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  • DE-95514 Neustadt am Kulm
  • 12/2015
  • Ergebnis
  • (ID 2-171832)

Neugestaltung des Marktplatzes


  • 2. Preis


    Landschaftsarchitekten
    lohrer.hochrein landschaftsarchitekten und stadtplaner gmbh, München (DE) Büroprofil

    Verfasser
    Ursula Hochrein , Axel Lohrer

    In Zusammenarbeit mit:
    Lichtplaner: DAY & LIGHT LICHTPLANUNG, München (DE)

    Preisgeld
    16.000 EUR

    Erläuterungstext
    Konzept | Aus städtebaulicher Sicht stellt Neustadt bestimmt ein Kleinod dar Da ist die topographisch spannende Lage der Stadt entlang des Sattels zwischen den beiden Vulkanen, es gibt den beeindruckenden und in mutiger Dimension umgesetzten Stadtraum des Marktes und es gibt die wunderschön noch ablesbare Abfolge aus der Agrarlandschaft in die Stadt hinein – vom Wald über die offenen Wiesen und Felder, die sich auf die Hänge hinaus ziehen, den rahmenden Obstgürtel und dann die geschlossene Stadtkrone.
    Hier setzt das Konzept unterstreichend an. Der Obstring soll wieder gestärkt werden – störende Einbauten werden, wenn möglich, bis auf den Verlauf der historischen Stadtmauer zurückgedrängt. Unter einem dichten Kranz von lokalen Obstsorten (Arboretum) entsteht entlang eines verbindenden Panoramaweges eine farbenfroh lebendige Abfolge von gemeinschaftlichen Gärten, offenen Wiesen, UrbanGardens oder Spielpunkten – das neue grüne Herz der Stadt. Dies stützt die landschaftliche Inszenierung und schafft einen neuen touristisch nutzbaren Parcours. Dieser „Gartenring“ schafft aber auch einen hochwertigen Ersatz für bisherige Einbauten des Marktplatzes.
    Der Marktplatz wird in seiner räumlichen Klarheit wieder herausgearbeitet – als Platz von Fassade zu Fassade. Breite Pufferzonen vor den Gebäuden schaffen lebenswerte Distanzen des Halböffentlichen – auch ausreichenden Platz für (schon jetzt bemerkenswerte Sammlung) „Hausbänke“ und eigenes mobiles Grün. Dazwischen spannt sich ein großzügiger, flexibel nutzbarer gemeinschaftlicher Raum auf.
    Die Integration der wertvollen Bestandsbäume führt durch partielle Verdichtungen zu einem lockeren mittleren Baumhain – ausreichend und flexibel nutzbarer Raum für das gemeinschaftliche Leben. Und es sind nicht raumverstellende Gärten die den ländlichen Aspekt des Ortes hier zum Ausdruck bringen, sondern ein subtil erlebbares Spiel mit der Pflasterung, mit ihrem Material und ihrer Porigkeit.
    Mit dem „Spielfeld“ und der „Hülle“ werden den durch das Rathaus bestimmten Teilräumen eigenständige Charakter gegeben.

    Verkehr | Das vorgegeben Verkehrsprinzip mit übergeordneten Strassen und Anliegerstrassen wurde übernommen und in das intendierte Gesamtbild integriert. Insbesondere das merkliche Spiel mit dem Gefällewechsel lässt die jeweiligen Bereiche im fertigen Stadtboden deutlich werden. Der Marktplan sollte – mit Ausnahme der übergeordneten Durchgangsstrasse - als verkehrsberuhigter Bereich ausgewiesen werden.
    Der einheitliche Belag stützt das gleichberechtigte Verkehrskonzept. Mit seiner ebenen Oberfläche wird sowohl die notwendige Roll- und Gehfreundlichkeit gewährleistet, wie die gewünschte geringe Lärmentwicklung.
    Der ruhende Verkehr wird in Blöcken in der Mitte des Platzes sowie in optisch verträglichen Mengen für Anwohner wohnungsnah entlang der rahmenden Plattenstreifen verortet. Dort werden Stellplätze und Ladezonen durch Intarsien innerhalb des Pflasterbelages markiert und sind so, je nach zukünftiger Bespielung, flexibel z.B. für Gastronomie oder Auslagen nutzbar.

    Stadtboden | Der vorgeschlagene Belag entwickelt mit dem richtungslos wirkenden Fischgrätmuster einen dem Ort angemessenen repräsentativeren und trotzdem belastbaren Stadtboden.
    Der Verband zeigt sich über die große Fläche angemessen feinkörnig, verbindend einheitlich sowie auch in der vorgefundenen Topographie optisch richtungslos. Die Materialstärke von mindestens 14 cm gewährleistet dabei über den gesamten Platz hinweg die notwendige nachhaltige Belastbarkeit.
    Die ebenen und relativ großen Oberflächen des gesägten und geflammten Natursteins erlauben sowohl ein angenehmes Begehen als auch die gewünschte Reduzierung der Rollgeräusche im Fahrbereich. Im Platzinnern werden verstärkt „Fehlsteine“ verwendet, Steine mit bruchrauer Oberfläche und kleineren Maßen, was zu größeren Fugen und damit zu einem leicht tänzelnden Spiel mit Grün über den Belag führt – vergleichbar mit früheren Bildern, als der Platz noch geschottert war und die weniger begangenen Flächen deutliche Grünschimmer zeigten.
    Es wird eine Mischung aus ansprechend freundlichem mittelkörnigem Granit mit changierendem warm grauem Farbton vorgeschlagen. Dieser eher dunkle Farbton stärkt die Farbigkeit der raumprägenden Sandsteinfassaden.

