Lemgo ist eine kleine Hansestadt mit 50.000 Einwohnern, malerisch gelegen am Teutoburger Wald. Fachwerkhöfe kuscheln sich in die Hügellandschaft, dass es eine Freude ist, Autos sind nur wenige unterwegs. Ganz in der Nähe treffen sich der deutsche Wanderweg Nummer 1 und der Deutsche Radweg Nummer 1. Leicht ist die An- und Abreise in diesen Teil Deutschlands aber dennoch nicht. Die  nächste Autobahnauffahrt Richtung Süden ist 45 Minuten weit entfernt. Und um den ICE in Richtung Süden zu erreichen, fährt man zunächst 45 Minuten über kurvenreiche Landstraßen und dann noch mal so lang über die Autobahn – bis nach Kassel.

Fachwerk, so weit das Auge reicht. In den letzten Jahren hat sich Lemgo jedoch auch um Neues Bauen verdient gemacht – und dafür einen Ausloberpreis erhalten.

Fachwerk, so weit das Auge reicht. In den letzten Jahren hat sich Lemgo jedoch auch um Neues Bauen verdient gemacht – und dafür einen Ausloberpreis erhalten.

Wettbewerbsarchitekten, die in ganz Deutschland ihre Baustellen betreuen müssen, erwartet man so weit draußen in der deutschen Provinz eher nicht. Und doch gibt es sie: h.s.d.architekten, André Habermann und Christian Decker, gehören laut FOCUS nicht nur zu den besten Architekturbüros Deutschlands. Auch im competitionline-Ranking rangiert das Duo aus Ostwestfalen schon länger unter den ersten 20 und schaffte es in diesem Jahr sogar auf Platz 11. Sie arbeiten in: Lemgo. Was hat dieses westfälische Fachwerkpuppenstübchen, das den meisten jenseits der Region nur über den Handballverein ein Begriff ist, dass es zwei Vollblut-Wettbewerbsarchitekten seit fast 20 Jahren zu halten vermag? Oder ist der Standort für ein modernes Architekturbüro, das in der Bundesliga mitspielen will, im digitalen Zeitalter sogar völlig unwichtig?

"Wir dachten: Uns kennt keiner. Wir bekommen keinen Direktauftrag. Also schrubben wir Wettbewerbe, bis wir einen großen Auftrag in einer interessanten Stadt bekommen. Und da gehen wir dann hin."
André Habermann h.s.d.architekten

Zumindest kann man in der Ära des Internets von überall aus starten, dachten Habermann, Decker und ihr damaliger Partner Dieter Stock im Jahr 2000, als sie mit dem Vertrauen in das Wettbewerbswesen und dem Selbstbewusstsein, ihr Handwerk zu beherrschen, damit begannen, sich an allen offenen Wettbewerben in Deutschland zu beteiligen. „Noch heute akquirieren wir über 90 Prozent unserer Aufträge über Wettbewerbe“, berichtet Christian Decker, während er den Besuch durch die Büroräumlichkeiten von h.s.d. führt. Die befinden sich in einer wundervollen Bauhausvilla mit sonnigem Garten, die sich in den 30er Jahren der Chefarzt des örtlichen Klinikums bauen ließ und die für sich genommen einen nicht von der Hand zu weisenden Pluspunkt für Lemgo darstellt.

Dass sie das einzige Bauhausdenkmal Lemgos vor einigen Jahren von einer regionalen Kulturstiftung übernehmen durften, zeigt, dass die Architekten inzwischen selbst eine Art kulturelle Institution in der Stadt darstellen. Auch bei einem Spaziergang am Rand des Fachwerkzentrums fällt schnell ins Auge, wie sie das Erscheinungsbild ihrer Stadt in den letzten Jahren mit interessanten Kontrapunkten geprägt haben.

Andre Habermann und Christian Decker arbeiten seit 18 Jahren von Lemgo aus.

Andre Habermann und Christian Decker arbeiten seit 18 Jahren von Lemgo aus.

Eine lange Mittagspause im Garten gehört, wenn es das Wetter erlaubt, zur angenehmen Arbeitsroutine des Büros.

Eine lange Mittagspause im Garten gehört, wenn es das Wetter erlaubt, zur angenehmen Arbeitsroutine des Büros.

Einer von drei glücklichen Bürohunden.

Einer von drei glücklichen Bürohunden.

Bauhausvilla meets Tischkicker.

Bauhausvilla meets Tischkicker.

