Prolog – Die Neue Dauerhaftigkeit der Moderne
Vittorio Magnago Lampugnani schrieb 1995 in seiner wegweisenden Schrift „Die Modernität des Dauerhaften“: Die Entscheidung gegen den Ersatz – gegen Abriss und Neubau – zugunsten der Wartung, Sanierung und Weiternutzung sei zunächst eine kulturelle Entscheidung. Doch in der gegenwärtigen Situation werde sie zum „existenziellen Imperativ“. Wir müssen unsere Wünsche und Bedürfnisse darauf einstellen, möglichst wenig zu verbrauchen und nur das wirklich Notwendige zu produzieren – und dabei zugleich unsere Eigenständigkeit und unsere Wertvorstellungen erhalten.
Dreißig Jahre nach diesem Satz stehen wir vor dem Stadthaus Bonn – und diese Worte haben nichts an Schärfe verloren. Im Gegenteil: Sie sind zur Grundbedingung geworden.
In genau dieser Geisteshaltung begreifen wir unseren Entwurf. Was einst der Traum der autogerechten Stadt der 1970er Jahre hervorbrachte, wird heute zur Grundlage einer neuen Vision: „Die Neue Dauerhaftigkeit der Moderne.“ Das Stadthaus mit seiner konsequenten Struktur, seiner robusten Konstruktion und seiner eingeschriebenen Logik ist auf diese Transformation vorbereitet. Unsere Aufgabe als Architekten ist es nicht, uns zu beweisen – es gilt, dem Vorhandenen zu dienen. Sich zurückzunehmen. Das Bestehende für eine neue Zukunft zu befähigen.
1 Städtebauliches Konzept – Vom Solitär zur Stadtsymbol
Das Stadthaus Bonn hat bislang eine eigentümliche Existenz geführt: präsent, aber abgewandt. Mächtig, aber introvertiert. Es stand in der Stadt, ohne mit ihr zu sprechen.
Unser Entwurf kehrt dieses Verhältnis grundlegend um. Der Baukörper wird nicht verändert, um ihn gefälliger zu machen – er wird geöffnet, um ihn städtisch zu machen. Die klare Gliederung in zwei aufragende Gebäudeteile mit einem verbindenden „Vertikalen Park“ schafft neue Sichtachsen und Blickbeziehungen, die den Standort mit den umgebenden Quartieren verknüpfen.
Am „Elisabeth-Selbert-Platz“ entsteht ein neues Entree – eindeutig, barrierefrei, einladend mit einer klar ablesbaren Adresse und Eingangssituation. Dieser niederschwellige Zugang öffnet das Gebäude für alle Nutzergruppen im Sinne eines „Bürgerhauses“ barrierefrei und somit Funktionen des öffentlichen Stadtraums als Veranstaltungsbühne einzubeziehen. Seine Lage in unmittelbarer Nähe zum Haupteingang sowie seine visuelle Einsehbarkeit unterstreichen die Offenheit des Hauses im demokratischen Sinne und verleihen ihm eine hohe Präsenz im Stadtraum.
Die bestehenden Grünanlagen am Jan-Loh-Platz bzw. an der Weiherstraße werden zum nördlichen Antritt des grünen Bandes weiterentwickelt. Das zu Wohnzwecken umgenutzte westliche Solitärensemble öffnet sich zu den angrenzenden Straßenräumen und bespielt die Randbereiche der öffentlichen Flächen.
Zentraler Baustein des Konzepts ist die Aktivierung der an die öffentlichen Räume angrenzenden Geschosszonen durch Nutzungen für Begegnung und Kommunikation. Neben der Funktion als Vorplatz und Eingang zum Stadthaus bietet der Elisabeth-Selbert-Platz mit seiner Platzgestaltung und dem Ratssaal einen hohen Grad an Aufenthaltsqualität. Die Freianlagen sowie der nördliche Antritt des Grünen Bandes am Jan-Loh-Platzwerden durch die Gastronomie im Innen- und Außenbereich des Stadthauses belebt. Entlang des Grünen Bandes sorgen die Freibereiche der Kindertagesstätten für Öffentlichkeit und Attraktivität Der Freiraum wird dabei als integraler Bestandteil des Gesamtkonzepts verstanden.
