Einladungswettbewerb | 11/2025
Wohngebiet an der Malchinger Straße in Fürstenfeldbruck
©Palais Mai GmbH
Visualisierung
ein 2. Preis
Preisgeld: 9.000 EUR
PALAIS MAI Gesellschaft von Architekten und Stadtplanern mbH, BDA
Stadtplanung / Städtebau
-
Verfasser:
-
Mitarbeitende:
Raphael Rogalli, Sara Bastidas Rodriguez, Carla Wirsching, Charlotte Burdach, Sarah Sojka
grabner huber lipp landschaftsarchitekten und stadtplaner partnerschaft mbb
Landschaftsarchitektur
Erläuterungstext
ORT
Das ehemalige Gewerbegrundstück für Betonwerksteinplatten erstreckt sich westlich der Malchinger Straße, eingebettet in den unmittelbar angrenzenden Wald aus üppigem, altem Baumbestand. Das Gebiet liegt am Übergang zwischen umliegenden Grünraum und Stadtraum und bildet somit eine wichtige Adresse bei der Einfahrt nach Fürstenfeldbruck. Es kann als eine Art vorgefundene Rodung im Wald gelesen werden. Die bestehende Freifläche wird mit zwei aus polygonalen Baukörpern gefügten Teilquartieren bestellt. Die Dimensionen der beiden Teilquartiere ähneln sich. Im Inneren der beiden Quartiersteile soll durch lichte Baumhaine ein zusammenhängender, nachbarschaftlicher Raum entstehen. Gleichzeitig verbinden sich diese Quartiershaine über Öffnungen zwischen den gekoppelten Einzelbausteinen mit dem umgebenden Wald. Das Planungsgebiet zeichnet sich durch seine Nähe zu einer Vielzahl an Erholungsflächen, wie dem in 15 Minuten entfernten Stausee Pucher Meer, sowie durch seine Innenstadtnähe aus. In kompakter, flächenschonender und nachhaltiger Bauweise soll hier neuer Wohnraum entstehen, der sich in die bestehende Wohnbebauung des Quartiers Neulindach einfügt und neue Infrastruktur sowie öffentliche Räume für Fürstenfeldbruck schafft.
KONZEPT
Das Planungsgebiet konzentriert sich überwiegend auf die derzeit versiegelte Freifläche im Süden, um möglichst viele der schützenswerten Bäume am nördlichen Wettbewerbsumgriff zu bewahren. Neu eingefügte polygonale Gebäudevolumen sollen zwischen Wald im Norden und Quartierswäldchen im Süden errichtet werden. Dies ermöglicht ein Bauen als minimalinvasiven Eingriff in die bestehende Natur. Der Wald umringt die einzelnen Baukörper und vermischt sich mit dem neuen Wohngebiet zu einer harmonischen Einheit. Das Quartier liegt zur Malchinger Straße nicht unmittelbar baulich exponiert, sondern zieht sich gleichsam hinter die erste Baumkulisse zurück. Lediglich das übernommene Bestandsgebäude ganz im Süden des Perimeters öffnet sich zum Straßenraum der Malchinger Straße. In diesem befindet sich ein Nachbarschaftstreff, welches eine Verknüpfung des Neuen zur bestehenden Nachbarschaft herstellt.
Durch das Drehen und Verschieben der polygonal geformten Typenhäuser bilden sich zwei begrünte und mit Bäumen gesäumte Höfe, welche zum Spielen oder Verweilen einladen. Durch die lichten Baumhaine in ihrem Inneren entsteht ein zusammenhängender Nachbarschaftsraum, welcher sich von Westen nach Osten erstreckt. Diagonal hierzu verbindet eine Grünvernetzung aus neu gepflanzten Bäumen und einem Radweg das südliche Quartierswäldchen mit dem umgebenden nördlichen Waldstück. Entlang dieser Verbindung befindet sich auch der Quartiersplatz (Norden) und ein Waldsee (Süden). Dieser dient der Versickerung des anfallenden Dach- und Oberflächenwassers und bildet an der Schnittstelle zwischen beiden Teilquartieren einen relevanten naturnahen Lebensraum für ortstypische Flora und Fauna.
