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Nichtoffener Wettbewerb | 07/2026

Weiterentwicklung Gedenkstätte Stalag 326 (VI K) Senne in Schloß Holte-Stukenbrock

Blick zum Eingangsbereich der Gedenkstätte
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Blick zum Eingangsbereich der Gedenkstätte

3. Preis

Preisgeld: 65.000 EUR

D´Inka Scheible Hoffmann Lewald Architekten BDA

Architektur

Glück Landschaftsarchitektur

Landschaftsarchitektur

jangled nerves

Szenographie

C4 engineers GmbH

Tragwerksplanung

Dr. Pablo v. Frankenberg Curating Consulting

Szenographie

Erläuterungstext

Die neue Gedenkstätte Stalag 326 (VI K) Senne:
Spuren auffinden, Schichten wahrnehmen, Gedenken ermöglichen

Der Ort der Gedenkstätte besteht aus vielen unterschiedlichen Zeitschichten, welche die Spuren des Stalags teils bis zur Unkenntlichkeit überformt haben. Rekonstruktionen verbieten sich an einem solchen Ort, ebenso der Rückbau zu einer bestimmten Zeitschicht. Das Vorgefundene ist nicht selbsterklärend, sondern muss zugänglich gemacht werden. Jede dafür nötige bauliche, landschaftliche und szenografische Hinzufügung muss klar als solche ablesbar sein. Diese deutliche Distanz zwischen den vorgefundenen Schichten zu den dokumentarischen Maßnahmen und szenografischen Interventionen hilft, einen Abstand zu den Grausamkeiten wahren zu können, die an diesem Ort geschehen sind. Dieser Abstand macht eine offene Wahrnehmung möglich. Die Grausamkeiten, die an diesem Ort zur Zeit des Stalags passierten, sind kaum vorstellbar. Dennoch muss dieses Unvorstellbare gezeigt werden, ohne es zu ästhetisieren, aber auch ohne es abzustumpfen. Die-se Gratwanderung kann nur gelingen, wenn Architektur, Landschaftsarchitektur, Szenografie und Medienkonzept als eins gedacht werden.

Die neue Gedenkstätte Stalag 326 (VI K) Senne in Schloss Holte Stukenbrock macht auf dem stark beschnittenen Grundstück die systematischen Verbrechen an den Kriegsgefangenen sichtbar. Sie bewahrt alle existierenden Zeitschichten möglichst in ihrem jetzigen Zustand. Die sensibel eingefügte neue Zeitschicht des Gedenkorts macht diesen Teil der deutschen Geschichte für die nächsten Generation zugänglich.

Die ehemalige, orthogonale Lagerstruktur wird als Grundgerüst des Ortes verstanden. Sowohl der eingeschossige Neubau, als auch die neu angelegten Wege und Portale (Austellungs-Pavillons im Freien) werden als geradlinige, einfache, geometrische Objekte in diesem Gefüge als sichtbar neue Elemente verortet. Die gesamte Erschließung des Geländes erfolgt dabei allerdings von der Seite: sie nutzt dezidiert nicht den Ein-gang über das ehemalige Lagertor, sondern liegt mit dieser Ordnung überkreuz.

Beurteilung durch das Preisgericht

Architektur
Die architektonische Ausformulierung und Anmutung des neuen Gebäuderiegels erscheinen relativ schlüssig. Die Anmutung der Lehmsteinwand von innen und der geschlämmten Klinkervorsatzschale von außen wird dem robusten, irdenen Charakter der Situation gerecht.
Die Verhältnisse von geschlossener Wand und unterschiedlich großen Öffnungen könnten jedoch noch präziser artikuliert sein, um einen landschaftlicheren Objektcharakter der Architektur zu erzeugen und nicht innenräumliche Kleinteiligkeit nach außen zu tragen.

Landschaftsräumliche Setzung

Mit einer verdichtenden Bepflanzung der jetzigen Randbereiche des Areals aus Birken im Raster wird ein dreidimensionaler räumlicher Rahmen geschaffen, innerhalb dessen sich die Welt der Spuren und Schichten der Gedenkstätte entfalten soll, während die Anlagen der Polizei ausgeblendet werden. Mit dem Bild der allseits rahmenden Birkenhaine um eine weite Fläche mit Sandmagerrasen entstehen starke, ruhige und landschaftstypische Vegetationsstrukturen, in die mit einem orthogonalen Wegesystem, Ausstellungsarchitekturen im Freien („Portale“) und Geländemodellierungen zur Nachbildung einstiger Baracken eine neue Zeitschicht gelegt wird.

