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  • DE-77855 Achern, DE-77855 Achern
  • 07/2017
  • Ergebnis
  • (ID 2-250869)

Städtebauliche Neuordnung der Illenauwiesen


  • 1. Rang 1. Preis

    Vogelschau, © QuerfeldEins

    Architekten, Landschaftsarchitekten, Stadtplaner
    QUERFELD EINS Landschaft | Städtebau | Architektur PartGmbB, Dresden (DE) Büroprofil

    Verfasser
    Daniel Stöcker-Fischer , Annegret Stöcker , Frank Großkopf

    Mitarbeit
    Sebastian Lensch

    Preisgeld
    25.000 EUR

    Erläuterungstext
    Das Plangebiet liegt an einer stark begrünten Aufweitung zwischen dem Acherner Mühlgraben im Westen und der Illenauer Straße im Osten. Unmittelbar östlich an das Plangebiet angrenzend, liegt die Illenau, als ursprüngliche Heil- und Pflegeanstalt. Deren alleebestandene Mittelachse führt direkt auf das Plangebiet zu.

    Historisch schlägt dieses städtische Element hier einen Bogen und führt zwischen sich und dem Acherner Mühlgraben einen Grünen Korridor in das Stadtzentrum von Achern und vernetzt den Landschaftsraum, im weitesten die Gipfel des Schwarzwaldes, mit den zentralen Bereichen der Stadt, der Hauptstraße und dem Stadtgarten.

    Dieser Bezug ist sogleich auch das größte Potential für eine Entwicklung des Plangebietes, die im Süden diesen Korridor aufweitet und neben dem eher urbanen Bezug zur Illenau mit dem Lauf des Baches den eher landschaftlichen Rand des Korridors definiert.

    Auf der Fläche selbst finden sich neben der starken Begrünung noch einige identitätsstiftende Relikte der wechselvollen Nutzung des Geländes, die ehemalige Reithalle, das prägnante Tankstellengebäude aber auch das Sandsteinbecken und die ehemalige Bademöglichkeit der Illenau Anlage.



    Freiraumkonzept - Vegetationsbild, Nutzungsfunktion, ökologische Funktion

    Das Konzept greift diese Potentiale auf und definiert als übergeordneten Freiraum, im Bezug zwischen Stadt und Landschaft, einen Grünen Korridor - den Mühlbachpark - als Rückgrat, in den sich die Fundstücke als identitätsstiftende Orte integrieren. Um diesen Freiraum zu begrenzen, entstehen im Süd-Osten des Plangebietes zwei klare Stadtfelder, welche sich zwischen Illenauer Straße und dem Park aufspannen.

    Zwei Aufweitungen, der Marktplatz im Norden und ein von Bestandsgrün dominierter Spielanger im Süden, vernetzen das neue Areal mit den benachbarten Stadtfeldern. Zugleich stellen der Marktplatz im Norden, die urbane Verbindung zur Illenau und der Spielanger im Süden, als grüne Fuge, den landschaftlichen Bezug über das markante Heiz- und Maschinenhaus in den übergeordneten Landschaftsraum her.

    Nachbarschaftliche Treffpunkte, Grillstellen und Spielmöglichkeiten für Jung und Alt integrieren sich in die unterschiedlichen Freiräume. Die direkte Zuordnung der gemeinschaftlichen Grünfläche zur Parzelle fördert den sozialen und ökologischen Austausch unterschiedlichster Nutzer- und Altersgruppen. Landschaftsschaukeln und -liegen an den Übergängen zum Quartier, intensiv gestaltete Spielplätze auf den Angern, sowie extensiv und naturnah gestaltete Bereiche an den flachen Uferzonen des Mühlbachs, laden zum Entdecken und Aneignen ein.