Neben einer Seniorenwohnanlage von Auer Weber aus den 90er Jahren und einem Schürmannbau gehören ihr abgerundeter schwarz-weißer Bürokörper für den Lemgoer Energieversorger, die plexibeplankte Sporthalle und das mit Preisen hochdekorierte Mehrgenerationenhaus Pöstenhof zu den wach machenden Hinguckern, die beweisen, dass Lemgo eben nicht nur Geschichte, sondern auch Gegenwart und Zukunft hat.

Doch Prinzen in der Provinz, das war mitnichten immer so. Im Gegenteil. Die ersten Jahre bestanden aus anstrengendem Lorbeerensammeln in der Ferne und konsequentem Ignoriertwerden in der Heimat. André Habermann: „In Lemgo kannte uns kaum jemand, und wir wollten hier im Prinzip auch nur anfangen und dann mal sehen, wohin es uns verschlägt.“ Als sie dann Wettbewerbe in Orten wie Wiesbaden, Schweinfurt oder Spaichingen gewannen, interessierte das in der westfälischen Lokalpresse lange niemanden, war andererseits aber auch kein verlockender Grund fortzugehen.

Damals arbeiteten sie noch von der Wohnung ihres dritten Gündungspartners aus, einem klassischen Wohnzimmerbüro. Gemeinsam hatten sie im nahe gelegenen Detmold studiert und sich schon damals verabredet, nach den Lern- und Wanderjahren gemeinsam ein Büro zu gründen. Christian Decker: „Wir dachten: Uns kennt keiner. Wir bekommen keinen Direktauftrag. Also schrubben wir Wettbewerbe, bis wir einen großen Auftrag in einer interessanten Stadt bekommen. Und da gehen wir dann hin.“

Wettbewerbe gewinnen: check. Aber wie geht es weiter?

Schon vor der offiziellen Gründung des Büros holten h.s.d.architekten 1999 den ersten Preis beim Wettbewerb um das Berufs- und Ausbildungszentrum der Handwerkskammer Wiesbaden. Die Bauherren freuten sich sogar über die Jugendlichkeit ihrer Sieger und ließen sich nicht vom Vorortbesuch im improvisierten Büro schocken. „Das war damals ein Start von null auf 350.“ erinnert sich Christian Decker, „aber weil sie uns eben doch nicht alles zutrauten, haben sie im Anschluss die Bauleitung an ein junges Büro aus Wiesbaden übertragen.“

Spendet schon beim Anschauen Energie: der Büroneubau der Stadtwerke Lemgo .

Spendet schon beim Anschauen Energie: der Büroneubau der Stadtwerke Lemgo .

Der Pöstenhof Lemgo ist ein besonderes Wohngruppenprojekt. Alle 35 Mietparteien durften bei der Gestaltung ihrer Wohnung mitbestimmen.

Der Pöstenhof Lemgo ist ein besonderes Wohngruppenprojekt. Alle 35 Mietparteien durften bei der Gestaltung ihrer Wohnung mitbestimmen.

 Christian Decker und André Habermann auf dem Marktplatz von Lemgo.

Christian Decker und André Habermann auf dem Marktplatz von Lemgo.

"Eine besonders kompakte Kiste" (André Habermann). Bei der Sporthalle EKG Lemgo bestand die Herausforderung auch darin, wieder mehr Platz für den Schulhof und Bewegung an der frischen Luft zu gewinnen.

"Eine besonders kompakte Kiste" (André Habermann). Bei der Sporthalle EKG Lemgo bestand die Herausforderung auch darin, wieder mehr Platz für den Schulhof und Bewegung an der frischen Luft zu gewinnen.

In den folgenden Jahren sammelten Habermann und Decker reichlich Pendelkilometer auf dem Weg von Nord nach Süd und zurück, von Lemgo nach Harburg, Bamberg, Reutlingen und anderswo. Doch was am Anfang noch vom Zauber des Erfolgs getragen war, zeigte zunehmend seine Kostenseite. Christian Decker berichtet davon mit trockenem Humor: „Für einen Wettbewerb muss man ja nur zweimal reisen, zum Kolloquium und dann zum Preisabholen. Aber wenn sich so ein Projekt dann über drei Jahre hinzieht und man alle zwei Wochen vor Ort sein muss, kann man sich ausrechnen, wie viel Zeit auf der Autobahn, im Zug und auf der Landstraße verloren geht. Das ist für die Wirtschaftlichkeit eines Büros suboptimal.“ Genauso suboptimal wie das Ausbleiben von Folgeaufträgen. Habermann: „Wenn wir mal wieder in Süddeutschland einen Wettbewerb gewonnen und realisiert hatten und sich alle freuten, wie schön es geworden war, bekam dann doch meist ein Büro vor Ort den nächsten Auftrag, weil wir einfach zu weit weg waren.“

