Nichtoffener Wettbewerb | 12/2025
Städtebauliche Neuordnung Bildungscampus Süd in Heilbronn
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Isometrie
©asp Architekten GmbH
Anerkennung
Preisgeld: 20.000 EUR
Stadtplanung / Städtebau
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Verfasser:
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Mitarbeitende:
Jana Melber, Philipp Maué, Hriday Bharaj, Ellen Henriques, Carlos Andres Espinosa Romero
Modellbau
Erläuterungstext
Stadt – Campus – Fluss
Das städtebauliche Konzept ordnet des zentral gelegenen Areals grundlegend neu, um Synergien zwischen Bildungscampus, Innenstadt und Stadtgesellschaft zu intensivieren. Es stärkt die Rolle Heilbronns als „Wissensstadt“, stellt eine zukunftsfähige Verbindung zwischen den heterogenen Raumstrukturen her und definiert Entwicklungspotenziale des Areals für Öffentlichkeit, Hochschul- und Wohnnutzungen in hoher städtebaulicher Qualität.
Ein neuer Stadteingang für die European Green Capital 2027
Im gesamtstädtischen Kontext gelingt der Brückenschlag vom Hauptbahnhof und der Innenstadt zu den Campusflächen zum einen über die Komplementierung des Campus Loops, der identitätsprägende Gebäude, Nutzungsangebote und Platzsituationen dem Fuß- und Radverkehr dienend miteinander vernetzt. Zum anderen fungiert der zukünftig von Bebauung freigehaltene Campus Park mit seinem in Gänze erhaltenen Baumbestand als Treffpunkt und Naherholungsraum für die umliegenden Stadtquartiere beidseitig des Neckars. Der grüne Campus Park führt zu einer Konzentration der Bebauungsdichte im Teilbereich B, ganz im Zeichen des nachhaltigen und schonenden Umgangs mit der Ressource Boden. Die städtebauliche Figur basiert auf der Fortführung der zwischen Zehentgasse und Turmstraße gelegenen urbanen Blockstrukturen, die die Körnung der Innenstadt nach Osten hin erweitern. Gleichzeitig formen sie – gemeinsam mit den beiden Stadtblöcken im Teilbereich C – die südliche Bebauungskante der Mannheimer Straße aus, die so eine adäquaten Stadtraum ohne Gebäuderückseiten sowie einen städtebaulich marktaten Hochpunkt als Stadteingang erhält. Den Übergang von den Blockstrukturen zu vier Solitären am Neckarufer markiert eine Ost-West-Achse, die aus der Zehentgasse kommend ihren Abschluss im Campus Hain findet. Am neuralgischen Kreuzungspunkt mit dem Campus Loop liegt der der Campusplatz, der sich wohl dimensioniert zum Neckarufer hin öffnet und als Treffpunkt für das gesamte Areal dient. Der Freiraum zwischen Weinpavillon und Bollwerksturm wird durch eine neue, klare Raumkante gefasst. Der historische Turm gewinnt durch die behutsame Randbebauung an Bedeutung und räumlicher Präsenz.
Neckarufer und Campus Park - Naherholungsraum und Stadtklimatop
Das grüne Herzstück des Freiraumkonzept ist der Campus Park. Prämisse ist hierbei der Erhalt bestehender Gehölzstrukturen, Nutzungsangebote und Wegeverbindungen. Diese werden sensibel und behutsam erweitert, entwickelt und ergänzt. Der Wegfall der bestehenden Eishalle ermöglicht es eine große, offene Mitte zu gestalten und zu entwickeln. Die Mitte lädt im Schatten großer Baumkronen zum Verweilen ein und bietet Raum für unterschiedliche Sport- und Bewegungsmöglichkeiten. Der Calisthenics Park bleibt erhalten und wird entlang des Hauptweges durch eine weiteren Nutzungsbaustein für Kinder und Jugendliche erweitert. Zum Fluss hin stellen in Bereichen ohne üppig bepflanzter Böschung Blickkorridore punktuell Bezüge zum Uferberiech her. Die neue Neckarterrasse ermöglicht den unmittelbaren Zugang zum Wasser. An dieser Stelle kann langfristig eine Fuß- und Radwegebrücke der Brückenschlag zur Forscherinsel und den Neckarbogen gelingen. Östlich des Calisthenics Parks kann der Entwurf ebenfalls eine mögliche Brückenanbindung parallel zu den Bahngleisen über die Mannheimer Straße zum Bildungscampus Mitte aufnehmen. Über die aufgewertete Bahnunterführung gelangt man zum Bildungscampus Süd, wo der erhaltene Birkenhain den Auftakt in das Quartier markiert. Anlehnend an die Planung im Bildungscampus West öffnet sich der Campusplatz großzügig zum Neckar hin und lädt mit grünen Sitzstufen zum Aufenthalt am Wasser ein. In den befestigten Platzbereichen können Freizeit-, Kultur oder Sportveranstaltung stattfinden. Im Sinne eines attraktiven und abwechslungsreichen Quartiers aktivieren lebendige Erdgeschosszonen die öffentlich nutzbaren Freiräume zu allen Tageszeiten. Den Übergang von Campus zur Innenstadt leitet der Stadtraum vom Weinpavillon zum Bollwerksturm ein. Die hochfrequentierten Terrassen an der Neckarbühne bleiben in ihrer jetzigen Form erhalten, werden in das Feriraumgefüge eingebunden und weiter inszeniert. Das bestehende Wasserspiel führt zum Platz am Bollwerksturm, der durch die Raumkante eine räumliche Aufwertung erfährt. Er markiert einen attraktiven innerstädtischen, multifunktionalen Raum für Aufenthalt sowie Begegnung und kann auch sportliche und kulturelle Events (bspw. Beachvolleyball-Turniere) genutzt werden. Zeitgleich vermittelt er den Übergang zu den bedeutsamen Freiraumstrukturen der neugestalteten Turmstraße.
