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  • DE-63897 Miltenberg, DE-63897 Miltenberg
  • 07/2018
  • Ergebnis
  • (ID 2-290305)

Kindertagesstätte mit Familienzentrum in Miltenberg


  • Anerkennung

    Gruppenraum, © FFM-ARCHITEKTEN. / mainfeld ffm

    Architekten
    FFM-ARCHITEKTEN. Tovar + Tovar PartGmbB, Frankfurt am Main (DE) Büroprofil

    In Zusammenarbeit mit:
    Landschaftsarchitekten: Büro für Freiraumplanung, Wiesbaden (DE)

    Preisgeld
    8.000 EUR

    Erläuterungstext
    Konzeption
    Das Leitmotiv für die Gestaltung der Kindertagesstätte sowie des Familienzentrums entwickelt sich aus der städtebaulichen Struktur und Architektursprache der historischen Klosteranlage. Der Neubau wird als eigenständiges Gebäude im Garten platziert, tritt jedoch durch die Einbindung und gemeinsame Nutzung des Klostergartens mit seinen Plätzen und Wegeachsen mit dem alten Klostergebäude in Beziehung und eröffnet dadurch neue Möglichkeiten der Kommunikation zwischen Familienzentrum, Kindertagesstätte, der Pfarrgemeinde und dem vorhandenen Café.

    Städtebau
    Städtebaulich versteht sich der freistehende, entlang der Klostermauer orientierte, langgestreckte Neubau als östlicher Hofflügel des dominierenden Klostergebäudes. Im Vis à vis zur angrenzenden historischen Bebauung im Südwesten bilden die Raumkanten des Neubaus und des Klosters einen großen dreiseitig gefassten Klostergarten, der sich zum Main hin öffnet. Durch seine städtebauliche Setzung würdigt der Baukörper in seiner Lage den historischen Bestand des Klosters und der Gartenachsen.
    Dem Klostergarten als Ort der Ruhe und der Gemeinschaft “hinter den Mauern“ wird formal und konzeptionell zentrale Bedeutung beigemessen. Der Neubau ist daher in seiner äußeren gradlinigen Anmutung, welche durch ihren Rhythmus der gartenseitigen Fassade an Arkaden von Kreuzgängen und Gewölben erinnert, durch eine formale Strenge und Ruhe geprägt. Der mit Ziegelsteinen verkleidete Neubau bildet so durch seine Materialität selbst eine neue Art von Klostermauer.

    Architektur
    Das kompakte Gebäudevolumen, bestehend aus sechs gereihten Langhäusern, lässt eine Raumfolge und Dachlandschaft entstehen, die sich mit ihrer Fugenausbildung und Höhenentwicklung einerseits in die kleinteilige Struktur der umliegenden historischen Bebauung einfügt, und sich andererseits in seiner äußeren Gestalt als signifikantes, öffentliches Gebäude behauptet.
    Die einzelnen orthogonal zur nordöstlichen Klostermauer aufgereihten „Häuser“ bilden die funktionale Struktur des Gebäudes ab. In den fünf eingeschossigen Häusern sind die Gruppen der Kindertagesstätte untergebracht und jeweils mit einem überdachten Außenbereich zum Klostergarten orientiert. Seinen Kopf erhält das Gebäude durch das sechste, zweigeschossige „Haus“, in dem das Familienzentrum untergebracht ist, und das durch den zentralen Eingangsbereich mit der Kindertagesstätte verbunden ist.
    Die innere Erschließung der Räume erfolgt orthogonal zu den Langhäusern, in der Kindertagestätte mittels eines rhythmisch mäandrierenden Flures, welcher die zum Garten gelegenen Gruppenräume und die dienenden Räume und Personalräume an der Klostermauer miteinander verbindet und zoniert. Der breit angelegte Flur weitet sich durch Garderobennischen auf und findet sein Ende in dem mainseitig angelegten Spielgarten der Kindertagestätte.
    Die einzelnen Gruppenräume der Kindertagesstätte sind bis in das Steildach ausgebaut und ermöglichen so auch den Einbau von großzügigen Spielgalerien.
    Die Gruppenräume sind bewusst nach Südwesten auf den Klostergarten orientiert. Den Gruppen zugeordnete Gärten vor den überdachten Häusern bilden kleinteilige Rückzugsorte für Kinder und eine Pufferzone zum anschließenden Mehrgenerationengarten. Die Gruppenräume erhalten im Erdgeschoss zum Abschluss der Vorbereiche Faltschiebewände aus Holzlamellen.
    Das Familienzentrum ist in räumlicher Nähe zum Klostergebäude und damit zu den administrativen Einrichtungen der Pfarrgemeinde und der Caritas gelegen. In das Familienzentrum sollen neben den geforderten Räumen auch alle Beratungsräume, welche sich zurzeit noch im Kloster befinden, untergebracht werden. Eine offene gemeinsame Nutzung von Kindertagesstätte und Familienzentrum ist durch die Gestaltung des großen zentralen Foyers und Eingangsbereichs wesentlicher Bestandteil des Entwurfs. Eine Nutzungstrennung des Familienzentrums und der Kindertagestätte (getrennte Nutzung des Multifunktionssaals und des Raumes der Stille) ist jedoch ebenso möglich.

