Nichtoffener Wettbewerb | 10/2025
Umgestaltung der Fußgängerzone in Kleve
©clubL94, Willnervisualisierung
Blick auf den Fischmarkt
3. Preis
Preisgeld: 39.750 EUR
Landschaftsarchitektur
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Verfasser:
Prof. Burkhard Wegener, Prof. Burkhard Wegener, Frank Flor, Götz Klose, Jörg Homann
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Mitarbeitende:
Annabell Hoffmann, Marharyta Kuzminova, Yuanqi Zhou, Annabell Hoffmann, Marharyta Kuzminova, Stefanie Esser, Yuanqi Zhou
Visualisierung
Erläuterungstext
Erläuterungstext
Realisierungswettbewerb „Umgestaltung der Fußgängerzone in Kleve“
Situation - Heute stellt sich die Fußgängerzone in Kleve wie viele andere Innenstadtgestaltungen aus den 80er Jahren als autofreier Einzelhandelsbereich dar. Dabei kann Kleve mit seiner besonderen Geschichte und typischen Charakter einer niederrheinischen Mittelstadt punkten. Die Innenstadt wird von vielen unterschiedlichen Gruppen aufgesucht neben den Einkaufenden aus der Stadt und dem Umland sind sowohl Tagesgäste aus den Niederlanden als auch viele junge Menschen der ansässigen Hochschule in der Stadt. Die merkantile Innenstadtachse präsentiert sich heute als weitestgehend steinerner Bewegungsraum, der im Laufe der vergangenen 4 Jahrzehnte stark beansprucht wurde, in Teilen ergänzt und repariert wurde und insgesamt sein Potential als attraktiver Stadtraum für Menschen nicht ausschöpft. Auch wenn der Geschäftsbesatz in der Fußgängerzone im Vergleich zu anderen Kommunen noch einigermaßen vital erscheint, werden sicherlich auch hier in Zukunft die Folgen des e-commerce sichtbar werden. Daraus resultiert ein Strukturwandel, der zu mehr Wohnen und Dienstleistung in der Innenstadt führen. Die neuen Nutzergruppen haben andere Ansprüche an ihr Wohn- und Arbeitsumfeld, so dass eine Umgestaltung der Straßen zu Orten mit mehr Erlebniswert sinnvoll ist. Zudem ist mit dem Klimawandel eine stärkere Durchgrünung der dichten Kernzone notwendig, um dem heat-island Effekt entgegenzuwirken, ökologisch vielfältiger zu sein und das Naturerleben der Stadtmenschen zu stärken. Orte für den sozialen Austausch und das Miteinander aller Bevölkerungsgruppen soll in Zukunft im Vordergrund stehen, wenn die verschiedenen Zielgruppen in der Fußgängerzone von Kleve zusammenkommen.
Konzept - Das landschaftsarchitektonische Konzept für die Umgestaltung der Fußgängerzone in Kleve basiert auf drei grundsätzlichen Säulen. Das blau-grüne Klimaband folgt der linearen Hauptachse in der Stadt und implementiert grüne Beet-Streifen mit Stauden und Gräsern, die für Aufenthaltsqualität sorgen und den neuen Stadtbäumen eine vitale Lebensgrundlage bieten, und das Regenwasser aufnehmen und bei Starkregen zusätzlichen Retentionsraum anbieten um Abflussspitzen im Kanal zu minimieren. Die Plätze in der Fußgängerzone erhalten ihr identitätsstiftenden Brunnen und Skulpturen. Sie sollen im Kontrast zu den Baumlinien offen und frei bleiben, um Raum für Gastronomie und Veranstaltungen im städtischen Leben vorzuhalten. Die bestehenden Bäume bleiben erhalten, neue Solitärbaume können zusätzliche Akzente bilden. Die dritte Säule des Konzeptes ist eine homogene und stringente Materialverwendung. Grundsätzlich sollen die vorhandenen typischen Materialien Klinker und Granit wiederverwendet werden. Nur der brüchige Porphyr soll ausgebaut und an Orten mit weniger Belastung wiederverwendet werden. Der Grundbelag in der Fußgängerzone soll das typische Niederrheinische Klinkermaterial im Reihenverband wiederverwenden. Der eingelegte `Läufer` aus Klinker im Fischgrätverband erhält eine schmale kontrastbildende Bordüre aus Granit, in die ein taktiles Leitsystem eingefräst ist. Nur die wichtigen Platzbereiche Klostermarkt, Fischmarkt, Dr. Heinz Willi Platz und das Entree im Süden an der Hagsche Straße erhalten einen einheitlichen Belag aus Granitpflaster im Passeverband. Auch hier sollen die vorhandenen Granitsteine der Fußgängerzone wiederverwendet werden. Das Umfeld der Schwanenburg wird im Materialkanon der Burganlage weitergeführt, um den Zusammenhalt des historischen Kontextes zu stärken.
