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  • DE-27576 Bremerhaven, DE-27576 Bremerhaven
  • 09/2016
  • Ergebnis
  • (ID 2-244060)

Kistner-Gelände


  • 3. Preis

    © Hilmes Lamprecht Architekten BDA

    Architekten
    Hilmes Lamprecht Architekten BDA, Bremen (DE) Büroprofil

    Verfasser
    Ebba Lamprecht

    In Zusammenarbeit mit:
    Landschaftsarchitekten: Kilian + Frenz Landschaftsarchitekten, Bremen (DE), Oldenburg (DE)

    Preisgeld
    4.900 EUR

    Erläuterungstext
    Städtebauliches Leitbild

    In direkter Nähe in Anknüpfung an das alte Industriegelände der Firma Kistner werden 2 Baufelder entlang der Geeste verortet. Dabei wird die Blockrand-Typologie der quartiersbildenen Bebauung des Stadtteils und des benachbarten Aueviertels übertragen.
    Die hofartig angelegten Quartiere richten sich einerseits konsequent zum Wasser aus, um die Promandenkante zu stärken, öffnen sich aber auch zur Werftstraße mit einem höhergelegten Innenhof sowie giebelständig ausgebildeten Gebäudekanten. Dieser Eingangshof ermöglicht sowohl eine Lebendigkeit des Straßenbildes, als auch eine Vernetzung der angrenzenden Wohnquartiere. Oberste Prämisse ist die Ausbildung einer Nachbarschaft innerhalb des Eingangshofes.
    Die städtebauliche Weiterentwicklung des Baufeldes 2 folgt dem Gedanken der Quartiersbildungen mit unterschiedlichen Wohnformen und Typologien in Straßenbegleitender Form als auch in Zeile bzw. hofartig ausgebildet. Auch hier ist die Intention das Schaffen von nachbarschaftlichen Beziehungen.

    Architektur I Material I Bauform

    Baufeld 1 als direkter Nachbar zum Industriedenkmal der Tonnenhalle mit Schornstein entwickelt sich mit leicht geneigten Dächern und Höhenstaffelungen zwischen vier und sechs Geschossen. Die wellenförmige Bewegung der Vertikalen soll dem Ort einen selbstbewussten Erkennungswert vermitteln und an alte Industriesheddächer erinnern. Die Fassaden sind in hellen leicht variierenden Verblendtönen denkbar, um dem Standort als ehemalige Kalksandsteinfabrik Kistner Präsenz zu verleihen, als auch als nachhaltiges Baumaterial Verwendung zu finden. Die Gebäudekörper bleiben eher körperhaft mit eingeschnittenen Loggien und Dachterrassen. Lebendig gesetzte Lochfassaden vermitteln einen Wohnstandort. Die leicht geneigten Dächer sind begrünt.

    In Baufeld 2 wird die Silhouette dem Geestebogen folgen. Die trauf- und giebelständigen Gebäude variieren in Höhe zwischen 3-5 Geschossen und verzahnen sich durch Öffnungen in den Landschaftsraum.

    Nachbarschaften

    Durch die städtebauliche Ausprägung und der damit verbundenen Wege-verbindungen führen diese aus vorhandenen Wohngebieten direkt in das Zentrum der Nahtstelle beider Wohnquartiere an den terrassierten Platz der Promenade. An den kreuzenden Wegen liegen gemeinschaftlich genutzte Plätze und Freianlagen sowie Spielflächen. Der vorhandene Stadtplatz wird durch die Bebauung entsprechend eingebunden und gefasst. Hofartig angelegte Wohnformen führen zu einem nachbarschaftlichen Gegenüber. Wechselnde Freiraumangebote sorgen für einen Austausch zwischen den Wohnadressen.

    Nutzungen I Wohntypologien

    In beiden Baufeldern ist über alle Bereiche eine Wohnnutzung möglich.
    In Baufeld 1 wird gehobener Mietwohnungsbau in Form von Geschosswohnbauten vorgeschlagen, die in Teilen sozial gefördert werden. Dabei wurde auf eine vorgegebene Durchmischung von überwiegend 3-Zimmer-Wohnungen (75 qm) als auch untergeordnet auf 4-Zimmer-Wohnungen (85 qm) und 2-Zimmer-Wohnungen (60 qm) auf das Wohnquartier verteilt. Alle Wohnungen haben die Möglichkeit des Blickes auf die Geeste und orientieren sich in Ost, West bzw. Südausrichtung, überwiegend mit zwei- bzw. dreiseitiger Wohnausrichtung.
    Die Erdgeschoss-Wohnungen verfügen über private Gartenanteile, in den Obergeschossen wird der Zugang zum Außenraum über Loggien, Balkone oder Dachterrassen gewährleistet.
    In Baufeld 2 werden verschiedene Wohntypologien durchmischt: Neben Geschoßwohnungsbauten mit Eigentumswohnungen wird es wie in Baufeld 1 auch Mietwohnbau mit sozialer Förderung geben. Darüber hinaus sind zur weiteren Diversifizierung auch Reihenhäuser im Eigentumserwerb angedacht.

