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  • DE-24103 Kiel
  • 07/2018
  • Ergebnis
  • (ID 2-283577)

Überplanung ZIP-Campus Kiel


  • ein 1. Preis 1. Rang nach Überarbeitung

    Perspektive von Osten zum Eingangsbereich, © tsj architekten

    Architekten
    tsj tönies + schroeter + jansen freie architekten gmbh, Lübeck (DE), Hannover (DE) Büroprofil

    Verfasser
    Jan Soltau

    Mitarbeit
    Gabi Kiencke, Jan Maasjosthusmann, Janna Achilles, Agnes Kuß

    In Zusammenarbeit mit:
    Visualisierer: Loomn Architekturvisualisierung, Gütersloh (DE)
    Landschaftsarchitekten: ANDRESEN LANDSCHAFTSARCHITEKTEN, Lübeck (DE)
    Stadtplaner: Dietmar Kirschner Architekt und Stadtplaner, Lübeck (DE)
    Modellbauer: Modellbau Denninghoff & Co. GmbH, Hamburg (DE)

    Erläuterungstext
    Steigende Fallzahlen, Diversität der Behandlungskonzepte: zukünftige Herausforderungen in der Psychiatrie - die Aufgabe
    Der Bedarf an psychologischer Betreuung wird in Zukunft, trotz einer sinkenden Bevölkerungsentwicklung, weiter steigen.
    Bis zum Jahr 2030 wird die Häufigkeit für psychische Erkrankungen in den Industrieländern weiter zunehmen. Krankheiten mit einem psychiatrischen Hintergrund werden demnach zu den häufigsten Volkskrankheiten zählen.
    Zunehmender Leistungsdruck, ein hohes Aufkommen an digitalen und medialen Informationen und eine insgesamt immer schnelllebigere Gesellschaft überfordern immer mehr Menschen. Dies gilt für Erwachsene, aber auch Kinder und Jugendliche benötigen immer häufiger eine psychologische Betreuung.
    Diese Entwicklungen erfordern für die Zukunft eine strukturelle Gestaltung, die ein hohes Maß an Anpassungsfähigkeit zulässt und auf die gegebenen Herausforderungen flexibel reagieren kann.

    Integrative Nutzungskonzepte: Altes bewahren -Neues wagen- das Ziel
    Im Rahmen eines Realisierungswettbewerbs soll für das Zentrum für integrative Psychiatrie ZIP des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein am Standort Kiel, ein neues städtebauliches Strukturkonzept entstehen, dass eine zukunftsweisende Antwort auf die wachsenden Anforderungen und Aufgaben in der Psychiatrie und Psychosomatik gibt.
    Hierfür sollen Neubauten in den Bestand integriert und Aspekte des Denkmalschutzes berücksichtigt werden. Der räumliche Entwurf soll in die vorhandene Campusstruktur eingebunden werden, wobei das betriebsorganisatorische Konzept und die funktionelle Raumplanung der Klinik im Vordergrund stehen.
    Der Ersatzneubau im Anschluss an das denkmalgeschützte Haus 1, soll durch eine verbindende Architektur, wieder zum Mittelpunkt der Anlage werden. Ziel des Entwurfes ist es, den historischen Wert des Bestandsgebäudes durch eine räumliche Erweiterung zu unterstreichen und eine gelungene Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu schaffen.

    Mäandrierende Formen: Platz für Veränderungen schaffen - das Leitbild
    In einer vorangestellten Machbarkeitsstudie wurden verschiedene Konzepte für die Realisierung betrachtet, wobei die auf dem Grundstück unterzubringende Baumasse hinsichtlich der Maßstäblichkeit die größte Herausforderung für den Entwurf darstellte. In der Formenstudie erwies sich ein Baukörper mit Vor- und Rücksprüngen in der Fassade als eine sehr geeignete Lösung für die vorliegenden Anforderungen. Eine Mäander Form, die auch mit dem denkmalgeschützten Bestand eine fließende Symbiose eingeht und die vorhandenen Konturen des Campusgeländes in seiner Struktur und Gliederung aufnimmt.
    Für die Erwachsenen- und die Kinder- und Jugendpsychiatrie, sind in dem vorliegenden Entwurf zwei räumliche Einheiten vorgesehen. Zusätzlich zum mittleren Bestandsgebäude (Haus 1- Mitte), fügt sich das Haus 1- West für die Erwachsenenpsychiatrie, sowie das Haus 1- Ost für die Kinder- und Jugendpsychiatrie, nahtlos an. Über einen Verbindungsgang sind die Gebäudekomplexe (4- 5-geschossig), über das Bestandsgebäude hinweg, miteinander verbunden. Der Barriere-freie Zugang, erfolgt über die Angleichung der Ebenen von Neubau und Bestand über Treppen und Aufzüge.
    Die Formensprache des Neubaus zeichnet sich durch flexible Auslagerungen von Seitenflächen/ Mäandern aus, die von einer Hauptachse abgehen. Der mäanderförmige Aufbau zieht sich bis ins Dachgeschoss durch das gesamte Gebäude, wobei immer wieder die Hauptachse gekreuzt wird. Einzelne Bereiche der Mäander fügen sich wie ein Haus-im-Haus Prinzip entlang des Erschließungsflurs an. Hierdurch entspringen spannende Räume und Flächen mit viel natürlichem Lichteinfall, die für eine einladende und freundliche Atmosphäre sorgen.