Blau-Grünes Klimaband in den zentralen Straßenzügen - Das Klimaband wird in den Straßenzug eingelegt und alternierend einer Häuserseite zugeordnet, um das Raumbild mit einer abwechslungsreich zu gestalten. Dabei wurden in der Planung auf die Möglichkeitsräume zwischen den wichtigen Leitungstrassen des Kanals und der Gasleitungen geachtet. Grundsätzlich sollen auch die attraktiven bestehenden Bäume in das Band integriert werden. Um der Baumlinie die Strenge zu nehmen und den gartenartigen Eindruck zu stärken werden keine klassischen Alleebäume vorgeschlagen, sondern mehrstämmige Gehölze wie Amberbaum, Sophoren, Gleditsien oder Zellkoven.Parrotien und Kolkwitzien.
Je nach Breite des Raumprofils ist das blau-grüne Band breiter oder schmaler, aber mindestens 2 m breit, um den Bäumen genügend Wurzelraum zu bieten. Das Band aus Staudenmischflächen, die im jahreszeitlichen Wandel ein attraktives Blatt- und Blütenbild präsentieren, kann auch als Tiefbeet zur Retention von Regenwasser fungieren. Die Stauden und Gräser sollen pflegeleicht sein und mit dem roten Klinker und den Granitteppichen auf den Plätzen harmonieren. Der Substratkörper in den Beeten wird aus dränfähigem Material gebildet. Hier kann auch ein Überlauf der Linienentwässerung angeschlossen werden. Grundsätzlich fungiert das Band als Rigole. Bei entsprechenden Bodenverhältnissen, kann auch ein Teil des gespeicherten Wassers versickern. In die Beete werden lineare Bankelemente integriert, so dass die Menschen pausieren können und von hier geschützt das Treiben in der Straße beobachten können. Die Bänke mit Holzauflagen haben einen hohen Sitzkomfort und sind mit Rückenlehnen und Handläufen seniorengerecht gestaltet. In die Baumlinien können auch kleine Spielangebote integriert werden, um den Innenstadtbesuch von Familien mit Kindern attraktiver zu gestalten.
Die bestehenden Plätze stärken-neue Akzente setzen - Die vorhandenen Plätze der Klever Fußgängerzone sind neben ihrer städtebaulichen Funktion als Gelenk und Rhythmusgeber im langen Straßenzug, vor allem als Identitätspunkte für die Menschen in der Stadt von großer Bedeutung. Gerade hier sind die wichtigen Gastronomien, die mit ihrer Außenbestuhlung für die mediterrane Atmosphäre sorgen, die den Besuch der Innenstadt attraktiv macht. Die bestehenden Brunnen und Skulpturen wie Mönch oder Elsa-Brunnen können an ihren Standorten verbleiben. Die einzelnen Platzsequenzen unterscheiden sich von dem linearen Gestaltungsmotiv des Klimabandes indem hier unterschiedliche größere Solitärbäume frei gesetzt sind. An jedem Platz soll ein Wasserthema auftauchen, dass Wirkung je nach Platzgröße präsenter oder zurückhaltender auftritt.
