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Nichtoffener Wettbewerb | 05/2026

Zukunft Stadthaus-Areal in Bonn

Perspektive Elisabeth-Selbert-Platz
8

Perspektive Elisabeth-Selbert-Platz

Anerkennung

Preisgeld: 40.000 EUR

5BWS Generalplanung

Architektur

ppp architekten + stadtplaner

Architektur

Stadtplanung Zimmermann

Stadtplanung / Städtebau

club L94

Landschaftsarchitektur

KEMPEN KRAUSE INGENIEURE GmbH

Tragwerksplanung, Brandschutzplanung

MNP Ingenieure

Energieplanung, Nachhaltigkeitskonzept

Erläuterungstext

Stadthaus und Stadtraum im Dialog
Das fast 50 Jahre alte Stadthaus in Bonn – ein typischer Verwaltungsbau der 60er Jahre – muss saniert werden. Unsere Ausgangsfrage war: Was hat sich bewährt und welche Aspekte haben nicht funktioniert? Auf dieser Grundlage haben wir ein Zukunftskonzept entwickelt, das die bisherige Schwäche der Gebäude – ihre Isolation – auflöst. Die Parkgarage, die bisher als Sockel aller Türme dient und das Gebäude von seinem Umfeld abschottet, könnte weichen. So wären die Türme freigestellt und ein offenes Erdgeschoss könnte sich auf vielfältige Weise mit dem hinzugewonnenen Außenraum verzahnen und als Bindeglied zwischen Stadthaus und Stadtraum fungieren. Der Erhalt und die Aufstockung von fünf Türmen unter Wahrung ihrer gestalterischen Qualitäten und Hinzunahme einer nachhaltigen Energieversorgung, würde die Ursprungsidee der Bebauungszeit nicht nur aufgreifen, sondern wortwörtlich überhöhen. Das Mix-Use-Konzept aus Verwaltung, Wohnen, Kita, Pflege- und Versorgungseinrichtungen wäre die Grundlage für ein lebendiges, zukunftsfähiges Quartier. Der Neubau eines Turmhauses und die Differenzierung des Außenraums in Stadtplatz, Bürgergarten, Sonnentreppe und Spiellichtung würde nicht nur den unterschiedlichen Nutzungen dienen, sondern neue Verbindungen in die umliegende Stadt schaffen.

Beurteilung durch das Preisgericht

Der Projektbeitrag baut den Sockel des Bestandsgebäudes zurück, so dass die Bestandstürme freigestellt auf der Stadtebene zu stehen kommen. Dies fördern die starke Durchwegung und Barrierefreiheit des Grundstücks.
Im Zentrum des Gebäudeensembles kann so eine Durchwegung des Grundstücks entstehen, vom Berliner Platz im Süden hin zur Weiherstraße im Norden. Entlang dieser neu entstandenen Achse liegen die Hauptzugänge zum Stadthausfoyer, zu den Wohnnutzungen, zur Kita und zur Gastronomie. Die Achse dient damit als strukturgebender Erschließungsstrang.

An den Grundstücksecken werden drei großzügige Freiräume geschaffen, die als Vorzonen der dahinterliegenden Nutzungen fungieren. Sie generieren eine hohe Aufenthaltsqualität, tragen – zusammen mit der Nord-Süd Achse zur Belebung des Stadtaushausquartiers bei und sind nach dem Schwammstadtprinzip entwickelt. So wirken sie dem jetzigen Problem der Hitzeinsel entgegen: Der Stadtplatz als Vorzone zum Stadthausfoyer, die Spiellichtung als Vorplatz zu den Wohnnutzungen sowie der Bürgergarten als Übergang zur Nord-Süd-Durchwegung. Diese Anordnung stärkt die Orientierung und die Verbindung mit dem Quartier, bildet klare Adressen für die Nutzungen und erhält bestehende Grünräume und gewachsenes Erdreich. Die Anordnung öffentlicher Nutzungen im Erdgeschoss schafft auf Stadtebene eine wohltuende Belebung der Fassaden, die heute noch den Autos zur Verfügung stehen.

Ein neuer Turm im Südwesten des Grundstücks, der sich mit seinem quadratischen Grundriss und den Maßen der Bestandsbauten harmonisch in das Ensemble einfügt, ergänzt die Verwaltung in den Türmen A, B und C.
Allerdings erscheinen die Flächen im neuen Turm stark von der restlichen Verwaltung separiert, zumal wichtige Informationen zur Integration und zur skizzierten Passerelle und ihrer Funktionsweise im Detail fehlen.

Der zusätzliche Turm am Berliner Platz verstößt zudem gegen grundlegende Festsetzungen des Bebauungsplans und tangiert die Grundzüge der Planung erheblich, so dass für den Teilbereich des Areals von einer Bebauungsplanänderung auszugehen ist. Eine damit einhergehende etappenweise Realisierung des Gesamtkonzepts ist jedoch grundsätzlich denkbar.

