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Nichtoffener Wettbewerb | 10/2024

Städtebauliche Entwicklung Bahnbogen Leutzsch in Leipzig

Perspektive
6

Perspektive

2. Preis

Preisgeld: 13.500 EUR

LORBER PAUL ARCHITEKTUR & STÄDTEBAU

Stadtplanung / Städtebau

RMP Stephan Lenzen Landschaftsarchitekt:innen

Landschaftsarchitektur

Erläuterungstext

In Leipzig, einer Stadt, in der Tradition und Moderne harmonisch aufeinandertreffen, entsteht mit der Revitalisierung des „Bahnbogen Leutzsch“ ein zukunftsweisender Stadtbaustein. Ziel dieses Vorhabens ist es, ungenutzte Brachflächen sowie ehemalige Bahnbetriebsflächen in ein lebendiges Stadtquartier zu transformieren. Dieses Quartier wird nicht nur Wohnraum und Arbeitsplätze bieten, sondern auch Bildungseinrichtungen und Freizeitangebote integrieren, die den Bedürfnissen der wachsenden Bevölkerung gerecht werden. Im Mittelpunkt steht dabei das Bestreben, eine gemischte Nutzung zu schaffen, die ökologische Nachhaltigkeit und freiräumliche Qualität verkörpert.

LEITIDEE
Das Herzstück des Entwurfs ist ein durchgängiger Grünzug, der sich wie ein Band durch das gesamte Quartier zieht. Dieser begrünte Freiraum verbindet fließend die verschiedenen Nutzungsbereiche und schafft Orte des Ankommens, Verweilens und Spielens. Er fungiert nicht nur als Rückgrat des neuen Stadtteils, sondern auch als lebendige Ader, die alle wichtigen Elemente zusammenführt: Wohnen, Arbeiten, Lernen und Freizeit verschmelzen hier zu einem fließenden, harmonischen Gesamterlebnis. Die Freiraumstruktur trägt zudem erheblich zur Verbesserung des Mikroklimas bei und bietet den Bewohnern ein hohes Maß an Aufenthaltsqualität.

STÄDTEBAU UND FREIRAUM
Das Wettbewerbsgebiet wird in vier Bereiche unterteilt, die sich nahtlos in die städtebauliche Struktur einfügen. Im Westen des Quartiers – angrenzend an eine Wendeschleife mit P+R-System – wird ein Nahversorgungszentrum errichtet. Hier finden sich neben einem großen Supermarkt kleine Ladeneinheiten, eine Bäckerei sowie eine Stadtteilbibliothek, die als Treffpunkt und Ort des Austauschs dienen. Ein Auftaktplatz, der als Verbindung zum Quartier fungiert, sorgt für fließende Übergänge zwischen den unterschiedlichen Nutzungen und öffnet den Raum für Fußgänger und Radfahrer.

MOBILITÄT
Ein zentraler Aspekt des Entwurfs ist das nachhaltige Mobilitätskonzept. Ein öffentlicher Geh- und Radweg, der entlang der Bahntrasse verläuft, verbindet das neue Quartier mit den umliegenden Stadtteilen und Erholungsgebieten. Diese Radroute, die sich wie ein grüner Faden durch das Areal zieht, ermöglicht es den Bewohnern, umweltfreundlich und bequem voranzukommen. Der Großteil der Parkplätze wird in Tief- oder Hochgaragen untergebracht, die von der Hauptstraße aus zugänglich sind, während die oberirdischen Flächen größtenteils autofrei bleiben. Dies sorgt nicht nur für mehr Lebensqualität, sondern trägt auch zu einem besseren Stadtklima bei. Entlang der Philipp-Reis-Straße sind Mobilitätsflächen vorgesehen, in denen Unterflurcontainer, Anlieferungen, K+R Parkplätze oder Carsharing Platz finden, um das restliche Quartier autofrei zu halten. Wege für Rettungsfahrzeuge sind im gesamten Quartier sichergestellt.

NACHHALTIGKEIT
Das gesamte Quartier wurde unter dem Aspekt der ökologischen Nachhaltigkeit entwickelt. Der Grünzug spielt dabei eine zentrale Rolle als Kaltluftschneise und trägt durch seine Durchgrünung dazu bei, die Wärmeentwicklung in den Sommermonaten zu reduzieren. Ehemals versiegelte Flächen werden entsiegelt und in ökologisch wertvolle Freiräume umgewandelt. Regenwasser wird durch ein mehrstufiges System gesammelt und in offene Wasserflächen und Mulden abgeleitet, die temporäre wie dauerhafte Wasserbiotope bilden. Diese Flächen fördern die Artenvielfalt und verbessern das Klima im Quartier. Retentions- und Gründächer mit PV Anlagen tragen zur Nachhaltigkeit im Quartier bei.