2 Freiraumkonzept – Der Vertikale Park als urbane Ressource
Mit der Transformation des Stadthauses wird das Ensemble von allen Seiten ebenerdig und barrierefrei an die umliegenden Quartiere angebunden und als öffentlicher Ort vom Stadtniveau aus attraktiv erlebbar und erreichbar. So wird der Elisabeth-Selbert-Platz durch eine stufenweise Absenkung der bestehenden UG1-Decke zu einem großzügigen und einladenden Vorplatz mit klarer Adresse für das Stadthaus aufgewertet. Die großzügige Platzfläche ist vielseitig nutzbar und schafft eine gute Übersichtlichkeit, was eine optimale Orientierung ermöglicht. Fahrradfahrende können parallel zur Berliner-Platz-Straße die Rampe in die Fahrradgarage im 1. Untergeschoss erreichen. Nach Norden wird der Platz durch Sitzstufen mit Wasserspiel sowie die Lichtwald-Skulptur vor dem Ratssaal gefasst. Freie Bestuhlung sowie kühlende Wasser- und Nebelelemente schaffen Aufenthaltsqualität und ein angenehmes Mikroklima. Durch die transparente Gestaltung verbindet sich Innen mit Außen und die Arbeit der Stadtverwaltung wird im Stadtraum sichtbar. Gleichzeitig kann bei Veranstaltungen der Saal zum Platz geöffnet werden. Die angrenzenden Straßenräume zur Nordstadt werden als Wohnstraßen ohne Trennprofil ausgebildet. An den Kreuzungspunkten entstehen kleine platzartige Aufweitungen, die die neuen Freiräume des Vertikal Park mit den bestehenden Nachbarschaften der Nordstadt verbinden. Verstärkt wird dies zusätzlich durch die Weiterführung der Kirschbäume aus den ankommenden Straßen auf die Plätze und vereinzelt in den Park. Aufbau mit Zisternen machen den Park klimaresilient und vielseitig nutzbar. Ergänzend entstehen in den nördlichen Bereichen Spiel- und Sportangebote als Schnittstelle zu den angrenzenden Quartieren. Ergänzt wird das Freiraumkonzept durch konsequent und differenziert gestaltete Dachlandschaften: An den Verwaltungstürmen entstehen öffentliche Terrassen mit Außenbestuhlung. Die Gestaltung der Dachlandschaft der Türme orientiert sich an den Nutzer*innen der Gebäude. So entsteht auf Turm A eine Dachterrasse zur Skybar mit uneingeschränktem Panoramablick. Auf Turm B erhalten die Mitarbeiter*innen der Stadtverwaltung einen intensiv begrünten Dachgarten mit Außenarbeitsplätzen und Pausenbereichen. Gleiches findet sich auch auf dem Dach des Foyers zum Park. Auf Turm C schaffen Außensportanlagen und Fitnessgeräte ein weiteres exklusives Angebot für die hier arbeitenden Menschen in unmittelbarer Nähe zu den Fitnessräumen im Geschoss darunter. Das Dach des Ratssaals wird vom Sitzungsbereich erschlossen und bietet einen attraktiven Dachgarten für verschiedene Anlässe. Auf Turm D entsteht ein Gemeinschaftsgarten für alle Bewohner*innen von Turm D und E. Alle Dächer werden partiell mit PV-Pergolas versehen welche Energie produzieren und gleichzeitig Sitzbereiche verschatten. Das Dach von Turm E bleibt der Stadtnatur vorbehalten und bietet eine strukturreiche Bepflanzung mit vielen Habitaten für Vögel und Insekten.
Freiraum und Energieproduktion sind keine Gegensätze – sie bedingen einander.
Entlang des zentralen Erschließungswegs entstehen Rasenflächen für klassische Parknutzungen. Landschaftsrasen in angrenzenden Parkrändern schafft eine subtile Lenkung der Nutzer*innen, grenzt halböffentliche Bereiche an der Kita und dem Betagtenwohnen ab, sichert steilere Böschungsbereiche und schafft letztendlich auch die Ästhetik einer naturnahen Oase in der Stadt. Der Park wirkt als großer Schwamm und kann durch speicherfähiges Bodensubstrat und Zisternen mit Bewässerungseinrichtungen auch in Trockenperioden eine grüne Oase in der Stadt sein. Die besondere Topografie der Parkanlage schafft zudem kleinteilige Teilräume mit unterschiedlichen Aneignungsmöglichkeiten für viele Nutzer*innengruppen. Aktive öffentliche Spiel- und Sportangebote orientieren sich in den nördlichen Parkteilen als Schnittstelle zwischen den bestehenden und neuen Nachbarschaften und ergänzen die vorhandenen Angebote in den nördlichen Quartieren. Zudem entstehen neuen Blickbeziehungen von den kommunikativen Sitzbereichen entlang des Wegenetzes.
