Einladungswettbewerb | 02/2025
Umbau, Aufstockung und Erweiterung Geschäftsstelle Siedlungswerk Nürnberg
5
©Bachmann Architekten Stadtplaner BDA
Anerkennung
Preisgeld: 2.000 EUR
Erläuterungstext
„Weiterbauen“ Geschäftsstelle Siedlungswerk Nürnberg
Die Substanz der Geschäftsstelle des Siedlungswerks zeichnet sich durch eine robuste, zurückhaltende Formensprache aus. Das bestehende Ensemble überzeugt mit einer durchdachten und bescheidenen Materialität, die dennoch architektonisch wertvolle Momente und Räume schafft. Die Struktur des Bestands bietet ein klar gegliedertes und tragfähiges Grundraster aus tragenden Wandscheiben, das vielfältige Möglichkeiten für ein „Weiterbauen“ eröffnet. Dieses Raster bildet die Grundlage für die Planung und Umsetzung eines zukunftsorientierten Weiterbaus, der den Bestand respektiert und behutsam ergänzt.
Das Weiterbauen folgt einer klaren Leitlinie: Bestehendes bewahren, Neues maßvoll und funktional ergänzen, und die Qualitäten des Gesamtraums nachhaltig stärken.
Städtebauliche Einbindung und Vermittlungsfunktion
Die Geschäftsstelle befindet sich an einer urbanen Schwelle zwischen zwei Stadterweiterungsbereichen mit differierenden Bebauungstypologien. Hier übernimmt das Ensemble eine vermittelnde Funktion zwischen 3- bis 6-geschossigen Zeilenbauten und den kleinteiligen, kettenartig angeordneten Siedlungshäusern. Die geplante Höhenentwicklung orientiert sich bewusst an der Maßstäblichkeit der angrenzenden Siedlungshäuser, während der Footprint der neuen Bauteile die größere Körnung der südlich gelegenen Gebäude aufgreift. Dadurch wird eine harmonische Verbindung zwischen den unterschiedlichen Maßstäben geschaffen und die städtebauliche Integration gestärkt.
Die städtebaulichen Potenziale des nördlichen Grundstücksbereichs werden durch die geplante Neubespielung des Garagenhofs mit fünf kleinen, geförderten Reihenhauswohnungen voll ausgeschöpft. Diese kleinteilige und wirtschaftliche Wohnform fügt sich harmonisch in die Umgebung ein und ergänzt die bestehende Typologie sinnvoll. Die Erschließungslogik dieser Wohneinheiten folgt dabei dem Prinzip der direkten Zugänglichkeit, was an dieser Stelle praktikabler und angemessener ist als mehrzügige Erschließungen.
Außenraumqualität und Freiraumgestaltung
Eine der herausragenden Qualitäten des Areals ist der wertvolle Baumbestand, bestehend aus imposanten Stieleichen, die eine starke Identität für den Außenraum schaffen. Die Bäume prägen den Charakter des Grundstücks und bilden einen markanten Verschattungsgradient zwischen der westlich gelegenen Straßenseite und der östlichen Gartenseite. Diese zonierte Verschattung ermöglicht eine differenzierte Nutzung der Freiflächen: Im Westen entstehen sonnenexponierte Bereiche, die sich ideal für repräsentative Grünraumgestaltungen eignen, während im Osten die schattigen Flächen naturbelassener gestaltet werden, um Ruhe- und Erholungsräume zu schaffen.
Im Zuge der Freiraumgestaltung wird die Entsiegelung rückwärtiger Verbauten der Gastronomie forciert, wodurch eine großzügige und qualitätsvolle Erweiterung der Grünflächen möglich wird. Gleichzeitig wird ein neues Konzept entwickelt, das sowohl den Schauhof als zentralen Drehpunkt des öffentlichen Bereichs aufwertet als auch private und halböffentliche Zonen klar definiert. Diese Neuorganisation fördert nicht nur die Aufenthaltsqualität, sondern stärkt auch die ökologische Nachhaltigkeit des Außenraums.
Die Sonnengärten setzten sich aus einem heimischen, ganzjährig blühenden Katalog mit einem Schwerpunkt auf "tektonischer" Gartengestaltung zusammen. Dabei werden geschichtete Flächen aus Gräsern und Sträuchern als Volumen genutzt, während biopositive Kräuter und Blumen als Akzente dienen. Ergänzend werden die Flächen so gestaltet, dass sie nicht nur ästhetisch ansprechend sind, sondern auch die Biodiversität fördern und Lebensräume für Insekten und Vögel schaffen. Im Schattenbereich dominieren Büsche und Stauden locker die Pflanzzonen unterhalb der Stieleichen.
Architektonisches Weiterbauen und Raumqualitäten
Der Entwurf setzt auf das Prinzip des Weiterbauens, das sich konsequent an der Logik des Bestands orientiert. Hierbei wird eine modulare, ökologische Bauweise vorgeschlagen, die mit einer minimalen Neuversiegelung auskommt und ressourcenschonend arbeitet. Konkret bedeutet das, dass vor dem Bestehenden Volumen eine Regalkonstruktion aus Konstruktionsvollholz aufgestellt wird, welche die bestehenden Büroflächen erweitert. Die Ziegelfassade wird recycelt und als vorgesetzte Fassade unter aktuellen energetischen Gesichtspunkten wieder eingesetzt. Durch die einfache, robuste Bauweise kann die gesamte Baumaßnahme während des laufenden Betriebs in zwei Bauabschnitten realisiert werden. Der bestehende Charakter des Ensembles bleibt dabei klar erkennbar, während die neuen Bauteile als ergänzende, harmonische Elemente eingefügt werden.
