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    Ausschnitt Perspektive, © Scheidt Kasprusch Ges. v. Architekten mbH, Berlin

    Architects
    Scheidt Kasprusch Gesellschaft von Architekten mbH, Berlin (DE) Büroprofil

    Author
    Hermann Scheidt , Prof. Frank Kasprusch

    Collaboration
    Bianca Klinger, Sam Bassani, Volker Tillar, Tristan Hans, Nikolaus Schmid

    In collaboration with:
    Other specialist planners: EUROLABORS AG, Kassel (DE)
    Technical facility equipment planners: INGENIEURBÜRO WELTZER, Berlin (DE)
    Model makers: Architekturmodellbau Shortcut - Modellbau, Frässervice, Laserservice, Berlin (DE)

    Prize money
    4.300 EUR

    Explanatory text
    Respekt und gegenseitige Wertschätzung von Alt und Neu bestimmen die Grundhaltung für die Erweiterung des Robert-Rössle-Institutes. Der Altbau wird in die umlaufende Erschließung (Ringschluss) harmonisch eingebunden, der dreigeschossige Neubau orientiert sich am Maßstab der Bestandsbauten und wird zum festen Bestandteil des Ensembles.
    Das Erscheinungsbild des Neubaus ist geprägt von einer hellen, offenen, freundlichen Atmosphäre.
    Die Struktur des neuen Gebäudes ist klar und streng – gleichzeitig flexibel und frei.
    Die einheitliche, fein profilierte Fassade bringt die innere Gliederung des Laborbaus nach außen deutlich zum Ausdruck wozu der individuell regelbare Sonnenschutz als zweite Haut einen spielerischen, überraschenden Aspekt beiträgt. Dieser wandelt sich durch stetig veränderndes Licht- und Schattenspiel der Sonne im Tagesverlauf und im Jahreszyklus.
    Die Fassade verschafft dem Neubau durch ihre klare Identifizierbarkeit und ihren Wiedererkennungswert die gewünschte Prägnanz an der östlichen Ecke des Campus Berlin-Buch.
    Die innere Organisation des Neubaus ist durch hohe Transparenz, kurze direkte Wege und extreme Flexibilität gekennzeichnet. Offene Bereiche an wichtigen Kreuzungspunkten auf allen Etagen erleichtern die Kommunikation der Nutzer.

    Äußere und innere Erschließung
    Der Zugang vom Lindenberger Weg zum Gebäudekomplex des Robert-Rössle-Instituts wird an gewohnter Stelle neu errichtet, um einerseits die Wege in die Altbauflügel und im Neubau kurz zu halten und andererseits die externe Verkehrsanbindung (Bushaltestelle, Vorfahrt) nicht unnötig zu überformen.
    Der Eingangsbereich ist als helles, verglastes Foyer mit Cafeteria ausgebildet um die Besucher und Nutzer willkommen zu heißen und eine offene Atmosphäre zu vermitteln.
    Die Geschosshöhen des Neubaus orientieren sich an den funktionalen Anforderungen eines zeitgemäßen Laborbaus und differieren deutlich von denen des Altbaus. Daher ist hier, am Schnittpunkt der drei Gebäudeflügel Altbauten H46 / H47 und Neubau die vertikale Erschließung so organisiert, dass die unterschiedlichen Niveaus des Bestandes (H46 / H47) und des Neubaus in einem Treppenhaus „versöhnt“ werden: Eine mehrläufige Treppe mit gleichbleibendem Steigungsverhältnis dient in einem Zug alle unterschiedlichen Geschossebenen an. Sie wird begleitet von einem Aufzug, der als Durchlader ebenfalls alle Geschossebenen stufenlos erreicht und der den Anforderungen an Barrierefreiheit und Lastentransport entspricht (1.500 kg, Kabine: Länge 2,10 m x Breite 1,60 m x Höhe 2,30 m; Türen: Breite 1,30 m x Höhe 2,20 m).
    Der Eingang liegt auf Höhe des Altbau-Erdgeschosses (±0,00 m); das Erdgeschoss des Neubaus setzt sich mit zwei Stufen ab (+0,32 m) und erreicht damit wiederum eine stufenlose Anbindung an den südlichen Altbau H50 (+0,34 m). Der Pförtner wird im Neubau mit einem Fenster zum Windfang angeordnet; der Niveauunterschied von 32 cm vermittelt zwischen Sitzhöhe im Neubau (+0,32) und Stehhöhe im Eingang/Altbau (±0,00 m).
    Die horizontale Erschließung erfolgt im Neubau primär entlang der westlichen Hoffassade über eine voll verglaste Gang-Zone (Wir sprechen hier von „Gang-Zone“, da es sich nicht um einen notwendigen Flur im Sinne der Bauordnung handelt sondern um einen Raum innerhalb einer Nutzungseinheit).
    Diese Gang-Zone erlaubt Einblicke in die angrenzenden Neubau-Labore sowie Ausblick und Zugang in den Innenhof. Sie stellt dabei die kürzeste Verbindung zwischen H47 und H50 her.
    Die Gang-Zone wird im Haupttreppenhaus geradlinig als Treppe weitergeführt – begleitet vom Durchlader-Aufzug – und vollendet im EG und UG den gewünschten Ringschluss.
    Im Sockelgeschoss erfolgt die Anbindung zwischen H47 und Neubau niveaugleich; der Niveauunterschied zwischen H50 und Neubau von 10 cm wird über eine sehr flache Rampe überwunden.