3 Erschließungskonzept – Mobilität neu ordnen
Die Neuordnung der Erschließung folgt einer einfachen Logik: Was zum Fahren ist, gehört auf die Hauptachse; was zum Leben ist, gehört auf die Nebenstraße.
Die „Fußgängerführung“ ist das eigentliche Herzstück: Das Grüne Band schafft eine angstfreie, offene und sozial kontrollierte Verbindung durch das gesamte Areal. Die Querung zwischen Loggia und Stadthaus wird zur einsehbaren Fußgängerbrücke mit direktem Abstieg zur Haltestelle Stadthaus umgebaut - der dunkle, gefürchtete Unterraum von heute verschwindet. Das städtebauliche Konzept stärkt den Fußgängerverkehr in Bezug auf Orientierung, Attraktivität und Sicherheit. Deutlich verringerte Verkehrsemissionen und eine verbesserte Querbarkeit der Straßenräume erhöhen die mehr Nutzer- und Aufenthaltsqualität.
Das Grüne Band schafft eine durchgängige, offene Wegeachse im besten Sinne des demokratischen Stadtraum.
4 Öffentliche Bereiche – Ein Haus für alle
Das Stadthaus wird vom monofunktionalen Verwaltungsgebäude zum „urbanen Hybrid“. Nahezu alle Ebenen vom Stadt-Forum bis zum Quartiers-Forum im 2. Obergeschoss haben durchgängig öffentliche Bereiche. Erst ab dem 3. Obergeschoss beginnt die nicht öffentlich zugängliche Verwaltung.
Im Sockelbereich entlang von Franz- und Weiherstraße entstehen ebenerdig zugängliche Wohngebäude mit Sondernutzungen: Kindertagesstätte, Studierenden-WG, Familienwohnungen. Dazu Erdgeschossnutzungen wie Bäckerei, Fahrradwerkstatt und weitere kleinteilige Angebote, die das Quartier beleben. Die Tiefgarage erschließt auch diese Bereiche direkt – Komfort ohne Umweg.
Ratssaal und Besprechungszonen bleiben in ihrer öffentlichen Funktion gestärkt, erhalten aber eine klare Zutrittssystematik. Der Vertikale Park erschließt sowohl die Wohnbereiche als auch die Verwaltungsbereiche der Türme – er ist Verbindung, kein Dekor.
Nahezu alle Ebenen vom Stadt-Forum bis zum Quartiers-Forum im 2. Obergeschoss haben durchgängig öffentliche Bereiche. Teile davon sind Service Bereiche für besondere Anliegen und haben eine entsprechende Zutrittskontrolle und Warte-Möglichkeiten. Alle Öffnungsbereiche in das Haus sind überwacht. Der Vertikal Park erschließt sowohl die Wohnbereiche als auch die Verwaltungsbereiche der Hochhäuser.
5 Konzept halböffentlicher und interner Bereiche
In den öffentlichen Bereichen sind Zonen mit begrenzter Zutrittsmöglichkeit und öffentlich nicht zugängliche Bereiche für Interne Nutzung. Dies sind beispielsweise der Ratssaal und die anliegenden Besprechungszonen. Ab dem 3. Obergeschoss sind alle Ebenen der Verwaltung gewidmet und nicht öffentlich nur durch Zugangsberechtigung erreichbar.
6 Konzept Nutzungsmix weiterer Nutzungen
Im Bereich des Berliner Platzes in Richtung Franz und Weiherstrasse lassen sich ebenerdig alle Wohngebäude und die dortigen Sondernutzungen wie Kita, Studenten WG, Familienwohnungen etc. erschließen. Ebenerdig sind ebenfalls alle Ladenbereiche wie z. Bsp. Die Bäckerei, die Fahrradwerkstatt etc. erschließen. Aus der Tiefgarage gibt es gleichfalls direkte Erschließung in die Zugangsbereiche.
7 Konstruktion, Fassade und Zirkuläres Bauen
Die Fassade des Stadthauses ist kein Problem. Sie ist Material.
Wir greifen die in der Fassadenbegutachtung aufgezeigte Möglichkeit auf, die vorhandene Fassade weitestgehend zu ertüchtigen: „neue Verglasung und Dichtungen“, ein öffenbares Oberlicht für verbesserte Frischluft- und Tageslichtversorgung durch den Wegfall der Abhangdecke sowie eine „äußere Prallscheibe“ als Witterungsschutz für den außenliegenden motorischen Sonnenschutz. Diese Prallscheibe – eine vorgehängte Glasplatte mit Spiegeleffekt – gibt dem Gebäude eine starke Ähnlichkeit mit seinem ursprünglichen Erscheinungsbild zurück, steigert gleichzeitig aber Lichteinfall, Raumtiefenbelichtung und Transparenz zur Umgebung.