Der Neue Dr. Heinz-Will-Platz und die grüne Burgwiese - Der `Neue` Dr. Heinz-Will-Platz spielt im Kanon der Innenstadtplätze in Zukunft eine besondere Bedeutung. Während er sich heute über ein diffuses Raumbild darstellt und zum Parkplatz degradiert ist, soll er in Zukunft ein zeitgemäßer, attraktiver Stadtbaustein sein. Um seine räumliche Struktur zu stärken, wird die Erschließungsfahrbahn zum Amtsgericht in der Schwanenburg nach Osten verlagert und der Bereich vor der Burg als ruhige Burgwiese angelegt, die den Blick auf das historische Bauwerk freihält und den visuellen Bezug mit dem gegenüberliegenden Marstall spielen kann.
Die Höhen Versprünge des Platzes werden nivelliert und der innenliegende Platzteppich mit dem bestehenden Reiterstandbild bekommt einen Rahmen aus verschleifenden Stufen. In Analogie zu den anderen Innenstadtplätzen wird wieder das Granitmaterial in Passe Verband gewählt. Als Wasserthema wird ein Nebeldüsenfeld auf der Fläche vorgeschlagen, die den strengen Platz mit seinen historischen Rändern und dem kaiserlichen Reiterbild eine spielerische und auch mystischer neue Ebene verleihen soll. Neben seiner kühlenden Wirkung ist das Nebelfeld auch für Kinder ein attraktiver Anziehungspunkt in den heißen Sommertagen.
Die Einfassung der Burgwiese entlang des Platzes wird über eine hüfthohe Natursteinmauer ausgebildet. Diese lädt zum informellen Sitzen in der Sonne ein. Von hier aus hat man einen schönen Blick über den Platz auf den Marstall und kann den Kindern beim Spielen im Nebelfeld zuschauen.
Entwässerung der Straßen und Gassen - Der Hauptzug der Fußgängerzone wird Regenwasser über ein Trichtergefälle in die Mitte des Querschnitts leiten. Es wird in einer schmalen Schlitzrinne, die überfahren werden kann, eingeleitet. Die Rinne ist an das Läuferband angelegt und wird sich visuell einordnen. Die Raumseiten, in denen die Tiefbeete angeordnet sind, werden einen Großteil der Wässer direkt aufnehmen und vor allem bei Starkregen auch als Retentionsraum wirken und die Abflussspitzen des Kanals minimieren. Schlitzrinnen sollen ebenfalls an die Dränsubstrate der Beete angeschlossen werden. Die Einfassung der Tiefbeete kann mit Stahlkanten ausgebildet werden Die Platzflächen mit ihrem Granitpflaster im wilden Verband werden über Punkteinläufe entwässert. Teile der Wässer können auch in Richtung der Klimakissen geschickt werden und hier in Teilen zurückgehalten werden. In den Gassen sollen offene Klinkerrinnen in der Mitte des Querschnitts die Oberflächenwässer sammeln und einleiten.
Materialität - Der Entwurf möchte die vorhandenen traditionellen Klinkerbeläge übernehmen und gestalterisch weiterentwickeln. Heute wirken die großen zusammenhängenden Klinkerflächen in der Innenstadt, die in einem einheitlichen Farbton verlegt sind, trist. Der Entwurf möchte durch das Einmischen verschiedenen Farbnuancen mehr Lebendigkeit in den Stadtboden einbringen. Neben dem Klinker sollen auch Granite zu Einsatz kommen die aus bestehenden Flächen entnommen werden. Die Oberflächen könnten über Schnitt und Flammung eine höhere Barrierefreiheit ermöglichen. Der Entwurf setzt die Platzflächen mit einheitlichem Teppich aus Granitpflaster in wildem Verband von den geklinkerten Bereichen ab und verleiht ihnen dadurch mehr Präsenz im Stadtraum. Der neue Dr. Heinz-Will-Platz unterhalb der Burg soll einen Granitpflasterteppich erhalten. Die Mauern und Treppen im Umfeld der Burg Rahmen die offene Burgwiese. Das Material im Umfeld der Burg soll sich an den historischen Materialien der Burg orientieren und darüber den räumlichen Zusammenhang stärken. Beleuchtung. Um die zentrale Fußgängerzone von den Seitenstraßen formal hervorzuheben, wird eine abgehängte Beleuchtung vorgeschlagen, die einen reizvollen gleichmäßigen Lichthimmel in den Querschnitt einfügt. Die kleinen Nebenstraßen und Gassen erhalten mittelhohe Mastleuchten mit gerichteten Lichtköpfen und warmen Lichtfarben. Sie sollen möglichst wenig Licht in den Himmel schicken, um Lightpolution zu verhindern. Auf den Plätzen werden höhere Mastleuchten in Gruppen spielerisch an den Rändern arrangiert und können über die verschiedenen Lichtpunkte auch Bäume, Brunnen oder historische Fassaden gezielt akzentuieren.
