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  • DE-59348 Lüdinghausen
  • 06/2015
  • Ergebnis
  • (ID 2-202748)

Neugestaltung des Marktplatzes


  • 2. Rang 3. Preis


    Landschaftsarchitekten
    Planergruppe GmbH Oberhausen, Essen (DE) Büroprofil

    Preisgeld
    4.000 EUR

    Erläuterungstext
    Leitidee/ Städtebaulicher Kontext
    Die historischen Karten lassen erkennen, dass die Dimension des Marktplatzes bis zum Stadtbrand 1832 eine andere war als heute. Die Bebauung an der Nordseite reichte deutlich weiter nach Süden und das damals auf dem Platz stehende Rathaus dominierte den Raum. Das Gebäude bildete einen räumlichen Schwerpunkt auf dem Marktplatz, der sich von dort aus nach Süden und Osten entwickelte.
    Heute präsentiert sich der Marktplatz mit Einbauten überfrachtet. Die Anordnung der vorhandenen Bäume und des Brunnens, sowie das Pflastermuster wirken unruhig und konzeptlos.
    Vorrangiges Ziel ist es, einen gestalterisch beruhigten, durch den bunten Rahmen der Bebauung mit ihren Geschäften geprägten Platz herzustellen. Der Markt soll frei geräumt werden, um multifunktional nutzbar zu sein. Als Neuinterpretation des ursprünglich durch das Rathaus gebildeten räumlichen Schwerpunkts auf dem Marktplatz wird ein Baumdach gesetzt. Es bildet einen Aufenthaltsort auf dem ansonsten offenen Marktplatz, und gliedert die gleichförmig wirkende Fassade der nördlichen Platzkante. Insbesondere die Südseite des Marktplatzes bleibt offen, um die im Regionale-Projekt „StadtLandschaft“ wichtige „zentrale Achse“ durch die Altstadt frei zu halten.

    Entwurf
    Der Marktplatz erhält eine neue gleichmäßige Oberfläche aus Natursteinpflaster, die sich als durchgehender Teppich von Haus zu Haus spannt. Unter dem Baumdach gruppieren sich Sitzbänke um einen neuen Brunnen und bilden einen Anziehungspunkt für Aufenthalt und Spiel. Zwei gegenüber stehende Reihen aus Mastleuchten sorgen für eine gleichmäßige Ausleuchtung der Platzfläche, und betonen die spannungsvoll konisch zulaufenden Bebauungskanten. Umlaufend um den Platz und in jede der Seitengassen führt eine Blindenleitlinie, die gleichzeitig als Entwässerungsrinne dient. Die festen Einbauten am Café Hellmann werden entfernt, und eine Außengastronomiefläche angeboten, die in die Platzmitte rückt, und die Laufwege frei hält.

    Nutzung
    Die in der aktuellen Marktaufstellung vorhandenen 22 Stände finden in einer neu sortierten Anordnung auf dem Markt Platz. Die Unterfluranschlüsse mit Strom und Wasser liegen jeweils mittig an der Rückseite der Standreihen, so daß die Versorgung der Stände ohne Querung der Laufwege erfolgen kann. Alle Standplätze wenden den Geschäften ihre Vorderseiten zu. Bei Veranstaltungen wie dem Stadtfest kann auf der freien östlichen Platzhälfte eine Bühne mit Bestuhlung Platz finden, während sich auf der Westseite um das Baumdach gastronomische Angebote aufstellen.
    Die Fläche für die Außengastronomie bleibt vom Markt und von der Festaufstellung unberührt, damit gerade an Markt- und Festtagen die schöne Atmosphäre des Platzes im Café genossen werden kann. Das Blindenleitsystem wird ebenfalls nicht von den Ständen überbaut. Eine sichere Querungung des Platzes bleibt möglich.