In Lemgo wuchs ihr Netzwerk zwar mit den Jahren, auch durch den Lehrauftrag Deckers in Detmold, doch allzu offensives Marketing passt nicht zu ihnen. Beide sind auf ihre Art leise, introvertierte Menschen, protestantische Westfalen eben, die an ihren Taten erkannt werden wollen und nicht gern so viel eitle Worte über sich selbst verbreiten. Habermann entspricht dabei mehr dem Künstler- und Denkertyp, dem Christian Decker, der bodenständige Lakoniker, die wirtschaftlichen Themen („schlafraubend, so spannend ist das“) und die Baustellenprobleme möglichst vom Hals zu halten versucht. An jedem Bauherrn rumzugraben und Aufträgen vor Ort „hinterher zu haschen“, sei einfach nicht ihr Ding, sagt er, zumal dabei ohnehin meist nur ein Dachausbau oder eine Gartenzaunanlage rausspringen würden.

Irgendwann saß Decker allein in der Villa

Dann doch lieber Wettbewerbe am anderen Ende der Republik, mit allen Nachteilen? In der Szene hatten sie sich jedenfalls bald eine gewisse Exoten-Bekanntheit erarbeitet: Lemgo als eine Art Außenseiter-Marke, das habe schon funktioniert, sagt André Habermann, „der Überraschungseffekt, wenn unten in Süddeutschland ein Preisgericht saß, den Umschlag öffnete, und dann mussten erst mal alle auf die Karte schauen, wo ist das eigentlich?“ Dass es in ihrer Gegend, ja in weiten Teilen NRWs, bis vor einigen Jahren schlicht zu wenig Wettbewerbe gab und so manches Mal wegen Geldmangel auch nach einem Wettbewerb nicht gebaut wurde, konnte dieser Effekt allerdings nicht wettmachen.

2007 hatten sie ihr schwierigstes Jahr. „Da knickte das plötzlich ab“, erinnert sich Decker, die Aufträge in Süddeutschland blieben aus. Alle Mitarbeiter mussten nach und nach gehen. Habermann übernahm eine Professur für Gebäudetypologie in Bochum, der dritte Partner verabschiedete sich ganz. Und Decker saß eines Tages allein in der Villa und hielt sich mit kleineren Projekten in der Region über Wasser.

Doch gerade dieses Jahr brachte auch die Wendung: Ostwestfalen wurde endlich auf sie aufmerksam. Vielleicht lag es auch daran, dass zumindest Decker nun mehr vor Ort präsent war: Auf jeden Fall wurden sie eines Tages zu einem privaten Wettbewerb eingeladen – und gewannen. Die Firma „Hartmann Tresore“ brauchte einen Bürobau in Paderborn. Nach diesem Sieg ging es aufwärts. Die erste große Direktvergabe, der Pöstenhof in Lemgo, ein Wohnprojekt mit 35 Einheiten, folgte kurz darauf und machte sie endgültig in der Region bekannt. Und als in den letzten Jahren das Land endlich die Geldschatullen öffnete, um den jahrzehntelangen Sanierungsstau der Schulen abzubauen, waren Habermann und Decker zur Stelle – und können sich nun seit Längerem wie viele in der Branche mit den einschlägigen Referenzen vor Arbeit nicht mehr retten.

So arbeiten h.s.d. architekten

„Wettbewerbe sind das, was uns an dem Beruf am meisten Freude macht“ sagt André Habermann, „und deswegen machen wir beide sie allein. Es gibt keine Wettbewerbsabteilung, wir fertigen sogar die Modelle und Perspektiven selber an.“

Für den organisatorischen Teil der Bewerbung ist das Sekretariat zuständig. Für Habermann und Decker bedeutet ihre Alleinverantwortung in Sachen Wettbewerbe auch ein wichtiges Stück Unabhängigkeit vom Standort. „Dafür brauchen wir nur unser Wissen, das wir uns über die Jahre erarbeitet haben.“

Endlich in der Region zeigen, was sie können

Heute haben sie wieder 20 Mitarbeiter. Wettbewerbe selektieren h.s.d. inzwischen sorgfältig. „Wir schaffen auch wegen der Hochschultätigkeit höchstens noch sechs bis acht Wettbewerbe pro Jahr, gewinnen dabei aber in den letzten Jahren fast 50 Prozent“, sagt Habermann. Eine sensationelle Quote, die sich Decker neben dem großen Erfahrungsschatz des Büros vor allem mit ihrem gewachsenen Gespür für regionale Bedürfnisse erklärt. „Die Region und wir wachsen langsam zusammen. Bei Wettbewerben vor Ort haben wir manchmal ein besseres Gefühl für die Situation.“ Aktuell haben sie die Arbeiten an einem Museumsneubau für den westfälischen Expressionisten Peter Augst Böckstiegel in Werther abgeschlossen. Dass der Name dieses Künstlers nicht jedem Bauherrn in Deutschland etwas sagt, ist schon klar.