ERSCHLIESSUNG
Das Quartier wird verkehrsberuhigt geplant, im Norden des Gebiets liegt ein Mobilitäts-Hub mit Sharing-Angeboten, Ladestationen sowie Stellplätzen für PKWs und Fahrräder für Besuchende und Anwohnende in einem viergeschossigem Holzbau-Systemparkhaus. Darüber hinaus werden im südöstlichen Quartier Stellplätze in einer Tiefgarage angeboten, die über den nördlichsten Baustein des Quartiers angefahren werden können. Die Zufahrt für PKWs des Individualverkehrs endet hier. Die Tiefgarage befindet sich unter den ohnehin versiegelten Gebäudebausteinen und lässt den Innenbereich des Baumhains frei von Unterbau, sodass dieser Raum erhalten bleibt für die Pflanzung von Großbäumen. Lediglich Fahrzeuge der Müllentsorgung, der Feuerwehr und etwaige Umzugsfahrzeuge können das Gebiet nördlich beziehungsweise westlich umfahren. Somit mündet der Bedarfsverkehr der Ver- und Entsorgung an der südlichen Straßenschleife am Spatzenweg. Um eine angemessene Versorgung durch den ÖPNV sicherzustellen, werden zwei weitere Bushaltestellen vorgeschlagen. Eine befindet sich an der Quartierszufahrt entlang der Malchinger Straße, an welcher eine bestehende Buslinie lediglich ein weiterer Halt ergänzt wird. Die andere wird im Süden an der Straßenschleife eingefügt, an der auch der Bedarfsverkehr in die südliche Nachbarschaft eingeleitet wird.
KLIMA
Leitgedanke der nachhaltigen Entwicklung des Quartiers war es eine Entsiegelung der vorgefundenen Gesamtfläche vorzunehmen, um bestehende Hitzeinseln rückzubauen. Bis auf den südlichen Bestandsbau, welcher als Nachbarschaftstreff umgenutzt werden wird, wurden die Gebäude des Gebietes zurückgebaut und ihre Fläche entsiegelt, im Zuge des Leitfadens einer Schwammstadt. Der umliegende Wald dient dem Quartier als Feuchtespeicher und Verdunstungsvolumen. Neue Gebäudegruppen beschränken sich auf den Bereich der vorhandenen versiegelten Rodungsfläche inmitten des Waldgebietes. Eine Durchlüftung des Gebietes erfolgt in Süd-West-Richtung durch die einzelnen Quartiersbausteine hindurch und von Wald zu Wald. In einer neuen Grünvernetzung zwischen diesen Waldgebieten werden neue klimaresistente Arten (Großbäume) gepflanzt, welche ebenfalls in Zukunft zum Quartiersklima beitragen werden. Durch die Kombination aus Quartiers- und Tiefgarage wird eine zusätzliche Unterbauung des Perimeters minimiert. Hierdurch entsteht versickerungsfähige Fläche und das Potential einer Schwammstadtfläche wird maximiert. Regen- und Oberflächenwasser wird außerdem über Retentionsdächer aufgefangen. Die an den mit PV und exzessiver Begrünung ausgestatteten Retentionsdächern stattfindende sofortige Verdunstung und Rückführung des Wassers in seinen Kreislauf führt zu einem lokalen Kühleffekt und somit einem angenehmen Stadtklima. Wir schlagen den Verzicht einer zusätzlichen Unterbauung der Quartiersgarage vor und sprechen uns für eine Quartiersgarage aus Holz mit umlaufender Fassadenbegrünung aus. Des weiteren empfehlen wir Materialien mit einer CO2-reduzierten Erstellungsenergie.
ARCHITEKTUR
Die beiden entstehenden Teilquartiere fügen sich aus Kombination von je zwei formgleichen polygonalen Bausteinen, welche sich der seriellen Bauweise verpflichten. Gleichzeitig erlauben sie jedoch Unterschiede in ihrer Ausführung, um auf differenzierte räumliche und wohnungswirtschaftliche
Anforderungen eingehen zu können. Ebenso ermöglichen die kombinierten Bausteine Staffelungen in ihrer Höhe. Durch eine Trennung der beiden Polygonformen in ihre ursprüngliche Einzelform, entstehen im Westen des Gebietes zwei zum Wald orientierte Hochpunkte. Die Drehung und Orientierung der Baukörper verstärkt die Verbindung des Baumhains im Inneren der Höfe zu der umgebenden Waldsilhouette. Die Gebäude stehen in hellen Farbtönen inmitten des umgebenden Naturraums.
