loading
  • DE-76275 Ettlingen
  • 03/2017
  • Ergebnis
  • (ID 2-246620)

Altes Feuerwehrareal


  • Engere Wahl

    Blick Pforzheimer Straße, © Andreas Stuchlik

    Architekten
    Thomas Fabrinsky, Karlsruhe (DE) Büroprofil

    Verfasser
    Thomas Fabrinsky

    Mitarbeit
    Friedemann Jonas, Hannes Urban, Manuel Michalski, Anna Zschumme

    In Zusammenarbeit mit:
    Projektentwickler: Wüstenrot Haus- und Städtebau GmbH, Ludwigsburg (DE)

    Erläuterungstext
    Städtebauliche Fügung des Realisierungsteils
    Die vorhandene Häuserzeile entlang der Pforzheimer Straße wird Richtung Herz-Jesu-Kirche vervollständigt und in die Ludwig-Albert-Straße hineingeführt. Hierbei wird bewusst nicht entlang der Grundstücksgrenze geplant, sondern in gerader Verlängerung des Hotels Sonne. Dies stellt in erster Linie das prächtige Portal der Herz-Jesu-Kirche besser frei und verbreitert zudem den Fußgängerbereich vor den Gewerbeflächen, sodass eine großzügige Außenbestuhlung ermöglicht wird.
    Am Ende des Investorengrundstücks knickt das Gebäude ins Blockinnere ab und schafft einen klaren Übergang zur anschließenden Einzelhausbebauung, die mit drei Gebäuden der Baugruppe startet. Die Lücke zwischen den beiden Baubereichen ist gleichzeitig die Erschließung des Blockinnenbereichs. Hier finden sich die fußläufigen Zugänge für die Wohnhäuser von Baugruppe und Investor, die mit einer Spiel- und Sitztribüne überdachte Zufahrt zur Tiefgarage, der dahinterliegende Kinderspielplatz und die Durchwegung zur Adolf-Kolping-Straße.

    Das Gebäude
    Das Gebäude orientiert sich in Maßstäblichkeit, Materialität und den gestaltgebenden Details an der umliegenden Bebauung. Eine dreigeschossige Fassade, gegliedert in eine robuste Sockelzone und eine darüber liegende hell verputzte, zweigeschossige Lochfassade vermittelt in Verbindung mit einem klassisch geneigten Metalldach ein vertrautes Bild. Im Detail wird dieser Eindruck vertieft, ohne historisierend zu werden. Scharf geschnittene Kanten, präzises Mauerwerk, geglätteter Putz, moderne, aber zurückhaltende Gauben sind wesentliche Gestaltungsmerkmale die sich in Verbindung mit den reihenden, stehenden Fensterformaten und Gauben wie selbstverständlich ergänzen. Die Loggien, der bei genauer Betrachtung leicht variierende Fensterabstand sowie die gezielte Anordnung der Dachentwässerung parzellieren das kräftige Gebäudevolumen wieder in gewohnte Einheiten, wenngleich die mächtige Kirche in der Nachbarschaft einen Gesamtbaustein in der geplanten Größe gut verträgt.

    Die Nutzungen
    Im Erdgeschoss entlang der Pforzheimer- und der Ludwig-Albert-Straße finden sich die Gewerbeflächen. In der Fassade sind diese durch den Klinker leicht ablesbar. In allen anderen Gebäudeteilen sind die unterschiedlichsten Wohnungen untergebracht, von denen jede ihren eigenen Charme hat. Es gibt Wohnungen mit Garten, Wohnungen mit Blick auf die Herz-Jesu-Kirche, die Altstadt, den Wattkopf, Wohnungen mit Loggien und/oder Dachterrassen, kleine 2-Zimmer-Wohnungen bis zu großen 4-5 Zimmer-Wohnungen.

    Die äußere und innere Erschließung
    Es gibt beim Investorenteil drei Gebäudeschenkel, somit drei eindeutige Adressen und drei leicht auffindbare Hauszugänge, die selbstverständlich vom Gehweg aus direkt erschlossen sind. Alle Hauszugänge binden in den Innenhof durch, wobei es noch einen offenen Durchgang zusätzlich für die Fahrradandienung gibt. Da im EG nur Gewerbe angeordnet ist, hat der Innenhof mehrere Funktionen. Er dient zur Anlieferung für die Gewerbeflächen, als Pausenfläche für die Mitarbeiter, sowie als Fahrradport für alle Nutzer. Die drei Treppenhäuser und die Aufzüge führen alle bis in die Tiefgarage hinab. Alle Wohnungen sind barrierefrei erreichbar.

    Quartiersplatz
    Der Quartiersplatz liegt an der Schnittstelle zwischen Investoren- und Baugruppenbebauung. Zum Quartiersplatz sind ausschließlich Wohnungen orientiert, sodass diese wichtige Freifläche zur Kommunikationsplattform für die Bewohner beider Bereiche wird. Durch verschiedene Höhen werden die Flächen subtil gegliedert. Die begrünte, tribünenartig aufsteigende Überdachung der Tiefgaragenabfahrt schließt die große Spielplatzfläche zur Ludwig-Albert-Straße räumlich ab, schafft Ruhe und Sicherheit. Die Tiefgarage erhält an dieser zentralen Stelle einen offenen, direkten Zugang.

