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Kooperatives Gutachterverfahren | 03/2026

Urbane Mitte Leinfelden – Sprung über die Gleise

Perspektive
9

Perspektive

1. Rang

Preisgeld: 20.000 EUR

H|G Hähnig | Gemmeke Architekten und Stadtplaner Partnerschaft mbB

Stadtplanung / Städtebau

Urban Standards

Verkehrsplanung

landstrich – zeichnung & visualisierung

Visualisierung

Erläuterungstext

Sprung über die Gleise - Eintauchen in sensible Transformationen - Köpfer in eine gemeinsame Zukunft

Wie kann der Sprung über die Gleise gelingen? Die Frage ist dabei nicht nur, wie zwei Seiten räumlich miteinander verbunden, sondern ob sie - mit ihren sehr unterschiedlichen Prägungen - als zusammengehörige Stadtteile erlebt werden können. Den Raum unmittelbar links und rechts der Gleise zu stärken ist bedeutend, jedoch nicht ausreichend. Entscheidend ist, ob die jeweils andere Seite gesehen und verstanden wird – funktional, räumlich und sozial. Die Frage nach dem Erfolg des Sprungs ist die Frage danach, wie sich die zwei Seiten als Teil eines Ganzen betrachten können.

Im Konzept steht der Sprung über die Gleise für die neue urbane Naht: bespielt, genutzt, verbindend.
Der Köpfer in eine gemeinsame Zukunft beschreibt ein zweites ambitioniertes Ziel: Eine sensible Transformation des Gewerbegebiets selbst zu einem urbanen Geflecht, das zu Leinfelden gehört und mit Echterdingen verbunden ist. Mit zukunftsweisenden kleinen und großen Schritten kann sich die Verbindung über ihre Nahtstelle hinaus entwickelten.

Ziel ist nicht die Stärkung einer „klassischen“ Mitte, sondern die Etablierung eines urbanen Netzes, das sich über die Gleise spannt und eine neue Lesart des linearen Raums ermöglicht. Die Gleise sind Barriere – physisch, räumlich, mental. Der Entwurf überwindet sie auf mehreren Ebenen: Durch neue, klare Querungen, durch barrierearme, einladende Verbindungen, durch räumliche Verzahnung mittels neuer Stadtbausteine.

Beidseits der Gleise entstehen mit dem neuen Rathaus für Leinfelden-Echterdingen, den neuen Gebäuden am Bahnhof, Sportstätten und urbanen Wohnhäusern ein wirkungsvolles Gegenüber, die Anziehungspunkte für Nutzer beider Seiten der Gleise darstellen.

Das neue Rathaus bildet den Auftakt und einen wichtigen Impulsgeber für die Entwicklung des zentralen Campus im Gewerbegebiet. Mit der Öffnung und Aufwertung des zentralen Raums „Rue Extérieure“ entsteht ein attraktiver, multicodierter Freiraum mit Campus-Charakter.

Das Gewerbegebiet wird sensibel zu einem urbanen Geflecht transformiert: Der Verkehr wird neu organisiert und ein feinmaschiges Wegenetz etabliert. Entlang der Nord-Süd-Verbindung werden ergänzende „Zwillinge“ angeboten. Sie ermöglichen die Unterbringung und Bündelung der benötigten Stellplätze und bieten in einem separaten, benachbarten Baustein ergänzende Nutzungen wie Kita oder Fitness an.

Der klimaangepasste Umbau zeigt sich beispielsweise in der Umsetzung des Schwammstadtkonzepts und bildet eine weitere relevante Umstrukturierung der bisher hoch versiegelten und wenig begrünten Straßenräume hin zu einem wichtigen Rückgrat der neuen Grünvernetzung im Gewerbegebiet.

Die bisher undurchlässigen Gewerbeeinheiten werden in Gewerbecarrés unterteilt. Innerhalb dieser Carrés können sich die Gewerbetreibende flexibel entwickeln und zum starken öffentlichen Raumgerüst hin orientieren.

Die Verzahnung von Agrarproduktionsflächen und produktiven Stadtflächen mit der Ausbildung einer baulichen Kante zum Landschaftsraum, der Setzung von Hochpunkten zu einer Stadtsilhouette mit hohem Wiedererkennungswert, Vorzeigehof und ökologischen Zentrum ergänzen das neue Gewerbegebiet.

Beurteilung durch das Preisgericht

>> Gesamtkonzept
Die öffentliche Bespielung der Achse der Daimlerstraße bildet als „rue extérieure“ das zentrale Element der städtebaulichen Struktur. Als aufgewerteter öffentlicher Raum durchzieht sie das gesamte Gebiet in West-Ost-Richtung und wirkt identitätsstiftend für das gesamte Quartier. Ausgehend vom alten Marktplatz, über eine fahrradtaugliche Ertüchtigung der Unterführung, das südliche Anlagern des Rathauses jenseits der Gleisanlagen bis hin zur großzügigen Öffnung des Bosch Campus, entfaltet die Achse eine belebende städtebauliche Kraft, die das Quartier nachhaltig aktiviert.

