme als Rettungswege vor – auch wenn dort naturgemäß nur die bestehenden, gewendelten Treppen zur Verfügung stehen. Vergleichbare Lösungen wurden im Bestand bereits realisiert; sie erfordern, um Stolpergefahren zu mindern, ggf. eine denkmalgerechte Reparatur der historischen Stufen. Dies auch, weil auch für Veranstaltungen genutzte Spiegelsaal im 2. Obergeschoß genau zwischen zwei derartigen Treppen liegt. Auch wegen der jeweils mit ca. 20m recht kurzen Fluchtwege bis zu den Treppenräumen ist die Nutzung der historischen Treppen als notwendige Fluchtwege gut vertretbar. Die Teilung in Brandabschnitte folgt nicht streng der Gliederung in Bauteile; so soll ein möglicher Brandüberschlag in den Innenecken verhindert werden. Ggf. sind im Interesse des Sachschutzes zusätzliche Trennungen einzuführen
Beurteilung durch das Preisgericht
Die Arbeit überzeugt besonders durch ihre Gestalt. Die Fassaden und auch der Dachraum wirken im Detail sehr weit ausgearbeitet und verleihen dem Haus einen eigenen, aber nicht aufdringlichen Charakter. Das Motiv der Giebel, mit den dahinterliegenden Satteldächern und die Verfremdung dieses Motivs am oberen Abschluss des Treppenturms unterscheiden den Beitrag von anderen Arbeiten entschieden. Dass das Giebelmotiv im Dachraum dann in Form von holzverschalten Tonnengewölben wiederaufgenommen wird, lässt eine sehr gute Raumatmosphäre im Stadtlabor erwarten. Die Fassaden, bei denen sich erst auf den zweiten Blick die Symmetrie der Fensterachsen ablesen lässt, wirken ebenfalls sehr überzeugend. Das gewählte Material knüpft an die Bestandsfassaden an und überführt deren Schwere in eine angenehme, fast stoffliche Leichtigkeit. Die Anschlüsse an die Bestandssituationen können als gelungen beschrieben werden. Die Struktur der Grundrisse ist klar und gut strukturiert. Kritisch gesehen werden allerdings die fünf benötigten Aufzüge, deren Anzahl im Vergleich als zu hoch bewertet wird. Der hohe Grad der Detaillierung, bis zur spielerischen Ausformulierung der Säulen im Erdgeschoss, die vor einer Glasfassade mit Rautenteilung stehen, weist diese Arbeit als einen wertvollen Beitrag aus. Im Preisgericht wird die Arbeit kontrovers diskutiert. Sie polarisiert, weil sie durch die Wahl der gestaltprägenden Bauteile – besonders des Treppenturms auf der Ecke und des runden Fensters in der Ausstellung – keinen Konsens erzielen kann. Zudem wird sie im Vergleich als sehr pflege- und kostenintensiv bewertet. Dies liegt auch an der im Vergleich sehr großen Bruttogeschossfläche. Freianlagen Positiv gesehen wird, dass die befestigte Hoffläche verringert wird und das Lindenkarree auf dem Wiesenfoyer zukünftig das Zentrum des Hofs bildet. Den Abschluss der befestigten Fläche bildet ein Staudenband, wodurch der Bezug zum Schlossgraben gegeben bleibt, allerdings durch die dort verorteten PKW-Stellplätze eingeschränkt bleibt. Kritisch hinterfragt wird, ob die multifunktional nutzbare Fläche im Hof ausreichend groß geplant wurde. Auch die Verortung der Parkplätze am östlichen Rand des Hofs scheint schwierig. Verstellen diese doch den Blick in den Park. Das Potential des äußeren Böschungsbereich bleibt unberührt. Die Verfasser der Arbeit machen hierzu wenig Aussagen.
Perspektive Hof
©Springer Architekten GmbH