Wasser in der Stadt - Der räumliche Bezug zum angrenzenden Flusslauf und des Kooikanal wird über Wasserspiele auf den Plätzen hergestellt. Hier können die bestehenden Brunnenanlagen am Klosterplatz und Fischmarkt übernommen werden. Am südlichen Entree in die Fußgängerzone in der Hagsche Straße wird eine weitere Wasserschale ergänzt und der Dr. Heinz-Will-Platz erhält Nebeldüsen, die in verschiedenen Zeitintervallen geschaltet sind und den Platz immer wieder am Tage mit einem kühlen, mystischen Wassernebel versehen, indem das Reiterstandbild am Fuße sein Platzhaftung visuell verliert.
Beurteilung durch das Preisgericht
Der Entwurf „grün-blaues Klimaband im Herzen der Stadt“ basiert auf einem offenen Raumkonzept für die Neugestaltung der Klever Fußgängerzone. Asymmetrisch angeordnete grüne Bänder mit mittelgroßen Bäumen, ein klar ablesbarer zentraler „Läufer“ und drei kontrastreich gestaltete Plätze überzeugen die Jury durch ihre Klarheit und räumliche Qualität.
Die Materialisierung der Fußgängerzone wird als schlüssig und nachvollziehbar bewertet. Besonders die Absicht, vorhandene Materialien wiederzuverwenden und diese durch punktuell ergänzte neue Steine in zusätzlichen Farbtönen zu bereichern, wird positiv gesehen. Der Einsatz des Klinkers im Reihenverband schafft einen ruhigen Hintergrund, und zusammen mit dem zentralen „Teppich“ im Fischgrätverband entsteht ein stabiles Straßenprofil. Dadurch entstehen klare räumliche Strukturen, die eine natürliche Abgrenzung zwischen den nutzbaren Bereichen der Geschäfte und dem öffentlichen Bewegungsraum herstellen. Der „Läufer“ dient zugleich als Streckenführung für Kleinbusse, wobei kontrovers diskutiert wird, ob dadurch eine übermäßige Betonung der seltenen motorisierten Verkehre entsteht. Kritisch sieht die Jury außerdem, dass sich das blau-grüne Klimaband formal zu stark an der geschwungenen Form des Läufers orientiert, anstatt sich – wie städtebaulich angemessener wäre – stärker an den Gebäudefassaden auszurichten.
Hinsichtlich der Barrierefreiheit für sehbehinderte Personen wird das taktile Band am Rand des Läufers als sehr gute Lösung gewürdigt. In den Nebenstraßen ist eine alternative Führung entlang der Entwässerungsrinne vorgesehen, was als sinnvoll und ausreichend eingeschätzt wird. Insgesamt erscheinen die Nebenstraßen jedoch zu stark vereinfacht; die Jury vermisst hier gestalterische Sorgfalt und Aufmerksamkeit für die veränderte Verkehrsführung und die räumliche Vernetzung.
Positiv bewertet wird das Konzept der Klimabänder, die als bepflanzte und möblierte Zonen einen überzeugenden Beitrag zur Klimaanpassung leisten. Die Verbindung von Ausstattung und Bepflanzung schafft eine hohe Flexibilität in der Planung und stiftet zugleich gestalterische Einheit. Auch die Durchmischung der Baumarten wird als klimatisch vorteilhaft angesehen. Umstritten bleibt, ob der eher gärtnerische Charakter in der Großen Straße einen der Innenstadt angemessenen Stadtraum hervorbringt.