Der allseitig freistehende Turm »Delta« nimmt im Erdgeschoss an einer sozial sensiblen Stelle neben zwei Ladennutzungen introvertierte Nutzungen wie Anlieferung und Hausmeisterräume auf. Diese verstärken den Rückseiten-Charakter an dieser Stelle und werden im Hinblick auf die soziale Kontrolle kritisch bewertet, insbesondere außerhalb der Öffnungszeiten.

Auch die Nord-Süd Passage, die nach Schließung der Stadtverwaltung die wohltuende Allseitigkeit der Tagesnutzung verliert, wird vor diesem Hintergrund kritisch hinterfragt. Die Anbindung an die Loggia über einen neuen Passerellen-Aufgang mag noch nicht zu überzeugen. Die spindelförmige Fußgängerrampe scheint zu kurz, der Raum darunter wird zu einem Restraum und die Nordsüddurchquerung läuft hier ins Leere. Insgesamt wirkt die Gestaltung zur Berliner-Platz-Seite hin im Vergleich zum restlichen Grundstück weniger ausgearbeitet.

Überzeugend ist der Durchgang durch das öffentliche Foyer vom Stadtplatz zur Stadthaus-Forum. Er unterstützt die Orientierung innerhalb der Verwaltung sowie die Durchlässigkeit im Areal während der Öffnungszeiten. Vom Foyer aus erfolgt auch der Zugang zum Sky-Restaurant und zur Aussichtsterrasse. Dass diese keinen separaten Zugang erhalten, beeinträchtigt die Nutzungsqualität außerhalb der Öffnungszeiten.

Die OG der Türme werden um ein oder zwei Geschosse aufgestockt und die Technikgeschosse umgenutzt. Auf den neuen Dachflächen entsteht Platz für eingerückte Technikaufbauten und begrünte Terrassen.

Die Verwaltung ist in drei Zonen organisiert (öffentlich im EG und 1. OG, halböffentlich im 2. und 3. OG, intern ab dem 4. OG), was grundsätzlich nachvollziehbar ist. Die dezentrale Anordnung der serviceorientierten Verwaltungseinheiten im Sockelbereich erscheint jedoch aus Nutzersicht problematisch. Insgesamt können die funktionalen Zuordnungen und Wegeführungen für die öffentlichen und halböffentlichen Nutzungen noch nicht überzeugen.

Die bauplanungsrechtliche Umsetzbarkeit ist zudem derzeit nicht gegeben, da die Büronutzung im aktuellen
Bebauungsplan nicht vorgesehen ist. Ein etappenweises Vorgehen könnte hier möglicherweise Abhilfe schaffen. Trotz hoher Fensterformate in den Türmen sind die Tiefen der Sockelbereiche und Flure überwiegend künstlich belichtet, was die Nutzungsqualität mindert und energetisch unbefriedigend erscheint.

Die Wohnungen in den Türmen D und E sind als ein- oder zweiseitig belichtete Einheiten mit Freisitzen konzipiert und bieten eine hohe Wohnqualität. Das Fehlen von Studierendenwohnungen ist jedoch bedauerlich, da die Studierenden im urbanen Kontext der Nordstadt eine wichtige Zielgruppe darstellen und zur sozialen Durchmischung beitragen könnten.

Das ambitionierte Nachhaltigkeitskonzept, das auf Ressourceneffizienz setzt, überzeugt und schreibt die Zirkularität in den Entwurf ein. Der methodische Lösungsansatz ist konsequent und vor allem robust an die vorgefundene Bestandssituation anpassbar. Er wird nicht nur aus ökologischen, sondern auch aus historischen und identitätsstiftenden Gründen begrüßt. Dabei wird das Stadthaus als wertvolles Materialdepot begriffen. Die Wieder- und Weiterverwendung von Natursteinbelägen, Aluminium-Fassadenpaneelen, Ausbaumaterialien und Einrichtungen (wie Ratssaaldecke, Einbaumöbeln und Bartresen) sowie ein geschlossener Ressourcenkreislauf mit drei Materialströmen zeigen, wie das wertvolle Materialdepot des Bestands für Um- und Neubau genutzt werden kann. Durch die direkte Wiederverwendung von Elementen wie den Pflanztrögen und das sortenreine Recycling von Glas, Aluminium und Betonbruch wird ein Beitrag zur Kreislaufwirtschaft geleistet.

Interessant erscheint die Materialität der Fassaden aus keramischen Fassadenlisenen und die Eigenverschattung durch Fassadenschwerter, die sowohl gestalterisch als auch energetisch sinnvoll sind. Sie verleihen der Fassade eine Tiefe und wirken der Monotonie der großen Fassadenflächen etwas entgegen. Die Dominanz des Ratssaals, der sich als additives Volumen über den Elisabeth-Selbert-Platz schiebt, wirkt mit seinem großen Panoramafenster und der starken Präsenz auf die umliegenden Nutzungen überzogen und irritiert angesichts des Konzepts, das über den Sockelrückbau die Aktivierung der Erdgeschosszone schaffen möchte. Die erhaltenswerten Momente des 70er-Jahre-Baus gehen durch diese Eingriffe am Haupteingang verloren, und es wird ein neues Ensemble generiert, das das Thema der Suffizienz nicht ausreichend vermittelt.