Konstruktion
Die Baukörper lassen sich sowohl als verputzte Dämmziegelkonstruktion mit nachweislicher Co2- reduzierter Brennenergie, aber auch als Holzkonstruktionen oder Holz-Hybrid-Konstruktionen errichten. Gleichermaßen vereinen Sie seriell gefertigte Bauteile – wiederkehrende Elemente wie Treppen, Bäder, Filigran-/ Elementdecken und Balkonfertigteile – mit in ihrer Gestalt freien Details. Dies schafft Vorteile sowohl im Massivbau aber auch im Holz beziehungsweise Holz-Hybrid-Bau. Die entstehende Atmosphäre und äußere Anmutung der Baukörper sowie ihre Wirkung auf die Frei- und Straßenräume profitiert von der baulichen Varianz der einzelnen Bausteine des Quartiers. Alle Wohnungen sind natürlich – über Fenster – zu belüften, der Minimal-Feuchteschutz nach DIN 1946/6 wird durch Fensterfalzlüfter, Ablufteinrichtungen der Bäder und Türunterschnitte erzielt. Die Gebäude verfügen über angemessen hoch gedämmte Gebäudehüllen (je nach Förderanspruch des Bauherrn).
Insgesamt stellt die gezeigte Quartiersentwicklung eine positive und in ihrer Wirkung heitere Setzung für die Stadt Fürstenfeldbruck da.
Beurteilung durch das Preisgericht
Die städtebauliche Konzeption überzeugt durch den konsequent verfolgten Ansatz, ein Gefüge von polygonalen Gebäuden in einen Wald zu stellen und damit möglichst wenig Fläche zu versiegeln.
Der Auftakt zum Quartier an der Malchinger Straße mit Umwandlung des Bestandsgebäudes in einen Nachbarschaftstreff wird sehr positiv bewertet.
Die Höhenentwicklung mit bis zu acht Geschossen wird zwar kritisch diskutiert, aber letztlich positiv gesehen. Sie setzt selbstbewusste Akzente in der Umgebung. Die Gebäudegeometrie und Struktur verspricht Qualität und einen eigenen Charakter und stellt eine Bereicherung für die Nachbarschaft dar.
Die gezeigte architektonische Qualität überzeugt. Es wird allerdings in der Abhängigkeit der städtebaulichen Qualität von der hochwertigen Umsetzung in dieser Ausgestaltung ein Risiko gesehen.
Die Grundrisse versprechen eine große Vielfalt, insbesondere durch die gut gewählten Gebäudeformen. Die zwingende Zuordnung der unterschiedlichen Wohnungsgrößen über die Geschosse wird kritisch gesehen, insbesondere die entstehenden „Penthouse-Wohnungen“ im freifinanzierten Bereich.
Eine bessere Durchmischung der geförderten Wohnungen im Quartier wäre wünschenswert.
Die gleichartige Verteilung und Ausrichtung der Baukörper erschwert eine klare Adressbildung. Die Wegeführung ist wenig intuitiv, eine Orientierung schwierig.
Die Quartiersgarage fügt sich durch Ausrichtung und Gestaltung gut ein. Allerdings werden nur wenige Stellplätze untergebracht, weshalb eine große und aufwändige Tiefgarage errichtet werden muss, die weit in das Quartier eingreift.
Das Konzept für die Feuerwehraufstellflächen wird gewürdigt, wirft in der genauen Betrachtung jedoch Fragen auf.
Die Freiflächen werden zu wenig ausdifferenziert. Die Hofhaine unterscheiden sich wenig von den umliegenden Bereichen. Bei der Anordnung der belebenden Erdgeschossnutzungen bleibt der Entwurf unentschieden, womit ein Potenzial für eine bessere Orientierung und Belebung verschenkt wird. Insbesondere wird angezweifelt, ob der Quartiersplatz ohne die zusätzlichen belebenden Nutzungen in der dargestellten Konzeption tragfähig ist.
Der Baumbestand kann weitgehend erhalten werden und wird großzügig ergänzt. Allerdings wird es viele Jahre brauchen, bis die Neupflanzungen die gewünschte städtebauliche Wirkung entfalten. Der "Waldsee" wird aufgrund der Bodenverhältnisse nur mit sehr hohem Aufwand umsetzbar sein.
Die innere Gebäudeerschließung ist insgesamt effizient, die großzügigen Eingangssituationen im Erdgeschoss werden begrüßt. Der Unterhalt der Freiflächen wird voraussichtlich einen hohen Aufwand für die Hausgemeinschaft darstellen. Die Vermarktbarkeit der Wohnungen wird kritisch gesehen.
Der Entwurf stellt einen außergewöhnlichen und mutigen Beitrag dar, der durch die selbstbewusste Konzeption und bewusst urbane Setzung überzeugen kann. Die Freiräume erscheinen dagegen zu gleichförmig.
©Palais Mai GmbH
Abgabe Modell
©Palais Mai GmbH
Lageplan
©Palais Mai GmbH
Piktogramm Nutzungen