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  • DE-71149 Bondorf, DE-71149 Bondorf
  • 07/2017
  • Ergebnis
  • (ID 2-252835)

Quartier Lange Gasse – Bücherei und Wohnen in der Ortsmitte


  • 3. Rang im Wettbewerb

    Perspektive

    Architekten
    Zoll Architekten Stadtplaner GmbH, Stuttgart (DE) Büroprofil

    Verfasser
    Peter Zoll , Tom-Philipp Zoll

    Mitarbeit
    Carola Ammersbach, Ruprecht Neulinger, Joachim Bürklein, Michael Kronz

    In Zusammenarbeit mit:
    Landschaftsarchitekten: Landschaftsarchitekturbüro Möhrle + Partner BDLA/IFLA, Stuttgart (DE)

    Erläuterungstext
    Idee/Städtebau:
    Ziel ist die Entwicklung eines neuen Gebäudeensembles, welches sich durch modern gestaltete Baukörper unter Verwendung der geneigten Dachform in das städtebauliche Umfeld harmonisch einfügt. Die Maßstäblichkeit der umgebenden, innerörtlich geprägten Baustruktur bleibt gewahrt und neu formulierte Raumkanten gliedern angrenzende Straßen- und Platzräume.
    Die neuen Gassen fügen sich ganz selbstverständlich in das charakteristische Gassennetz des Ortskernes ein und erlauben eine öffentliche Verbindung mit hoher Freiraumqualität abseits der Hauptstraßen, mit Verbindungen zur Langen Gasse und zur Bäckergasse bis zum Brunnenbergle und Stäffelesbergle. Mit der Entwicklung der neuen Gebäude des Seniorenwohnens werden auch Wegeverbindungen zur Ergenzinger Straße ergänzt und fortgeführt.

    Den Auftakt für das neue Gebäudeensemble bildet das öffentliche Gebäude mit Bücherei und Gemeindesaal. Durch die giebelständige Gebäudestellung nimmt es die traditionelle Gebäudestruktur einerseits auf, andererseits entsteht durch die Grundrissgeometrie eine moderne Formensprache und weist so dezent auf die öffentliche Nutzung des Gebäudes hin. Um dieses Gebäude in die öffentliche Wahrnehmung zu rücken wurde bewusst die Orientierung zur Grabenstraße gewählt. Der schräge Anschnitt des Gebäudes führt trichterförmig zum Haupteingang der Bücherei und wird fortgesetzt als Durchwegung des neuen Quartiers.
    Diese neue Gasse vom Vorplatz der Bücherei ist Teil der wichtigen Wegeachse von der Zehntscheuer und Kirche zu dem vorhandenen Quartiersplatz, an dem Kita und Seniorenwohnen angeordnet sind.
    Der angegliederte Veranstaltungsbereich der Bücherei bietet einen angenehmen Rahmen für Veranstaltungen der Bücherei, Lesetreffs für Groß und Klein oder auch Familienfeiern und bereichert damit ergänzend zur Zehntscheuer (für größere Veranstaltungen) das kulturelle und soziale Gemeindeleben.

    Architektur- / Gebäudekonzept:
    Die neue Bücherei mit Gemeindesaal zeigt sich selbstbewusst zum öffentlichen Raum. Die unterschiedlich zugeschnittenen Fassadenöffnungen lassen die Bedeutung der dahinter liegenden Funktionen erahnen. Vielfältige Blickbezüge aus der Bücherei und aus dem Gemeindesaal zur Kirche bzw. zur Grabenstraße verknüpfen das Gebäude mit dem öffentlichen Raum. Im Erdgeschoss sorgt die geschosshohe Verglasung für Transparenz und unterstützt die einladende Geste des Haupteinganges.
    Vom großzügigen Eingangsbereich aus werden zentral alle wichtigen Funktionen erreicht. Als Kernstück des Gebäudes ist die neue Gemeindebücherei an zentralem Platz erschlossen und angeordnet. Über eine großzügige Galerietreppe wird der im oberen Geschoss befindliche Gemeindesaal sowie das Büro (Referat für Gemeinwesen) erreicht. Durch geschickte Einbindung in die vorhandene Topografie wird dem Obergeschoss ein interessanter Freibereich nach Süden zugeordnet der als Leseterrasse genutzt oder als Außenraum für Veranstaltungen einbezogen werden kann. Dieser Freibereich wird ganz im Sinne der dörflichen Struktur als kleine Gasse mit der Langen Gasse verbunden. Die dienenden Räume sind direkt dem Eingangsbereich bzw. dem Bürgersaal zugeordnet. Der Bürgersaal bzw. das Büro können unabhängig von der Bücherei genutzt werden. Die barrierefreie Erschließung erfolgt über den Aufzug. In der Teilunterkellerung befinden sich Lager bzw. Technikräume.
    Die Wohnanlage wird über ein zentrales Treppenhaus mit Aufzug und mit Laubengängen erschlossen. Insgesamt befinden sich in den beiden Baukörpern 14 Wohnungen und 2 Arztpraxen. Um die für den Ortskern charakteristischen, ruhigen Dachflächen zu erhalten wird eine 3-Geschossigkeit mit flach geneigten Satteldächern gewählt. Im Untergeschoss der Anlage befindet sich eine Tiefgarage mit insgesamt 25 Stellplätzen. Durch die topografisch günstige Lage kann diese sehr wirtschaftlich mit einer verhältnismäßig kurzen Rampenanlage erschlossen werden.