    Materialität
    Als Pflaster wird der in den Seitengassen bereits vorkommende graue Granit aufgegriffen, jedoch aus Gründen der Barrierefreiheit als Kleinsteinpflaster mit gesägtem und geflammtem Kopf. Eine gebundene Bauweise garantiert eine ebene Oberfläche, stabile Fugen, und eine gute Reinigbarkeit insbesondere für die Marktnutzung. Als Verlegemuster wird ein Netzverband gewählt, der an die vielfältigen vorhanden Richtungen anbinden kann, und durch seine Richtungslosigkeit ein sehr gleichmäßiges Erscheinungsbild abgibt. Die Fläche unter dem Baumdach wird mit wassergebundener Decke befestigt, und mit 30cm breiten Natursteinplatten ebenengleich eingefasst.
    Als Leitsystem dienen 30cm breite Entwässerungsrinnen, die mit einer Gussabdeckung mit gerillter Oberfläche versehen sind (z.B. Birco Blindenleitabdeckung). Die dunkle Farbe des Gussmaterials erzeugt den notwendigen hell-dunkel-Kontrast der Leitlinien gegenüber dem Granit. Die neue Pflasteroberfläche läuft in die einmündenden Gassen jeweils wenige Meter hinein, bis ein sinnvoller Anschluss an die vorhandenen Pflastermuster gebildet werden kann. An der Schwelle zur Platzfläche wird ein 30cm breiter Streifen aus Gussplatten quer verlegt, der wie ein Auffangstreifen wirkt, und den Eintritt in den Platz inszeniert, ohne einen Höhenunterschied auszubilden.
    Das Baumdach wird durch vier Vogelkirschen in der nicht fruchtenden Sorte Prunus avium ‘Plena‘ gebildet. Der mittelgroße Baum ist dem Maßstab der zweigeschossigen Bebauung angemessen, und verweist auf den Ursprung Lüdinghausens als Ackerbürgerstädtchen. Die schneeweiße Blüte im Mai und die prächtige gelborange bis scharchlachrote Herbstfärbung bilden ein optisches Highlight.
    Die Bänke werden als Hockerbänke aus massiven Profilbohlen gefertigt. Aus der Oberfläche des tischhohen Brunnens aus Stahl tritt sprudelnd Wasser aus, rinnt über die Kante nach unten, und läuft in einer umlaufenden Rinne ab. Fahrradabstellanlagen werden in den Seitengassen angeordnet.

    Beleuchtungskonzept
    Gemäß dem Masterplan Licht werden einige Fassaden am Markt angestrahlt und die Platzfläche mit einer Altstadtleuchte ausgeleuchtet. Wir schlagen die Leuchte Philips urban Lightning „Atelier“ vor, die als moderne Interpretation einer historischen Mastleuchte angesehen werden kann. Der neue Brunnen wird ebenfalls beleuchtet.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Die Verfasser greifen den historischen Platzgrundriss mit dem dominierenden Baukörper des Rathauses auf und formulieren an dieser Stelle einen neuen Anziehungspunkt mit Brunnen und Bänken unter einem Dach aus Vogelkirschen.
    Im Kontrast dazu wird der gesamte Platzraum von überbordender Möblierung und Ausstattung befreit, was leider auch den teilweise qualitätvollen Baumbestand und den, wenn nicht geliebten, so aber doch gewohnten Brunnen umfasst. Immerhin wirkt die so entstehende Weite und Offenheit positiv, bis hin zur Berücksichtigung der im ISEK entwickelten Ost-West-Sichtachsen. Dem ruhigen Platz stehen die lebendigen bunten Fassaden der Bebauung gegenüber, wenngleich deren architektonische Qualität nicht durchgehend zum Betrachten einlädt.
    Die Verfasser kombinieren die logisch platzierten Entwässerungsrinnen um den Platz so, dass sie – mit einer besonderen Oberflächenstruktur und dunkler Farbe – auch als Leitlinie für Menschen mit reduziertem Sehvermögen geeignet sind. Auch das Granitpflaster im Netzverband ist glattflächig und rollatorgeeignet. Die Details sind schlicht und sauber gearbeitet.
    Die Marktnutzung ist in das Konzept sinnfällig und praktikabel integriert, mit der Besonderheit, dass sich die Markstände künftig auch zu den Geschäftshäusern hin orientieren. Auch an Markttagen bleibt die Funktionalität der Leiteinrichtungen erhalten, auch eine Pause im Café – die Terrasse rückt von den Laufwegen ab – bleibt möglich. Rad fahrende Marktbesucher finden Abstellmöglichkeiten in den aufmündenden Straßen, die den Materialkanon des Platzes fortsetzen, nachdem eine Bodenintarsie den Fußgänger in die Straßenbereiche entlässt.
    Die vorgeschlagenen Leuchten erscheinen dem Ort nicht angemessen, weil zu niedrig und eher wohnstraßenhaft wirkend. Auch die gewählte Baumart kann nicht überzeugen.
    Der Entwurf bietet viele gute Ansätze, vermag aber vielleicht nicht das letzte Quäntchen Mehrwert zu bieten, das die umfangreichen Eingriffe begründete.


INFO-BOX

Angelegt am 25.06.2015, 10:27
Zuletzt aktualisiert 26.06.2015, 15:44
Beitrags-ID 4-104992
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