Einladungswettbewerb | 11/2024
Wohnungsneubau Görresstrasse in Erding
©zillerplus Architekten und Stadtplaner
Perspektive
3. Preis
Preisgeld: 8.000 EUR
zillerplus Architekten und Stadtplaner GmbH
Architektur
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Verfasser:
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Mitarbeitende:
Maria Ladygina, Julius Seiters, Swantje Meiners, Franziska Hay
BEM : Burkhardt | Engelmayer | Mendel Landschaftsarchitekten Stadtplaner Partnerschaft mbB
Landschaftsarchitektur
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Verfasser:
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Mitarbeitende:
Erläuterungstext
ARCHITEKTUR IM DUO Das Don-Camillo-Peppone-Prinzip
Zwei Paare für die Baugenossenschaft Erding e.G. in der Görresstraße
Zwei Paare für die Baugenossenschaft Erding e.G. in der Görresstraße
Die Bestandsgebäude beziehen ihren unverkennbaren Charme aus einer Haltung, die sich in einer fast schelmischen Direktheit ausdrückt. Sie sind sperrig, eigenwillig und bedürfen keiner besonderen Anstrengung, zu gefallen. In ihrem unaufgeregten Dasein treten sie selbstbewusst neben die Neubauten, die eine klare architektonische Position vertreten. Diese Neubauten interpretieren eine „Neue Sachlichkeit“, inspiriert von den Ideen der 1920er und 30er Jahre – eine Formsprache, die sich an der Funktion orientiert und im zeitgenössischen Kontext eine ebenso starke Präsenz zeigt.
Ähnlich wie Don Camillo und Peppone, deren gegenseitige Konkurrenz in tiefer Vertrautheit wurzelt, stehen diese beiden Gebäudetypen nebeneinander, verbunden und doch kontrastierend. Beide ergründen auf unterschiedliche Weise zeitgemäße Lösungen und Ansätze. So, wie Peppone – Kommunist und zugleich gläubiger Unternehmer – und Don Camillo – ein Mann christlicher Nächstenliebe – ihre Differenzen überwinden, ist auch die Beziehung von Alt und Neu in der Bebauung der Görrestraße nur als Einheit denkbar.
Materialität und Gestalt – Einfachheit und Komplexität in Harmonie
Die Architektur folgt dem Grundsatz „Neue Sachlichkeit und intelligente Einfachheit“ – eine Formel, die Einfachheit und Komplexität in Balance bringt. Die Gestalt basiert auf dem Prinzip „It is what it is“, das die Themen der seriellen Bauweise direkt und ungeschönt wiedergibt. Ein konstruktiver Holzbau bildet das strukturelle Rückgrat des Entwurfs, wobei das Material Holz die bauliche Form prägt und durch das sinnvolle Zusammenspiel mit anderen Baustoffen ergänzt wird, abgestimmt auf deren spezifische Eigenschaften in Tragfähigkeit, Dämmung, Brennbarkeit und Lichtdurchlässigkeit.
Die Gebäudestruktur – Adaptivität als Bauprinzip
Die Gebäudestruktur basiert auf einem adaptiven, modularen System vorgefertigter Wände, Decken und Sanitärkerne. In Kombination mit einer klaren, funktional durchdachten Grundrissstruktur entsteht eine innere Logik, die das Gebäude flexibel und zukunftsfähig macht. Die Struktur unterstützt die Vereinbarkeit von Pragmatismus und Ästhetik – eine Kernidee des Entwurfs.
Einfachheit – die Essenz der Funktionalität
Ein durchgängiges Prinzip der Einfachheit prägt das Gebäude – von der klaren Grundrissstruktur, die das Tragwerk und die vorgefertigten Bauteile definiert, bis hin zur Gebäudetechnik, die auf das Wesentliche reduziert ist. Die Raumorganisation mit an der Außenwand angeordneten Räumen und Sanitärkernen ermöglicht eine natürliche Lüftung. Alle technischen Systeme sind effizient und konzentriert in den vorgefertigten Sanitärkernen zusammengefasst.