    Konstruktion
    Das Gebäude fügt sich in seiner Materialität in die historische Umgebung ein. Es ist als zweischaliger Massivbau mit Ziegelsichtmauerwerk geplant, welcher in Farbton und Struktur mit der umgebenden Klostermauer korrespondiert. Fensteranlagen sind als Holzfenster, Sonnenschutzelemente sind als Holz-/Stahlkonstruktion konzipiert. Die mit handwerklich geformten rot-beigen Ziegeln bekleideten Steildächer sind zur Verbesserung des sommerlichen Wärmeschutzes mit einer mineralischen Aufsparrendämmung geplant und innenseitig mit einer Holzakustikdecke ausgestattet. Die Bodenflächen in den Räumen sind als Holzbelag geplant, Flächen im überdachten Außenbereich aus Ziegelplatten/-pflaster.

    Außenflächen
    Wesentliches Entwurfsziel für den Klostergarten ist neben der Anbindung und Erschließung aller Einrichtungen der Pfarrgemeinde und der Caritas, vor allem der Erhalt einer möglichst großen kompakten Freifläche als Zentrum der Klosteranlage mit einer nutzerorientierten Neuinterpretation und Erweiterung der Gartenstruktur.
    Leitbild hierbei ist der historische orthogonal gegliederte Garten, mit seinen von Hecken umschlossenen und unterschiedlich genutzten Bereichen, der die historische Haupterschließung (Zugang vom Engelplatz über das Kloster im Untergeschoss / Eingang Klostermauer am Main) des Gartens aufgreift und stärkt. Durch die Umgestaltung der Grünanlage werden in diesem ruhigen Raster unterschiedliche Zonen der Ruhe, des Spiels und der gärtnerischen Betätigung geschaffen, die im Gesamten einen Mehrgenerationengarten bilden. Der neue Klostergarten erhält den Charakter eines halböffentlichen, gemeinschaftlich genutzten Gartens, der barrierefrei vom Main zugänglich ist.
    Mit dem befestigten Flächen vor dem denkmalgeschützten Kloster wird ein neuer gemeinschaftlicher Platz geschaffen, der in Beziehung zu der historischen Gartenlaube und dem Neubau steht. Mittels Selbstbedienungsprinzip können auch Gäste des Familienzentrums oder Besucher in Kooperation mit dem Café fArbe auf der Außenfläche bewirtet werden.
    Bei der Ausbildung der Freiflächen wird die Versiegelung auf ein Minimum beschränkt. Es dominieren Rasen- und Grünflächen, welche als Spiel- und Gartenpflegebereiche dienen. Im Bereich der Park- und Wegeführung werden diffusionsoffene Pflasterungen verlegt.
    Freiflächen Kindergarten
    Die Freiflächen des Kindergartens im Südwesten bilden durch die den Gruppen vorgelagerten Gärten mit dem Mehrgenerationengarten gestalterisch eine Einheit.
    Durch eine Einfriedung durch halbhohe Hecken (mit einer integrierten Einzäunung) entwickeln diese einen familiären und ruhigen Charakter. Die jeweiligen Gruppen haben die Möglichkeit, ihre privaten Gärten individuell zu gestalten und erhalten eine eigenständige Erschließung durch kleine Tore zum Mehrgenerationengarten (für kleinere Aktivitäten im Klostergarten in der Gruppe). Eine Trennung des Spielplatzes für Krippen- und Kindergarten-Kinder ist im Bereich der vor den Gruppen gelegenen privaten Gärten vorstellbar. Bei der Grünraum- und Außenraumplanung wurde versucht, möglichst viele bestehende / historische Bäume zu erhalten und diese in Bezug zum neuem Baumbestand zu setzen.
    Der Neubau der Kindertagesstätte wahrt eine Distanz zur historischen Klostermauer, belässt ihre Funktion als natürliche Umzäunung und ermöglicht immer wieder Blicke auf die historische Mauer. Im direkten Anschluss an das Gebäude bietet der Garten den Kindern vielerlei Rückzugs- und Spielmöglichkeiten, die naturnah und sinnlich gestaltet sind, beispielweise durch die Arbeit mit Hügeln, Höhlen, Hochbeeten, Wechsel der Untergründe von Rasen und Hartplatzbereichen sowie Barfuß- und Erlebnispfade, die spielerisch ein Naturerlebnis und Verständnis für die Natur beinhalten.

