Das neue Brückenbauwerk zwischen Wiesenhügel und Herrenberg in Erfurt überwindet nicht nur einen topografischen Einschnitt, sondern schafft eine neue Mitte für zwei bisher getrennte Stadt-quartiere. Die Brücke ist kein bloßes Verkehrsbauwerk, sondern ein begehbarer Freiraum, ein verbindender Ort mit eigenständiger Identität.
1. Neue Wege
Über Stege, Aufzüge und barrierefreie Wege wird der Talraum aktiviert – als Treffpunkt, Aufenthaltszone, Spielort, Aussichtspunkt und grünes Rückgrat. Die Brücke verwebt Stadt und Landschaft, Höhen und Tiefen, Quartiere und Freiräume.
Der „Höhenweg“ wird dabei zum städtebaulichen Zeichen, das weithin sichtbar die neue Mitte markiert. Seine filigrane Fachwerkkonstruktion interpretiert klassische Brückenarchitektur neu – transparent, leicht, durchgrünt. Rankpflanzen verwandeln das Tragwerk in ei-ne begehbare Gartenskulptur.
Zentraler Ort ist ein neuer Stadtplatz, der verschiedene Programme bündelt: Straßenbahn, Café, Sporthalle, Spiel- und Grünflächen.
Die Ebene 01 verbindet rollstuhlgerecht die Promenade vor dem Herrenberg Zentrum
mit dem neuen Stadtplatz.
Der Höhenweg führt von beiden Talseiten direkt zum neuen Stadtplatz.
Die Brücke schafft dabei nicht nur Zugang, sondern Raum.
Aufenthaltsnischen, Balkone mit Aussicht, Spielzonen und sogar eine „hängende Spielterrasse“ über der Sporthalle zeigen das Potenzial vertikaler Freiräume.
Im Zuge der „Neuen Mitte Südost“ wird die bisher autozentrierte Kreuzung Kranichfelder Straße / Haarbergstraße zu einem multimodalen Stadtbaustein umgebaut. Bestehende Rampen- und Brückenelemente werden zurück gebaut, der Straßenraum neu organisiert: Weniger Fahrspuren, mehr Raum für Menschen.
Der Entwurf denkt Freiraum, Infrastruktur und Architektur zusammen. Bestehende Wege und Plätze werden eingebunden, neue Räume wie die „Spielterrasse“ oder der „Wolkenbügel“ erweitern das Angebot mit Rückzugsorten, Bewegungsflächen und Panoramablicken.
Herzstück ist ein neuer Kreisverkehr, der den Kfz-, Rad- und Straßenbahnverkehr effizient verknüpft. Die neue Straßenführung orientiert sich an der Höhe der Straßenbahntrasse, (also auf einer Ebene) was Barrieren reduziert und eine städtebauliche Verzahnung schafft.
Die neue Straßenbahnhaltestelle wird zentral zwischen Kaufland und Stadtplatz positioniert und bietet eine direkte Anbindung an die Brücke vom Platz aus. Sichere Querungen sind inklusive. Begleitend entstehen durchgängige Rad- und Fußwegeverbindungen sowie barrierefreie Haltepunkte für Bus und Schienenersatzverkehr.
Das Ergebnis ist ein übersichtlicher, klar strukturierter Verkehrsraum mit Fokus auf Aufenthaltsqualität, Sicherheit und multimodale Nutzung. Statt reiner Funktion entsteht ein vielfältiges, nutzbares Raumkontinuum – offen, durchlässig, mit hoher Aufenthaltsqualität. Die Brücke wird zur Adresse, zur Promenade, zum Erfurter Skyline. Ein Ort für Begegnung, Bewegung, Nachbarschaft. Kein Verkehrsweg, sondern ein Stück Stadt.
2. Das vielschichtige Stadtraumerlebnis / Verschmelzung von Bebauung und Freiraum
Das Brückenbauwerk wird selbst zu einem wichtigen Freiraum. Aufenthaltsbereiche mit Bänken, Aussichtpunkten, Spiel- und Sportangebote sind in das Bauwerk integriert und lassen so einen multicodierten, dreidimensionalen Freiraum entstehen. Gleichzeitig wird das Brückenbauwerk zu einem mehrgeschossigen, vertikalen Garten. Stark wüchsige Ranker wie Wein oder einjähriger Hopfen nutzen die Konstruktionsstruktur als Rankhilfe und verwandeln das Bauwerk in eine grüne Gartenskulptur.
3. Das Tragwerk: Effizient, nachhaltig, wartungsarm
Das Brückenbauwerk ist als durchgängige Stahlkonstruktion mit einem modularen Raster von 4,40 m konzipiert. Es verbindet Ingenieurbau und architektonische Gestaltung zu einem leichten, funktionalen Tragwerk, das die Topografie effizient überwindet und dabei neue Räume schafft.