Die Aussagen zum Regenwassermanagement überzeugen und lassen eine gute Weiterentwicklung der zugehörigen technischen Details erwarten. Das Lichtkonzept setzt grundsätzlich die richtigen Schwerpunkte, jedoch werden die figurativen Leuchtmasten in Kombination mit skulpturalen Arbeiten von der Jury als deplatziert empfunden.
Die drei Plätze – Karaviner Platz, Fischmarkt und Dr. Heinz-Will-Platz – werden mit hellgrauem Granitmaterial gestaltet, dessen hohe Wertigkeit und gute Reflexionswerte überzeugen. Der Karaviner Platz kommt mit seiner einfachen Geometrie und dem sorgsam überarbeiteten Brunnen zu einem gelungenen, verbindenden Stadtraum. Der Fischmarkt wird durch das Granitmaterial großzügig gefasst, wodurch ein bandartiger Platz entsteht, der in Kombination mit den anliegenden Gastronomien als gelungene Idee gilt. Da der Elsa-Brunnen unverändert bleibt, hätte sich die Jury hier eine stärkere gestalterische und programmatische Weiterentwicklung und Integration in die Platzgestaltung gewünscht.
Der Dr. Heinz-Will-Platz erhält durch eine Stufenanlage eine neue, selbstbewusste Figur. Diese Geste wird als wirkungsvoll beschrieben, löst jedoch kontroverse Diskussionen aus. Besonders positiv vermerkt die Jury die neu entstehende Burgwiese, die durch die Verlegung der Zufahrt ermöglicht wird und den angrenzenden Stadtraum überzeugend klärt. Die Kombination aus Stufenanlage, niedriger Mauer und erhöhter Fläche um das Reiterstandbild schafft einen informellen Begegnungsort mit Blick in die Schloßstraße. Die geplanten Nebeldüsen und das neue Baumdach aus bestehenden und neu gepflanzten Bäumen versprechen einen attraktiven, klimatisch angenehmen Aufenthaltsort. Kritisch äußert sich die Denkmalpflege jedoch über fehlende Bezüge zu den historischen Gebäuden Marstall und Schwanenburg.
Insgesamt würdigt die Jury den sensiblen städtebaulichen Umgang und die hohe Entwurfsqualität. Entlang des zentralen Straßenzuges entstehen gut proportionierte Raumsequenzen, die ein ausgewogenes Verhältnis zwischen neuen Impulsen und der Integration des vorhandenen Bestands erreichen. Der Entwurf bietet eine zukunftsfähige und flexible Grundstruktur, lässt aber in Teilbereichen Impulse zur weitergehenden Erneuerung der Innenstadt vermissen.
Die Arbeit bewegt sich im vorgegebenen Kostenrahmen und verspricht eine wirtschaftlich wie gestalterisch nachhaltige Umsetzung.
Die Materialisierung der Fußgängerzone wird als schlüssig und nachvollziehbar bewertet. Besonders die Absicht, vorhandene Materialien wiederzuverwenden und diese durch punktuell ergänzte neue Steine in zusätzlichen Farbtönen zu bereichern, wird positiv gesehen. Der Einsatz des Klinkers im Reihenverband schafft einen ruhigen Hintergrund, und zusammen mit dem zentralen „Teppich“ im Fischgrätverband entsteht ein stabiles Straßenprofil. Dadurch entstehen klare räumliche Strukturen, die eine natürliche Abgrenzung zwischen den nutzbaren Bereichen der Geschäfte und dem öffentlichen Bewegungsraum herstellen. Der „Läufer“ dient zugleich als Streckenführung für Kleinbusse, wobei kontrovers diskutiert wird, ob dadurch eine übermäßige Betonung der seltenen motorisierten Verkehre entsteht. Kritisch sieht die Jury außerdem, dass sich das blau-grüne Klimaband formal zu stark an der geschwungenen Form des Läufers orientiert, anstatt sich – wie städtebaulich angemessener wäre – stärker an den Gebäudefassaden auszurichten.
Hinsichtlich der Barrierefreiheit für sehbehinderte Personen wird das taktile Band am Rand des Läufers als sehr gute Lösung gewürdigt. In den Nebenstraßen ist eine alternative Führung entlang der Entwässerungsrinne vorgesehen, was als sinnvoll und ausreichend eingeschätzt wird. Insgesamt erscheinen die Nebenstraßen jedoch zu stark vereinfacht; die Jury vermisst hier gestalterische Sorgfalt und Aufmerksamkeit für die veränderte Verkehrsführung und die räumliche Vernetzung.