Re-Use: Unsere Planung sieht die Wiederverwendung von Beton Wänden und Decken vor. Aktuelle gehen wir davon aus, dass wir ca. 19 % Rückbau realisieren. Die im Raumprogramm festgelegten Flächen ermöglichen es von diesen Elementen mind. 20 % wieder im Stadthaus zur Aufstockung der Wohnhäuser zu nutzen. Die Wohnhäuser haben jedoch statisch das Potential für mehr Aufstockung. Darüber hinaus ist der 6. Turm nicht realisiert. Sollte der Bedarf wachsen, könnte die Wiederverwendung von 100 % des rückgebauten Materials für Boden und Wand möglich sein.
Weitere Maßnahmen im Einzelnen: Die bisher abgehängten Geschossdecken werden freigelegt und als thermischer Puffer genutzt, ergänzt durch wirksame akustische Maßnahmen. Zur vollständigen Flexibilität für Strom, IT und optionale Sprinklerversorgung wird ein Doppelboden mit 10 cm Höhe eingeführt. An der Fassade kommen dezentrale, CO₂ gesteuerte Lüftungsgeräte mit Wärmerückgewinnung, lokaler Nachheizung und sanfter Kühlung zum Einsatz. Innenliegende Besprechungsräume werden über Überströmung aus den Großraumbereichen versorgt und erhalten zusätzliche lokale Konditionierungssysteme in Form von Schwerkraftwänden. Durch das neue Konzept können bisherige Technikgeschosse freigegeben und die Schachtflächen zugunsten anderweitiger Nutzungen reduziert werden. Die Brüstungselemente bis zu einer Höhe von 23 m über Straßenniveau werden mit Photovoltaik verkleidet, wobei sich hinter der Prallscheibe PV Lamellen als wirksamer Sonnenschutz befinden.
Unsere Suffizienzstrategie: Nicht alles muss auf Neubaustandard gebracht werden. Die Gebäudehülle wird ertüchtigt, um bauphysikalische Schäden zu verhindern – nicht um eine Kennzahl zu erfüllen. Erhöhter Restenergiebedarf wird über 100 % regenerative Versorgung kompensiert. Bestandselemente werden wiederverwendet, wo immer möglich: Deckenbauteile aus dem Rückbau dienen als neue Zwischendecken; Betonelemente aus rückgebauten Deckenfeldern werden als vertikale Aussteifungselemente weitergenutzt.
Die Fassade wird nicht ersetzt. Sie wird auf hohem Niveau veredelt.
Maßnahmen: Wir greifen die in der Fassadenbegutachtung beschriebene Möglichkeit auf, die bestehende Fassade weitgehend zu ertüchtigen und dabei die Bestandsfassade zu erhalten. Vorgesehen sind neue Verglasungen und Dichtungen, öffenbare Oberlichter zur verbesserten Frischluft‑ und Tageslichtversorgung sowie der Entfall der Abhangdecke. Ergänzend wird eine äußere Prallscheibe als Witterungsschutz für den außenliegenden, motorischen Sonnenschutz eingesetzt. Diese Prallscheibe orientiert sich stark am ursprünglichen Erscheinungsbild, bei dem Deckenstirnseiten und Brüstungen durch eine vorgehängte, spiegelnde Glasfläche gefasst waren. Sie wird ausschließlich im Bereich der belichteten Fassadenflächen angeordnet und ermöglicht durch höheren Lichteinfall, größere Transparenz und den Wegfall der Abhangdecke eine deutlich bessere Tageslichtversorgung bis in die Raumtiefe.
Die opaken Fassadenelemente an den Treppenhaustürmen werden gereinigt, die Dämmung geprüft und bei Bedarf ertüchtigt. Die bisherigen abgehängten Geschossdecken werden freigelegt und als thermischer Puffer genutzt, ergänzt durch wirksame akustische Maßnahmen. Ergänzend wird ein Doppelboden mit 10 cm lichter Höhe vorgesehen, der maximale Flexibilität für Strom‑, IT‑ und optionale Sprinklerversorgung bietet. An der Fassade kommen dezentrale, CO₂‑gesteuerte Lüftungsgeräte mit Wärmerückgewinnung, lokaler Nachheizung und sanfter Kühlung zum Einsatz. Innenliegende Besprechungsräume werden über Überströmung aus den Großraumbereichen versorgt und zusätzlich mit lokalen Konditionierungssystemen wie Schwerkraftwänden ausgestattet. Dadurch können bestehende Technikgeschosse und ‑räume freigegeben und die Schachtflächen in den Türmen für alternative Nutzungen, etwa Abstellräume, reduziert werden. Die Sockelgeschosse werden weiterhin durch Lüftungszentralen im Untergeschoss versorgt und erhalten eine CO₂‑gesteuerte Luftmengenregelung.