Das Erfolgsrezept des Vorschlags liegt in der konsequenten Transformation des Campus in einen realen, öffentlich nutzbaren Stadtraum. Vor dem Hintergrund einer konsequenten Öffnung des zentralen Campusgedankens würde eine Platzierung des Rathauses – sei es als Neubau oder durch Umnutzung – innerhalb dieser räumlichen Konfiguration als folgerichtige und städtebaulich stringente Lösung erscheinen. Verbesserungsbedarf besteht im Übergang zum westlich gelegenen Landschaftsraum, der als räumlicher Schlusspunkt der Achse von besonderer Bedeutung ist.

Die im südöstlichen sowie nordwestlichen Randbereich angesiedelten urbanen Misch- und Wohnnutzungen führen bestehende Strukturen konsequent fort. Sie ergänzen und bereichern das städtebauliche Gesamtkonzept, ohne den Charakter des Gewerbegebietes grundsätzlich in Frage zu stellen.

Der gleisnahen Bebauung entlang der S-Bahntrasse fehlt es an einer stärkeren Verbindung zum jeweiligen Hinterland. Eine Überarbeitung scheint notwendig, die dann auf einen tatsächlichen Standort für das neue Rathaus reagieren kann.

>> Freiraum
Die Arbeit entwickelt ein tragfähiges Grundgerüst aus unterschiedlichen Freiraumtypologien, auch wenn die Freiraumstrukturen auf Gebietsebene konzeptionell noch klarer hätten herausgearbeitet werden können. Positiv hervorgehoben wird insbesondere die durchgängige Grünverbindung entlang der Gleise, die aus freiraumplanerischer Sicht eine wesentliche Bedeutung für den Fuß- und Radverkehr besitzt.

Ebenfalls positiv bewertet werden die verspringenden grünen Fugen („rue interieure“) als verbindende Elemente zwischen den ost-west-verlaufenden Haupt-Erschließungsachsen, welche die Durchlässigkeit und Vernetzung des Quartiers stärken. Als „Zwillinge“ bezeichnete Gebäude-Gruppen aus Mobility Hub und quartiersdienlichen Nutzungen markieren die Kreuzungspunkte sinnfällig. Kritisch diskutiert wird hingegen die Ausgestaltung des östlichen Gebietsrandes. In Kombination mit der mäandrierenden Erschließungsstraße besteht hier die Gefahr, dass die angestrebte Verzahnungsthematik nicht überzeugend gelingt. Besondere Aufmerksamkeit erfordert die hydrologische Funktionsweise des südlichen Grabens, die – analog zum nördlichen Bereich – stärker in das Freiraumkonzept integriert werden sollte, um das Leitbild der verzahnenden Filderlandschaft zu schärfen.

Die zentrale „rue extérieure“ ist in ihrer Grundidee schlüssig und hat ein großes Potenzial inne. Die vorgeschlagene Dimensionierung setzt jedoch eine ausreichende öffentliche Belebung voraus und ist in enger Abhängigkeit zu den vorgesehenen Nutzungen sowie hinsichtlich des Versiegelungsgrades kritisch zu überprüfen.

Hervorzuheben sind die in den Darstellungen erzeugten Atmosphären. Die naturnahen und gemeinschaftsfördernden Szenarien bilden starke identitätsstiftende Elemente, deren konsequente Weiterentwicklung empfohlen wird.

>> Mobilität
Die vorgeschlagene Erschließung für den Kfz-Verkehr über eine durchgehende Nord-Süd- Verbindung im Osten des Plangebiets mit daran angehängten Erschließungsloops im Norden und Süden überzeugt durch ihre hohe Funktionalität, Robustheit und Flexibilität. Gleichzeitig kann dadurch eine deutliche Aufwertung der Daimlerstraße („rue exterieure“) und der Eingangssituation am östlichen Bahnhofszugang erreicht werden. Besonderen Wert entwickelt das Konzept, weil das gesamte Gewerbegebiet so von Norden an die A 8 angebunden wird und mithilfe eines LKW-Durchfahrtsverbots von Süden kommend eine wirksame Entlastung der Ortslagen von Echterdingen denkbar scheint.

Rad- und Fußverkehr sind umfassend berücksichtigt, die dargestellte Rampenlösung für eine barrierearme Querung der Bahngleise im Bahnhofsbereich stellt eine deutliche Aufwertung dieser wichtigen Ost-West-Verbindung dar, auch wenn für eine gute städtebauliche Einbindung noch vertiefende Überlegungen erforderlich erscheinen. Die Mobilitätshubs zur Unterbringung des ruhenden Kfz-Verkehrs sind gut angeordnet. Die Konzeption, diese Hubs jeweils mit angrenzenden Gebäuden mit öffentlichen Nutzungen zu kombinieren („Zwillinge“), überzeugt grundsätzlich, allerdings könnte eine solche Integration ggf. auch innerhalb eines Baukörpers erfolgen.
Lageplan

Lageplan

Vogelperspektive

Vogelperspektive

Strukturkonzept

Strukturkonzept

Perspektive

Perspektive

Entwicklungsvision Gewerbe

Entwicklungsvision Gewerbe

Modell

Modell

Modell

Modell

Modell

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