    Freiraum
    Die neue Bücherei und ihr Eingang zeigen sich mit einem offenen Vorplatz zur Grabenstraße. Der Platz bietet schattige Sitzgelegenheiten und ein Wasserspiel. Fahrradbügel sind am Eingang der Bücherei angeordnet. Die Lange Gasse erschließt die neuen Wohngebäude und Arztpraxen und bietet eingangsnahe Stellplätze. Der Gartenbereich auf dem EG-Niveau wird mit einer Mauer zur neuen Gasse gefasst und durch eine Höhenstaffelung und Hecke zur Leseterrasse vor Einblicken geschützt. Die Leseterrasse ergänzt als geschützter Außenraum in angenehmer Atmosphäre die neue Bücherei.
    Die Wegeverbindung von Zehntscheuer über Büchereivorplatz zum Platz an der Kita wird durchgehend als qualitätvoller öffentlicher Raum im dörflichen Gassencharakter gestaltet und mit Spiel- und Sitzelementen unter Bäumen belebt. Der Platz an der Kita wird mit Baumquadrat und Sitzkanten in seiner Funktion als Quartiersplatz mit hoher Aufenthaltsqualität gestärkt. Die Zufahrt zu den Tiefgaragen bleibt erhalten.
    Die Gartenräume der neuen Gebäude des Seniorenwohnens werden als Garten mit blütenreichen Obstbäumen und Sitzbereichen gestaltet, die mit kleinen Rundwegen erschlossen werden. Die Materialien im Außenraum - Natur- und Betonwerkstein, Holz - nehmen Bezug zur umgebenden bestehenden und neuen Architektur.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Der Verfasser verwendet moderne Baukörperformen, die sich nicht leicht an die bisherige dörfliche Bebauung anpassen lässt. Alle Wohnbaukörper haben ein ortsuntypisches gleichgeneigtes Sattel-dach, das sich schwer in die Umgebungsbebauung einfügt.
    Beim Ideenteil stechen räumliche und funktionale Defizite hervor, vor allem die räumliche Formulierung des Quartiersplatzes. Der zweigeschossige Verbindungsbau zwischen bestehender Seniorenwohnlage und Neubau ist als Flachdach unverständlich. Im Realisierungsteil sind zwei nord-süd gerichtete Gebäude platziert, die eine gewisse Überdimensionierung aufweisen. Das Gebäude mit geplanter Bücherei „wickelt“ sich um die vorhandene Scheune und „erdrückt“ diesen markanten Bau.

    Positiv wird der entstehende Vorplatz vor der Bücherei bewertet, allerdings wird man direkt auf eine Mauer, die den privaten Garten begrenzt, geleitet. Dabei wird auch das private Wohnhaus (Grabenstrasse 10) unnötigerweise in den Fokus gesetzt. Die Gasse und der Lesebereich hinter dem Büchereigebäude wurden kontrovers diskutiert. Negativ ist zu sehen, dass diesem Bereich die notwendige Belichtung für eine Aufenthaltsqualität fehlt.
    Das zweigeschossige Büchereigebäude stellt sich neben der bestehenden „Brunnenstube“ als giebelständiges Gebäude mit einer attraktiven Eingangszone dar. Die Bücherei befindet sich im Erdgeschoss, der Leseraum und ein Veranstaltungsraum befinden sich im Obergeschoss. Obwohl der Entwurf der Bücherei städtisch geprägt ist, wurde die Chance versäumt, den Vorplatz durch ein attraktives Nutzungskonzept sinnvoll zu bespielen.
    Die Wohnungen werden über ein Laubengangsystem erschlossen, was aus wirtschaftlicher Sicht in Bezug auf die Aufzugserschließung als sinnvoll zu bewerten ist. Leider ist die Laubenerschließung bei der aktuellen Grundrissgestaltung der Wohnungen (Schlafzimmer Richtung Laubengang) nicht optimal geplant.
    Die Situation des Tiefgarageneingangs ist optimal gelöst, an der tiefsten Stelle des Grundstückes. Allerdings führt diese Lösung zu einer 2-3 Meter hohen Mauer vor der Tiefgarage.
    Die gesamte Wohnbebauung ist barrierefrei erschlossen. Diese fehlt leider im Büchereigebäude.
    Negativ wurde die Außengestaltung der Wohngebäude mit einem architektonischen austauschbaren Architekturstil bewertet. Die differenzierte Gestaltung der Fassaden der Bücherei ist auf eine angemessene Weise gelungen.
    Das vorgeschlagene Energiekonzept beinhaltet einen zentralen Pelletkessel sowie Flächenheizungen. Für die sommerliche Warmwassererzeugung wird nur optional eine Solarthermieanlage vorgeschlagen. Hier greift das vorgeschlagene Energiekonzept zu kurz. Die Gebäude werden über eine kontrollierte Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung belüftet. Für den sommerlichen Wärmeschutz sorgen ein außenliegender Sonnenschutz und eine Sonnenschutzverglasung. Ein natürliches Nachtlüftungskonzept für die Bücherei soll den sommerlichen Wärmeschutz ergänzen.
    Die vorgeschlagene Anlagentechnik erfüllt die gestellten Anforderungen zum größten Teil. In Hinblick auf die Wirtschaftlichkeit der Anlage sollte die sommerliche Warmwassererzeugung weiter ausgearbeitet werden.
    Die Arbeit stellt im Ergebnis einen eigenständigen städtebaulichen Beitrag dar, der in Einzelaspekten Schwächen aufweist: Ansichten der Wohngebäude, Dachform der Wohngebäude und Mauer der Tiefgarage.


INFO-BOX

Angelegt am 24.07.2017, 14:25
Zuletzt aktualisiert 31.07.2017, 14:41
Beitrags-ID 4-143442
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