    Stellplätze
    Zur Reduzierung der versiegelten Flächen werden die Stellplätze großenteils an der südwestlichen Seite des Gartens angeordnet, an dem sich ohnehin die Andienung des Klosters und des Martinladens befindet. Die Stellplätze für Mitarbeiter der Kita und die temporär genutzten Stellplätze der Eltern sind an der nördlichen Klostermauer angeordnet und sind gestalterisch in die Gesamtanlage des Gartens integriert.

    Ideenteil
    Das Konzept für die Verbesserung der Erschließung und Nutzung des denkmalgeschützten Klostergebäudes folgt dem Ansatz, den Gebäudebestand in seiner äußeren Struktur möglichst unangetastet zu lassen.
    Zur Verbesserung der Barrierefreiheit wird im Gebäudeinneren vom UG bis zum 1. OG in unmittelbarer Nähe des Treppenraumes ein Aufzug installiert, welcher die Möglichkeit bietet, alle Räume außer im DG barrierefrei zu erschließen.
    Im Untergeschoss soll neben der Möglichkeit der barrierefreien Erschließung im Wesentlichen die vorhandenen Erschließungsachse vom Engelplatz durch das Klostergebäude gestärkt werden. Der barrierearme Zugang vom Engelsplatz über den Erschließungshof zum UG bleibt erhalten. Die Struktur des Untergeschosses wird aufgrund der Installation des Aufzuges leicht angepasst. Zusätzlich wird das Café fArbe, dessen Erhalt als integraler Bestandteil des Ideenteils gesehen wird, in den bestehenden Schutzraum hinein verlängert und mit einem zusätzlichen Lagerraum sowie einem Sanitärbereich ausgestattet. Der Freibereich unter der Remise kann als kleiner überdachter Außenbereich für das Café fArbe genutzt werden. Der Durchgang vom Hof in den Klostergarten wird somit freigespielt und auf seine Ursprungsfunktion zurückgeführt. Dem Schutzraum für durchreisende Frauen wird ein neuer Bereich in der Nähe des Aufzugs zugewiesen.
    Im Erdgeschoss des Klosters wird eine zusätzliche barrierefreie Erschließung der Kindertagestätte und des Familienzentrums über den süd-westlich gelegenen Zugang zum Aufzug geschaffen. Durch diese Wegeführung im Flur südlich vom Innenhof und eine Abtrennung des Bestandsflures mit Glaselementen wird auch eine Nutzungstrennung innerhalb des Gebäudes möglich.
    Durch das Überangebot an Räumlichkeiten im Neubau wird dort die Möglichkeit geschaffen, das Familienzentrum gebündelt unterzubringen. Die Räumlichkeiten des Ideenteils für das Pfarrzentrum können somit im Bestandsbau des Klosters auf Erdgeschossebene unmittelbar am Eingang untergebracht werden. Auch hier wurde auf eine Zusammenfassung der Räumlichkeiten Wert gelegt. Die großen Veranstaltungssäle (Franziskus- und Vinzenzsaal) bleiben in ihrer Funktion unberührt.
    Im Obergeschoss des Bestandsbaus bleiben die Räumlichkeiten der Caritas unberührt und werden lediglich um die Erschließung durch den Aufzug erweitert.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Der Verfasser bietet eine robuste nachhaltige Architektur aus Backstein an, die sich in Formensprache der bestehenden städtebaulichen Situation einpasst, eigenständige Formulierung anbietet, jedoch ohne sich anzubiedern. Die historische Situation der Klosteranlage wird weiterentwickelt durch sich unterordnende Baukörper. Hierdurch verbleibt der freie Blick auf das Kloster als dominierendes Gebäude.