    Die bestehende Gehölzstruktur wird nahezu vollständig erhalten, wie selbstverständlich in das Konzept integriert und im Sinne der Quartiersentwicklung nachhaltig ergänzt und vervollständigt. Im Mühlbachpark entsteht ein spannungsvolles Wechselspiel zwischen ökologisch wertvollen, stark durchgrünten Bereichen heimischer Auengehölze und offener Blühwiesenflächen. Im Quartier bilden Blühgehölze auf den Plätzen und die Gärten farbige Akzente und Lebensraum.

    Ein System aus In-Situ-Versickerung und Retentionsflächen mindert anfallendes Regenwasser, bevor es gefiltert in den Mühlbach gelangt. Durchgrünung und Durchlüftung sind Bestandteil der Leitidee des Konzeptes.



    Erschließungskonzept

    Die Erschließung erfolgt über die Illenauer Straße. Von hier stechen vier verkehrsberuhigte Wohnstraßen in die jeweiligen Stadtfelder. Im Westen verbinden sich die verkehrsberuhigten Wohnstraßen über einen breiteren Rad- und Fußweg, der darüberhinaus auch von Versorgungs- und Notfallverkehr genutzt wird. In den aufgeweiteten Bereichen des Marktplatzes und des Spielangers entstehen wohnortnahe Treffpunkte, Kommunikationsorte und unterschiedliche Identifikationsräume. Ein vielfältiges Fuß- und Radwegenetz, schafft unabhängig vom Fahrverkehr zusätzliche Verbindungen zwischen den einzelnen Quartieren und Freiräumen und vernetzt diese mit den umgebenden Stadt- und Landschaftsräumen.

    Flächen für den ruhenden Verkehr sind in ausreichender Zahl vorhanden. Parkiert wird straßenbegleitend und auf der jeweiligen Parzelle. Für den Geschosswohnungsbau sind Tiefgaragen vorgesehen. Für die öffentlichen Funktionen, insbesondere die umgenutzte Reithalle und die Illenau, sind im Norden des Gebietes 72 Stellplätze geplant.



    Baustruktur Nutzungen

    Die historische Reithalle mit seinem markanten Vorplatz, welcher schon heute ab und zu für Märkte genutzt wird, könnte zum Zentrum eines regionalen Obst- und Bauernmarktes werden. Vorstellbar sind auch eine Mosterei und eine damit verbundene Erlebnisgastronomie. Das markante Tankstellengebäude könnte als kleines Café sowohl ankommende Besucher, als auch die Kunden und Mitarbeiter der in der Illenau untergebrachten Behörden und anderen Nutzer zur Verfügung stehen.



    Die beiden kompakten Stadtfelder bieten durch ihr klares Gerüst Raum für unterschiedlichste Typologien und Nutzungen. Entlang der Illenauer Straße entstehen Köpfe mit dreieinhalb geschossigen Geschosswohnungsbauten, zum Teil freifinanziert gefördert. Reihenhäuser, Doppelhäuser und Stadtvillen gruppieren sich innerhalb der Felder zu eindeutigen Nachbarschaften und sorgen dadurch für ein gesundes soziales Gefüge aus unterschiedlichsten Bewohnergruppen. Die Quartiere bieten in der Dimensionierung ihrer Baufelder und im Kontrast zwischen Bindung am jeweiligen nördlichen Rand und Freiheit am jeweiligen südlichen Rand räumliche Stabilität und höchste Flexibilität in der Ausformulierung von Strukturen. Dieses System gibt den Quartieren Stabilität für eine flexible Anordnung der unterschiedlichen Haustypen und für ein nachfrageorientiertes und bedarfsgerechtes individuelles Bebauungsangebot. Die prozessuale Entwicklung des Gesamtgebietes ist selbst in kleinen Teilabschnitten und unter Berücksichtigung einer sich verändernden Marktsituation innerhalb eines einzelnen Stadtfeldes möglich.