    Funktion und Nutzung
    Die oben genannte Gang-Zone ermöglicht nicht nur den Ringschluss, also ein Passieren des Neubaus ohne Zugang zu den Laboren, sie ist gleichzeitig konstitutiver Bestandteil des Nutzungskonzeptes: Sie wird als Teil der Labor-Erschließung an den Rand der Laborzone nach außen gelegt. Dadurch wird eine enge Verknüpfung von Labor-, Auswerte- und Büroarbeit gefördert und eine extrem hohe Flexibilität für eine freie Unterteilbarkeit dieser Flächen in der Zukunft gesichert.
    Der Neubau besteht aus drei Vollgeschossen und einem Sockelgeschoss.
    Die Obergeschosse sind den Flächen für Translationale Forschung zugedacht. Hier ist eine extrem hohe Flexibilität in der Aufteilung der Flächen möglich: Von einer drei- oder zweibündigen Erschließung bis hin zu einem zusammenhängenden Großraum von der Straßenfassade im Osten bis zur Gang-Zone im Westen ist alles möglich. Das vorgegebene (beispielhafte) Raumprogramm ist derart umgesetzt, dass die Auswertebereiche den Laboren direkt – Tür an Tür – zugeordnet sind. Durch die Einfügung eines internen Flures sind die Büros von den Laboren getrennt. Anordnung und Länge dieses Flures bestimmen über die Verbindung und Trennung zwischen Laborbank und Bürotisch.
    Für die Laborflächen sind Großraumlabore vorgeschlagen. Diese sind direkt von den Auswerteplätzen zu erreichen oder extern über die Gang-Zone.
    Die Laborfläche kann aber auch interne Unterteilungen erfahren – oder durch einen Mittelgang zu zwei und mehr Laborräumen getrennt werden; auch Labornebenräume lassen sich abtrennen und über einen internen Flur erschließen.
    Das Erdgeschoss ist für die Omics-Technologieplattformen vorgesehen, um einer leichteren Austauschbarkeit der Großgeräte gerecht zu werden und weil hier die Anforderungen an erschütterungsfreie Aufstellung gut zu erfüllen sind. Die Omics-Flächen sind durch die gleiche Flexibilität gekennzeichnet wie die Labore in den Obergeschossen. Die besonderen Anforderungen des Raumprogramms werden hier mit getrennten, abgeschlossenen Auswerteräumen erfüllt, sodass zwischen Büros und Laboren ein durchgängiger interner Flur entsteht. Eine Zusammenlegung dieser Flächen ist allerdings genauso möglich wie die Einfügung von Denkzellen oder anderen Unterteilungen.
    Die Gliederung in klassische und technologiebasierte Labore erfolgt – da wo nötig (z.B. S2-Bereiche) – durch Glaswände; vorgeschlagen wird eine Erschließung der technologiebasierten über die klassischen Labore / Maschinenhallen an die Auswerte- und Bürozone.
    Um die Kommunikation im Haus zu fördern, sind Teeküchen und Besprechungsräume als Kommunikationszonen an zentralen Stellen angesiedelt: im Bereich der Treppenhäuser, an den Übergängen zwischen Neubau und Altbauten und in der Nähe der Zugänge zu den Laborbereichen. Auch die WC-Anlagen sind zentral organisiert. Weitere Kommunikationsnischen sind als Loggien an attraktiven Stellen in die hofseitigen Erschließungszonen integriert. Hier ermöglicht eine außenliegende „informelle“ Treppenverbindung einen shortcut zwischen den Labor-Etagen in Verbindung mit einem Zugang zum Hof.
    Der Innenhof wird durch den Neubau deutlich aufgewertet. Aus beiden Treppenräumen ist er zugänglich, südlich über eine neue Terrasse oberhalb des Sockelgeschosses (auch für Gerätschaften zur Gartenpflege), nördlich mit davor gelagerter Außentreppe.
    Eine neue Freianlagengestaltung wird nach Abriss des Gebäudes H77 erforderlich werden und soll zur Erhöhung der Aufenthaltsqualität im Hof beitragen.
    Im Sockelgeschoss liegen die zentralen Einrichtungen in Nähe der Haupttreppe und des Aufzuges sowie die Flächen der technischen Infrastruktur. Die Lüftungsanlage ist vollständig im Sockelgeschoss untergebracht und damit durch die Gebäudehülle geschützt (Eine Vergrößerung der Fläche wäre auf Kosten des . Ausschließlich die Rückkühler für die Kältezentrale sind in Tischform auf der Dachfläche positioniert.

