loading
  • DE-44789 Bochum, DE-44787 Bochum
  • 11/2015
  • Ergebnis
  • (ID 2-198778)

Neues Quartier an der Kronenstraße


  • Teilnahme

    KSP_StadtOase-Vogelperspektive

    Architekten, Stadtplaner
    Kemper Steiner & Partner GmbH, Bochum (DE) Büroprofil

    Verfasser
    Rainer Kemper

    Mitarbeit
    Johannes Klein

    In Zusammenarbeit mit:
    Private Bauherren: Markus-Bau GmbH Generalunternehmung, Bochum (DE)

    Erläuterungstext
    Erläuterungsbericht

    Die Projektausrichtung: Die Zunahme an Zahl und Intensität von Hitzewellen und Starkregenereignissen erfordert nicht weniger als einen Paradigmenwechsel bei der Umsetzung nachhaltiger städtebaulicher Konzepte. Inspiriert durch auffällige Klimaereignisse in der jüngsten Vergangenheit folgt unsere Projektausrichtung dem Ziel der Quartiersentwicklung als bedeutendem Beitrag zum klimagerechten Stadtumbau. Maßnahmen zur Klimaanpassung dürfen nicht länger als potentielle Möglichkeit mit minimalem Realisierungsanteil gesehen werden. Sie gehören vielmehr als Element der allgemeinen Daseinsvorsorge ins Zentrum der Planung und Realisierung. Das Klimaanpassungskonzept Bochum 2012 wird von uns deshalb als wesentliche Planungsgrundlage und Lösungsansatz herangezogen.

    Das zentrale Planungsziel: Das aus der v.g. Position abgeleitete bestimmende Planungsziel lautet deshalb: Schaffung und Sicherung von Lebensqualität durch das neue zentrale Wohnquartier „StadtOase – Kronen-straße“. Dabei stehen die Begriffe Stadt und Oase jeweils für wesentliche Quartiersmerkmale. Während der Begriff Stadt die urbane Einbettung beschreibt, deutet der Name Oase auf die besondere Qualität des neuen Quartiers hin. Der Begriff der Oase umfasst Inhalte wie „sicherer Aufenthalt in einem klimatisch angenehmen Bereich, trotz klimatisch problematischem Umfeld. Die Bezeichnung Oase wird außerdem mit Inhalten wie Pflanzen und Wasser in Verbindung gebracht. In der Zusammenführung der Einzelbegriffe und der Standortbezeichnung werden die jeweils hinterlegten Qualitäten und die Örtlichkeit zu einer Einheit, aus der unser Planungsleitfaden entsteht.

    Städtebauliches Situation: In das heterogene Umfeld fügen sich die Gebäude des Quartiers im Bereich der Kronenstraße straßenbegleitend und zur nordöstlich gelegenen Grünzone aufgelockert harmonisch ein. Während Im direkten Anschluss an die Nachbarbebauung fluchtend an die Grundstücksgrenze gebaut wird, weichen die breiteren Baukörper an der Kronenstraße von der Grenze zurück um die Entfaltung der bestehenden Platanen zu sichern und den Wohnungen zum Süden hin private Vorbereiche zu gewähren.
    Die acht Baukörper sind so arrangiert, dass jeweils vier Häuser einen Quartiersplatz fassen. Die Stellung der einzelnen Gebäude lässt eine wechselseitige Kommunikation mit der Umgebung zu- großzügig zur nordöstlich gelegenen Grünzone. Zudem bestehen Sichtbeziehungen zu den Bäumen und zu der flachen Wasserfläche, welche sich nah an der öffentlichen Durchwegung und dem jeweils anderen Hof befinden.
    Die straßenbegleitende Bebauung wird viergeschossig geplant, die nördlich gelegenen Häuser drei- und viergeschossig. Durch die teilweise geringere Gebäudehöhe zum Hof hin wird eine qualitätsvolle Belichtung und Sichtverbindung gestärkt. Als generationenübergreifende Spielfläche wird vorgeschlagen, in Zusammenarbeit mit der Stadt die im Nordosten vorhandene Speilplatzfläche mit neuen Impulsen aufzuwerten und so neben den Quartiersbewohnern auch der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