Die Brüstungselemente werden bis zu einer Höhe von 23 m über Straßenniveau mit Photovoltaik belegt, wobei hinter der Prallscheibe PV‑Sonnenschutzlamellen angeordnet sind. Der transparente Eingangsbereich im Stadt‑Forum erhält einen hochreflektierenden, belüfteten innenliegenden Verschattungsscreen sowie eine raumseitige Low‑E‑Beschichtung. Zusätzlich werden Dach‑ und fassadenintegrierte Photovoltaikflächen, teilweise als PV‑Pergola auf dem Gründach, realisiert. Daraus ergibt sich bei 80 % Belegung und einem Wirkungsgrad von 20 % ein solares Strompotenzial von bis zu 2.000 MWh/a, wovon etwa 1.640 MWh/a auf die Dachflächen entfallen; ohne Höhenbegrenzung an den Fassaden wären bis zu 3.500 MWh/a realisierbar.
Das technische Ertüchtigungskonzept führt zu einer Reduzierung des Strombedarfs für Betrieb und Kühlung von derzeit 6.000 MWh/a auf rund 1.870 MWh/a. Der Wärmebedarf sinkt von etwa 9.000 MWh/a auf rund 1.600 MWh/a für Heizung und Warmwasser und kann über eine Wärmepumpe mit einem Strombedarf von etwa 533 MWh/a gedeckt werden. Die Lüftung wird auf Normalbelegung ausgelegt und arbeitet bei Vollbelegung mit reduzierten Luftmengen. Die Ertüchtigung der Gebäudehülle dient der Vermeidung bauphysikalischer Schäden, während ein erhöhter Energiebedarf vollständig durch eine regenerative Wärme‑ und Kälteversorgung kompensiert werden kann.
8 Energiekonzept – Vom Verbraucher zum Erzeuger
Das Stadthaus Bonn verbraucht heute rund „6.000 MWh/a elektrische Energie“ für den Gebäudebetrieb einschließlich Kühlung sowie „9.000 MWh/a Wärme“ für Heizung und Warmwasser. Diese Zahlen sind nicht akzeptabel – weder ökologisch noch wirtschaftlich.
Unser Ertüchtigungskonzept erreicht folgende Zielwerte:
Heute liegt der Strombedarf für Betrieb und Kühlung bei rund 6.000 MWh pro Jahr, während der Wärmebedarf etwa 9.000 MWh/a beträgt. Nach der Ertüchtigung sinkt der Strombedarf für Betrieb und Kühlung deutlich auf etwa 1.870 MWh/a, und der Wärmebedarf reduziert sich auf rund 1.600 MWh/a. Zusätzlich entsteht ein Strombedarf der Wärmepumpe von etwa 533 MWh/a, sodass sich ein Gesamtstrombedarf von rund 2.400 MWh pro Jahr ergibt. Dem gegenüber steht eine mögliche solare Stromerzeugung von bis zu 2.000 MWh/a bei einer Belegung von 80 % und einem Wirkungsgrad von 20 %. Die „Wärme- und Kälteversorgung“ erfolgt über reversible Grundwasserwärmepumpen auf zwei Saug- und Schluckbrunnen mit 30 m Tiefe im Kiesbett – sauber, lokal, regenerativ. Das solare Strompotential von bis zu „2.000 MWh/a“ aus Dach- und Fassadenflächen deckt damit den Gesamtbedarf nahezu vollständig. Ohne die Höhenbegrenzung auf 23 m an den Fassaden wären bis zu „3.500 MWh/a“ erzielbar. Die Kühllasten werden auf das Klima von 2040 ausgelegt, mit einem „adaptiven Komfortansatz“: maximale operative Raumtemperatur 28°C, erhöhte Luftgeschwindigkeit durch Deckenventilatoren, Verzicht auf Entfeuchtung. Was kühler sein will, soll es werden – ohne energieintensive Klimaanlage.
9 Wirtschaftlichkeit – Suffizienz als Strategie
Die ökonomisch überzeugendste Entscheidung in diesem Entwurf ist eine, die nicht im Kostenrahmen steht: der Verzicht auf den Abriss.
