Flatowallee 16, 14055 Berlin: Unter dieser Adresse ist eines der architektonisch wertvollsten Wohnhäuser Berlins zu finden – die Unité d'habitation, Typ Berlin. Entworfen hat es Le Corbusier (1887–1965), einer der wichtigsten Architekten des 20. Jahrhunderts. Heute zieht die nach dem Leitbild der „vertikalen Stadt“ entworfene Wohnmaschine Architekturinteressierte aus der ganzen Welt an.
Das Corbusierhaus in Berlin entstand im Zuge der Internationalen Bauausstellung 1957 (Interbau). Hintergrund der Interbau war es, der akuten Wohnungsnot der Nachkriegszeit zu begegnen. Zu diesem Zeitpunkt hatte Le Corbusier durch Studien zum Städtebau und zwei Unités d'habitation in Marseille und Nantes-Rezé bereits einen entscheidenden Beitrag zum Wohnungsbau geleistet. Grundgedanke des Entwurfes war die standardisierte Serienproduktion der Architektur und des Interieurs, durch die einerseits ein hohes Maß an Wirtschaftlichkeit erreicht und gleichzeitig ein erhöhter Wohnkomfort im Segment des sozialen Wohnungsbaus ermöglicht werden konnte.
Aufgrund der geplanten Größe – es ist rund 141 Meter lang, 23 Meter breit und 53 Meter hoch – entstand das Corbusierhaus nicht im Berliner Hansaviertel, dem Gelände der Interbau, sondern auf dem Olympischen Hügel, in der Nähe des Berliner Olympiastadions, am Rande des Grunewaldes. Das Gebäude konnte mittels einer Feldfabrik in einer Rekordzeit von nur 18 Monaten errichtet werden. 1996 wurde es unter Denkmalschutz gestellt.
Wohne lieber ungewöhlich
Das auf schlanken Stützen aufgeständerte Hochhaus wurde in Skelettbauweise errichtet. Der naturbelassene umgebende Landschaftsraum kann so sprichwörtlich durch das Erdgeschoss hindurchfließen. Das Foyer selbst dient den rund 1400 Bewohnern als Eingangshalle und Treffpunkt und fördert Le Corbusiers soziologischen Ansatz des harmonischen Miteinanders.
Auf 17 Geschosse verteilen sich insgesamt 530 Wohnungen. Diese werden über die zehn „Rues Intérieures“ (franz. Innenstraßen) erschlossen, die über eine Aufzugsgruppe mit dem Foyer verbunden sind. Alle Wohnungen, mit Ausnahme der Einzimmerapartments, sind als Maisonette konzipiert. Zudem sind die Drei- und Vier-Zimmerwohnungen quer durch das Gebäude gesteckt, wodurch die Bewohner sowohl an der Ost- als auch an der Westfassade einen grandiosen Ausblick über Berlin erhalten.
1979 wurden die Mietwohnungen in Eigentumswohnungen umgewandelt. Die Eigentümer sind bestrebt, das Erbe Le Corbusiers zu erhalten oder wiederherzustellen. Die Bewohnerschaft setzt sich neben den „Urbewohnern“ größtenteils aus Menschen mit freien und künstlerischen Berufen, wie Ärzte, Juristen, freie Künstler, Schauspieler, Eventmanager und „selbstverständlich“ Architekten, zusammen.
Im Jahr 2011 erwarb der Architektur-Redakteur Benedikt Hotze die 33 m² große Einzimmerwohnung in der vierten Innenstraße, die er von der Architektin Kathrin Bunte in den Originalzustand mit zeitgemäßem Wohnstandard rückführen ließ und nun als Wohnung auf Zeit vermietet.
Das Ergebnis überzeugt: Heute fühlen sich Besucher schon beim Betreten der Wohnung in die 1950er Jahre zurückversetzt. Dazu trägt die gradlinige Möblierung ebenso wie der originale revitalisierte Fußbodenbelag aus dunkelgrünen DLW Linoleum bei. Dadurch, dass die Fußleisten in der Wandfarbe gehalten sind, entsteht der Eindruck eines fließenden Übergangs von der Wand bis zum Boden. Zwischen Wohnraum und Küche wurde die ursprüngliche Trennwand wieder aufgebaut. Die Le Corbusier-typischen Schiebefenster dienen heute wieder als Durchreiche – zudem sorgen sie für eine Belichtung der Küche. Auch Details, wie die originale Brötchenklappe im Hausflur oder die mechanischen Belüftungsvorrichtungen in Küche und Bad, sind erhalten.
„Zum Leben braucht der Mensch Farbe“ (Le Corbusier)
Neben dem Grundriss oder der Form war Le Corbusier auch die Farbgestaltung seiner Bauten wichtig. Dazu entwickelte er in zwei Etappen, 1931 mit 43 gedämpften Nuancen und 1959 mit 20 kräftig-dynamischen Tönen, ein bis heute einzigartiges Farbsystem. Diese Klaviaturen der Farben basieren auf der Wiederholung weniger Grundtöne, von denen Le Corbusier weitere Töne ableitete. Streng im Sinne der Erhaltung von Le Corbusiers Erbe, kam im Zuge der Sanierung der Unité d‘Habitation auch seine „Polychromie architecturale“ an den Wänden und in Form der Elektroinstallation zum Einsatz.