    Untergeordnete Nutzungen I Gewerbe

    In Verknüpfung beider Baufelder und zur Vernetzung des Stadtteils und Stärkung des Standortes wird eine wohnergänzende Nutzung in dem Baukörper an der Schnittstelle zum Aueviertel in Form einer KITA angeregt. Ebenfalls in diesem Gebäude wird Generationenwohnen mit kleinem Gemeinschaftsbereich oder einer Gastronomie mit Ausrichtung zum Geestedeck angeboten.
    Denkbar sind ergänzende Nutzungen wie Büroflächen im vorderen Bereich des Baufeldes 2 im EG denkbar. Eine generelle Wohnnutzung bleibt jedoch möglich.

    Verbindung durch Grün

    Die Baufelder 1 und 2 werden eingebettet in das Freiraumsystem des Geeste-Wanderweges, der von Osten kommend an den Grünzug Saarpark in nördlicher Richtung anschließt. Die vorhandenen Kajeanlagen werden dabei Teil des Gesamtkonzeptes und stellen einen wichtigen Beitrag zur Verknüpfung des Naturraumes „Geeste“ mit der Stadt dar. Auf diese Weise entsteht die gewünschte öffentliche Fuß- und Radwegeverbindung durch das neue Wohngebiet mit Anschluss an die Hafenstraße sowie ein öffentlicher Zugang zum Fluss mit entsprechenden Aufenthaltsmöglichkeiten.

    In Verbindung mit den Planungen für das Hostel auf der Industriebrache des Kistnergeländes wird der Ausbau der Kaje zu einer großzügigen Uferpromenade vor dem Baufeld 1 vorgeschlagen. Ausgehend von dem Wegeanschluss an der Hafenstraße, entwickelt sich diese aus den neuen großzügigen Terrassenbereichen des Hostels heraus und führt die Besucher über eine Rampenanlage auf eine tiefergelegene Ebene nahe an das Geesteufer heran. Wie bei allen geplanten Rampen ist eine komfortable Neigung von nicht mehr als 3 % vorgesehen. Im Bereich der ehemaligen Einmündung des Baches „Neue Aue“ weitet sich die Promenade platzartig und nimmt Bezug auf den heute nicht mehr sichtbaren Flusslauf. Über eine weitere Rampenanlage erfolgt an dieser Stelle aber auch der Anschluss an den Geesteplatz und schafft damit die Verbindung zum Geestewanderweg. Der Promenadenbereich lässt vielfältige Nutzungen zu. Während auf der tiefer gelegenen Ebene eher ruhigere Aktivitäten vorgesehen sind und verschiedene Sitzmöglichkeiten zum Verweilen einladen, bietet ein Ponton vor dem Geesteplatz die Möglichkeit für einen Bootsverleih. Auf den Hostelterrassen treffen sich dagegen die jungen Gäste und Besucher aus aller Welt und genießen den Blick in den unverstellten Naturraum. Die Promenade schließt von hieraus an die Hafenstraße an. Die Seitenfassade des geplanten Verbrauchermarktes soll in die Gestaltung einbezogen werden. Die Historie des Ortes wird anhand von großformatigen Bildern an die Fassade dargestellt und zeichnet die geschichtliche Entwicklung des Kistnergeländes nach. Als Abgrenzung zu den nachbarlichen Grundstücken wird zudem eine grüne Wand installiert. Durch ein abgestimmtes Lichtkonzept, in das die Wegeverbindung zur Hafenstraße (Hängeleuchten) sowie der Außenbereich der Jugendherberge eingebunden sind, wird eine indirekte Ausleuchtung (Lichtbänder; Lichtpoller), erzeugt und macht die Promenade auch in den Abendstunden zu einem unverwechselbaren Ort.

    Der Geesteplatz mit seinem Baumkarree wird voll umfänglich in das Gesamtkonzept für die Freiflächen integriert und stellt in seiner ufernahen Lage das Bindeglied für die beiden Baufelder dar. Auf diesem Platz sind temporäre Installationen und Veranstaltungen denkbar. Ein zusätzlicher Kiosk bietet den Verkauf von Getränken oder Snacks für Nutzer des erwähnten Bootsverleihs. Die vorhandene Allee begleitet den von Osten nach Norden verlaufenden Abschnitt der Geestepromende und stellt damit den Anschluss an den Saarpark her. Sie bildet gleichzeitig den Rahmen der Freiflächen für den Bauabschnitt 2, die sich mit den privaten Grünflächen ins Quartiersinnere orientieren. Ein zentraler Spielplatz grenzt an den Platz und erhält weitere Spielstationen entlang des Wanderweges. Zusammen mit der Erneuerung für den Luisenspielplatz werden die Orte zum Bestandteil der Spielleitplaung und stehen somit auch den Bewohnern aus dem bestehenden Stadtviertel zur Verfügung.