Jede Tonne Beton, die nicht produziert werden muss, ist eine Tonne CO₂, die nicht emittiert wird – und eine Investition, die nicht getätigt werden muss. Die konsequente Weiternutzung der Bestandssubstanz, kombiniert mit gezielter Ertüchtigung auf definierten Komfort- und Energiestandards, ergibt eine „Lebenszykluskostenrechnung“, die Neubauoptionen weit hinter sich lässt.
Die Freigabe bisheriger Technikflächen, die Reduktion von Schachtflächen, die Wiederverwendung von Bauteilen und die Eigenstromerzeugung durch PV stärken die Wirtschaftlichkeit im Betrieb dauerhaft. Das Gebäude soll nicht nur 50 weitere Jahre funktionieren – es soll sich in dieser Zeit auch tragen.
10 Tragwerkskonzept – Struktur als Ressource
Der Bauwerkskomplex ist durch seine fünf abgestuften Türme mit exzentrisch angeordneten Erschließungskernen geprägt. Diese Struktur ist robuster als sie wirkt – und das ist die Grundlage aller Eingriffe. Die „Gründung“ bleibt weitgehend unangetastet: Die Bestandsfundamente im Kies-Sand-Schicht werden nicht maßgeblich zusätzlich belastet. Die geplanten Aufstockungen der Türme D und E werden durch die gleichzeitige Umnutzung von Büro- auf Wohnfläche – mit entsprechend reduzierten Nutzlasten – kompensiert. Zur „Erdbebensicherheit“ der Türme D und E wird durch die Umnutzung auf Wohnen die Grundrissflexibilität reduziert, was die gezielte Ergänzung vertikaler Aussteifungselemente ermöglicht. Rückgebaute Deckenfelder aus Turm B liefern dabei Betonelemente, die als aussteifende Wände wiederverwendet werden – Kreislaufwirtschaft im Tragwerk.
Das „Slab-Lift-Verfahren“ ermöglicht die Vergrößerung der Raumhöhe im neuen Foyer ohne Abriss: Die bestehende Geschossdecke wird mittels Hydraulikhebegerüst angehoben, lastfreie Stützen auf halber Länge getrennt, die Stützenmitte durch einen neuen, für die neue Knicklänge bemessenen Querschnitt ersetzt. Was aufwendig klingt, ist präziser Chirurg – kein Abbruch.
Der Bauwerkskomplex „Stadthaus Bonn“ ist durch die Anordnung der fünf abgestuften Türme charakterisiert, deren Aussteifung gegen horizontale Lasten durch exzentrisch zum Grundriss angeordnete Erschließungskerne umgesetzt ist. Die Türme tragen Aussteifungslasten weitestgehend unabhängig von den Sockelgeschossen ab. Die beschriebenen Eigenschaften bieten Möglichkeiten und Flexibilität bei der Neugestaltung des Gebäudekomplexes.
Gründung der Hochhauslasten: Die Gründung der Bestandsgebäude ist als Flachgründung über Streifen und Einzelfundamente ausgeführt. Die Kernlasten sind über flächige Fundamentkörper in der anstehenden Kies-Sand-Schicht abgetragen. Der Entwurf berücksichtigt stets, dass die Gründungslasten im Bestand nicht maßgeblich erhöht werden, wodurch keine größeren Nachgründungsmaßnahmen im Bereich der Türme erforderlich werden. Der Entwurf sieht Aufstockungen der Türme D+E vor, wodurch zusätzliche Gründungslasten entstehen. Diesen stehen jedoch im Zuge der Umnutzung von Bürofläche auf Wohnfläche eine Ablastung der Nutzlasten gegenüber.
Erdbebensicherheit: Aus den Untersuchungen durch HZ-Ingenieure geht hervor, dass den Türme A+B+C mittels gezielten Aussteifungsmaßnahmen in den Untergeschossen ein gutes Ergebnis für mögliche Erdbebenbetrachtungen bescheinigt wird. Durch die geplante Umnutzung von Bürofläche auf Wohnen reduziert sich die erforderliche Flexibilität im Grundriss und zusätzliche vertikale Aussteifungselemente wie Stahlbetonwände werden ergänzt. Im Hinblick auf Nachhaltigkeit und Suffizienz bieten die im Entwurf rückgebauten Deckenfelder des Turm B und weiterer Positionen die Möglichkeit, schon bestehende Stahlbetonelemente als aussteifende vertikale Elemente wiederzuverwenden. Im Hinblick auf die Erdbebensicherheit erzielt eine Regularität der Grundrisse, die sich für die Aussteifung bis auf die Grünungsebene erstreckt eine Steigerung der Gesamtsteifigkeit gegen horizontale Lasten bzw. Beschleunigungen. Dabei wurde berücksichtigt, dass die Steifigkeit der Gebäude und ihre Massenschwerpunkte nahe beieinander liegen.
