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Nichtoffener Wettbewerb | 11/2022

Schussenpark Ravensburg

Lageplan

Lageplan

3. Preis

Preisgeld: 19.000 EUR

365° freiraum + umwelt

Landschaftsarchitektur

Erläuterungstext

Stadt Land Fluss - ein bekanntes Spiel (auch aus dem Ravensburger Verlag).

Doch wo ist der Fluss?

Eingezwängt in ein Korsett aus Steinen wird die Schussen kanalartig auf möglichst engem Raum
durch die Stadt geführt. Industrie und Verkehr haben dem Gewässer seine Aue geraubt.
Mit dem Schussenpark bekommt der Fluss einen (kleinen) Teil davon zurück, die Bürger einen
Park mit erlebbaren Wasserläufen aus einer Wärmeinsel wird eine Oase und grüne Lunge.

Die großflächige Versiegelung der Flächen zwischen Schussen und Bahn wird aufgebrochen, die
Auffüllungen in der Aue werden rückgängig gemacht. Der Steinverbau wird zumindest in Teilen
rückgebaut und dort, wo erforderlich, durch ingenieurbiologische Bauweisen und schlafende
Sicherungen ersetzt.

Wegebeziehungen
Der neue Schussenpark ist aus allen vier Himmelsrichtungen erreichbar. Der motorisierte Verkehr
wird so weit wie möglich aus dem Gebiet herausgehalten. Der ruhende Verkehr wird in
einer in Teilen 2-geschossigen, locker mit Bäumen überstellten Parkierungsanlage im Süden konzentriert.
Das ermöglicht den Querschnitt der weiter nach Norden führenden Straße zu reduzieren
und ab der Wendeplatte nördlich der Bebauung als Promenade (im Bedarfsfall mit Kraftfahrzeugen
befahrbar) zu reduzieren. Dieser leicht auf- und abwogende Weg am Hochufer bildet
das Rückgrat des neuen Parks und stellt die Fuß- und Radwegeverbindung nach Norden her. Von
Osten aus der Altstadt ist der Park über den translozierten Eschersteg und die bestehende Bahnunterführung
erschlossen. Nach Westen zum Sportgelände Rechbergwies gelangt man über einen
neuen Fußgängersteg (Ersatz für überdimensionierte, bei Hochwasser eingestaute Brücke).
Verteiler und Drehscheibe in alle Richtungen ist dabei der neue Escherplatz. Ein großzügiges
Holzdeck als Bühne und eine mit Segeln überspannte Mulitfunktionsfläche bieten Raum für
Events wie kleinere Konzerte, Open-Air-Kino, Theater und Kleinkunst. Gleichzeitig erhöhen Sitzund
Liegemöglichkeiten die Aufenthaltsqualität für die Mittagspause oder eine kurze Rast auf
der Fahrradtour entlang der Schussen. Für den Alltag ist hier ein Trinkbrunnen vorgesehen, für
Events soll das Catering über Foodtrucks erfolgen.

Topografie
Der Höhenunterschied zwischen Platz und Aue wird durch Stützmauern aus Stampfbeton überwunden,
die in Teilen als Boulderwand genutzt werden. Großzügige Stufen und Sitzstufen ermöglichen
den Zugang zur Aue.
Die Höhenunterschiede von der Promenade zur Bahn und zur Aue werden auf engem Raum
durch architektonisch kantig ausgeprägte „Krainer-Wände“ aus Robinien- oder Eichenholz überwunden.
Diese werden mit Steckhölzern von Weiden und anderen Gehölzen begrünt und rücken
die Bahn optisch in den Hintergrund. Durch den regelmäßigen abschnittweisen Rückschnitt
der Gehölze wird das Bauwerk stabil erhalten; gleichzeitig werden immer wieder neue Sichtbeziehungen
in die Aue geschaffen. Darüber hinaus ermöglicht die Kontrolle von Höhe und Ausdehnung
eine Ausführung in der Rückschnittzone der Bahn (Oberleitungen). Im Übergang zu
den Eidechsenbiotopen entlang der Bahnlinie erfolgt die Hinterfüllung der Krainer Wände mit
Schotter und groben Wacken, so dass diese auch als Echsenhabitat geeignet sind.

