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  • DE-59379 Selm, DE-59379 Selm
  • 09/2016
  • Ergebnis
  • (ID 2-215015)

Burg Botzlar


  • ein 2. Preis Zuschlag

    Perspektive, Blick auf den Anbau, © Reinhard Angelis & Planergruppe Oberhausen

    Landschaftsarchitekten
    Planergruppe GmbH Oberhausen, Oberhausen (DE) Büroprofil

    Verfasser
    Ute Aufmkolk

    Mitarbeit
    Marian Enders

    In Zusammenarbeit mit:
    Architekten: Reinhard Angelis, Planung • Architektur • Gestaltung, Köln (DE)

    Preisgeld
    15.000 EUR

    Erläuterungstext
    Die Burg Botzlar wurde ursprünglich als Wasserburg errichtet mit zwei ringförmigen Gräften, die eine Vorburg und eine Oberburg ausbildeten. Dieses prägnante Bild ist heute fast vollständig überformt. Das Burgumfeld mit der Parkanlage umfasst in etwa den Bereich der Oberburg mit ihrer umgebenden Gräfte. Auf alten Fotografien ist erkennbar, dass der Burg ein bastionsartig ummauerter Freibereich vorgelagert war und der ringförmige Wassergraben durch eine Reihe Säulenbäume gerahmt wurde.
    Ziel der Umgestaltung ist die Neuinterpretation dieser historischen Anlage. Auf subtile Weise sollen die ursprünglichen Raumgefüge mit der heutigen Nutzung in Einklang gebracht und erlebbar gemacht werden. Aus diesem Grund wird die Burg mit vorgelagerter Bastion auf einer Insel gelegen und über eine Brücke erreichbar als Leitbild für den Entwurf formuliert.

    Ein fein abgestuftes topographisches System aus niedrigen Rasenmulden gliedert die Freiflächen um die Burg, wodurch ein flacher, ringförmig umlaufender Graben entsteht. Um nicht in das Bodendenkmal einzugreifen, wird die „neue Gräfte“ nicht eingetieft, sondern die umliegenden Flächen aufgetragen. Es entstehen Höhenunterschiede von 50-90cm, die durch scharfkantig ausgebildete Rasenböschungen ablesbar sind. Eine Reihe aus Säuleneichen rahmt die Gräfte und stärkt deren räumliche Wirkung ohne den Blick auf die Burg zu verstellen. Die vorhandenen Teiche und die wertvollen Teile des Baumbestandes fügen sich selbstverständlich in die Gräfte ein. Ein räumlich klareres Bild ergäbe sich durch Zuschütten der Teiche. Vorstellbar wäre jedoch, diesen Eingriff im Rahmen des prozesshaften Beteiligungsverfahrens zur Diskussion zu stellen.

    Der ehemals aus dem Wassergraben als gemauerte Bastion herausragende Vorplatz der Burg wird wieder hergestellt. Die Mauern aus Bruchsteinen werden geschlossen und der Vorplatz mit einer wassergebundenen Decke befestigt, die die Bestandsbäume integriert. Die Skulptur von Christoph Linhoff findet hier einen angemessenen Platz. Es entsteht ein atmosphärischer Willkommens- und Eingangsort, für den Sektempfang bei Familienfeiern genauso geeignet, wie als Treffpunkt und Pausenhof bei Veranstaltungen.

    Die konsequente hochbauliche Entscheidung, den Haupteingang an dieser Stelle zu belassen, und hier einen barrierefreien Zugang zum Untergeschoss zu ermöglichen, wird durch zwei niedrige, vor die Fassade gestellte Mauerscheiben erreicht. Hinter diesen als Sitzgelegenheit nutzbaren Mauern wickeln sich Rampen ins Untergeschoss ab, so dass die bestehende Treppenanlage erhalten werden kann. Der rückseitige, barrierefreie Nebeneingang führt auf eine Außenterrasse, die vom Café im Kellergeschoss bespielt wird.