„Lange Stützen Turm B“: Der Entwurf sieht einen Teilrückbau der Geschossdecken U1, EG, OG1 und damit die Entfernung der H-Lager der Gebäudestützen vor. Die betroffenen Stützen sind im Bestand für große Knicklängen durch Entkopplung der in den Untergeschossen bemessen. Der Entwurf „verschiebt“ diese freie Länge nach oben, in dem im Zuge der Umbaumaßnahmen die UG-Geschossdecken mit den Stützen horizontal kraftschlüssig verbunden werden müssen. Die „neue“ freie Länge ist mittels Stützenverstärkungen in Form von Bewehrungsergänzungen oder Stahlmanschetten nachweisbar.
„SLAB-LIFT“ Verfahren + „Absenkdecken“: Der Entwurf sieht im neuen Foyer eine Vergrößerung der Raumhöhe vor, was mittels „slab-lift“ Technologie anstelle eines Abrisses und Neubaus erfolgt. Dabei werden die bestehende Geschossdecke mittels Hydraulikhebegerüst (bspw. Litzenheber) unterstützt. Die lastfreien Stützen werden auf halber Länge geschnitten. Die Bestandsdecke wird in Zielhöhe gehoben und die „fehlende“ Stützenmitte durch einen neuen Stützenquerschnitt ergänzt. Der neue Querschnitt ist für die neue Knicklänge in der maßgebenden Position bemessen. Die neue Bewehrung wird über Positionsmuffen mit der Bestandsbewehrung gekoppelt. Die Deckenabsenkungen in den Untergeschossen erfolgen in umgekehrter Reihenfolge. Lastfreie Stützen werden geschnitten, Stützenteile entfernt, Bewehrung freigestrahlt und wahlweise über Stahleinbauteile oder Positionsmuffen gekoppelt.
11 Brandschutzkonzept
Das Brandschutzkonzept basiert auf den bauordnungsrechtlichen Mindestanforderungen, die aus den zutreffenden Teilen der BauO NRW und der SBauVO, insbesondere für Versammlungsstätten, Hochhäuser und Garagen, resultieren. Wir schlagen im Brandschutz-Konzept für den Fall, dass kein Konzept gefunden wird, das mit den vorhandenen Bestandsbedingungen die Sicherheit der Nutzer gewährleistet werden kann, eine optionale Nutzung des abgebauten Treppenhauses vor.
Die Einschätzung der Rettung im Brandfall ist bei Hochhäusern sehr spezifisch. Am MesseTurm in Frankfurt wurde eine Bemessung vorgesehen, dass die vom Brandfall betroffene Ebene sowie die darüber und darunterliegenden Ebenen zuerst organisiert evakuiert werden. Dies wird unterstützt durch regelmäßige Evakuierungsübungen. Die vorhandene Gebäudestruktur ermöglicht evtl. den Verzicht auf o.g. Option. Neben dem Bestandsschutz, über eine lange Zeit erfolgreich, haben alle Etagen kurze Wege in den Entfluchtungsbereich und vermutlich wird eine Sprinkleranlage zum Einsatz kommen. Insofern empfehlen wir, dass frühzeitig alternative Szenarien erarbeitet werden, die im Sinne der Sicherheit und Rettung sowie der Suffizienz die optimale Lösung darstellen.
Die für den Feuerwehreinsatz erforderlichen Bewegungsflächen werden künftig auf dem neu geplanten Stadtplatz im Südosten der Türme A–C angeordnet; hier befindet sich auch der Hauptangriffspunkt im angrenzenden Foyer. Ergänzend stehen im öffentlichen Verkehrsraum rund um das Quartier weitere Flächen zur Verfügung. Aufstellflächen für Hubrettungsmittel sind nicht erforderlich, da alle Rettungswege baulich ausgebildet sind. Die bisherigen Zufahrten und Bewegungsflächen im UG1 entfallen, da die Garage sowie die östlichen Hochhäuser einschließlich der Sockelgeschosse mit einer flächendeckenden, selbsttätigen Feuerlöschanlage ausgestattet werden. Zusätzlich erhalten alle Hochhäuser und die Versammlungsstätte eine automatische Brandmeldeanlage. In den Türmen A und E werden Feuerwehraufzüge mit eigenen Sicherheitsschleusen vorgesehen, während Wandhydranten in allen Geschossen die Löscharbeiten unterstützen.