    Ausstattung | Um die großzügigen grünen Baumscheiben herum entwickeln sich einladenden Gemeinschaftsbänke, die durch eine Vielzahl von locker eingestreuten Stühlen - analog zu der Vielzahl von Bänken – sich in einem lebendigen Potpourri unter dem Baumhain verteilen.
    Die Spielskulptur knüpft an die historische Nutzung als Stapelplatz an. Als locker „Bretterstapel“ lässt sie auf den ersten Blick an etwas temporär Abgestelltes denken – auf den zweiten Blick zeigt sich eine vielfältige Spiel und Kletterlandschaft

    Vegetationskonzept | Die vorhandenen Bäume werden, sofern vom Baumpfleger vertretbar, erhalten, saniert und innerhalb großzügigen offenen und mit begehbarem Schotterrasen bedeckten Baumscheiben in das Platzkonzept integriert. Sie werden durch weitere Eichen so ergänzt, dass der Eindruck der offenen Baumhalle entsteht.
    Mit der lockeren Baumhalle der Spalierbegrünung der Fassaden und den gewünschten bunten Kübel der Anwohner vor ihren Häusern wird der räumliche Klarheit der einladend belebende Widerspruch entgegengesetzt und so der Charakter des gemeinschaftlichen Wohnzimmers unterstrichen.

    Lichtkonzeption | Im abendlichen Erscheinungsbild soll der Marktplatz durch die Beleuchtung gut wahrnehmbar als Raum definiert werden. Durch Mastleuchten, in Reihung beidseitig entlang der Fassaden, entsteht eine Betonung der Randflächen und somit Fassung des Raumes. Der Bodenbelag ermöglicht eine dezente Reflexion des Lichtes und somit eine zurückhaltende Aufhellung der Fassaden. Direkte Fehlstrahlung in die Fenster der Anwohner wird dabei vermieden. Die Ausleuchtung des Verkehrsraumes gemäß sicherheitsrelevanter Aspekte wird berücksichtigt. Im mittleren Bereich des Raumes ist das Lichtbild deutlich aufgelockerter und kontrastreicher. Masten mit einstellbaren Strahlern sitzen frei verteilt zwischen den Bäumen betonen einzelne Baumkronen und erzeugen ein lebendiges Licht- und Schattenspiel. Weitere Akzente entstehen durch die Fassadenanstrahlung des Rathauses als Platzmittelpunkt, die Hervorhebung der Spielskulptur, sowie eine besondere Lichtinszenierung der Wasserfläche.
    Alle Leuchten sollen mit LED in warmweißer Lichtfarbe und mit guter Farbwiedergabe ausgestattet werden.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Die Arbeit überzeugt durch interessante konzeptionelle Überlegungen im Hinblick auf einen angestrebten Kontrast zwischen dem historischen Stadtplatz und den umgebenden Grünflächen und Stadtgärten. Diese Leitidee wird sehr klar und überzeugend präsentiert.

    Hinterfragt wird, ob damit der angemessene Maßstab für die kleinste Stadt der Oberpfalz aufgenommen wird. Der Versuch, die historische Anmutung des Stadtplatzes aufzugreifen, wird grundsätzlich begrüßt. Damit wird der Entwurf den aktuell erforderlichen Bedürfnissen allerdings nicht in vollem Umfang gerecht.

    Die offene Gestaltung lässt viel Freiraum für Nutzung und für weitere Ideen, den Platz zu beleben. Die locker ergänzte Baumstellung unterstreicht diese Entwurfsidee.
    Die angedeutete zarte Begrünung im Platzinneren (Grünflaum) weist in die richtige Richtung, erfüllt aber bei weitem nicht die in der Auslobung formulierten Ziele der Stadt nach einer stärkeren Begrünung.

    Das Verkehrskonzept ist richtig. Allerdings ist es aus den konkreten Gestaltungsvorschlägen nur schwer ablesbar. Hier sind Schwierigkeiten mit verkehrsrechtlichen Erfordernissen zu erwarten. Die Stellplätze sind, abgesehen von der Konzentration im Osten, gut über den Marktplatz verteilt. Die durchaus als konsequent vorstellbare Mischung der Verkehrsfunktionen, die angestrebt werden soll, hätte eine generelle Umwidmung der Verkehrsflächen zur Folge.

    Die Höhenproblematik auf der Westseite ist geschickt gelöst und hat attraktive Nutzungsmöglichkeiten. Kritisch diskutiert wurde die vorgeschlagene Spielskulptur. Nicht genutzt wird die Chance, die vorhandenen Keller in die Planung mit einzubeziehen.

    Die Massierung der Parkplätze am Hauptzugang und im Vorfeld des bedeutenden Baudenkmals wird als störend empfunden. Auch die klassische Sicht zum Großen Kulm wird dadurch nicht aufgewertet.

    Das Lichtkonzept überzeugt im Wesentlichen.
    Barrierefreiheit ist gegeben.

    Das robuste Konzept erscheint abgesehen von den überdimensionierten Pflasterflächen wirtschaftlich realisierbar und relativ unproblematisch in Bezug auf Unterhalt und Realisierbarkeit. Eine Umsetzung in Bauabschnitten wäre möglich.

    Anmerkungen aus Sicht des Vertreters der Denkmalpflege:
    Denkmalfachlich nicht akzeptabel:
    - Einheitlicher Pflasterbelag auf gesamter Platzfläche.
    - Ersatzloser Rückbau der prägenden Grünfläche.
    - „Spielfeld“ im Westen als terrassenförmige Anlage
    - Aufgabe der historischen Kelleranlagen

    Positiv gesehen wird:
    - Verwendung von mittelkörnigem Granit-Naturstein mit bruchrauher, gesägter und geflammter Oberfläche im Wechsel.
    - Erhalt einer historischen Wasserfläche an der Ostseite des Platzes („Tränke“).