Die Erweiterung des „Herzstücks“ belegt 3 Meter in Richtung Straße, die Erweiterung des Bauabschnitts 2 6 Meter in Richtung Eichenwiese.
Die innere Organisation bewahrt bewusst die bewährten Qualitäten des Bestands. Insbesondere der zentrale erste Bauabschnitt, das „Herzstück“, bleibt in seiner Funktion und Anmutung erhalten. Durch gezielte Erweiterungen entsteht eine optimierte Gesamtnutzung: Der neue Konferenzpavillon fügt sich repräsentativ in die Straßenflucht ein und betont den Eingangsbereich, der sich weiterhin an der markanten Fuge zwischen Pavillon und Bestand orientiert.
Im Erdgeschoss des „Herzstücks“ sind die Empfangs- und Verwaltungsbereiche angesiedelt, die durch den Schauhof räumlich und funktional ergänzt werden. Dieser zentral gelegene, neu gestaltete Hof bietet ein repräsentatives Entrée und eine visuelle Verbindung zwischen Foyer, Wartebereich, Besprechungskabinen und dem Konferenzpavillon. Im Obergeschoss befinden sich die Büros der Unternehmensleitung sowie der repräsentative Besprechungsraum.
Flexible Arbeitswelten
Im zweiten Bauabschnitt wird ein flexibles Raumkonzept für moderne Bürozonen umgesetzt, das sich an der Grünraumorientierung des Grundstücks ausrichtet. Diese Arbeitswelten, die sich sowohl als offene Zonen als auch als geschlossene Büros ausbilden lassen, bieten einen direkten Bezug zum grünen Außenraum. Die Cafeteria und zusätzliche Besprechungsräume im Erdgeschoss öffnen sich mit großzügigen Fensterfronten zur Eichenwiese hin und fördern damit eine inspirierende und naturnahe Arbeitsumgebung.
Ökologische Nachhaltigkeit
Die Materialwahl setzt auf ökologische und nachhaltige Baustoffe, die sowohl den Anforderungen an Langlebigkeit als auch an Ressourcenschonung entsprechen. Die auf dem Grundstück vorgefundenen Ressourcen werden dabei bevorzugt eingesetzt. Die Ziegel der Bestandsfassade und der rückgebauten Gebäudeteile können auf dem Grundstück zwischengelagert werden und für die neue Fassadengestaltung nach dem „Cradle to Cradle“-Prinzip genutzt werden. Auch die Granitsteine, das Betonfugenpflaster und die bestehenden Umfassungsmauern können entweder erhalten oder wieder eingebaut werden, sodass der CO2-Footprint weiterreduziert werden kann.
Beurteilung durch das Preisgericht
Die Arbeit erhält die beiden bestehenden Verwaltungsgebäude und erweitert diese in ihren Grundflächen jeweils zu einer Seite. Auch der Innenhof des Bestandes wird als Schaugarten erhalten und mit einem erdgeschossigen Neubau mit der Konferenznutzung ergänzt. Das klare Prinzip des Weiterbauens wird gewürdigt, ebenso der große Umfang des Bestandserhalts und der enthaltenen grauen Energie sowie die Weiterverwendung abzubrechender Baustoffe. Für den Pavillon als ergänzenden Neubau wäre jedoch mehr städtebauliche Dominanz denkbar.
Im Ideenteil wird das Restaurantgebäude erhalten. Die Wohnungen sind nachvollziehbar als zweigeschossiger Neubau im Bereich des jetzigen Garagenhofs geplant. Auch die Haupterschließung und der Zugang werden nicht verändert und damit auch keine Potenziale für mehr Großzügigkeit in den Wartebereichen erarbeitet.
Das Versprechen des Erläuterungstextes von intensiven Bezügen zwischen Innen- und Außenräumen wird nach Auffassung des Preisgerichtes nicht eingelöst – diese fehlen insbesondere bei wichtigen Räumen bzw. sind dort nicht konsequent umgesetzt. Der große Konferenzraum orientiert in den schönen, aber auch sehr kleinen Innenhof, ansonsten aber leider auf die Zufahrt der Stellplätze. Die durch die Grundrisserweiterungen entstehenden sehr tiefen Räume besitzen aufgrund der bestehenden nicht sehr großen Geschosshöhen keine gute Tageslichtversorgung.
Die Obergeschosse der Verwaltung sind nicht miteinander verbunden, was sich nachteilig für die Erschließung und die gewünschten kommunikativen Bürostrukturen auswirkt. Die Räume der neuen Satteldächer sind nur im neuen Konferenzraum erlebbar, ansonsten bleiben sie nicht nutzbar.
Die Verfasser schaffen unterschiedliche Qualitäten in der Freiraumzonierung: Biergarten, offener Eichenhain und introvertierter Schaugartenhof haben das Potenzial, unterschiedliche Atmosphären zu schaffen. Im nördlichen Bereich scheinen alle Nutzungen durch Mauern voneinander getrennt zu sein, was sowohl für Tiere als auch für Menschen eine Barriere darstellt und nicht den im Text beschriebenen großzügigen Freiraumqualitäten entspricht.
Die Versiegelungsbilanz weist einen hohen Anteil an befestigten Flächen auf, der vor allem durch den Parkplatz im Süden bedingt zu sein scheint. Die Südseite des Gebäudes mit einer einhüftigen Parkanlage und ohne einen Baum zu denken, wird in Zeiten sich aufheizender Städte und auch gegenüber den Nachbarn kritisch gesehen.
Insgesamt ist dies eine Arbeit mit einem guten und nachvollziehbaren Konzept, die in ihren Raum- und Freiraumqualitäten doch deutliche Kritikpunkte aufweist.
©Bachmann Architekten Stadtplaner BDA
©Bachmann Architekten Stadtplaner BDA
©Bachmann Architekten Stadtplaner BDA
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