Die unterirdische Großgarage über UG1 bis UG3 wird gemäß SBauVO durch feuerbeständige Trennwände und Brandschutzschiebetore in Rauchabschnitte von maximal 5.000 m² gegliedert, deren Entrauchung überwiegend maschinell erfolgt. Die oberirdischen Geschosse werden durch innere Brandwände in fünf den Türmen A–E zugeordnete Brandabschnitte unterteilt, wobei in den Sockelgeschossen der östlichen Hochhäuser aufgrund der Löschanlage geschossweise versetzte Brandwände zulässig sind.
Der Abbruch des notwendigen Treppenraums an der Ostseite von Turm B ist brandschutztechnisch vertretbar, da zwei weitere Treppenräume in zulässiger Entfernung erhalten bleiben. Kompensierend wird an der Nordseite von Turm A ein zusätzlicher Sicherheitstreppenraum errichtet, der auch der Entfluchtung der Skybar im 18.OG dient. Für die stark frequentierten unteren Geschosse der Türme A–C (UG1 bis OG2) werden unmittelbar zugeordnete Rettungswege mit direkten Ausgängen ins Freie bzw. über notwendige Treppenräume geschaffen. Eine gestaffelte Alarmierung und dynamische Fluchtwegsteuerung tragen zur Vermeidung von Überlastungen bei. Die Sicherheitstreppenräume von Turm A entsprechen den Anforderungen der SBauVO; für den südöstlichen Treppenraum wird im UG 1 eine gleichwertige Lösung mit geschütztem Vorraum und alternativem Ausgang ins Foyer vorgesehen. Das geschossverbindende Foyer erhält eine automatische Feuerlöschanlage sowie eine natürliche Rauchableitung.
Das Brandschutzkonzept basiert auf den bauordnungsrechtlichen Mindestanforderungen aus BauO NRW und SBauVO für Versammlungsstätten, Hochhäuser und Garagen. Feuerwehrbewegungsflächen werden auf dem neuen Stadtplatz im Südosten der Türme A–C angeordnet; alle Rettungswege sind baulich gesichert, sodass auf Aufstellflächen für Hubrettungsmittel verzichtet werden kann. Die Tiefgarage sowie die östlichen Hochhäuser erhalten eine flächendeckende selbsttätige Feuerlöschanlage; alle Hochhäuser und die Versammlungsstätte werden mit automatischer BMA ausgestattet. Turm A (über 60 m) und Turm E erhalten jeweils einen „Feuerwehraufzug“ mit Sicherheitsschleuse. Die Untergeschossgarage wird durch feuerbeständige Trennwände in Rauchabschnitte von maximal 5.000 m² gegliedert, die überwiegend maschinell entrauchbar sind. Der Rückbau des östlichen Treppenraums von Turm B wird durch einen zusätzlichen Sicherheitstreppenraum an der Nordseite von Turm A kompensiert – dimensioniert für die Entfluchtung der Skybar im 18. Obergeschoss. Für die unteren Geschosse der Türme A–C werden dedizierte Rettungswege geschaffen, ergänzt durch eine dynamische Fluchtwegsteuerung.
Epilog – Von Dauer
Wir bauen nicht für heute. Wir bauen für die nächsten fünfzig Jahre – und für das, was danach kommt.
Das Stadthaus Bonn besitzt alles, was ein gutes Gebäude braucht: Struktur, Lage, Maßstab. Was ihm fehlte, war Zugehörigkeit – zur Stadt, zu ihren Menschen, zu ihrer Zeit.
Unser Entwurf schenkt ihm diese Zugehörigkeit. Nicht durch Spektakel, sondern durch Präzision. Nicht durch Abriss, sondern durch Transformation. Nicht trotz des Bestandes – sondern mit ihm.
Das Stadthaus wird kein anderes Gebäude. Es wird endlich es selbst.
Team
Thomas Heinle (verantwortlicher Partner), Mark Ullrich, Wojciech Michnowicz, Noemi Scheidler, Lorisa Mano, Dorett Kockisch, mit Sylvia Heinle, HJPplan+ Aachen, Rehwaldt Landschaftsarchitekten Dresden, schlaich bergermann partner Berlin, Prof. Rühle, Jentzsch & Partner Dresden und Transsolar Energietechnik Stuttgart