Erleben von Schussen und Flappach

In der Aue ist das Gelände weich, wie vom Fluss gestaltet modelliert. Dieser Bereich ist von Wiesen
und einzelnen Solitärbäumen geprägt.
Der wieder geöffnete, mäandrierende, flach zugängliche Flappach ist Hauptdarsteller eines großen Naturerlebnis- und Spielbereichs.
Baubiologische Türme aus Weiden und Mikados aus Treibholz bieten in Verbindung mit Seilbrücken, Tauen
und Netzen eine Vielzahl von Spiel- und Entdeckermomente. Trittsteine, Stauwehre, Sand- und
Kiesflächen stehen den Kindern am Matschplatz zur Verfügung.
Um die kleinen Forscher bei Starkregenereignissen vor rasch auftretenden Hochwassern des Flappachs
zu schützen wird nur eine definierte Menge durch den Spielbereich geleitet, Hochwasser werden
über eine Entlastungsmulde der Schussen zugeführt.

Am Fluss in der Weichholzaue wechseln sich flache Ufer am Gleithang mit steileren Abschnitten am
Prallhang ab. Weiden, Erlen, Schwarzpappeln und andere Ufergehölze säumen in Verbindung mit
Hochstaudenfluren das Gewässer und sorgen mittelfristig wieder für Beschattung und Biotopstrukturen
am Schussenufer. Kiestrände mit verankertem „Schwemmholz“, Findlingen und Trittsteinen machen
den Fluss erleb- und bespielbar.
Durch den Einbau von Buhnen, Stammbuhnen, Strömungstrichtern und Wurzelstöcken wird das homogene
Strömungsbild im Gewässer aufgelöst und mit der Kraft des Wassers vielfältige Strukturen
und somit Habitate für Makrozoobenthos und Fischfauna im Gewässer geschaffen.

Im Norden des Parks befindet sich am „großen Schussenblick“ der höchste Punkt des Geländes. Hier
werden Aushubmassen der Fließgewässerrevitalisierung zu einem artifiziellen geometrischen Erdkörper
modelliert, der gleichzeitig Ausblicke in die neue Auenlandschaft ermöglicht, den angrenzenden
Parkplatz abschirmt, und mit seiner Pappelgruppe auch einen Blickfang aus der Aue heraus darstellt.
Der kleine Schussenblick – ein weiterer geometrischer Erdkörper aus Aushubmassen markiert den
Übergang vom landschaftlichen geprägten Teil des Parks zu den immer urbaner und intensiver ausgestalteten
Arealen bei der Bebauung im Süden.

Die Bahnunterführung wird an das neue Geländeniveau angepasst (Zugang auf Niveau von HQextrem),
die Anzahl der Stufen deutlich reduziert und somit der Zugang heller und freundlicher. Locker mit Bäumen
überstellte Stufen und Sitzstufen bieten hier den direkten Zugang zum Wasser. Bei Bedarf könnte
diese als Einstieg für Kanus gestaltet werden. Hier findet sich auch der Schwerpunkt der Sportanlagen.
So wird am Rande einer Reihe bestehender Platanen ein Kleinspielfeld und eine Callisthenics-Anlage
verortet. Beachvolleyballfeld und Tischtennisplatten befinden sich im Übergang zur Aue.

Retention
Die große asphaltierte Fläche zwischen „Gleis 9“ und der Ergotherapieschule wird entsiegelt
und als ein baumbestandener Platz (Baumrigolen) mit wassergebundener Decke (Stabilizer)
ausgeführt. Mit Stauden bepflanzte Retentions- und Sickermulden, Sitz- und Liegedecks aus
Holz und Hochbeete (Essbare Stadt) sorgen für Aufenthaltsqualität.
Im gesamten Gebiet wird das anfallende Regenwasser direkt in den angrenzenden Grünflächen
versickert, über die Krainer Wände verrieselt oder in Baumrigolen gespeichert. Durch die großzügige
Aufweitung der Schussenaue werden darüber hinaus Retentionsräume für Schussen und
Flappach geschaffen. Die Wiesenflächen der Aue können das Wasser gleich einem Schwamm
aufnehmen und nach Abfluss der Hochwasserwelle über die Verdunstung an die Umgebung
abgeben.
Das Konzept sieht vor, Erdaushub in den beiden Geländehochpunkten wieder einzubauen.
Darüber hinaus sollen die bestehenden Flussbausteine als Stör- und Trittsteine und als verlorene
Sicherung wieder eingebaut. Gerodete Ufergehölze werden als Stammbuhnen, Raubäume und
andere Strukturen im Gewässer wieder eingebaut. Durch die Verwendung von Holz in den Krainer
Wänden in Verbindung mit lebenden Pflanzen kann die Verwendung von CO2 intensiven
Stützmauern aus Beton reduziert werden.

Beurteilung durch das Preisgericht

Die Konzeption einer Zonierung “Stadt Land Fluss” überzeugt in ihrer konsequenten Umsetzung. Über verschiedene Plateaus entstehen unterschiedlich bespielt und neu gestaltete öffentliche Räume. 