Bunt gemischtes Quartier – einfach lebendig
Die Nutzungsschwerpunkte des Bildungscampus Süd ermöglichen eine klare Aufteilung der Angebote, die im Zusammenspiel eine lebendige Mischung versprechen. Der Campus und seine Bildungseinrichtungen werden so integrativer Teil der Stadt und der Stadtgesellschaft. Robuste, flexible Gebäudestrukturen sichern Wertestabilität und langfristige Funktionalität der errichteten Gebäude. Das Wissenscluster im westlichen Teil des Campus beherbergt in drei Gebäuden die zukünftigen
Hochschulnutzungen. Im nordwestlichen Solitär markiert der Institutshochpunkt den neuen Stadteingang. Als hochfrequentierter, öffentlicher Stadtbaustein belebt das Schwimm- und Sportgebäude vis-à-vis zur Experimenta den Campusplatz. Über der Schwimmhalle finden Fitnessangebote Platz, während die großzügige Dachterrasse weitere Sportflächen bereitstellt. Der östliche Stadtblock sowie der darunter liegende Baukörper dienen vorwiegend dem Wohnen. Neben Studentischem Wohnen und dem Boarding House bedienen die Strukturen unterschiedliche Nutzeransprüche an modernes und flexibles Wohnen. Dies gilt insbesondere für die Erdgeschosszonen, in den gemeinschaftlich genutzte Räumlichkeiten den Bezug zum angrenzenden öffentlichen Raum herstellen.
Gut angebunden – kurze Wege für alle
Auf dem Weg zu einer nachhaltigen Mobilitätswende ist ein attraktiver Anschluss an den Umweltverbund unerlässlich. Das engmaschige Fuß- und Radwegenetz verbindet das Quartier mit der Innenstadt, den Einrichtungen des täglichen Bedarfs, den übrigen Campusbereichen und den umliegenden Naherholungsgebieten. Der Parkierungsverkehr des Quartiers fährt unmittelbar nach der Zufahrt von der Mannheimer Straße in eine oberirdische Stellplatzanlage ein, sodass ein autoarmer Binnenraum auf dem Campus möglich ist. Für die langfristige Entwicklung in Teilbereich C kann eine Tiefgarage bei Bedarf zusätzliche Stellplätze aufnehmen. Während die Durchfahrt für den PKW-Verkehr durch das Areal nicht möglich ist, können die Bewegungsräume durchgängig von Müll-, Sonder- und Rettungsfahrzeugen befahren werden. Deren Aufstellflächen ordnen konfliktfrei und ohne große Präsenz den öffentlichen Raum. Ein im Mobility Hub gelegenes Logistik- und KEP-Zentrum fängt den Großteil der Warenströme bereits am Quartierseingang ab.
Das Quartier als Schwamm – klug gekühlt und auf Starkwettereignisse vorbereitet
Die über das Areal verteilten Freiflächen und die begrünten Innenhöfe sorgen für einen geringeren Versiegelungsgrad und eine effiziente blaugrüne Infrastruktur. Durch den Umgang mit anfallendem Regenwasser auf dem Areal wird der Abfluss in die Kanalisation drastisch reduziert, die Kühlung des Quartiers gefördert sowie die Bewässerung der Vegetation gefördert. Das Konzept des Regenwassermanagements besteht dabei aus zwei wesentlichen Komponenten: zum einen ermöglichen Gründächer, Grünflächen, Mulden und Retentionsflächen die Rückhaltung und Verdunstung des Regenwassers im öffentlichen Raum. Dach- und Fassadenbegrünungen sorgen für einen kleinklimatischen Ausgleich und zu einer Verbesserung des Stadtklimas sowie zur Schaffung von Lebensräumen für Tiere und Pflanzen. Zum anderen beinhaltet das Konzept die Nutzung von Grauwasser sowohl innerhalb des Gebäudes als auch außerhalb des Gebäudes, zum Beispiel für die Bewässerung des angrenzenden Grüns. Auf diese Weise können große Bäume, die einen effizienten Beitrag zur Klimaanpassung im Quartier leisten, langfristig gesichert werden.