    Drei Wege führen über die Gräfte zur Burg. Während die Haupterschließung axial in Verlängerung der Botzlarstraße auf die Burg zuführt, sind die Anbindungen zum Bürgerhaus und zur Talstraße bewusst aus der Symmetrie herausgedreht. An den Schnittstellen mit den Gräften werden die Wege von breiten, 50cm hohen Sichtbetoneinfassungen flankiert, sodass der Eindruck von auf die Insel führenden Brücken entsteht. Zugleich dienen auch diese Einfassungen als Sitzmauern. Zusammen bilden die drei Wege einen Rundweg um die Burg, binden beide Eingänge der Burg in das bestehende öffentliche Wegenetz ein und verknüpfen den Kellerausgang des Anbaus durch eine kleine Platzaufweitung mit dem Freiraum.

    Alle Funktionen des ruhenden Verkehrs werden am bestehenden Parkplatz hinter dem Bürgerhaus gebündelt. Neben zwei Behindertenstellplätzen finden sich hier auch die Fahrradstellplätze.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Die Arbeit 9008 organisiert das Raumprogramm im Wesentlichen im Bestand der »Burg Botzlar«. Dienende Räume wie die Küche, WC-Anlage, Lager und Technik werden jedoch zusammen mit einem zweiten Treppenhaus und einem Aufzug in einen monolithisch gestalteten Turm, östlich des Gebäudes untergebracht. Dieser Turm, von den Verfassern »Bergfried« genannt, ist durch eine proportional angemessene Fuge vom Hauptbau abgesetzt und erschließt alle Ebenen barrierefrei. Auch wenn damit der barrierefreie Zugang quasi auf der Rückseite liegt, wirkt dagegen die Schaffung eines barrierefreien Haupteingangs unter der Freitreppe unangemessen und überflüssig.
    Die angestrebten Funktionen sind sinnvoll auf die verschiedenen Gebäudeebenen verteilt, wobei das Foyer im Erdgeschoss gegenüber der Souterrainebene deutlicher ausformuliert werden sollte. Anstelle des Bodendurchbruchs zum Keller sollte hier ein Empfang angeordnet werden. Die multifunktionale Nutzbarkeit des Saales im 1. Obergeschoss mit Lagerfläche und Küche auf gleicher Ebene ist überzeugend. Zur Teilbarkeit der Saalfläche müssen hier allerdings noch weiterführende Überlegungen angestellt werden. Überprüft werden sollte auch eine Belichtung des ansonsten funktional gestalteten Dachgeschosses.
    Die Gestaltung des Freiraumes ist vollkommen ahistorisch und sollte nicht weiter verfolgt werden. Die Rampensituation im Vorfeld stellt eine erhebliche Beeinträchtigung des historischen Erscheinungsbildes dar. Die Ausführung des sogenannten »Bergfrieds« als monolithischer Baukörper ist aus denkmalpflegerischer Sicht deutlich vom Bestand abgesetzt, jedoch eine Beeinträchtigung. Die Bezeichnung als »Bergfried« sollte zudem nicht weiterverfolgt werden, da sie irreführend ist. Die Erhaltung der historischen Öffnungen sollte unbedingt beachtet werden. Insbesondere das gotische Gewände ist ein wichtiger Teil des Denkmals. Zudem erfordert der Anbau mit Fahrstuhlschacht einen ca. 50 m2 extra Eingriff, der bauvorbereitende Untersuchungen notwendig macht.
    Die Freiraumplanung des Verfassers ist dem Ort nicht angemessen, wirkt teilweise überzogen und wird vom Preisgericht kritisch hinterfragt. Die »barocke« Rampen- und Treppenerschließung des Untergeschosses ist zu aufwändig und nicht praktikabel. Die Ausformulierung der Freianalgen in Form von »renaissance«-artigen Bastionsstrukturen wirkt fehlplatziert und ist historisch fragwürdig.
    Insgesamt stellt die Arbeit schlüssige Raumnutzungsmöglichkeiten dar und löst mit dem vorgesetzten Turmanbau auch die Frage der Barrierefreiheit und des Brandschutzes konsequent. Die massive und sehr eigenständige Gestalt des »Bergfrieds« tritt jedoch der ebenfalls sehr massiven Wirkung der »Burg Botzlar« sehr nahe. Hier sind in Zusammenarbeit mit der Denkmalpflege weiterführende Überlegungen erforderlich.