Die Tragstruktur basiert auf filigranen Fachwerkrahmen aus Stahlprofilen (S355/S460N), ergänzt durch orthotrope Gehbahnplatten mit integrierter Entwässerung. Die leichte Bau-weise reduziert Eingriffe in den Bestand und ermöglicht große Spannweiten bei geringer Bauhöhe. Die Haupttragelemente werden werkseitig vorgefertigt und vor Ort montage-freundlich zusammengesetzt – kurze Bauzeiten und minimale Verkehrsbeeinträchtigung inklusive. Das Tragwerk ist wartungsarm ausgeführt, mit festem Aussteifungspunkt am zentralen Baukörper (Café/Erschließungskern). Thermische Längenänderungen werden durch gleitende Lagerung an den Widerlagern aufgenommen.
Das Tragwerk ist anpassungsfähig und weist eine hohe Transparenz auf. Dies führt zu einer erhöhten sozialen Sicherheit. Der Rahmen ist gleichzeitig Träger der Rankhilfe und der Beschattungselemente.
4. Materialkonzept
Die gewählten Materialien sind zu 100 % recycelbar. Die Konstruktion ist langlebig, modular rückbaubar und durch geeignete Beschichtungssysteme dauerhaft geschützt. Entwässerung, Oberflächenschutz (besandeter Epoxidbelag) und Begrünung sind in das Gesamtkonzept integriert.
5. Die Positionierung der räumlichen Struktur
Allein durch die Positionierung des Tragwerks bzw. Bauwerks, das wir ohnehin für die Wege benötigen, entstehen neue Raumkanten und eine Neudefinition von Plätzen und Freiräumen. Das Bauwerk strukturiert die Freiräume somit neu.
Orte zum Verweilen, für spontane Begegnungen, für Sport, zum Gärtnern, Orte mit Aussicht.
Sobald man einen Fuß auf das Bauwerk setzt, sei es beim Auftakt am Herrenberg, am Wiesenhügel oder am Stadtplatz, befindet man sich bereits in der Neuen Mitte.
Die Orte, seien es die Neuen Räume am und im Bauwerk, die bestehenden Bauten (STZ + Sporthalle) oder die angebundenen Freiräume, werden gleichermaßen zu einem neu strukturierten Ganzen zusammengeführt.
Die bestehenden Gebäude und Orte werden nicht nur miteinander verbunden, sondern auch aufgewertet und neu inszeniert.
6. Der „offene Garten
Der "Offene Garten" wird durch einen Arkadengang neu eingerahmt. Unter dem Höhen-weg im Bereich des offenen Gartens entstehen Arkaden mit vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten. Sitzstufen im Hang bilden eine ideale Tribüne für Veranstaltungen oder ein Sommerkino.
Die Atmosphäre des Gartens ist eine Neuinterpretation eines Kreuzgangs mit Kräutergar-ten. Im Gegensatz zum Hauptplatzbereich entsteht hier ein Rückzugsort, eine grüne Oase für Urban Gardening oder Entspannen im Grünen. Der Garten wird durch Bewegungselemente wie Calisthenics oder ein Ninja Parcours zur Entwicklung motorischer Fähigkeiten unter der Brücke gefasst.
7. Stadtplatz
In einem heterogenen Umfeld vermittelt der Platz zwischen Großkubaturen wie dem Kaufland und beschaulichen grünen Räumen wie z.B. dem Friedhof. Der multifunktionelle Ort kombiniert einen straßenübergreifenden Platz, der die Straßenbahnhaltestelle, eine Skater-Insel, ein Café, die Sporthalle, Sitzgelegenheiten, Grüninseln und den Aufgang zum Höhenweg verbindet.
Eine grüne Garteninsel schirmt den Platz von der Straße ab und schafft einen intimeren Bereich für Außengastronomie. Gestufte Stauden- und Gehölzpflanzungen bilden das grüne Volumen der Garteninsel. Ein Betonsitzrand lädt zum kurzen Verweilen auf dem Platz ein. Die Garteninsel bildet den Auftakt eines Promenadenbandes entlang des Friedhofs.
Eine Skateanlage sowie Pflanzinseln mit Stauden und Bäumen begleiten die Kranichfelder Straße, vermitteln im Straßenraum zwischen Friedhof und Straße und leiten zum Platz Am Sibichen über.
8. Das Café
Das Café, das sich klein aber fein präsentiert, ist der kulinarische Treffpunkt der Anlage.
Die Architektur des Cafés lässt sich als eigenständige Interpretation des Genres Gartenpavillon/Orangerie in einem botanischen Garten begreifen. Es dient gleichzeitig als neue Eingangshalle für die bestehende Sporthalle. Somit ist die Sporthalle direkt vom neuen Stadtplatz aus begehbar. Sie kann als Foyer mit gastronomischem Angebot verstanden werden.
Die frei vermietbare Fläche könnte als neuer Standort des ortsansässigen Gartencafés, als Dependance einer der lokalen Röstereien oder einem anderen Nutzungszweck dienen.
9. „Höhenweg“
Die Konstruktion des Höhenwegs fungiert nicht nur als verbindender Steg, sondern stellt einen qualitätvollen Ort an sich dar. Die variierenden Breiten der Stege bieten Platz für Sitzgelegenheiten, die Ausblicke auf verschiedenen Ebenen in Richtung Stadt ermöglichen.