    Konstruktion und Material
    Der Neubau wird als Massivbau in Stahlbeton errichtet. Ein Stützensystem im Raster von 720 m x 5,40 / 7,20 / 6,00 m in Verbindung mit zwei aussteifenden Schachtpaaren erleichtert einen extrem variablen Ausbau. Die Decken werden unterzugsfrei ausgeführt und erlauben eine uneingeschränkte Installierbarkeit aller Medien an der Decke. Die straßenseitigen Büro- und Auswerteräume erhalten eine massive Fensterbrüstung, die raumseitig mit Brüstungskanal ausgestattet ist.
    Die Aluminiumfenster sind mit Dreifachverglasung ausgestattet; eine gute Wärmedämmung ergänzt die thermische Außenhülle.
    Die Fassade wird von auskragenden Geschossdecken-Bändern aus Betonfertigteilen horizontal zoniert; die vertikale Teilung im Laborraster von 1,20 m wird durch filigrane Lisenen aus gekanteten Metall-Blechen gegliedert. Diese nehmen die seitlichen Führungsschienen des Sonnenschutzes aus Microlamellen (Typ s_enn) auf, der sich durch seine witterungsunabhängige Bedienung auszeichnet (fährt bei windigem Wetter nicht automatisch hoch).
    Der Sonnenschutz wird abweichend von der Vertikalen leicht schräg geführt (ca. 10% Schräge), und zwar wechselweise nach außen und nach innen, sodass ein lebendiges, einprägsames Fassadenbild entsteht. Die Fassade ändert sich stetig durch das sich wandelnde Tageslicht (Schattenverlauf) und durch die individuelle Anpassung der Nutzer.
    Im Inneren bestimmen „echte“ Materialien die Gestaltung: Sichtbeton, Steinfußboden, Linoleum, Metall und Glas sind die Oberflächen, die sowohl Beanspruchungen robust standhalten als auch eine angenehme Haptik vermitteln.
    Raumhohe Fenster zum Innenhof unterstreichen den freundlichen Raum- und Materialcharakter und fördern einen guten Innen-Außen-Bezug.