    Offene Gestaltung mit Struktur: ein Mehrwert für Körper und Geist
    Das Eingangsniveau des Neubaus liegt auf 37.00m. Über den gemeinsamen Vorplatz im Süden des Ensembles, werden die westlich des historischen Zentralgebäudes gelegene Erwachsenenpsychiatrie, sowie die östlich gelegene Kinder- und Jugendpsychiatrie über zwei Eingänge erschlossen. Vor der ehrwürdigen Villa liegt ein kleiner Patientengarten, der auch externe Besucher zum Verweilen einlädt. Durch diesen öffentlichen Garten, werden Alltagssituationen für die Patienten erlebbar und mögliche Schwellenängste auf der anderen Seite abgebaut.
    Die neu erstellten Kliniken, werden jeweils über eine in dem Garten gelegene Treppe und Rampenanlage erschlossen.
    Die angelegten kleinen Foyers bilden gleichermaßen den halb-öffentlichen, niederschwelligen Durchgang ins Innere des Campus.
    Die Eingangsbereiche der Gebäudekomplexe, bilden den Zugang zu den verschiedenen Stationen, dienen aber auch als Zuwegung zum Campusgelände. Die hierdurch erzielte Durchlässigkeit und extrovertierte Gestaltung, bilden eine harmonische Ergänzung zu der symmetrischen und strukturierten Landschaftsarchitektur der Anlage.
    Für die Fassade des Neubaus, wurden Gestaltungselemente des Bestandsgebäudes, wie zum Beispiel der Backsteinsockel, aufgenommen und in moderner Form integriert. So ist das Sockelgeschoss ebenfalls mit einer Klinkerfassade gestaltet, die einen nahtlosen und fließenden Übergang der Gebäude hervorhebt. Die oberen Geschosse erhalten eine freundliche Gestaltung mit hellen Fassadentafeln aus Textilbeton.
    Großzügige, bodentiefe Fenster sorgen für eine effiziente Ausleuchtung der Innenräume und verbinden die Klinikräume mit den ansprechenden, grünen Gartenanlagen des Campus. Für die Sicherheit der Patienten sind zusätzlich Öffnungsflügel mit davor stehenden, festen Elementen vorgesehen.
    Eine extensive Dachbegrünung sorgt zusätzlich für eine Aufwertung des Ensembles in das landschaftliche Konzept, und trägt mit seiner Bepflanzung zudem noch zur Wärmedämmleistung und Energieeinsparung bei.

    Die geplanten Gärten für die offenen Stationen, sind im Innenhof des Campus vorgesehen. Hierdurch entstehen zusätzliche „grüne Räume“, die auch bei schönem Wetter für Therapien, Gespräche und Kurse genutzt werden können.
    Für die geschützten Stationen sind zwei weitere Gärten angelegt, die sich jeweils vor Kopf im Sockelgeschoss der Gebäude xbefinden. Zusätzlich zu diesen Außenflächen, sind Dachterrassen im zweiten Obergeschoss der Kinder- und Jugendpsychiatrie, sowie auf der dritten Etage der Wahlleistungsstation in der Erwachsenenpsychiatrie angelegt.

    Aus dem Foyer heraus werden die Neubauten in der Vertikalen erschlossen. Hier liegen die offenen Therapiebereiche und die Eingänge zu den Stationen mit ihren Wohn- und Schlafbereichen.

    Flexible Raumstrategien: neue Aufgaben ermöglichen
    Für das mittlere Bestandsgebäude ist im vorliegenden Entwurf eine fachbereichsübergreifende Nutzung vorgesehen.
    So sind Räume für die Ergotherapie im ersten Obergeschoss geplant, die von allen Stationen genutzt werden, ebenso wie die Diensträume im zweiten Obergeschoss. Das Erdgeschoss des denkmalgeschützten Haupthauses beherbergt die Schule für die Kinder- und Jugendpsychiatrie.

    Durch das mäanderförmige Konzept und die räumliche Unterteilung in Haupt- und Nebenachsen, entstehen im Neubau allgemeine Nutzungsflächen und private Rauminseln. Jede Etage gliedert sich in 3 Zonen: Schlafen, Wohnen und Therapie.

    Der Hauptflur ist wirtschaftlich effizient angelegt. Hier befinden sich der zentrale Stations-Stützpunkt, Besucherräume, sowie die Küche und der Speiseraum für jede Station. Ausgehend von der Hauptachse, zweigen offen gestaltete Aufenthaltsflächen ab, die für die Interaktion mit anderen Patienten, aber auch als Rückzugsort, zur Verfügung stehen.