    Die mit der Giebelseite zum Klostergarten angeordneten Langhäuser in serieller Art mit spannungsvoller Fuge und Oberlichter in Form eines aufgebrochenen Firstes sind an den Nord-Östlichen Rand zur Adamsgasse hin platziert, jedoch mit Respekt zur historischen Klostermauer. So bleibt Raum als Umgang erhalten und lässt aus dem Gebäude Blicke auf die Mauer und auf die Geschichte der Anlage zu. Dies wurde insgesamt positiv beurteilt. So wird auch die denkmalpflegerische Qualität wahrnehmbar.

    Den Abschluss zum Klostergebäude hin bildet das sehr gut platzierte zweigeschossige Familienzentrum, in funktionalem Zusammenhang zu den Verwaltungsräumen der Caritas. Hier sollen in Zukunft auch die Räume der Pfarrei untergebracht werden, was zu einer funktional guten langfristigen Lösung führen kann, aber auch die Rochade einiger Räume im Klosterbestand zur Folge hat.

    An der Giebelseite des Familienzentrums liegt wie selbstverständlich der gut situierte zentrale Eingangsbereich für alle Nutzungseinheiten. Von hier aus wird auch eine barrierefreie Erschließung des Obergeschosses ermöglicht.

    Gut platzierte Parkplätz ergänzen das schlüssige Freiraumkonzept mit angenehm gestalteten öffentlichen Bereichen zum Kloster und zum Familienzentrum hin. Der großzügige Vorplatz verbindet in optimaler Weise KITA, Familienzentrum und Kloster. Eingänge und Achsen liegen wie selbstverständlich. Eine gemeinsame Nutzung der Freiflächen nach Süden wird gewährleistet.

    Die Ausrichtung der Krippen und KITA Räume mit den Außenspielflächen nach Südwesten schafft eine angenehme Orientierung und Offenheit zum Klostergarten, die trotzdem eine geschützte und eindeutige Zuordnung zu den Gruppen ermöglicht. Sie bilden kleinteilige Rückzugsorte mit Loggia für Kinder und eine Pufferzone zum anschließenden Mehrgenerationengarten.

    Die Gruppenräume auf zwei Ebenen bieten spannungsvolle Blicke von Innen nach Außen, aber auch kleinteilige Rückzugsorte für die Kinder und gewähren dadurch einen möglichst reibungslosen und entspannten Ablauf bei der Kinderbetreuung. Die großen Raumhöhen werden jedoch in Ihrer Maszstäblichkeit für die Kinder kritisch beurteilt. Pflege- und Schlafräume sind kompakt und unmittelbar den Gruppenräumen zugeordnet. Die innere Organisation wird positiv bewertet, sie folgt einem logischen Ablauf aus der Gruppe heraus, der Schlafraum orientiert sich zum ruhigen Bereich der Fuge. Allerdings wird die sehr schmale Fuge zur Nachbarwand auch kontrovers diskutiert.

    Pädagogische Bereiche zum öffentlichen Bereich im Süden werden in optimaler Weise von organisatorischen Räumen im Norden zur Klosternmauer hin getrennt.

    Die Kenndaten der Arbeit liegen bzgl. der BGF im durchschnittlichen, bzgl. des BRI im obersten Bereich. Die Verfasser bieten hinsichtlich der Gebäudetypologie, Materialität, Funktionalität als auch Freiraumgestaltung insgesamt einen schlüssige Lösung der Aufgabe. Aufgrund der großen Kubatur und der aufwendigen Fassadengestaltung wird das Projekt unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten jedoch kritisch gesehen.