    Erschließung: Die StadtOase ermöglicht eine öffentliche Durchwegung von der Kronenstraße zum nordöstlich gelegenen Fuß- und Fahrradweg. Diese Durchwegung trägt zur stadträumlichen Vernetzung bei und öffnet das Quartier. Bäume fassen an dieser Stelle die halböffentlichen Wohnhöfe und gewährleisten zugleich Privatheit. Jeder Hof verfügt über eine fußläufige Anbindung von der Kronenstraße. Im Bereich dieser Zugänge liegen auch die Ein- und Ausfahrten der Tiefgarage.

    Architektur: Der in ökologischer und nachhaltiger Hinsicht einzigartigen StadtOase wird auch ein eigenständiges architektonisches Gesicht mit besonderem Wiedererkennungswert gegeben. Auffälliges Merkmal dieser Architektur sind die nach innen gefalteten Dächer mit extensiver Dachbegrünung und verstärkter Wasserrückhaltung. Die Faltungen der Dächer assoziieren die in der Umgebung vorherrschenden Sattel- und Walmdächer und erlauben zugleich neue Qualitäten. Die Faltung wird in der Weise vorgenommen, dass die Trauflinie, also der Tiefpunkt des Daches im Gebäudeinneren im Bereich von Nebennutzungen liegt, die größere Raumhöhe immer an der Fassade im Bereich der Wohnräume vorzufinden ist. Die Faltungen der jeweils einen Hof einfassenden Baukörper sind so konzipiert, dass zum Hof immer ein Dachtiefpunkt orientiert ist und so für einen angenehmen Maßstab gesorgt wird und eine optimale Belichtung garantiert ist.
    Die fußläufige Zuwegung jeweils in den Quartiershof wird von zwei Dachhochpunkten flankiert, welche so den Haupteingang in ein zusammengefasstes Haus assoziieren.
    Im Bereich der öffentlichen Durchwegung haben die Dächer straßenseitig ihren Tiefpunkt und öffnen hier bildlich das Quartier. Von den Wohnungen aus können die Bewohner den Ausblick auf die umliegenden Gründächer genießen. Auch von dem Fußweg der Kronenstraße lassen sich die Gründächer im Ansatz erkennen. Auch im Grundriss erhalten die Gebäude immer an der Platzseite leicht schräg verlaufende Wände, die sich zum Platz hin orientieren. Die beiden, das Grundstück an der Kronenstraße begrenzenden Baukörper sind im hinteren Bereich nur dreigeschossig geplant. Auf den dortigen Dachfläche entstehen urban gardens
    Für die Bewohner des Hauses ergänzt durch großzügige Terrassenbereiche. Hier ist die Anpflanzung von Obst und Gemüse zur Eigenversorgung geplant. Alle Fassaden sind als weiße Putzbauten mit mineralischer Wärmedämmung geplant. Der hohe Hellbezugswert der Fassaden entgegnet einer ungewollten Aufheizung im Sommer. Holzfenster- und Türen folgen dem ökologische Konzept und tragen zum Wohlfühl-Wohnen in der Oase bei.

    Nutzungen: Die StadtOase ist als Wohnquartier konzipiert. Es wird ein ausgewogener Wohnungsgrößen-Mix angeboten, von Appartements mit 48 m² beginnend bis hin zu 4 ½-Zimmerwohnungen mit ca. 117 m² Wohnfläche. Im westlich an der Kronenstraße gelegenen Baukörper ist eine Sonderfläche geplant mit vielfältiger Nutzungsmöglichkeit. Wir schlagen an dieser Stelle eine zentrale Service- und Anlaufstelle mit einem Concierge vor. Ebenfalls wäre hier die Ansiedlung eines kleines Gewerbes aus dem Servicebereich möglich. In diesem Baukörper bieten wir ebenfalls zwei Gästeappartements an, die sowohl durch die Quartiersbewohner z.B. für deren Besucher gebucht, als auch ggf. einer Vermietung zugeführt werden können.