Erschließung – Effizienz in Bewegung
Die Erschließung folgt einer funktionalen Logik: Ein nordseitiger Laubengang mit einem zentralen Aufzug und einer Treppe pro Gebäude optimiert die Zugänglichkeit und reduziert infrastrukturelle Komplexität. Die Planung fokussiert auf eine nachhaltige und klare Wegführung, die sich dezent ins architektonische Gesamtkonzept fügt.
Mobilität – vorausschauendes Denken im Wandel
Die Mobilität wird als integrativer Bestandteil des Entwurfs begriffen und bleibt flexibel: Im ersten Bauabschnitt wird das Gebäude kostensparend ohne Tiefgarage und mit minimalem Untergeschoss gebaut. Die Abstellräume sind im Dachgeschoss als thermische Pufferlösung untergebracht. In der Zeit bis zum zweiten Bauabschnitt kann ein Mobilitätskonzept reifen: Entweder wird der Stellplatzbedarf durch Duplexparker nachgewiesen, falls weiterhin eine hohe Stellplatzanzahl erforderlich ist, oder durch eine reduzierte Tiefgarage mit ebenerdigen Stellplätzen, wenn der Bedarf an PKW-Stellplätzen durch die Umsetzung eines Mobilitätskonzepts sinkt. Die Tragsysteme der Gebäude und der Tiefgarage sind aufeinander abgestimmt, um wirtschaftlich bauen zu können.
Mehrwert – Licht, Luft und Gemeinschaft
Die strukturierte Klarheit des Entwurfs beschleunigt den Bauprozess und reduziert Kosten, was für die Baugenossenschaft günstige Mieten bei hoher Wohnqualität ermöglicht. Die durchdachte Grundrissstruktur sorgt für eine optimale Tageslichtnutzung und Querlüftung, was genossenschaftliche Werte wie gemeinschaftliches Leben und individuellen Rückzug unterstützt sowie gleiche Bedingungen für alle zu schaffen. Das Dach bietet neben den Abstellräumen auch Platz für gemeinschaftliche Räume wie Wasch- und Trockenräume, eine Bibliothek und Veranstaltungsräume – ein Mehrwert, der Gemeinschaftsgefühl und Wohnqualität vereint.
Der Bestand – Sanfte Eingriffe zur Aufwertung
Die Eingriffe in den Bestand sind minimal und behutsam gewählt, um die Gebäudehülle zu ertüchtigen und zugleich die Dualität zwischen Bestand und Neubau zu bewahren und zu stärken. So wird eine gegenseitige Wertschätzung von Alt und Neu erzeugt, die in ihrer Wechselwirkung für eine Aufwertung des Quartiers sorgt.
Ein ganzheitlicher Ansatz – Architektur für Menschen
Unseren Entwurf begleitet ein ganzheitlicher Ansatz, der auf die Menschen, den Ort und die Nutzungsbedürfnisse ausgerichtet ist. Die Architektur vermittelt eine vernakulare Einfachheit, die die Funktionalität sichtbar macht und eine schlichte Schönheit verkörpert. Wir hinterfragen Bestehendes und lernen kontinuierlich aus unseren Erfahrungen. Unsere Projekte verstehen wir als forschungsgeleitete Planungsprozesse, die Wissen vermehren und durch Präzision zu zeitgemäßen Lösungen führen.
Landschaftsarchitektur
An der Görresstrasse entsteht ein attraktives Vorfeld. Die Eingänge zu den neuen Gebäuden befinden sich an Aufweitungen des Gehwegs. Die Stellplätze aus Rasengittersteinen werden von Bäumen überschattet. Zwischen den Giebelseiten der Gebäude befinden sich die geforderten Fahrradabstellplätze, aber auch vor den Gebäuden sind weitere Fahrradstellplätze möglich. Ebenfalls zwischen den Gebäuden führen neue Wege in die einfach gestalteten gemeinschaftlichen Grünflächen mit der Option auf eine Anbindung an den zukünftigen Grünzug im Süden. In den Gemeinschaftsflächen befinden sich ruhige und geschützte Angebote für Kinderspiel aber auch alle anderen Altersgruppen. Den Erdgeschoßwohnungen sind im Bestand wie im Neubau Austritte und Terrassen zugeordnet. Das Regenwasser wird nun auf der Parzelle versickert so dass die neuen Bäume und Sträucher nachhaltig ohne künstliche Bewässerung gedeihen. Die lineare Retentionsmulde im Süden schafft einen durchlässigen Rand zum zukünftigen Park. Im Norden werden Rigolen unter den Stellplätzen angelegt.