Die verkehrliche Erschließung wirft Fragen auf, denn das Projekt bleibt an dieser Stelle schematisch. Das automatisierte Parken im Untergeschoss ist unklar und nicht prüfbar, was Zweifel an der Umsetzbarkeit aufkommen lässt. So gibt es bei den Fahrradstellplätzen ein erhebliches Flächendefizit, was die Ziele der Verkehrswende untergräbt. Auch die Einbindung des Mobilitätshubs ist nicht nachvollziehbar und bedarf einer Konkretisierung. Die Anforderungen an den Wirtschaftshof und die Anlieferung werden lediglich durch eine Ladebucht erfüllt. Das dadurch unvermeidliche Rangieren auf der öffentlichen Verkehrsfläche unmittelbar vor der Tiefgaragen-Zu- und Ausfahrt ist wie dargestellt nicht umsetzbar. Insgesamt wird eine überzeugende Konzeption der Untergeschosse vermisst, die für die Nutzungsflexibilität und Zukunftsfähigkeit des Projekts entscheidend wären.

Das Freiraumkonzept entwickelt sich aus den großen Potentialen der „Erdung“ und neuen Setzung der Gebäude auf den Stadtboden. Die Verfasser*innen entwickeln ein zusammenhängendes Freiraumgefüge aus einem urbanen Auftakt im Eingangsbereich, einem größerem öffentlichen Pocketpark am Jan-Loh-Platz und ergänzenden Spielräumen in unmittelbarer Nachbarschaft zum Kindergarten. Im Inneren entstehen gut nutzbare Promenaden und Platzflächen mit überzeugenden Vernetzungsqualitäten zu den angrenzenden Gebäuden. Die spiralförmige Rampenanbindung nach Süden kann auch in freiraumgestalterischer Hinsicht nicht überzeugen. Ein höherer Grünanteil in den großen Pflasterbereichen könnte gestalterisch und mikroklimatisch ein Zugewinn sein. Zudem bedarf es weiterer Ausführungen zur Regenwasserretention.

Die Lösungsansätze für die technische Gebäudeausrüstung bergen noch Widersprüche. Die Technikräume sind deutlich umfangreicher als angestrebt, ohne dass hierfür der Bedarf näher konkretisiert ist, bietet jedoch für die Umsetzung Spielräume. Die Heizung und Kühlung über Deckenstrahlelemente in Verbindung mit reversiblen Wärmepumpen ist ein gutes Konzept. Es ist dagegen nicht nachvollziehbar, wie über die beschriebenen Lüftungsflügel ausreichende Luftmengen in das Gebäude hineingebracht werden können. Insgesamt sind die Überlegungen zum Lüftungskonzept noch nicht nachvollziehbar.

Das statische Konzept sieht vor die Tragstruktur aller Türme zu erhalten. Zusätzlich werden in den unteren sechs Geschossen Wandscheiben in Form von Auskreuzungen vorgeschlagen. Dadurch besteht die Chance, die Gebäude auch nach der aktuellen Normung auszulegen. Für die Gebäude A, B und C erscheint dieses Konzept auch in den Plänen nachvollziehbar dargestellt. Bei den Gebäuden D und E sind die Wände nicht vollständig in den Grundrissen nachvollziehbar.

Insgesamt wird ein integrales tragwerksplanerisches Konzept, das auch die Besonderheiten der Arbeit berücksichtigt vermisst (z.B. Konzept auskragender Ratssaal, Gründung, Fortsetzung in den Untergeschossen).

Die Brandabschnittsbildung im Sockelbereich ist unvollständig, eine Anpassung ist insbesondere wegen der geschoßübergreifenden Lufträume problematisch und erfordert vermutlich substanzielle Eingriffe in den Entwurf. Sicherheitstreppenräume und Feuerwehraufzug sind nur ansatzweise angedeutet. Die geplanten Aufstockungen im Hochhausbereich in Holzbauweise sind nur mit erheblichem Kompensationsaufwand umsetzbar.

In wirtschaftlicher Hinsicht liegen die Kennwerte der Arbeit im durchschnittlichen Bereich. Aufgrund der unterschiedlichen Sonderbauteile wird jedoch die Wirtschaftlichkeit für Instandhaltungs- und Pflege eher ungünstig bewertet.

Die Arbeit überzeugt vor allem durch ihren pragmatischen Ansatz der „Erdung“ des transformierten Ensembles sowie durch ihre durchdachtes Materialstromkonzept für den Umgang mit dem Bestand. Allerdings bleiben in funktionaler und auch städtebaulicher Hinsicht viele Fragen ungelöst, so dass das Potenzial des Lösungsansatzes nicht ausgeschöpft wird.
Lageplan

Lageplan

Ansicht Ost

Ansicht Ost

Ansicht Nord

Ansicht Nord

Vision Forumsplatz

Vision Forumsplatz

Perspektive Eingangshalle

Perspektive Eingangshalle

Schnitt Turm B D

Schnitt Turm B D

Schnitt Turm A C

Schnitt Turm A C