    Die Sonderrolle für die Freiflächenplanung: Zentrale Bedeutung bei der Umsetzung unserer stadtklimatisch ausgerichteten Aufgabenstellung haben die Freiflächen. Insbesondere hier können erhebliche stadtklimatisch relevante Potentiale umgesetzt werden. Deshalb ist die Freiflächenplanung, anders als in vielen anderen Bauprojekten, von Anfang an auf Augenhöhe mit den klassischen Instrumenten einer Wohnquartiersentwicklung angelegt, ohne diese in ihren zentralen Funktionen einzuengen. Die Leitfunktion klimagerechter Stadtumbau wird durch Gebäudearchitektur (z.B. helle Fassaden, integrierte Vegetationselemente) und die Gebäudestellung (z.B. Luftaustausch, Stellung zum Altbaumbestand) ebenfalls gestützt.
    Für die erweiterte Rolle der Freiflächenplanung ist es notwendig, traditionelle Wertvorstellungen in Bezug auf Freiflächen, wie z.B. „begleitendes Rahmengrün“ und „Verursacher von Nebenkosten“ auf-zugeben, und durch eine dem tatsächlichen Nutzwert entsprechende Wertvorstellung zu ersetzen. Das Freiflächenkonzept sieht deshalb Freiflächen über den gesamten Lebenszyklus konsequent als Funktionsträger mit Nutzwert vor. Diese Funktionen gilt es als ganzheitlichen Prozess in Planung, Bau und Betrieb umzusetzen und zu kommunizieren. So werden die Freiflächen und ihre Funktionen zum allgemein als essentiell notwendig anerkannten Planungs- und Baufaktor mit Zukunftspotential über das eigentliche Projekt „StadtOase – Kronenstraße“ hinaus.

    Die Leitlinien zur Ausrichtung der Freiflächenplanung: Die erheblichen stadtklimatischen Probleme können bei konsequenter Berücksichtigung in der Planung eines Wohnquartiers besonders durch Freiflächenkomponenten positiv beeinflusst werden. Die Palette von bestehenden Handlungsinstrumenten, mit nachweislich positiven Effekten, ist umfangreich und macht Experimente unnötig. Das Projekt „StadtOase – Kronenstraße“ vermeidet als bewusst angelegtes Klimaanpassungsprojekt die sonst verbreiteten Anwendungsdefizite. Es werden die heute technisch möglichen Standards in der Breite der Möglichkeiten und in der Qualität ihrer Umsetzung projektprägend und mit Vorbildwirkung angewendet. Insgesamt bleibt der positive Einfluss so nicht nur auf das unmittelbare Klima im Wohnquartier selbst beschränkt, sondern auch das angrenzende Umfeld und die Entwicklungen des klimagerechten Stadtumbaus profitieren von der neuartigen Projektausrichtung.

    Energieversorgung und energetische Standards: Die „StadtOase – Kronenstraße“ soll mit Bochumer Fern-wärme für Heizung und Warmwasser versorgt werden. Die Fernwärme erfüllt die die Anforderungen gemäß EEWärmeG und ist ein echter Klimaschoner, da durch Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) Strom und Wärme gleichzeitig produziert werden. KWK-Anlagen stellen nach Auffassung der Bundesregierung ein bedeutendes Instrument für die Energiewende dar. Die Energie für das Oberflächenwassermanagements soll durch eine Photovoltaikanlage gewonnen werden. Sämtliche Baukörper werden die ohnehin hohen Standards der EnEV 2014 in der ab 2016 geltenden Fassung unterschreiten.

    Die Leistungselemente mit Freiflächenbezug mit besonderer Bedeutung für die Projektumsetzung:
    1. Das Oberflächenwassermanagement – hier steht die variantenreiche Verwendung des Wassers für die Stadtklimaoptimierung im Vordergrund. Ein weiteres Ziel ist die weitgehende Unabhängigkeit vom Kanalsystem als Beitrag zur Bewältigung von Starkregenereignissen (potentielles Förderprojekt der Emscher¬genossenschaft). Damit werden zentrale Elemente des Klimaanpassungskonzepts Bochum 2012 umgesetzt.