    In den Nebenfluren/ Mäandern liegen die Patientenzimmer (1- 2 Bett-Zimmer) und Therapiebereiche. Durch diese abgeteilten Bereiche entsteht eine private und vertraute Atmosphäre, die auch für den Behandlungserfolg und das Wohlbefinden der Patienten entscheidend ist. Auch die Belichtungshöfe und die Dachterrassen mit integrierten Liegenetzen in den ersten Obergeschossen zwischen den Gebäudevorsprüngen, unterstreichen dieses positive Raumklima. Hier finden Patienten einen Ort zum Erholen.
    Zusätzlich bietet dieses Raumkonzept eine hohe Anpassungsfähigkeit für veränderte Aufgaben oder andere Nutzungsformen. So lassen sich beispielsweise Räume einer offenen Station, in den räumlichen Bedarf für eine geschützte Station umwandeln, oder Raumnutzungen verändern (Patientenzimmer werden zu Therapieräumen, oder umgekehrt). Ein wesentlicher Vorteil, der gerade in Zeiten von steigenden Patientenzahlen, aber auch immer neuen Behandlungsmethoden- und Konzepten, immer mehr in den Vordergrund rückt.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Die städtebauliche Gliederung der Baumassen im Kontext und hinsichtlich des Maß-stabs des Bestandes wird positiv beurteilt. Die asymmetrische Gestaltung der Baukörper fügt sich gut in die Topografie des Ortes ein. Die Integration von Terrassen und Freiflächen im Baukörper wird begrüßt
    Die landschaftsarchitektonische Gestaltung der Freiflächen wird ebenfalls positiv be-wertet. Für den zentralen Hof würde man sich allerdings wünschen, dass mehr Rücksicht auf den denkmalgeschützten Bestand genommen wird.
    Die Aufteilung der Eingangssituation in zwei Eingangsbereiche ist überraschend, wird aber aus Nutzersicht begrüßt.
    Funktionale Aspekte
    Die Funktionscluster sollten wie im Leistungsbild nachgewiesen werden. Aufspaltungen der Cluster sind zu vermeiden. Dies gilt insbesondere für den Bereich der Ergotherapie. Ebenfalls ist das Notaufnahmegeschehen für Erwachsene und Kinder detaillierter auf-zuzeigen. Dies ist bisher noch nicht abgebildet, speziell was die Beobachtung von Krisenpatienten angeht. Idealerweise sollten die Notaufnahmestationen getrennt nach Kinder- und Erwachsenenaufnahme ebenerdig liegen.
    Die Funktionsbelegung im historischen Haus 1 ist genauer auszuweisen. Die Schulungsräume sollten nicht im Bestandsgebäude sondern in die KJP integriert werden.
    Grundsätzlich ist die flexible Einteilbarkeit der Stationen vorteilhaft, jedoch ist die Über-sichtlichkeit der Stationen hinsichtlich einer Einsehbarkeit aus den Stationsstützpunkten zu verbessern.
    Das Layout der Krankenzimmer wird sehr positiv gesehen und als ideale Lösung begrüßt.
    Die Lichthöfe sind in Ihrer Dimensionierung hinsichtlich einer wirksamen Belichtung in den unteren Geschossen zu überprüfen. Das Leitbild einer Meanderform sollte hier nicht zu plakativ verwendet werden und damit einer sinnvollen und funktionalen Grundrisslösung im Wege stehen.
    Die Gliederung der Baukörper in Sockel- und Obergeschossen, im Material differenziert gestaltet, wird positiv bewertet. Kontrovers wird die beabsichtigte Verwendung von Textilbeton im Preisgericht diskutiert.

    Beurteilung der Überarbeitung durch das Preisgericht
    Die Entwurfsverfasser haben die Kritikpunke aus dem ersten Verfahrensrundgang aufgegriffen und eine deutlich positive Überarbeitung vorgelegt. Die beanstandeten funktionalen Mängel werden im Wesentlichen eliminiert. Die Lage der Stationsaufsicht befindet sich nunmehr größtenteils in logistisch richtiger Lage. Die konsequente Zweigliederung der Eingangsbereiche wird begrüßt; in diesem Zusammenhang wird der als dritte Option vorgeschlagene Eingang in das historische Gebäude als entbehrlich angesehen. Die Aufwertung der innenliegenden Lichthöfe durch die gestaffelte Höhenentwicklung überzeugt. Auch die vertikale Erschließung ist durch geschickte Anordnung der Aufzüge an den Nahtstellen zwischen Alt- und Neubauten gut gelöst.
    Maßstäblich und farblich fügt sich das neue Ensemble durch die vielfach gegliederte Baumasse gut in den Bestand ein. Jedoch wirft die Materialität und Detailgestaltung der Fassade noch Fragen auf: Hier ist eine weitere Überarbeitung und Ausformulierung im Detail erforderlich, die die gewünschte architektonische Qualität auch in dieser Hinsicht nachweist.