zillerplus Architekten und Stadtplaner GmbH
Michael Ziller, Architekt BDA DWB Stadtplaner
Franziska Hay, Maria Ladygina, Swantje Meiners, Julian Seiters, Robert-Christopher Tubbenthal
Landschaftsarchitektur
Burkhardt | Engelmayer | Mendel Landschaftsarchitekten Stadtplaner Part mbB
Oliver Engelmayer, Dipl. Ing. TUM Landschaftsarchitekt
Nicolas Pathin
Beurteilung durch das Preisgericht
Städtebau inkl. Freiraum- und Außenanlagen
Die Neubauten bilden mit ihrer klaren Längsausrichtung eine selbstverständliche Ergänzung des Bestandes. Die Erschließung und die Freiflächen sind funktional und sachlich gestaltet und passen damit gut zur Systematik des Wohnungsbaus. Das Freiflächenkonzept beschränkt sich auf die Erschließungszonen mit Rad-Stellplätzen und zwei kleinen Spielplätzen, die teilweise vor den Terrassenbereichen der EG-Wohnungen liegen. Die Radstellplätze sind nur teilweise überdacht. Ihre Massierung entlang der Gebäudefassade und die Müllstandorte an den Görrestraße tragen nicht zur positiven Adressbildung bei.
Architektur
Die Erschließung im Gebäude ist reduziert und effizient, lässt aber noch keine große Aufenthaltsqualität erkennen. Dabei wirkt die absturzsichernde Fassadenstruktur übermotiviert und als Gegensatz zur traditionellen Aufteilung des Bestandes. Diese Gestaltungselement wäre besser dahingehend genutzt, den zurückhaltenden Ansatz des Gebäudes zu stärken und es mit dem Bestand in Verbindung zu bringen. Die durchgesteckten Grundrisse sind gut nutzbar, allerdings wird die witterungsungeschützte Erschließung über die schmalen Laubengänge kritisch gesehen.
Funktionalität
Die Anordnung der Tiefgarage am östlichen Ende widerspricht dem Vorhaben einer geordneten Baureihenfolge mit Umsetzung der Bestandsmieter und dem Nachweis der notwendigen Stellplätze währen der Bauphase. Positiv wird der Ansatz gesehen, dass nur ein Gebäude mit einer Tiefgarage vorgesehen wird. Die Umsetzung erscheint aber zweifelhaft, da das Duplexsystem in der Erstellung wegen des Grundwasserstands unangemessen aufwendig und im Betrieb unwirtschaftlich sind. Vermutlich wird doch eine zweite Tiefgarage erforderlich.
Wirtschaftlichkeit
Die Flächenausnutzung ist überdurchschnittlich und die Anzahl der Wohnungen liegt im mittleren Bereich. Dabei lässt die klare Baukonstruktion eine wirtschaftliche Erstellung erwarten. Die ruhigen Dachflächen ermöglichen die einfache Nutzung für Photovoltaikanlagen, mit der zugehörigen Technik im Dach. Die konsequente Holzkonstruktion ist ein Beitrag zur CO2-Reduzierung. Für den Bestand wird eine einfache Sanierung der Oberflächen vorgeschlagen.
Die maßgebende Grundfläche sowie die maßgebende Firsthöhe werden eingehalten. Mit der angebotenen Geschossigkeit und der daraus resultierenden Wandhöhe fügt sich die Arbeit nicht ein. Ein Bebauungsplan zur Genehmigung des Vorhabens ist erforderlich.
Der einfach strukturierte und auf wenige Details reduzierte Entwurf beschränkt sich auf das Wesentliche und bietet in seiner Klarheit ein Potential für den rationellen Wohnungsbau und die Genossenschaft.
©zillerplus und BEM
Lageplan und Ansicht Nord
©zillerplus Architekten und Stadtplaner
Grundriss Regelgeschoss