    2. Klimafunktion Bäume – hier sollen die Klimafunktionen der vorhandenen Bäume an der Kronenstraße unterstützt und verstetigt werden. Optimierte Standortbedingungen, insbesondere die verbesserte Wasserversorgung, sollen die Bäume dauerhaft klimawirksam erhalten. Auch die neuen Bäume sollen nach Baumart (stadtklimatische Zukunftsbaumarten) und ihren Standortbedingungen (ausreichender Wurzelraum und optimale Wasserversorgung für mittelgroße, stadtklimatisch dauerhaft wirksame Bäume) nachhaltig ihren Beitrag zum Projektkonzept leisten.

    3. „Dachbegrünung plus“ – die Begrünung aller Dächer, die bewusst über die minimalen Klimafunktionen einer Dachbegrünung hinausgeht, steht hier im Vordergrund. Durch die Integration in das Oberflächenwassermanagement wird die Wirkung auf das Stadtklima deutlich verstärkt. Zusammen mit der gewählten Dachform und dem Angebot des urban gardening soll die Dachbegrünung plus neugierig auf dieses stadtklimatisch leistungsfähige Element machen.

    4. „Fassadenbegrünung plus“ – das vertikale Gegenstück zur Dachbegrünung plus ist die Fassadenbegrünung in Form eines, in das Oberflächenwassermanagement integrierten, „Fassadengartens“. Hier wird beispielhaft gezeigt, wie Wände stadtklimatisch wirksam und attraktiv zugleich sein können.

    5. „Sichtbares Wasser“ – hier soll die kühlende Wirkung von Wasser durch temporäre Wasserflächen auf den Platzflächen in den Wohnhöfen erlebbar werden. Das Element „sichtbares Wasser“ ist außerdem Be-standteil des Oberflächenwassermanagements.

    6. Optimierte Nutzung von Freiflächenpotentialen, durch Eigentumsgrenzen übergreifenden Planungsan-satz – die ausschließliche Nutzung von Freiflächenpotentialen innerhalb von Eigentums-grenzen führt zu Einschränkungen prinzipiell nutzbarer Potentiale. Die Bedeutung dieser nur begrenzt vorhandenen Potentiale für städtebauliche Konzepte ist so groß, dass ein erweiterter Planungsansatz, mit Interessenausgleich über Grundstücksgrenzen hinweg, besonders zielführend ist. Der Planungsansatz bezieht sich auf das Themenfeld Klimaschutzfunktionen (Beispiel: Förderung Altbaumbestand) und auf andere Freiraumfunktionen (Beispiel: Spielplatzangebot).

    7. Nachhaltigkeit - durch ein integriertes Pflege-, Entwicklungs- und Bewirtschaftungskonzept wird die Nachhaltigkeit der Klimafunktionen auf Freiflächen dauerhaft gewährleistet. In diesem Zusammenhang ist die Herausstellung der Leistungen der Freiflächenelemente von besonderer Bedeutung für ihre Akzeptanz und damit für ihre dauerhafte Entwicklung. Stadtklimatisch wirksames Funktionsgrün mit ansprechendem Erscheinungsbild ersetzt so das sonst übliche, weitgehend beliebige Dekorationsgrün mit (scheinbar) kontinuierlich abnehmender Bedeutung für das Wohnquartier.

    Das Freiraumkonzept wird u. a. durch die Elemente: verkehrsfreie Wohnhöfe mit akzentuierten, begrünten Südzugängen, Freiflächen mit Wohnungszuordnung, Eingangsbereiche als „Visitenkarten“ und eine prägende Verbindungsachse südliche Wohnbebauung – Grünzug unterstützt. Die Betonung des Achsenendpunktes durch einen klimarelevanten Großbaum mit Aufenthaltsfunktion steht symbolisch für die Integration der „StadtOase – Kronenstraße“ in das bestehende Wohnumfeld.

    Fazit: Im Zusammenspiel von Architektur und Freiflächen mit einem Partner auf öffentlichen Flächen hat unser Projekt „StadtOase – Kronenstraße“ die Qualität eines Leuchtturmprojekts mit Impulswirkung für den klimagerechten Stadtumbau in der Zukunft.

    Beurteilung durch das Preisgericht
    Liegt nicht vor.