Nichtoffener Wettbewerb | 05/2026
Zukunft Stadthaus-Areal in Bonn
6
©h4a Gessert + Randecker Architekten
Anerkennung
Preisgeld: 40.000 EUR
h4a Gessert + Randecker Architekten | h4a Gessert + Randecker + Legner Architekten
Architektur
-
Verfasser:
-
Mitarbeitende:
Jan Daniel, Philipp Kasporick, Marc Escher, Leonard Beltramo, Viktoriia Tsyndrenko, Alexander Zemtsov, Philip Ledwoch, Jonas Fehr, Anica Diberto
Landschaftsarchitektur
-
Verfasser:
-
Mitarbeitende:
Tragwerksplanung
Energieplanung, Nachhaltigkeitskonzept
Brandschutzplanung
Erläuterungstext
Das Bonner Stadthaus Areal wird zum grünen Stadtquartier in der Bonner Innenstadt.
Grüne Bänder durchdringen das neue Quartier und transformieren das Stadthausareal in einen neuen öffentlichen Grünraum als „Grünes Herz“ der Stadt. Die strenge Orthogonalität der bestehenden Gebäudestruktur wird mit einem weichen Freiraumnetz und sich in den Freiraum legenden amorphen Neubauten zu einer baulichen Einheit umwoben. In graduellen Abstufungen werden über den inneren Campus, Freiraum und Gebäude miteinander vernetzt und zu einem zusammenhängenden sich in die Stadtlandschaft integrierenden grünen Campus entwickelt. Die ruhigen fließenden, frei geformten Baukörper bilden gemeinsam mit den orthogonalen Bestandsbauten einen ganzheitlichen Campus, der den Anforderungen eines zeitgemäßen Stadthauses seinen unverwechselbaren Ausdruck verleiht.
Mit dem freien, landschaftlichen Entwurfsansatz gelingt es die strenge Orthogonalität der bestehenden Struktur an seinen Rändern aufzulösen und dem bestehenden Stadthaus den notwendigen Raum im städtischen Gefüge zu geben. Intensive Neupflanzungen von Bäumen auf dem Areal und als „Grüne Filter“ an den Rändern des Campus vermitteln, gemeinsam mit den geschwungenen Neubauten, zwischen der großmaßstäblichen Struktur Stadthauses und der gründerzeitlichen Stadtstruktur des umgebenden Stadtraums.
Der Entwurf lebt von der Transformation der Türme ABC und E und dem spannenden Dialog von Alt und Neu, bei dem das baukulturelle Erbe des Stadthauses erhalten und feinsinnig weiterentwickelt wird. Das Stadthaus der Zukunft setzt ein starkes Zeichen als emblematisches Gebäude. Seine innere Klarheit, seine architektonische Anmutung und Präzision verleihen dem neuen Stadthaus seine Strahlkraft, die Identität mit Urbanität und Freiraum verbindet.
Die bauliche Umsetzung zentraler Themen einer zukunftsorientierten bürgernahen offenen Verwaltung, als lebendiger Ort der Begegnung und des Dialogs, stehen im Mittelpunkt des Entwurfsansatzes. Urbanität, Diversität, Ökologie, Ökonomie, Nachhaltigkeit prägen beispielgebend die vorgeschlagene Neukonzeption des Stadthauses Bonn.
Stadthaus
Der neugestaltete Eingangsplatz ( Elisabeth-Selbert-Platz) führt von der Stadtbahnhaltestelle zum Haupteingang des neuen Stadthauses und der mehrgeschossigen Eingangshalle auf Ebene E-1. Die Kantine mit dem öffentlichen Restaurant folgt dem leicht terrassierten Eingangsplatz. Zur Neugestaltung der Platzfläche und des barrierefreien Zugangs des Haupteinganges werden die vorhandenen Parkdecks im Bereich des Eingangs zurückgebaut und Raum für großkronige Baumpflanzungen auf dem Eingangsplatz geschaffen.
Von der unteren Eingangsebene (E-1) führt innerhalb des mehrgeschossigen Foyers eine tribünenförmige Treppenanlage mit Sitzstufen und Blick über den Eingangsplatz hinauf auf die Hauptebene (E 0). Hier ist der Zutritt in den Bürgerpark mit weiteren Übergang zur Stadtloggia gegeben.