    Stellplätze und Müll
    Der geforderte Stellplatzschlüssel von 1,5 Stpl./WE wird zu 100 % in der Tiefgarage erfüllt. Alle notwendigen Fahrradstellplätze sind überdacht im Fahrradport bzw. in der Tiefgarage untergebracht. Der Müll wird zentral in der Tiefgarage, direkt neben der Abfahrt gesammelt, um die Freiflächen im Erdgeschoss nicht zusätzlich zu belasten.

    Die Baugruppe
    Die am besten zu realisierende Organisationsform für Baugruppen ist die der aus Einzelgebäuden gebildeten Baugruppe. Deshalb schlagen wir drei Gebäude mit jeweils drei Townhouses vor. Alle sind Ost-West ausgerichtet, haben einen eigenen Garten sowie eine Dachterrasse mit Blick zum Wattkopf. Das Erdgeschossniveau ist gegenüber dem Gehweg der Ludwig-Albert-Straße um ca. 60 cm angehoben, sodass eine größere Privatheit gewährleistet ist, die Gebäude aber trotzdem über den Quartiersplatz barrierefrei erreichbar sind. Die neun Parteien haben ähnliche Grundstückszuschnitte und ähnliche Baubedingungen mit überschaubaren Grundstücksgrößen. In Verbindung mit den kompakten Baukörpern lässt dies auf günstige Investitionskosten schließen, sodass insbesondere junge Familien angesprochen werden. Für die Baugruppe ist ein Tiefgaragenteil geplant, der über die gemeinsame Tiefgaragenzufahrt mit dem Investorenteil funktioniert. Fahrrad- und Müllunterstände sind den drei Gebäuden direkt zugeordnet.

    Der Ideenteil
    Im Ideenteil gehen wir davon aus, dass das Parkdeck komplett rückgebaut wird. Das dann zu Verfügung stehende Baugelände wird mit drei neuen Baukörpern arrondiert. Der nördliche kann als Erweiterung des bestehenden Gemeindehauses gesehen werden, der mittlere soll den Quartiersplatz nach Osten räumlich begrenzen, der südöstliche begleitet die Durchwegung zur Adolf-Kolping-Straße. Die Baumasse orientiert sich an der zweigeschossigen Nachbarbebauung. Die Stellplätze für den Ideenteil sind in einer Tiefgaragenerweiterung untergebracht, die über die gemeinsame Zufahrt von der Ludwig- Albert- Straße erschlossen werden kann.

    Materialkonzept
    Für das Feuerwehrareal Ettlingen wurde ein Materialkonzept gewählt, welches sich in die Umgebungsbebauung einfügt und dennoch modern und zeitlos ist.

    Das Material Klinker
    Dauerhaft, robust, wertig, das sind die Eigenschaften des Klinkers. Diesen sehen wir als das Material an der am meisten beanspruchten Stelle eines jeden Gebäudes, am Sockel entlang des Gehwegs. Von den Materialeigenschaften ganz abgesehen, vermittelt der Stein jedem Gebäude Stattlichkeit, die an dieser wichtigen Stelle im Stadtbild von Ettlingen für uns gesetzt ist. Die Farbigkeit des Klinkers sehen wir in Anlehnung an die des gelben Sandsteins, der sich auch im Umfeld wiederfindet. Im Detail liegt die Betonung in der horizontalen Schichtung, die die Länge betont. Dies wird durch zurückliegende Lagerfugen und stumpf gestoßene Stoßfugen erreicht.

    Das Material Putz
    Hell, fein, elegant, so sehen wir den Putz in der Beletage, in den Wohngeschossen über dem Sockelgeschoss. Er steht im Kontrast zum rauen Klinker, reflektiert die Sonne, vermittelt Helligkeit. Im Detail liegt die Betonung im Putzmaterial, in der Feinkörnigkeit und der Endbehandlung der Oberfläche. Die Flächen werden gefilzt und geglättet, die Körnung verschwindet, dazu ist ein Oberputz auf Kalkbasis erforderlich. Die handwerklich unvermeidbaren Verarbeitungsspuren geben dem Gebäude im Streiflicht etwas Unverwechselbares, Einzigartiges.

    Das Material Stahl
    Präzise, filigran, edel wünschen wir uns die Oberflächen der Metallteile in der Fassade. Dazu gehören die Fensterelemente ebenso wie die Fenster- und Loggiabrüstungen ohne technische Allüren mit einfachem Stab als Füllung. Die Beschichtung ist in einem dunkleren Braunton mit seidenmattem, metallischem Glanz vorgesehen.