Die Ausbildung des Rahmens zu den verschiedenen Nachbarsituationen wird teilweise kontrovers diskutiert, denn dem Besucher eröffnet sich die andere Welt einseitig vom Emsweg. Vom Lippstädter Weg aus bleibt das Lager weiterhin fast unsichtbar, ein gesonderter Zugang vom ÖPNV ist (leider) nicht angedacht. Die Stellplätze für den Individual- und Busverkehr sind als sehr kompakte Parkierungsanlage unter den Bäumen auf der Emswegseite angelegt.

Eine einfache Wegeachse für die Fußgänger erscheint hier jedoch relativ unvermittelt und weitet sich zu einem kleinen Vorplatz inklusive Caféterrasse vor dem neuen Gebäuderiegel. Dieser liegt wie ein langes Schiff in paralleler Ausrichtung zur Lagerachse im nördlich mittleren Teil des Geländes und schließt mit einem Hochpunkt im Süden ab.

Mit dieser landschaftsräumlichen Setzung gelingt es der Arbeit, die Größe und Ausdehnung des ehemaligen Stalag erlebbar zu machen und nicht zu konterkarieren.

Eingang / Besucherführung

Eine frontal geschlossene Raumtasche lenkt die Besucher in den Neubau hinein, das Foyer ermöglicht einen ersten (unverstellten) Ausblick auf die Lagerachse, den neuen Gedenkort und das Gelände. Die Orientierung für den Besucher im Gebäude erscheint relativ klar: Der lange Riegel bietet zwei funktionale Teile: einen für den internen Bereich im Norden, den anderen für die Besucher mit Multifunktion und Ausstellung im Süden.

Der Ausstellungsraum als Schlusspunkt des Riegels und als Prolog zum Betreten der Außenanlagen ist in dem baulichen Hochpunkt inszeniert und erfährt hier eine würdige - wenn auch leicht sakral wirkende - Atmosphäre, der die vorgeschlagene visualisierte Bespielung jedoch nicht gerecht wird.

Über eine Tür am südlichen Ende des Gebäudes verlassen die Besucher die Ausstellung und gelangen über eine neue Wegeführung mit verschiedenen Informationsorten in die inszenierte Gedenklandschaft. Dabei wird die Lagerstraße mit einem Metallsteg als Hauptachse herausgearbeitet und betont über Niveau geführt – dieser Vorschlag findet nicht nur Zustimmung. Die übrigen Wege erschließen „zurückhaltend“ die anderen Ausstellungsorte in einem sinnvollen und übersichtlichen Parcours.

Die Architektur der sogenannten „Portale“ kann in ihrer Schemahaftigkeit und Tektonik nicht überzeugen, ihre Anwesenheit selbst, ihre Lage und Adressierung in der choreographischen Bespielung des Geländes, werden jedoch ausdrücklich gewürdigt.

Auch das Konzept der Einbindung weiterer Unrechtsorte außerhalb des Lagers mit Portalen und Gegenportalen „überall“ wird seitens der Jury anerkannt.

Die Anlage des himmelsoffenen Gedenkortes als heckenumrahmten, introvertierten Schattenplatz wird gewürdigt, Größe und Ausrichtung erscheinen jedoch im Verhältnis zum Neubauriegel, dessen Vorplatz und 2. BA nicht ausgewogen.

Insgesamt eröffnet die Arbeit in ihrer gerichteten Bespielung des Ortes eine weitläufige Durchlässigkeit des Geländes, generiert einen angemessenen baulichen Ausdruck, schafft es jedoch in ihrer Adressierung nicht, den Gedenkort im Bewusstsein und im Öffentlichen Raum überzeugend zu verankern.

Szenografie

Die vorgeschlagene Szenografie gliedert die Vermittlung in eine Abfolge räumlicher Interventionen, die den Bestand ergänzen und unterschiedliche Ebenen der historischen Vermittlung miteinander verknüpfen.

Für den sogenannten Prolog wird eine atmosphärisch dichte Inszenierung der Inhalte vorgeschlagen. Das Potenzial des überhohen Raumes wird genutzt, um einen eindrücklichen Auftakt zu schaffen und die Besucher auf das Thema einzustimmen.

Die Verfasser verstehen die Bestandsgebäude als begehbare Exponate. Die Vermittlung anhand authentischer Originale wird mit künstlerischen Installationen verknüpft und ermöglicht dadurch eine vielschichtige Erzählweise, die sowohl wissensorientierte als auch emotionale und atmosphärische Zugänge eröffnet. Die unterschiedlichen Vermittlungsebenen ergänzen sich schlüssig und tragen zu einer differenzierten Auseinandersetzung mit dem Ort bei.