Auf der zentralen Hauptebene (E 0) bildet der zentrale Empfang und der Bürgerservice, der sich mit seinen offenen bürgernahen Beratungsangeboten zwischen den Türmen und den Neubauten frei mäandrierend um die Gebäude legt, den Schwerpunkt des öffentlichen Bereiches des neuen Stadthauses. Die Eingangshalle als zentrales Erschließungselement verbindet über ihr mehrgeschossiges Foyer mit Galerien und offenen Treppen die öffentlichen Ebenen des Hauses miteinander. Bürgerservice, Kultur- und Ausstellungsbereiche, Sitzungssäle und Schulungsbereich verbinden sich über die Geschosse zu einem Raumkontinuum.
Der neu gestaltete zweigeschossige Ratssaal auf der Ebene ( E+1) ist dem dem Eingangsplatz zugeordnet und im Stadtraum öffentlich erlebbar. Hier bildet der Ratssaal, gemeinsam mit den Sitzungssälen, in Verbindung mit dem zentralen Schulungsbereich, die in der Auslobung gewünschte direkten Synergien. Diese Anordnung führt zudem zu einer klaren ebenenreinen Organisation des Hauses im 3-Zonen-Prinzip ohne Durchmischung einzelner Bereiche. Der bisherige, zum Park orientierte Ratssaal wird zukünftig in den Kollaborationsbereich des Stadthauses integriert und ermöglicht auch hier einen Multifunktionsbereich mit zusammenschaltbaren Räumen.
Die Ebenen E+3 – E+16 der drei Türme ABC bilden den Rahmen für den internen Verwaltungsbereich des nach dem 3-Zonen-Prinzip konzipierten Organisations-aufbau des Stadthauses. Die Ebenen der einzelnen Türme können frei bespielt werden. Zur besseren Vernetzung der einzelnen Arbeitsbereiche in den Türmen bildet die zwischen Türmen aufgespannte mehrgeschossige „grüne Halle“ zusätzliche Kommunikationsflächen und offen Besprechungsbereiche für die einzelnen Abteilungen. Die offene Erschließung ermöglicht den Abteilungen in Verbindung mit dem zentralen grünen Treppenhalle, eine leichte und übersichtliche Orientierung im Haus und verbindet diese mit einem einfachen Erschließungsnetz miteinander. Offene und geschlossene Arbeitsbereiche, entsprechend der Auslobung, bieten Raum für zeitgemäße und moderne Kollaborations- und Kommunikationsformen. Freie und offene gestaltete Flure, Aufweitungen der Ebenen und eingestreute Kommunikationszonen geben Raum für eine hochwertige, attraktive, fördernde und innovative Arbeitswelt. Die Skalierbarkeit der Arbeitsbereiche und das Wohlbefinden der Nutzer stehen im Vordergrund des Entwurfs, der Räume unterschiedlichster Proportion vereint und damit das Arbeiten in großen, mittleren und kleinen Gruppen begünstigt. Zwischen den Einzel- und Gruppenbüros befinden sich auf allen Etagen große Besprechungs- und Gemeinschaftsbereiche für informelle Interaktion. Zusätzlich schaffen grüne Terrassen in der vorgestellten “Grünen Halle“ Ausblicke über die Stadt und verbinden das Umfeld des Stadthauses mit der Innenstadt. Großzügige Treppen und offenen Galerien des großen Eingangsfoyers verbinden all diese Bereiche visuell und räumlich miteinander und stärken die Kommunikation zwischen den Nutzungen im Sinne einer bürgernahen Verwaltung.
Stadtgarten
Auf der Hauptebene E 0 befindet sich der Zugang zum oberen Stadtgarten mit Übergang zur Stadtloggia, wie zur Nordstadt über den Jan- Loh- Platz, sowie nach Westen zur Platzfläche an der Franzstraße und Weiherstraße. Am Jan- Loh- Platz führt eine in die Landschaft integrierte Rampenanlage als barrierefreier Zugang hinauf auf die obere Platzebne (E0) unter Erhalt des wertvollen Baumbestandes.
Die Durchwegungen auf dem Campus nehmen so die Wegebeziehungen nach Norden und Süden, sowie nach Osten und Westen auf und vernetzen das Stadthaus mit seiner Umgebung und führen den umgebenden Straßenraum auf die zentrale Platzfläche des Stadtgartens vor dem oberen Eingang des Stadthauses.
Öffentliche Nutzungen ( Cafe, Bürgertreffs, quartiersbezogene Dienstleistungen, workoffice) bespielen die Erdgeschosszonen der Gebäude entlang der öffentlichen Straßen wie auf dem grünen Campus.