Auffächernde Balkone mit Sitztribünen bieten gezielte Ausblicke über den Sportplatz am Kaufland und in den Grünzug nach Osten. Die vorgesetzte Konstruktion, die an ein Spalier erinnert, dient nicht nur als Absturzsicherung, sondern fungiert auch als Rankhilfe für die Pflanzen, die an das Bauwerk heranwachsen.
Die Kombination der pergolaartigen Verschattungselemente mit den saisonalen Pflanzen macht den Höhenweg im Hochsommer zu einem schattigen und im Winter zu einem sonnendurchfluteten Ort mit hoher Aufenthaltsqualität.
10. Auftakt Herrenberg
Das Stadtviertel Herrenberg wird durch die Brücke auf zwei Ebenen angebunden: Die obere Brückenebene schließt an die Stielerstraße an. Ein kleiner Platz bildet hier den Auftakt. Die untere Ebene der Brücke schließt auf halber Höhe an die Promenade Herren-berg-Zentrum an.
11. Promenade ehemaliges Großes Herrenbergcenter „Aktives Band“
Die Promenade bindet das Herrenbergcenter barrierefrei an den Stadtplatz an und ist ein wichtiger Impulsgeber für eine neue Nutzung des ehemalige Großen Herrenbergcenters. Sie verbindet die Schule und den Kindergarten im Osten mit dem neuen Stadtplatz und dem Sportplatz auf dem Dach von Kaufland. Die Promenade wertet das Große Herrenbergcenter auf und bindet es in das Gesamtkonzept ein. Die Promenade ist mit Sitzgelegenheiten ausgestattet und verfügt über Aktivitätsinseln mit Bewegungselementen.
12. Die Spielterrasse
Die Spielterrasse ist eine leichte, nahezu schwebende Konstruktion, die über der Sporthalle angeordnet ist. Sie ist in drei multifunktionale Bereiche unterteilt. Diese sind in das Tragwerk integriert und nutzen die bestehenden versiegelten Flächen doppelt. Die Konstruktion ist robust, raumbildend und flexibel nutzbar. Die Spielterrasse eignet sich für eine Vielzahl von Sportarten wie Fußball, Basketball, Handball, Skateboarding, Klettern und vieles mehr.
13. Auftakt Wiesenhügel
Ein neuer Platz auf dem ehemaligen Wendehammer wird zum Auftakt für die Brücke weiterentwickelt. Die derzeitige Treppe wird hier auch weiterhin erhalten. Die Topografie des Hanges wird genutzt um einen barrierefreien Weg als Alternative zu Brücke und Aufzug anzubieten. Bereits bestehende Wege werden aufgegriffen, saniert und angepasst. Der Weg führt wie aus einer Waldlichtung über die Brücke auf den Stadtplatz zu.
14. Freizeitflächen am Paulinzeller Weg
Am Fuß des Wiesenhügels entsteht ein neuer Spielplatz. Zwischen dem Baumbestand fügt sich eine Spiellandschaft aus EPDM ein. Ein Basketballkorb und Tischtennisplatten bieten hier ein generationsübergreifendes Spiel- und Sportangebot. Eine Sitztribüne wird zum attraktiven Verweilort. Der Spielplatz ist über einen kleinen Platz direkt an die Straßenbahnhaltestelle angebunden.
15. Der hochpunkt
Von weither wird das neue Brückenbauwerk als städtebauliches Zeichen der Neuen Mitte sichtbar sein. Zeichenhaft ist es auch als stadtraumbildendes Element, das Teil der Skyline von Erfurt Ost wird. Der Wolkenbügel/Skybar, ist eine einfach verglaste Aussichtsplatt-form ohne Dach. Die Verglasung dient als Windschutz. Es befindet sich auf der höchsten Ebene der Anlage, ca. 20 Meter über dem Stadtplatz (+261,3 m), und ermöglicht eine Aussicht in alle Himmelsrichtungen.
Die Auskragung Richtung Stadt bietet nicht nur mehr Platz im Bereich der vermeintlich besten Aussicht, sondern vermittelt architektonisch einen Bezug zur Innenstadt und markiert die stadtbildprägende Vertikale.
16. Zusammenfassung
Mit dem „Höhenweg“ schlagen wir nicht nur eine Brücke zwischen zwei Stadtteilen, sondern öffnen einen neuen Raum für Bewegung, Begegnung und Miteinander.
Die Neue Mitte Südost versteht sich nicht als Einzelmaßnahme, sondern als städtebauliches Versprechen: für Verbindung statt Trennung, für gemeinschaftliche Räume statt Restflächen, für eine Stadt, die mitwächst – in die Höhe, in die Tiefe und vor allem: zusammen.
Unser Entwurf ist funktional, nachhaltig und robust. Aber vor allem ist er offen – für Menschen, für Ideen, für Stadtleben.
NEUE WEGE
NEUE ORTE
NEUE MITTE