Positiv bewertet wird das Konzept der Klimabänder, die als bepflanzte und möblierte Zonen einen überzeugenden Beitrag zur Klimaanpassung leisten. Die Verbindung von Ausstattung und Bepflanzung schafft eine hohe Flexibilität in der Planung und stiftet zugleich gestalterische Einheit. Auch die Durchmischung der Baumarten wird als klimatisch vorteilhaft angesehen. Umstritten bleibt, ob der eher gärtnerische Charakter in der Großen Straße einen der Innenstadt angemessenen Stadtraum hervorbringt.
Die Aussagen zum Regenwassermanagement überzeugen und lassen eine gute Weiterentwicklung der zugehörigen technischen Details erwarten. Das Lichtkonzept setzt grundsätzlich die richtigen Schwerpunkte, jedoch werden die figurativen Leuchtmasten in Kombination mit skulpturalen Arbeiten von der Jury als deplatziert empfunden.
Die drei Plätze – Karaviner Platz, Fischmarkt und Dr. Heinz-Will-Platz – werden mit hellgrauem Granitmaterial gestaltet, dessen hohe Wertigkeit und gute Reflexionswerte überzeugen. Der Karaviner Platz kommt mit seiner einfachen Geometrie und dem sorgsam überarbeiteten Brunnen zu einem gelungenen, verbindenden Stadtraum. Der Fischmarkt wird durch das Granitmaterial großzügig gefasst, wodurch ein bandartiger Platz entsteht, der in Kombination mit den anliegenden Gastronomien als gelungene Idee gilt. Da der Elsa-Brunnen unverändert bleibt, hätte sich die Jury hier eine stärkere gestalterische und programmatische Weiterentwicklung und Integration in die Platzgestaltung gewünscht.
Der Dr. Heinz-Will-Platz erhält durch eine Stufenanlage eine neue, selbstbewusste Figur. Diese Geste wird als wirkungsvoll beschrieben, löst jedoch kontroverse Diskussionen aus. Besonders positiv vermerkt die Jury die neu entstehende Burgwiese, die durch die Verlegung der Zufahrt ermöglicht wird und den angrenzenden Stadtraum überzeugend klärt. Die Kombination aus Stufenanlage, niedriger Mauer und erhöhter Fläche um das Reiterstandbild schafft einen informellen Begegnungsort mit Blick in die Schloßstraße. Die geplanten Nebeldüsen und das neue Baumdach aus bestehenden und neu gepflanzten Bäumen versprechen einen attraktiven, klimatisch angenehmen Aufenthaltsort. Kritisch äußert sich die Denkmalpflege jedoch über fehlende Bezüge zu den historischen Gebäuden Marstall und Schwanenburg.
Insgesamt würdigt die Jury den sensiblen städtebaulichen Umgang und die hohe Entwurfsqualität. Entlang des zentralen Straßenzuges entstehen gut proportionierte Raumsequenzen, die ein ausgewogenes Verhältnis zwischen neuen Impulsen und der Integration des vorhandenen Bestands erreichen. Der Entwurf bietet eine zukunftsfähige und flexible Grundstruktur, lässt aber in Teilbereichen Impulse zur weitergehenden Erneuerung der Innenstadt vermissen.
Die Arbeit bewegt sich im vorgegebenen Kostenrahmen und verspricht eine wirtschaftlich wie gestalterisch nachhaltige Umsetzung.
©clubL94, Willnervisualisierung
Bick auf den Karavinerplatz
©clubL94
Gesamtkonzept M 1:500
©clubL94
Detailausschnitt Karavinerplatz M 1:200
©clubL94
Schnitt Große Straße M 1:50
©clubL94
Detailausschnitt Dr. Heinz-Will-Platz M 1:200
©clubL94
Schnitt Dr. Heinz-Will-Platz M 1:200
©clubL94
Klimakissen und Schwanenlounge