    Die Magerrasen und Strauchgruppen aus den Kompensationsmaßnahmen werden verlagert und in den die Randbereiche des zweiten Baufeldes ausgewiesen. An dieser Stelle erhalten sie gleichzeitig Funktion als Schutzpflanzung vor dem Areal der Stadthalle.


    Erschließung

    Die Anbindung des Quartiers von Baufeld 1 erfolgt aus Richtung Hafenstraße über die Werftstraße als verkehrsberuhigter Bereich. Im Kreuzungspunkt zur Luisenstraße erfolgt eine platzartige Aufweitung zum Wendebereich, sodass der Verkehr in Gegenrichtung wieder zur Hafenstraße abfließen kann. Ein Einmünden in die Luisenstraße wird unterbunden.

    Ebenso erfolgt die Parkierung über die neue Quartierszufahrt, welche als Tempo 30-Zone bis zu den Tiefgaragen führt.

    Das Baufeld 2 wird nördlich, ausgehend von Melchior-Schwoon-Straße, über die Werftstraße erschlossen. Die Straße wird ohne sich überschneidende Wegeverbindungen direkt in das Wohngebiet geleitet. Von hieraus erfolgt die Weiterführung innerhalb des Quartiers in Wohn- und Spielstraßen, gegliedert durch Plätze.

    Der Lieferverkehr für den Verbrauchermarkt an der Hafenstraße erfolgt ebenfalls aus nördlicher Richtung. Eine nur für diesen Verkehr ausgewiesen Trasse verbindet die Abschnitte der Werftstraße miteinander, ist aber für den sonstigen Verkehr nicht zugelassen. Der Ausbau erfolgt als „grüne Straße“ in Rasenpflaster um den naturhaften Charakter, der sich aus der Verbindung der Grünzüge ergibt, nicht zu stören.

    Alle o.g. Fuß- und Wanderwege sind gleichfalls für den Radverkehr zugelassen.

    Ruhender Verkehr I Mobilitätskonzept

    Der Stellplatznachweis wird quartiersbezogen geführt. Tiefgaragenbereiche mit eigenen Zufahrten die bis zu 70 cm über Gelände liegen sind diesen Quartieren zugeordnet. Oberirdische Parkflächen sind nur den Reihenhäusern zugewiesen. Ergänzend ist eine begrenzte Zahl an Besucherstellflächen vorgesehen.
    Durch ein angebotenes Mobilitätskonzept an den zentralen Stellen im Wohnquartier wird der Verkehr deutlich minimiert.

    Entwässerung

    Zur Reduzierung und Verzögerung des Regenwasseraufkommens wird vorgeschlagen, die Dächer der Gebäude inkl. der Tiefgaragen zu begrünen. Die resultierenden Abflüsse werden über Rigolen versickert, die sich über die beiden Baugebiete verteilen. Die Straßenentwässerung wird über seitlich geführte Mulden versickert, während die untergeordneten Erschließungswege zum Teil mit versickerungsfähigen Belägen ausgeführt und nach Möglichkeit in der Fläche versickert werden. Durch die Nutzung der Dächer und weite Bereiche der Freiflächen zur Retention kann das Entwässerungsvolumen deutlich reduziert werden.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Das Preisgericht würdigt die bemerkenswerte Weiterentwicklung des ursprünglichen Konzeptes nach der Zwischenpräsentation. Teilbereich I ist stadträumlich interessant entwickelt, verspricht hohe Wohnqualität und zugleich eine erhebliche Aufwertung der Werftstraße durch die angenehm proportionierten halboffenen Höfe. Die vielfältige Dachlandschaft der Bebauung mit ihrer Höhenentwicklung thematisiert entwerferisch überzeugend die Baustruktur des angrenzenden Bestandsquartiers. Die in der Perspektive sehr sparsame Darstellung der geometrisch strengen Promenadengestaltung mit der vorgeschlagenen Mauer, sonnenbeschienen nach Süden orientiert, wird im Preisgericht kontrovers diskutiert. Sie verweist jedoch auf ein ohne Zweifel starkes Motiv für die denkbare Gestaltung eines baulichen Übergangs zwischen privatem Wohnen und öffentlichem Fuß- und Radweg entlang der Geeste. Gegenüber Teilbereich I fällt die Entwurfsqualität für Teilbereich II unverständlicherweise erheblich ab. Es präsentiert sich hier nach Auffassung der Jury ein uneinheitlicher Mix verschiedener Typologien und Baufelder, und es entsteht eine nicht lesbare städtebauliche Struktur, die sich weder auf Teilbereich I noch auf den Bestand bezieht.