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  • DE-80999 München, DE-80802 München
  • 12/2015
  • Ergebnis
  • (ID 2-219883)

Ehemaliges Diamalt-Gelände


  • 1. Preis

    Städtebauliches Konzept, © pp a|s pesch partner architekten stadtplaner

    Stadtplaner, Landschaftsarchitekten
    pp a|s pesch partner architekten stadtplaner GmbH, Dortmund (DE), Stuttgart (DE) Büroprofil

    Verfasser
    Prof. Dr. Franz Pesch

    Mitarbeit
    Helen Rohde

    In Zusammenarbeit mit:
    Visualisierer: Helldoor Visual Studio, Stuttgart (DE)

    Preisgeld
    28.500 EUR

    Erläuterungstext
    DAS NEUE DIAMALT-QUARTIER


    Städtebauliche Idee: Die Entwicklung des Diamalt-Quartiers im Einflussbereich von Produktionsanlagen und frequentierten Verkehrsräumen stellt hohe Anforderungen an die Adressbildung. Unser städtebauliches Konzept nutzt dafür zwei Eigenschaften des Standorts:
    ­- die historischen Relikte, die einschließlich der Grenzmauer an der Westseite des Grundstücks städtebaulich in Szene gesetzt werden, und
    ­- den dreieckigen Zuschnitt des Grundstücks, der mit dem ca. 1,5 ha großen Parkdreieck einen spannungsvollen Innenraum erhält.

    Der zentrale Freiraum ist ein angemessener Rahmen für die wuchtigen Monumente der Münchener Industriegeschichte. Die Transformation dieser Baudenkmale in ein gemischt genutztes Ensemble mit Bürgerhaus, Restaurant, Café, Kita, Wohnungen und Lofts ist die Voraussetzung für einen alltagstauglichen, gebrauchsfähigen öffentlichen Raum, der Bewohnern und Besuchern aber auch als Kulisse für besondere Ereignisse dienen kann. Der Dreieckspark im Zentrum erhält einen stabilen Rahmen von Baustrukturen, die auf die verschiedenen Lagebedingungen reagieren. Alle Gebäude, auch die an den lärmbelasteten Rändern, partizipieren am Lagewert der grünen Mitte.

    Gebäudetypologie: Für die Erreichung der Ziele der Münchener Wohnungspolitik - Vielfalt der Wohnformen und soziale Mischung - bietet das Konzept einen stabilen Rahmen, der eine Änderung des Wohnungsschlüssels verarbeiten kann. Im Entwurf werden mehrere Gebäudetypologien gemischt, die jeweils individuell auf die Nachbarschaft eingehen: Die geschlossene Randbebauung bietet überwiegend Kleinwohnungen im Geschosswohnungsbau mit Laubengangtypologie. Sie ist mit klassischen Zwei- und Dreispännern zu Wohnhöfen zusammen- gefasst, mit einer gemeinsamen Adresse an den erschließenden „Grünen Zimmern“. Das Motiv des Wohnhofs prägt auch den Nordrand an der Ludwigsfelder Straße. Neben den Spänner-Typologien eignet sich das Hofkonzept auch für die Integration von gereihten Stadthäusern mit Home Offices oder für Mehrgenerationenwohnen. Die Gebäudetypologie an der Georg-Reismüller-Straße greift den historischen Villentypus auf und entwickelt ihn mit einer moderat gesteigerten Dichte weiter. So entsteht ein Band aus Drei- und Vierspännern mit großen Familienwohnungen und einem großzügigen, parkähnlichen privaten Freiraum. Für die besonders lärmbeeinträchtigte Lage an der Südseite des Grundstücks wird eine besondere Hoftypologie mit einer Abschottung nach Süden und innenhoforientierten Grundrissen angeboten. Die Wohnungen im geförderten Mietwohnungsbau (EOF) werden in den beiden westlichen Blöcken an der Ludwigsfelder Straße zusammengefasst, die geförderten Eigentumswohnungen (MM-Eigentum) können hingegen mit frei finanzierten Wohnungen im gesamten Quartier gemischt werden. Insgesamt entstehen rd. 660 Wohnungen für unterschiedlichste Preissegmente und Nutzergruppen.