Zirkuläre Bauweise - Ökologisch, ökonomisch und sozial
Nachhaltigkeit bildet eines der Hauptmerkmale des Entwurfs. Das städtebauliche Konzept gibt klare Baukörper vor, die dank ihrer Bauweise problemlos auf sich verändernde Rahmenbedingungen reagieren und mit unterschiedlichen Konfigurationen ausgefüllt werden können. Der Lebenszyklusgedanke des Zirkulären Bauens prägt die gesamte Planung und Ausführung des neuen Stadtbausteins. Bereits bei der Wahl der Materialien werden neben dem biobasierten Rohstoff Holz so konsequent wie möglich ressourcenschonende Materialien und Bauteile eingesetzt. Dem Konzept des Urban Minings folgend, werden die Materialien aus den abgebrochenen Bestandsbauen entweder in den neuen Baukörpern oder als Freiraumelemente wiederverwendet. Konstruktion und Gebäudetechnik sind von Anfang an auf Demontage und Wiederverwertbarkeit ausgelegt. So können nach der Nutzungszeit des Gebäudes alle Materialien einfach getrennt und entweder erneut verwendet oder hochwertig recycelt werden. Module und wiederverwendbare Bauteile erleichtern den Rückbau.
Beurteilung durch das Preisgericht
Der Entwurf entscheidet sich alle Baumassen westlich der Bahn zu situieren und den Campuspark von jeglicher Bebauung freizuhalten. Dies führt zu einer Konzentration der Bebauungsdichte im Teilbereich B. Der Campuspark wird als Grünes Herz, Treffpunkt, Naherholungsraum für alle umliegenden Quartiere maßvoll aktiviert. Angelehnt an das bestehende Wegesystem wird ein Rundweg entwickelt, an den neben der bestehenden Calisthenics Anlage weitere Bewegungs- und Spielmöglichkeiten für Kinder und Jugendliche angegliedert sind. Der Baumbestand kann komplett erhalten werden. Der Park öffnet sich zum Neckar mit Terrassen, ein Kanu-Steg aktiviert den Fluss für den Wassersport. Über die stark befahrene Heilbronner Straße ist der Park zukünftig mit einer neuen Brücke verbunden. Auch der Europaplatz soll mit einer Passerelle die Campusmitte mit dem Campus West überquert werden, um die einzelnen Fragmente des Hochschulcampus zusammenzubinden und sichere Wege anzubieten.
Nach Westen wird die Unterführung unter der Bahntrasse nur minimal aufgeweitet.
Im neuen Quartier öffnet sich der Campusplatz großzügig zum Wasser und lädt mit Sitzstufen dazu ein, den Neckar zu erleben. Im Innern des Quartierts wird der Freiraum in einer Abfolge von kleinen Plätzen, schmalen Gassen und verbindende Boulevards gestaltet. Die Intention der Verfasserinnen ist erkennbar: die Flächenversiegelung soll geringgehalten werden und neue Baumpflanzungen die Freiräume bestücken. Das Neckarufer bleibt als schmaler Grünraum erlebbar, die Neckarbühne und der Weinpavillon bleiben erhalten. Das Studentische Wohnen an der Neckarstraße erhält einen ruhigen und geschützten Innenhof.
Der dichte urbane Campus zwischen Mannheimer Straße und dem Neckarufer thematisiert die Verknüpfungen zur Stadt auf vielfältige Art und Weise: Die Zehentgasse wird fortgesetzt und erschließt den zentral gelegenen Campus Platz. In der Verlängerung der Turmstraße und des Bollwerkturms öffnet sich an der Mannheimer Straße ein Entree, der Raum wird zur Adresse, ebenfalls zum Brückenschlag zu einer weiteren stadträumlichen Verankerung. Über hervorgehobene Wege und Brücken werden die Mitten des Bildungscampus West, Mitte und Ost miteinander in Verbindung gesetzt, sie überqueren Straßen und Gleise und führen über den Neckar zur Experimenta-Insel. An dieser Schnittstelle ist der Campus-Platz angesiedelt.
Ein großer Mehrwert der Arbeit liegt in der schlüssigen Fortführung von existierenden Wegeverbindungen und dem Angebot eines breiten öffentlichen Bereiches zwischen Campus und Stadt. Der neue Bildungscampus Süd nimmt Distanz zur historischen Stadt und befreit den Bollwerksturm. Das Ufer des Neckars wird damit auf die Distanz hin erreich- und erlebbar.
städtebauliches und freiräumliches Leitbild
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Strategien
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Visualisierung Campus Park
©moka studio
Visualisierung Bildungscampus Süd
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Freiraum
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Grundriss EG
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Übersichtsplan
©asp Architekten Gmbh/ TREIBHAUS Landschaftsarchitektur Hamburg