    Das Metalldach
    Glatt, rhythmisierend, ruhig soll die Dachfläche werden. Die Stehfalzdeckung mit halb umgelegtem Steg wird in handwerklicher Perfektion dem Gebäude den oberen Abschluss liefern. Das vorbewitterte Titan-Zinkblech wird in einem seidigen, dunklen Grau zu keinen Farb- und Glanzüberraschungen führen. Die Gauben sind in die Reihung der Blechscharen exakt eingefügt, wobei sich diese mit steglosen Fassadenplatten, jedoch im gleichen Farbkanon wie die Dachfläche, modern und elegant mit der Dachfläche arrangieren.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Die Arbeit gliedert sich sehr konsequent in die südliche, kompakte Fortführung der Blockrandbebauung und die nördliche Gruppe von Einzelgebäuden. Der trapezförmige Zwischenraum bildet eine großzügige Quartiersmitte zwischen den Baubereichen, die sehr positiv bewertet wird. Die Trennung zwischen privaten Freibereichen und öffentlichen Zonen ist eindeutig und durch die städtebauliche Figur selbstverständlich.

    Zu hinterfragen ist die dreiseitige Geschlossenheit des südlichen Baublocks, insbesondere hinsichtlich Belichtung und Abstände im Innenhofbereich. Dieses Manko könnte durch eine deutliche „Fuge“ beim nördlichen Gebäudeflügel wesentlich verbessert werden. Störend im Zugang zum Quartiersplatz ist die Platzierung der Tiefgaragenabfahrt, die die potentielle Qualität dieses Freibereichs deutlich einschränkt. Die TG - Abfahrt sollte in den südlichen Baublock integriert werden.

    Die orthogonale „Aufrichtung“ der Bebauung führt zum Verlust der historischen Bauflucht an der Pforzheimer Straße und zu einer Einbuße der räumlichen Qualität des Vorplatzes. Die Dimensionierung der Bebauung zur Pforzheimer Straße mit drei und im Übergang zur bestehenden Wohnbebauung mit zwei Geschossen – jeweils mit Dachgeschoss – ist stadträumlich richtig und angemessen. Das „Absenken“ der Gebäudehöhe der „Wohnrampe“ am Quartiersplatz wirkt aber fremd und entspricht nicht dem klaren Duktus der übrigen Baukörpergliederung. Eine formal ruhigere Ausformung wäre hier wünschenswert.

    Die Arbeit zeigt mit der vorgeschlagenen Lochfassade eine gute und angemessene Anknüpfung an die Umgebungsbebauung. Auch die Ausformung des durch Materialwechsel abgesetzten Basisgeschosses greift die Typologie der Bebauung an der Pforzheimer Straße auf. Die vertikale Gliederung der Fassaden ist gut und könnte durch eine Abschnittsbildung der Gebäudeteile noch verstärkt werden. Aus dem Rahmen fällt auch hier der Gebäudeschenkel am Quartiersplatz, der keine klare Gliederung aufweist und zu großförmig wirkt. Die Öffnung der Fassaden im EG zum Vorplatz der Pforzheimer Straße wird begrüßt und sollte durch eine öffentlichkeitswirksame Nutzung mit Aufenthaltsfunktion unterstützt werden.

    Die Ausprägung des Mansarddaches in der vorgeschlagenen Metallausführung kann nicht an die einheitlichen Satteldächer der Bebauung in der Pforzheimer Straße anknüpfen. Auch wirkt die steile Dachform eher der Fassade zugehörig, denn als eigenständiges Dachelement.

    Die Grundrisse sind solide gegliedert und mit üblichen Gebäudetiefen variabel nutzbar. Die klare Gliederung mit den vertikalen Erschließungskernen lässt eine unterschiedliche und flexible Nutzung der Geschosse zu. Die nördlichen Gebäude wirken dagegen recht konventionell, bieten aber für Baugruppen noch Entwicklungsmöglichkeiten. Sie scheinen auch hinsichtlich der Ausrichtung der Freibereiche falsch orientiert und sollten getauscht werden.

    Die Realteilung der Tiefgarage scheint gut möglich. Die Ausnutzung des Grundstücks liegt etwas unter den in der Auslobung angegebenen Referenzwerten.

    Eine zentrale grüne Mitte an der Nahtstelle der Baugruppen und der „Wohnrampe“ bringt eine wohltutende Grünzäsur. Sie ist an der hohen Nordfassade auch zwingend als räumliche Abstandfläche notwendig. Inhaltlich ist der Grünkeil jedoch aussageschwach. Die Gärten der nördlichen Baugruppenhäuser werden durch das Einschieben von Müll - und Fahrradplätzen unattraktiv. Die Rampen dazu an den Eingängen - und damit adressbildend - wirken wenig einladend.

    Die Einschnitte im Dachbereich und Gauben reduzieren die Kompaktheit der Gebäude. Der Fensterflächenanteil stellt einen guten Kompromiss aus Belichtung und sommerlichem Wärmeschutz dar. Die Hauptfassaden und Dachflächen der Baugruppen sind Ost-West-orientiert, was weniger günstig für die Nutzung von Solarenergie ist. Aussagen zum Energiekonzept werden vom Verfasser nicht gemacht.

    Die Arbeit zeigt eine städtebaulich und architektonisch selbstbewusste Haltung, die aber mit der „Wohnrampe“ einen fremdartig wirkenden und nicht unproblematischen Gebäudeteil aufweist. Die Dachausformung zum öffentlichen Straßenraum überzeugt nicht.