Die als „Portale" bezeichneten Interventionen übernehmen eine zentrale Rolle in der Vermittlung des Außenraums. Sie markieren präzise Orte der Wissensvermittlung und reagieren durch ihre differenzierte Ausgestaltung auf die jeweiligen räumlichen und inhaltlichen Gegebenheiten. Die konzeptionelle Idee überzeugt durch ihre Klarheit und ihr großes Potenzial. Die gestalterische Ausarbeitung bleibt jedoch hinter der Qualität des konzeptionellen Ansatzes zurück. Den Interventionen fehlt sowohl eine ausreichende entwurfliche Eigenständigkeit als auch eine überzeugende Einbindung in das Gesamtkonzept.

Besonders hervorzuheben ist hingegen das Potenzial der „Portale“, auch außerhalb der Gedenkstätte an weiteren historischen Unrechtsorten eingesetzt zu werden und dort als wiedererkennbare Elemente der Vermittlung zu wirken.

Insgesamt überzeugt das vorgeschlagene szenografische Konzept durch seine Vielfalt und Entwicklungsfähigkeit. Es bietet unterschiedliche Ansätze der medialen und zeitgemäßen Wissensvermittlung, verbindet verschiedene Formen der Ansprache und schafft ein offenes und inklusives Vermittlungsangebot, das sowohl inhaltlich als auch räumlich eine hohe Flexibilität aufweist.

Nachhaltigkeit

Der Entwurf verwendet eine Vielzahl an ressourcenschonenden Bauprodukten und sieht eine Holz-Lehm-Massivdecke und Brettschichtholzträger vor, um ein massehaltiges Bauteil aus nachwachsenden und ressourcenschonenden Baumaterialien zu schaffen. Allerdings ist eine Gründung mit Sohle aus Ortbeton geplant. Die umfangreiche Verwendung wirkt sich zusätzlich nachteilig durch die Teilunterkellerung zur Unterbringung von Technik aus, da Beton ein Baustoff mit hohen Treibhausgasemissionen ist.

Der Einsatz von R-Beton wird unter Nachhaltigkeitsaspekten nicht positiv bewertet; gleichwohl entspricht seine Verwendung dem aktuellen Stand der Technik. Die Klinkerfassade ist ein langlebiges Bauprodukt, aber es ist davon auszugehen, dass die geplante geschlämmte Oberfläche des Klinkers nur eine kurze Lebensdauer (von circa 15 Jahren) hat und nach diesem Zeitraum erneuert werden muss.

Die Verwendung von Sekundärrohstoffen oder wiederverwendeten Baumaterialien werden nicht explizit genannt, auf die Rückbaufähigkeit der Baumaterialien gibt es keinen Hinweis. Hinsichtlich der Raumkonditionierung sind wenig Angaben gemacht worden. Kritisch erscheint die Planung der natürlichen Lüftung durch Falzlüftung, die nicht auskömmlich erscheint. Nur Prolog und Sonderflächen werden mechanisch belüftet.

Kosteneinschätzung

Der Entwurf liegt unter dem in der Auslobung festgehaltenen Budget. Die aufgrund der Geometrie überdurchschnittliche Außenwandfläche mit den damit verbundenen Kosten werden durch kostenseitig unterdurchschnittlich aufwändige Außenanlagen ausgeglichen. In den technischen Anlagen wirkt sich das Lüftungskonzept kostensteigernd aus. Die im Durchschnitt aller Teilnehmer eher geringen baukonstruktiven Eingriffe in die Bestandsbaracken haben hinsichtlich der Herstellkosten positive Auswirkungen.
Blick auf die Lagerachse

Blick auf die Lagerachse

Blick ins Foyer / Sonderausstellung

Blick ins Foyer / Sonderausstellung

Entlausungsbaracke - Installation "Vom Mensch zur Nummer" in der Entlausungsbaracke

Entlausungsbaracke - Installation "Vom Mensch zur Nummer" in der Entlausungsbaracke

Prolog - Eindrückliche, Ehrfurcht erweckende Akustik Ein unfassbarer Raum für ein unfassbares Leid

Prolog - Eindrückliche, Ehrfurcht erweckende Akustik Ein unfassbarer Raum für ein unfassbares Leid

Lageplan

Lageplan

Grundriss Gedenkstätte mit Gedenkort

Grundriss Gedenkstätte mit Gedenkort