Beurteilung durch das Preisgericht

Die prägnante Leitidee ist die Schaffung eines durchgängigen Freiraums, der sich vom Gartendenkmal im Osten über das Schulgrundstück bis zur Straßenbahnwendeschleife erstreckt. Als neues grünes Rückgrat dient er dem Quartier als Grundgerüst und übernimmt gleichzeitig wesentliche klimatische und freiraumplanerische Funktionen. Der klare Fokus auf eine „neue grüne Mitte“ als wichtige freiraumplanerisch-städtebauliche Setzung ist ein Alleinstellungsmerkmal des Entwurfs und verleiht der Arbeit besondere Stärke.

Ein bahnbegleitender Wohnriegel als zentrales bauliches Element schirmt den Parkbereich von den Emissionen der Bahntrasse ab. Zur Philipp-Reis-Straße hin öffnet eine offene Bauweise Blick- und Wegebeziehungen zu diesem neuen Stadtteilpark, weckt Neugier und ermöglicht eine glaubhafte Verzahnung mit der vorhandenen Wohnbebauung. Eine Vielzahl von Aufenthaltsangeboten belebt diesen Freiraum zusätzlich. Besonders hervorgehoben wird der hohe Anteil unversiegelter Flächen, die als effektive Kaltluftschneise fungieren.

Als Quartiersauftakt wird ein teils viergeschossiger Baukörper mit Mischnutzung vorgeschlagen. Positiv bewertet wird die Idee, an diesem zentralen Standort eine öffentliche Nutzung wie eine Stadtteilbibliothek anzusiedeln. Der Baukörper fügt sich formal harmonisch in die Quartiersarchitektur ein und stellt eine mögliche, wenn auch weniger markante städtebauliche Lösung dar. Die Erschließungs- und Anlieferungsflächen des Marktes sind jedoch nicht ausreichend nachgewiesen.

Das Schulgebäude ist als kompakter Baukörper angelegt, der den Straßenraum prägt und die Schulfreiflächen von der Philipp-Reis-Straße abschirmt. Die Sporthalle fungiert als Verbindung zwischen Schulstandort und Wohnquartier und ist auch außerhalb des Schulbetriebs nutzbar.

Die im Mischgebiet im Osten angebotene Nutzfläche orientiert sich an der Verlängerung der Wohnbebauung entlang des zentralen Grünzugs. An der Rathenaustraße wird jedoch keine weitere Nutzung angeboten, wodurch Potenzial für einen angemessenen Auftakt zum neuen Campus ungenutzt bleibt. Das großzügige Freiraumangebot geht in der präsentierten Form zulasten der Baudichte; die geforderte Mindestwohnbaufläche wird im Teilbereich C nicht erreicht. Es wird kontrovers diskutiert, ob die ausschließlich polygonalen Baukörperformen für alle Nutzungen (Wohnen, Schule, Gewerbe) sinnvoll und nachhaltig sind, insbesondere unter Berücksichtigung eines langen Realisierungszeitraums.

Neben den konzeptionellen Stärken weist die Arbeit auch freiraumplanerische Qualitäten auf. An wichtigen Übergängen entlang der Philipp-Reis-Straße werden Eingangsplätze zum Quartier und zum öffentlichen Grünzug angelegt. Der öffentliche Stadtbaustein am Auftakt zur Philipp-Reis-Straße erhält zusätzlich einen bespielbaren Platzraum.

Auch im Bereich der Wohnbebauung formuliert die Arbeit eine klare Zonierung zwischen öffentlichen und privaten Freiflächen. Über das Erdgeschoss zugängliche Gärten können gemeinschaftlich oder privat genutzt werden, und der Grünzug als öffentlicher Parkanger ergänzt in diesem Abschnitt das Freiraumangebot mit Spiel- und Sportbereichen.

Im Bereich des Gartendenkmals wird behutsam vorgegangen. Die Entsiegelung im Bereich des ehemaligen Straßenbahndepots schafft mit dem Gleispark eine neue eigenständige Atmosphäre. Die Planung zur Gleisschleife im Westen bleibt unverändert, und die Busendstelle am Straßenbahnhof im Osten erfüllt die notwendigen betrieblichen Anforderungen. Die perspektivisch erforderliche Befahrbarkeit der Philipp-Reis-Straße für den ÖPNV ist ebenfalls sichergestellt. Besonders positiv hervorgehoben wird die Radwegetrasse entlang des Bahnkörpers, die konfliktfrei von anderen Nutzungen gestaltet ist.

Insgesamt überzeugt die Arbeit durch ein starkes Konzept und eine hohe Freiraumqualität, die für alle Teilbereiche wirksam ist. Bedauerlicherweise wird, neben funktionalen Mängeln, diese Qualität nicht genutzt, um eine angemessene urbane Dichte zu erreichen.
Perspektive

Perspektive

Lageplan

Lageplan

Schwarzplan

Schwarzplan

Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeit

Nutzung

Nutzung