    Freiraum: Wohnen im Diamalt-Quartier bedeutet Wohnen am Freiraum. Im Entwurf formulieren wir einen Dreiklang abwechslungsreicher Außenräume, der die unterschiedlichen Bedürfnisse der Bewohnerschaft aufgreift. Im Streifen an der Bahn, wo der Schutz des Zauneidechsen-Habitats gesetzt ist, soll sich auf Basis der eigenen Dynamik eine „urbane Wildnis“ entwickeln, die auch seltenen und geschützten Arten Lebensraum bietet. Vegetation und Tierwelt können sich zwischen Hügeln, Schotterflächen und Wiesen entfalten, die Bewohner können sich in diesem Raum aufhalten, ohne die Habitatfunktion der Fläche zu beeinträchtigen. Über Holzstege und -plattformen über dem Gelände können Jung und Alt den Landschaftsraum erreichen, sich Refugien erschließen, ohne die Natur zu stören. Im Kontrast zu dieser rauen Naturbrache steht die Weite des Dreieckparks. Mit seinen Wiesen und den bestehenden Gehölzen bietet er einen zentralen Raum für vielfältige Aktivitäten: Spiel, Sport und Verweilen. Der Blick auf das Monument des Kesselhauses wird frei gehalten. Über die Weite des Parks ist das Ensemble der historischen Produktionsanlagen erlebbar. Die dritte Säule des Freiraumkonzepts sind die Straßen- und Platzräume: Der Diamalt-Platz bildet das Zentrum des Quartiers. Mit Markthalle und Bürgerhaus in den Bestandsgebäuden, einem kleinen Café und dem Generationenhaus mit Kita bildet er einen neuen sozialen Nukleus in Allach, der durchaus urbane Qualitäten entwickeln kann. Die "Grünen Zimmer" im östlichen Baufeld stellen die Verbindung zwischen dem Park und dem Naturraum her. Und die kleinen Eingangsplätze vor den Hausgruppen an der Georg- Reismüller-Straße vermitteln zwischen Quartierspark und Wohnquartier.

    Erschließung: Das Quartier wird effizient und umweltfreundlich erschlossen. Die Zufahrten von der Ludwigsfelder Straße und der Georg-Reismüller-Straße führen in einen Innenraum mit einer ringförmigen Promenade, die im Mischprinzip befahren wird. Abkürzungsfahrten zwischen den beiden verkehrsreichen Tangenten sind aufgrund der Verkehrsführung und der Straßengestaltung minimiert. Von der Promenade können alle Gebäude und Tiefgaragen auf kürzestem Weg direkt oder über kurze Stichstraßen angefahren werden. Die Tiefgaragen beinhalten alle Bewohnerstellplätze, die Zufahrten sind in die Gebäude integriert. Die "Grünen Zimmer" sind vom Autoverkehr befreit und nur für Anlieferungen oder von Müllfahrzeugen befahrbar. So ist das Erschließungssystem ein funktionsfähiger Saum des Freiraums mit eigener Aufenthaltsqualität. Besucherstellplätze werden straßenbegleitend angeboten. Am Bürgerzentrum soll ein Mobilitätszentrum mit E-Bikes und E-Carsharing eine zukunftsorientierte Infrastruktur vorhalten, die im Laufe der Zeit weiter ausgebaut werden kann. Die Fahrräder erhalten einen gut sichtbaren Sammelstellplatz auf dem Diamalt-Platz, die Elektroautos können auf der Rückseite oder in der Tiefgarage des Neubaus untergebracht werden. Der Zugang zum ÖPNV erfolgt über die nahegelegenen Bushaltestellen an der Georg-Reismüller-Straße und Franz-Nißl-Straße. Die fußläufig erreichbare S-Bahn- Haltestelle Allach sichert zudem eine schnelle Erreichbarkeit der Münchener Innenstadt.