    Haustechnik
    Die Versorgung der Obergeschosse erfolgt über zwei Schachtpaare (im Norden und im Süden), die den getrennten Nutzungsbereichen zugeordnet sind (s. Brandschutz).
    Alle Versorgungsleitungen in den Obergeschossen werden unterhalb der Decke geführt.
    Sämtliche Technikräume, die der Versorgung des Neubaus dienen liegen im Sockelgeschoss:
    Heizzentrale und Warmwasserbereitung sind sinnvoll in Räumen direkt im Anschluss an die Unterstation im Altbau H50 positioniert.
    Alle Räume der Elektro- und Datenversorgung liegen an der Straße und haben hier über Lichtschächte Öffnungen ins Freie zur Lüftung und Entrauchung. Die horizontale Verteilung (Elt. Wasser, Kälte) läuft im UG über den anliegenden östliche Flur, die vertikale Verteilung erfolgt über die beiden östlichen Schächte und von hier aus wieder horizontal in der östlichen Flur- und Auswertezone. Von hier aus versorgen Abzweige die anliegenden Labore, Auswerte- und Büroräume.
    Die Büroflächen sind mit Akustik-Kühlsegeln zum Abführen der Spitzenkühllast ausgestattet.
    Die Lüftungszentrale liegt im UG im westlichen Bereich. Die Verteilung erfolgt vertikal in die beiden westlichen Schächte und dann etagenweise horizontal in die Laborzonen und bedarfsweise in die Auswertebereiche.
    Die RLT-Anlage ist in den Obergeschossen mit variabler Volumenstromregelung je Nutzungsbereich für bedarfsgerechte Klimatisierung (Nacherwärmung/Nachkühlung) ausgestattet.


    Die Variabilität des Neubaus und seine Adaptionsfähigkeit an andere Aufteilungen und Nutzungen stellen die wichtigsten Faktoren für die Zukunftsfähigkeit des Gebäudes dar.

    Evaluation by the jury

    Der Verfasser ordnet einen dreigeschossigen, kubischen Baukörper zum Lindenberger Weg an. Das eingeschossige Eingangsbauwerk wird als Fortsetzung des Neubaus begriffen, ein auskragendes Dach akzentuiert den Haupteingang.
    Die Fassade setzt einen deutlichen Kontrast zu den vorhandenen, eher von Lochfassaden geprägten Gebäudeteilen. Die horizontale Geschossauskragung trennt die einzelnen Ebenen deutlich. Dazwischen eingestellte Metallschotten betonen die Vertikalität. Mit dem zwischen diesen Schotten versetzt schräg laufendem Sonnenschutz versucht der Verfasser ein lebendiges und einprägsames Fassadenbild zu schaffen. Das Preisgericht stellt aber die Wirkung und Umsetzbarkeit in Frage. Die Fassadenkonstruktion überschreitet zudem das Baufeld nach Osten.
    Das Foyer ist in verschiedene Zonen gegliedert. Die Wegebeziehungen und die funktionalen Zuordnungen sind grundsätzlich so möglich, allerdings erscheint der Gesamtraumeindruck des Foyers eher nicht großzügig. Der Niveauversprung zum Altbau befindet sich im südlichen Teil des Foyers, dies wird als eher nachteilig gesehen.
    Der Laborbereich ist als grundsätzlich gut flexibel nutzbarer Bereich ausgewiesen. Die vertikale Technik-Erschließung (Zu- und Abluft) ist deutlich zu gering dimensioniert. Das zentrale, einfach konzipierte Treppenhaus ist gut zum Foyer angeordnet. Im Bereich des Treppenhauses befinden sich Kommunikationszonen, dies wird begrüßt. Zum Innenhof ist eine über alle Geschosse reichende, den Laboren vorgelagerte Gangzone angeordnet, einläufige Treppen verknüpfen die einzelnen Geschosse. Mit dieser Zone wird ein Ringschluss des Gebäudes erreicht. Allerdings ist die Angemessenheit dieses Gebäudeteils in Frage zu stellen.
    Die Technikfläche (Lüftungszentrale) ist nicht ausreichend dimensioniert. Der Entwurf liegt bezüglich Investitions- und Lebenszykluskosten vergleichsweise hoch. Die relativ geringe Kubatur lässt eine wirtschaftliche Umsetzung erwarten. Dem läuft allerdings die gewählte Konstruktion der Fassade entgegen.
    Insgesamt schlägt der Verfasser eine markante, sich deutlich vom Bestand abgrenzende Lösung vor. Das Preisgericht hebt dies ausdrücklich hervor, allerdings wird die Gesamtqualität dieser Lösung kontrovers diskutiert.