    Klimagerechte Energieversorgung / Nachhaltigkeit

    Bei der Entwicklung des neuen Quartiers sollen alle Aspekte einer nachhaltigen umwelt- und flächenschonenden Bauweise beachtet werden. Um solare Energiegewinne abzuschöpfen, wird die Bebauung weitestgehend nach Süden ausgerichtet. Abstände und Verhältnis der Gebäude zueinander reduzieren etwaige Verschattungen und sorgen für eine gesunde Wohnumgebung. Eine dezentrale Energieversorgung durch beispielsweise ein Blockheizkraftwerk ist gewünscht und problemlos möglich. Regenerative Energien wie Solarenergie und Solarthermie können flächendeckend installiert werden. Dach- und Fassadenbegrünung sorgen für ein ausgeglichenes Quartiers- und Gebäudeklima. Die Größe der Parzellen und das Anlegen einer Quasi-Gartenstadt lassen Raum für eine nachhaltige Bewirtschaftung der eigenen Parzelle. Gebäude werden kompakt gehalten und in Passivbauweise errichtet. Eine verdichtete Bebauung aus Geschosswohnungsbau, Stadtvillen, Doppel- und Reihenhäuser vermindert den Energiebedarf des neuen Quartiers.

    Kurze Wege im Quartier und eine gute Anbindung auch abseits der motorisierten Verkehrswege an die Versorgungsbereiche sorgen für eine umweltfreundliche und gesunde Lebensweise.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Ein städtebaulich überzeugender Entwurf, dem die Vernetzung des vorhandenen Mühlbach-Freiraums zur neuen Wohnungsbaustruktur sehr gut gelingt. Gleiches gilt für die Sichtbeziehungen zur weiter entfernten ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt.
    Auch die abstrahierende Adaption der U-förmigen Hofstruktur der ehemaligen Heilund Pflegeanstalt als Referenz an die Geschichte wird begrüßt.
    Dadurch entstehen in Proportion und Struktur wohltuende Wohnhöfe. Störend und überflüssig ist allerdings die vorgeschobene Reihe der Stadtvillen im westlichen Übergang zur öffentlichen Freifläche. Die Freistellung der Reithalle durch die vorgelagerte keilförmige Freifläche wird für gut befunden, wobei die Begrifflichkeit des „Marktplatzes“ kritisch gesehen wird.
    Einerseits wirkt die Gestaltung der öffentlichen Freiräume mit wenigen Elementen etwas spröde und emotionslos, ebenso die Übergänge der Wohnhöfe zum mäandrierenden Mühlbach; andererseits schafft die Aufnahme weniger historischer Elemente und Sichtachsen (Tankstelle-Café; Spielanger-Heizhaus etc.) eine wohltuende Identität des Ortes, ohne überzogen zu wirken. Das Potential der Freiraumgestaltung für eine enge Verzahnung mit den umgebenden Nutzungen (Wohngebäude, Reithalle) wird noch nicht voll ausgeschöpft.
    Die öffentliche Erschließung erfolgt einfach-strukturiert und überschaubar über die Illenauer Straße. Die öffentliche Parkierung nördlich der Reithalle im weniger attraktiven Bereich des Geländes ist konsequent angeordnet und greift nicht in die wertvollen Freibereiche des übrigen Geländes. Die Anlage eines Bolzplatzes ganz im Norden des Grundstücks kann indes nicht nachvollzogen werden. Die Parkierung der Wohngebäude erfolgt im Wesentlichen in Tiefgaragen, allerdings sind die Zufahrten nicht erkennbar. Gut gelöst ist die Erschließung der Wohngebäude über verkehrsberuhigte Wege und übergeordnete Fuß- und Radwege; Zu- und Abfahrten für Müllfahrzeuge, Feuerwehr etc. sind ausreichend gegeben.
    Der Entwurf bleibt bezüglich der Bruttowohnbaufläche unter den geforderten Vorgaben, lässt aber aufgrund der angemessenen Dichte und klaren Struktur eine hohe Wirtschaftlichkeit erwarten.
    Insgesamt bieten die Verfasser ein sehr gutes und stabiles Strukturkonzept an, welches angemessen auf den historischen Ort reagiert und eine Identität schafft, die wohltuend zwischen Innenstadt und benachbartem Stadtquartieren vermittelt.