An den Verbindungspunkten und Schnittstellen zur Innenstadt, im Bereich des Escher Steges und im Bereich der vorhandenen Unterführung bieten die Verfasser auf dem oberen Plateau der neuen Promenade entlang der Bahntrasse ein vielgestaltiges Angebot an attraktiven und gut nutzbaren Plätzen und Spielflächen.. Diese Flächen sind hochwassergeschützt und ermöglichen eine durchgängige Nutzung e für alle Generationen. Die Vorgaben des HQ100 sind berücksichtigt. Die die Kleinspielfelder, der des Calisthenics-Parcour sowie weitere multifunktionale Aktionsflächen mit Bühnen und auch die Boulder-Wände sowie ergänzende gastronomische Angebote wie FoodTrucks und Biergarten schaffen dort die gewünschten attraktiven und stadtnahen Einrichtungen und Angebote für alle Bürgerinnen und Bürger. 

Auf diesem oberen Niveau verläuft eine durchgängige Nord-Süd-Wege Rad- und Fußwegeverbindung, die auch die Notzufahrt zum Schindele-Areal sicherstellt. 

Der Umgang mit der Topografie überzeugt. Unterhalb klar einer formulierten podestartigen Raumkante entsteht eine großzügige Auenlandschaft, die als Retentionsraum dient und vielgestaltige Biotop- und Habitatstrukturen wie Staudenfluren und Gehölzegruppen aufweist. Geschickt wird der Flappbach erlebbar gemacht und in die Auenlandschaft integriert. Ein geschwungener, durchgängiger Fußweg wird durch Naturspielplätze, Kiesstrände, Beachvolleyballfelder sowie Wiesensitzstufen an den Schussen begleitet. Die Umsetzung, des Spielplatzes in der Flussaue wird allerdings kritisch gesehen. Grundsätzlich positiv wird die Durchgängigkeit des Fußweg und somit Erlebbarkeit des Flusslaufes westlich des Gebäudes Gleis 9 bewertet. Angesichts der räumlichen Enge dürfte die Realisierbarkeit schwierig werden. 

Im Bereich des Ideenteils wird durch Zurückspringen der Parkierungsanlage die Durchgängigkeit des Schussenparks aufgezeigt. In Ausformung, Größe und Stellplatzanzahl sind vorhandene Potenziale jedoch nicht voll ausgeschöpft. Eine Reduzierung der Stellplätze auf das geforderte Maß zugunsten unbebauter Flächen wäre wünschenswert. 

Der Vorschlag, die historische Brücke im Norden des Areals durch einen schlanken Fußgängersteg zu ersetzen wird in Gremium kritisch diskutiert und auf seine Sinnhaftigkeit überprüft. Der implementierte Gedanke einer Stärkung der Ost-West-Verbindung wird als zwingend erachtet und stellt in der vorliegenden Variante womöglich eine langfristige Lösung dar. Positiv beurteilt die Jury das vorgeschlagenen Bodenmanagement, das Aushubmaterial aus den Böschungsabflachungen und den künftigen Retentionsflächen soll mit der Modellierung von Aussichtspunkten vor Ort wiederverwendet werden. 

Das Abfangen unterschiedlicher Geländeniveaus durch begrünte Mauerelemente (Krainerwände) überzeugt nicht und wirkt in ihrer in Teilbereichen linearen Umsetzung stereotyp. Die Vernetzung der formulierten Ebenen bleibt hinter ihren gestalterischen Möglichkeiten. I Die Jury hinterfragt kritisch, warum sich der Erhalt weiterer Platanenstandorte nicht in der dieser Konzeption wiederfindet. 

Insgesamt liegt ein der Situation angemessener Entwurfsansatz vor, der einen ersten, prägenden Baustein eines durchgängigen Landschaftsraums Schussen aufzeigt und der Stadt die Schussen als Identifikationsort zurückgibt. Leider findet dieser konsequente Planungsansatz in der Ausformulierung nicht immer eine so konsequente Umsetzung. Insgesamt liegt ein städtebaulichfreiräumliches Gesamtkonzept vor, welches positive Synergien in seine Nachbarschaften ausstrahlen kann..
Perspektive

Perspektive

Vertiefungsbereich Nord

Vertiefungsbereich Nord

Schnitt A-A'

Schnitt A-A'

Vertiefungsbereich Süd

Vertiefungsbereich Süd

Schnitt C-C'

Schnitt C-C'

Piktogramme Nutzung & Mobilität

Piktogramme Nutzung & Mobilität