In den Park eingebettet ist als zentraler Baustein der neugestaltete und um zwei Geschosse in seiner Höhe reduzierte Turm E. Er bildet das Bindeglied zwischen den orthogonalen Türmen und den frei geformten Neubauten auf dem Campus. In dem offenen, transparenten Erdgeschoss bietet ein Bürgercafe und quartiersbezogene Nutzungen den Besucher des Stadtparks ein attraktives Angebot. Die Kita des Stadthauses auf der Ebene E-1 organisiert, ist vorgelagert ein eigener terrassenförmig gestalteter Freibereich. Sitzstufen und abgestufte Terrassen laden zum Spielen und Klettern ein. In den Obergeschossen bieten die Wohnungen für die Studierenden mit ihren großzügigen Gemeinschaftsflächen einen freien Blick auf den das Gebäude umgebenden Stadtgarten.
Die von der Grundstücksgrenze leicht abgerückten Bausteine führen den inneren Grünraum bis zum öffentlichen Straßenraum und unterstützen den parkartigen Charakter des Gesamtkonzeptes.
Entlang der Weiher Straße bilden die beiden 4-geschossigen amorphen, leicht staffelnden „ Grünen Bausteine“ den Übergang zur Bebauung im Westen. Während der Baustein an der Platzfläche Franzstraße und Weiherstraße sich öffnend zum Stadthaus leitet, bildet der Baustein im Süden an der Brücke den Übergang zur Stadtloggia und den Abschluss des inneren Campus.
Im Erdgeschoss liegt hier der Eltern/ Kindtreff gegenüber dem Zugang zum Stadthaus. In den Obergeschossen, bildet die interne IT-Werkstatt und die Leitwarte eine eigene Nutzungseinheit. Gemeinsam mit dem sich anschließenden Baustein der Wohnungen für Familien und Clusterwohnungen und der Tagespflegeeinrichtung im Erdgeschoss entsteht ein vielfältiges Angebot an unterschiedlichen Wohnformen auf dem Campus.
Beurteilung durch das Preisgericht
Die Verfasser unternehmen den Versuch, das Volumen des Stadthauses sowohl durch direkte Anbauten wie auch durch ergänzende Neubauten städtebaulich einzubinden. Frei und fließend geformte Neubauten entlang der umgebenden Straßen nehmen den Maßstab der umgebenden Blockrandbebauung auf und relativieren den Maßstabssprung zum Stadthaus. Die Türme A-C behalten zwar ihre prägende Wirkung, werden aber deutlich verträglicher ins Stadtgefüge eingebunden.
Westlich und nördlich dieser Hochhäuser entstehen zwischen Türmen und neuer Mantelbebauung Freiräume, die intensiv begrünt und gut belichtet eine hohe Aufenthaltsqualität erwarten lassen. Dabei werden die Straßenräume durch die maßstäblich passenden Neubauten der Mantelbebauung angenehm aufgelockert gefasst. Gemeinsam mit begrünten Freiräumen gelingt eine adäquate stadträumliche Vernetzung.
Die drei hinzugefügten viergeschossige Baukörper entlang der Franz- und Weiherstraße überschreiten zwar die Traufhöhen der bestehenden Straßenrandbebauung geringfügig, dieser Umstand erscheint der Denkmalpflege wegen der aufgelockerten Anordnung jedoch tolerabel.
Die Hauptadresse des Stadthauses richtet sich zum Elisabeth-Selbert-Platz. Von dem dort positionierten Foyer erreicht man ebenerdig neben einem „Schaufenster“ jedoch lediglich die Kantine mit angegliederter Bar, deren direkter Außenraumbezug an dieser Stelle nur wenig Gewinn verspricht. Darüber hinaus dient das Foyer als Eingang, um über eine Treppenanlage das in der höheren Ebene gelegene Bürgerforum und den Wartebereich erreichen zu können.
Dieser Bereich auf dem Niveau des heutigen EG wird ebenerdig über eine in Nord-Süd-Richtung verlaufende grüne Achse erreicht. Aus südlicher Richtung gelangt man über die Loggia bzw. Brücke direkter Verbindung in diesen Außenraum und kann von dort ebenengleich ein weiteres, z.T. zweigeschossiges Foyer des Stadthauses betreten, in dem Empfang und Information positioniert ist. Eine weitere Ebene höher ist wenig prominent der Ratssaal positioniert.
Die Erschließung der repräsentativen Funktionen bietet keine selbsterklärende Orientierung und erscheint auch in dieser Ebene auf Anhieb wenig klar. Die zentrale politische Funktion des Ratssaals findet weder hinsichtlich der internen Erschließung eine angemessene Entsprechung, noch ist die Wahrnehmbarkeit im Stadtraum überzeugend. Innenräumlich erscheinen die umfangreichen nur künstlich zu belichtende Flurflächen unzeitgemäß.