Ein Bau, den man auf dem Land so nicht vermutet. Das 2018 fertiggestellte Böckstiegel Museum in Werther.

Ein Bau, den man auf dem Land so nicht vermutet. Das 2018 fertiggestellte Böckstiegel Museum in Werther.

Aber in der Region ist ihre klare Kreation aus Muschelkalk und Eiche ein bedeutendes Projekt, das weiter ausstrahlen wird und die Chance auf Direktvergaben deutlich erhöht. Der Platz 11 im Ranking freut sie deshalb besonders, weil endlich die regionalen Wettbewerbserfolge dominieren. „Das ist für uns natürlich eine schöne Chance, uns hier mit gebauten Projekten zeigen zu können, und dadurch steigt auch unser Bekanntheitsgrad in der Region noch mal“, sagt Habermann. Gleichzeitig ist ihnen wichtig, dass die „Fenster zur Welt“ weit geöffnet bleiben. Dazu gehören Reisen mit den Bochumer Studenten nach Japan genauso wie die Wettbewerbe in anderen Bundesländern. „Wir bewerben uns vielleicht inzwischen ein Stück ausgewählter und ressourcenschonender“, sagt Decker und stellt klar: „Aber nur, weil wir inzwischen auch in der Region angedockt sind, wollen und können wir nicht aufhören, groß zu denken.“

Eines der vielen realisierten Projekte in Süddeutschland: die Grundschule am Wasserturm Karlsruhe.

Eines der vielen realisierten Projekte in Süddeutschland: die Grundschule am Wasserturm Karlsruhe.

 

Informationszentrum für den Nationalpark Kellerwald Edersee, fertiggestellt in 2007.

Informationszentrum für den Nationalpark Kellerwald Edersee, fertiggestellt in 2007.

Ein Gebäude, mehrere Nutzungen. Knobelaufgaben wie diese liegen André Habermann ganz besonders. Hier die Sport- und Kulturhalle Pegnitz in der Oberpfalz.

Ein Gebäude, mehrere Nutzungen. Knobelaufgaben wie diese liegen André Habermann ganz besonders. Hier die Sport- und Kulturhalle Pegnitz in der Oberpfalz.

Ist ihr Plan also aufgegangen? Funktionieren Wettbewerbsbüros von überall? Einerseits ja. Habermann: „Es ist uns nicht schlecht ergangen. Sonst stünden wir nicht da, wo wir heute stehen.“ Aber es hat länger gedauert als gedacht, mehr Kraft und Selbstausbeutung gekostet als geplant. Mitarbeiter kamen, schauten und gingen wieder. „Am besten ist es, wenn sie sich gleich vor Ort in jemanden verlieben“, ulkt Decker, denn damit steigen die Chancen, dass sie auch langfristig bleiben. Das Problem der Mitarbeitergewinnung begleitet sie seit den Anfangsjahren. Hauptsächlich arbeiten heute Architekten für sie, die selbst aus der Region stammen.

Ob es für andere Büros auch passen könnte, ihren Weg zu gehen? Die Antwort mögen sie sich nicht anmaßen. Aber dass die Standortfrage auch in der Ära des Internets extrem wichtig bleibe, könne man schon als Learning aus ihrer Geschichte mitnehmen. „Wir denken schon länger darüber nach, uns doch noch eine Dependance im Ruhrgebiet zuzulegen“, verrät Decker, jetzt wären die Zeiten gut dafür. Natürlich nur zusätzlich zu Lemgo! Denn Lemgo gehört zu ihrer Marke, ist Teil ihrer Erfolgsgeschichte, fühlt sich weiter gut an. An einem schönen Herbsttag sitzt es sich herrlich vor einem Straßencafé in der Altstadt. Und für die wöchentlichen Fahrten zur Hochschule nach Bochum hat sich Habermann vor Kurzem ein Cabrio zulegt. Damit machen kurvige Landstraßen gleich doppelt so viel Spaß.

 

h.s.d. architekten

Gründungsjahr: 2000

Partner: André Habermann (Jahrgang 1969) und Christian Decker (Jahrgang 1964)

Mitarbeiter: 20

Wettbewerbsteilnahmen in 2017: 8