    Städtebaulicher Schallschutz: Durch die Ausbildung einer geschlossenen Randbebauung zur Bahn mit einer Höhe von 5 bis 6 Geschossen entsteht ein lärm- geschützter Innenbereich. Alle Aufenthaltsräume der Wohnungen der Randbebauung sind konsequent zu den geschützten Höfen orientiert. Zur nördlichen gelegenen Ludwigsfelder Straße und dem dahinter liegenden Gewerbegebiet wird der Lärmschutz für die vier Wohnhöfe mit einer drei- bis fünfgeschossigen Bebauung gesichert. Der Lärmschutz zum Versorgungszentrum südlich des Quartiers wird durch eine drei- bis viergeschossige Bebauung mit besonders konzipierten Lärmschutzgrundrissen gewährleistet.

    Nachhaltigkeit: Im Entwurf wurden die wesentlichen Kriterien der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) für Stadtquartiere berücksichtigt. Die Orientierung der Gebäude und Dimensionierung der Höfe ermöglicht eine gute Besonnung der Gebäude. Zudem entstehen unverschattete Dachflächen für Solarthermie und Photovoltaik. Die Kellerräume der ehemaligen Suppenwürzfabrik eignen sich darüber hinaus für die Einrichtung eines Blockheizkraftwerks. Als Holzpelletanlage mit Solarthermie und zentralem Pufferspeicher erreicht das BHKW eine hinreichende Leistungsfähigkeit, um das Bürgerzentrum mit Kita sowie die Wohngebäude mit Energie zu versorgen.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Der Beitrag besticht durch eine ausgeprägte Klarheit in der Grundkonzeption: Drei Flanken aus sinnfällig differenzierten Bändern mit Hofgruppierungen umschließen einen inneren dreiecksförmigen Grünraum, der ähnlich den englischen Squares allseits von Erschließungsstraßen eingefasst ist. In diesem Grünraum, der hohe Aufenthaltsqualitäten verspricht, steht das Kesselhaus freiplastisch als beherrschendes, dem Quartier Identität gebendes Bauwerk. Allerdings sind die Grundstücksgrenzverläufe beim Kesselhaus ebenso wenig berücksichtigt, wie dessen Stellplätze und Gebäudezugänge. Der Umgang mit den denkmalgeschützten Gebäuden im Übrigen, also der Suppenwürzefabrik und dem Werkstättengebäude, überzeugt dagegen uneingeschränkt. Mit den vorgeschlagenen Nutzungen und der Freiflächengestaltung könnte hier eine höchst attraktive Quartiersmitte entstehen. Ebenso positiv bewertet das Preisgericht mehrheitlich die Ausbildung des Randbereichs der Georg-Reismüller-Straße. Es gelingt den Verfassern einerseits eine wirkungsvolle bauliche Fassung des Straßenraums, andererseits eine in der Maßstäblichkeit und Offenheit der Baukonfiguration ausgezeichnete Vermittlung zum bestehenden westlichen Nachbarquartier. Auch die sehr gute Zugänglichkeit zum inneren Grünraum für die angestammte Bewohnerschaft wird gewürdigt. Der vorgeschlagene Standort für die Kindertagesstätte im nordwestlichen Mündungsbereich der Georg-Reismüller-Straße in die Ludwigsfelder Straße wird dagegen kritisch bewertet, weil ihre Freiflächen dort dem beträchtlichen Verkehrslärm ausgesetzt wären. Die Hofgruppierungen im Norden und Osten sind nicht üppig dimensioniert, verfügen aber über hohe räumliche Qualitäten. Ihre kompakten Abmessungen ermöglichen zudem die Anlage des geräumigen, inneren öffentlichen Parks. Das Erschließungskonzept ist einfach, effizient und bedient überzeugend alle Baufelder. Die vorgeschlagene Anbindung im Nordwesten an die Ludwigsfelder Straße ist wegen des Konfliktpotentials in diesem Knotenbereich nicht möglich. Die Vorschläge zur Unterbringung des ruhenden Verkehrs in einigen kleineren, separat erschlossenen Tiefgaragen wird begrüßt. Auch die Teilbarkeit der Grundstücke und die Aspekte der Wirtschaftlichkeit sowie der Nachhaltigkeit sind sehr gut berücksichtigt.
    Mit dem Zauneidechsenhabitat wird rücksichtsvoll umgegangen. Insgesamt stellt die Wettbewerbsarbeit
    einen besonders qualitätvollen Beitrag zur Lösung der komplexen Aufgabenstellung
    dar.