Positiv wird hingegen das Angebot der durchgrünten, sich nach Norden abtreppenden Nord-Südverbindung bewertet, von der die straßenbegleitenden Baukörper ebenfalls erschlossen werden können. Dies unterstützt die soziale Kontrolle und gewährleistet eine ausreichende Frequentierung dieses zentralen Freibereichs. Für eine weitere Belebung wird eine gastronomische Einrichtung vorgeschlagen.
In den Anbauten wird auf dem Niveau der begleitenden Straßen der Versuch unternommen, dort jeweils (Mantel-)Nutzungen mit Öffentlichkeitsbezug unterzubringen und auf diese Weise Interaktion mit dem Umfeld zu ermöglichen.
Kritisch diskutiert wird hingegen die geometrische Ausprägung der frei geformten und sich mittig aufweitenden Baukörper der straßenbegleitenden Neubauten. Die dort vorgesehenen Nutzungen sind in den teils sehr tiefen Baukörpern mitunter wenig effektiv unterzubringen. Grundsätzlich lässt diese architektonische Ausprägung der Neu- und Anbauten mitunter funktionale wie auch wirtschaftliche Nachteile erwarten.
In freiräumlicher Hinsicht schafft der Vorschlag durch ein durchgängiges Freiraumsystem eine gute alltagstaugliche Vernetzung mit dem Stadtteil und eine hohe, auch mikroklimatische günstige Durchgrünung mit neuen raumbildenden Qualitäten. Eine flach ansteigende Rampe im mäandrierenden Verlauf mit eingebetteten kleinen Grünflächen wird zur bestimmenden Entwurfsidee für die Freiraumgestaltung, die teilweise etwas kleinteilig erscheint. Eine Vereinfachung könnte in funktionaler und gestalterischer Hinsicht ein Zugewinn sein. Die gute Zugänglichkeit, Durchgängigkeit und Offenheit der Freiräume lassen eine gute Nutzbarkeit auch für die angrenzende Nachbarschaft erwarten. Das Außengelände der Kita auf Straßenniveau wird begrüßt. Auch der Ansatz, mit einer Vielzahl an Gehölzen eine wirksame Raumbildung zu schaffen und für Schatten zu sorgen, wird positiv beurteilt.
Die technischen Systeme sind beschrieben und schematisch aufgezeigt, die Integration der Systeme in das Gebäude sind aber nicht ausreichend dargestellt. Erhebliche Zweifel bestehen, ob die vorgeschlagene natürliche Lüftung durch kippbare Flügel hinter einer Doppelfassade für die zu belüftenden Raumvolumen ausreicht. Die Integration von Photovoltaik in die Fassade wird begrüßt, kann aber zu einer eine Höhe bis max. 23m installiert werden.
Insgesamt ist die tragwerksplanerische Durcharbeitung mager und widersprüchlich. Es werden nur pauschale und prinzipielle Aussagen getroffen. Das Tragwerk der Neubauten aus Holz auf der bestehenden TG erschließt sich kaum. Die Geometrie der Neubauten oder des Ratssaals erscheinen zudem nicht mit der vorhandenen Tragstruktur der Untergeschosse abgestimmt.
Auch die Themen des Brandschutzes bedürfen der Konkretisierung. Die Brandabschnittsbildung im Sockelbereich fehlt, eine Anpassung ist voraussichtlich nur mit erheblichen Eingriffen in den Entwurf möglich. Die Ausgänge aus Treppenräumen ins Freie sind bei den Türmen A, B, C nachvollziehbar, im Westteil dagegen nicht. Sicherheitstreppenräume und Feuerwehraufzüge sind nicht erkennbar.
Der Ansatz, mit kleinteiligen, „weichen“ Ergänzungen eine stadtverträgliche Integration des Stadthausvolumens zu bewirken wird ebenso anerkannt wie die Idee, im Westen und Norden mit Hilfe einer kleinteiligen Bebauung angenehme und gut aneigenbare Stadträume zu schaffen.
Im Detail weist der Entwurf jedoch Schwächen hinsichtlich der Orientierung und Funktionalität auf und positioniert entscheidende Funktionen wenig repräsentativ.
Vogelperspektive
©h4a Gessert + Randecker Architekten
Lageplan
©h4a Gessert + Randecker Architekten
Ansicht Nord
©h4a Gessert + Randecker Architekten
Piktogramm Freiraum
©h4a Gessert + Randecker Architekten
©h4a Gessert + Randecker Architekten