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  • DE-49525 Lengerich
  • 01/2019
  • Ergebnis
  • (ID 2-309367)

Freiraumgestaltung der Innenstadt in Lengerich


  • 3. Preis

    © A24 Landschaft + A. Calitz Visual

    Landschaftsarchitekten
    A24 Landschaft, Berlin (DE) Büroprofil

    Verfasser
    Steffan Robel , Jan Grimmek

    Mitarbeit
    Moritz Buschbeck, Anita Cosic

    Preisgeld
    15.000 EUR

    Erläuterungstext
    Die Erneuerung der Fußgängerzone zwischen Bodelschwinghplatz im Westen und Wapakonetaplatz im Osten spannt den historischen Stadtkern in eine prägnante Freiraumklammer ein – die neu gestaltete Stadtpromenade. Die gestalterische Einheit unterstützt den Wiedererkennungswert und erlaubt eine einfache Orientierung im Stadtraum. Die Vielfalt an Bodenbelägen mit ihrem zusammenhanglosen Nebeneinander von sehr unterschiedlichen Teilstücken wird zugunsten eines homogenen Bodenbelags zusammengeführt und vereinfacht. Ein durchgehender Belagsteppich aus Betonpflaster von Fassade zu Fassade schafft eine neue Großzügigkeit im beengten Straßenraum. Neben einer ausgewogenen Ausstattung an attraktiven Dienstleistungen, ist die Stadtpromenade ein wichtiger Beitrag zur Aufwertung insbesondere der östlichen Fußgängerzone in der Bahnhofstraße. Befahrbare Bereiche für Anlieferverkehr und Rettungsverkehr lassen sich gut in die neue Gestaltung integrieren. Mobiliar wie Leuchten und Papierkörbe werden am Rand entlang der Gebäudefassaden angeordnet. Die lineare, teilweise sehr schmale, Fußgängerzone wird von störenden Einbauten freigeräumt und erlaubt eine multifunktionale Bewegungszone, die vielfältige Bewegungsrichtungen und temporäre Bespielungen ermöglicht. Es entsteht ausreichend Raum für individuell nutzbare Ladenvorzonen und für ein gastronomisches Angebot mit Außenbestuhlung.

    In diesem Zusammenhang werden auch die vorhandenen zu groß dimensionierten Baumhaseln (Corylus colurna) entfernt und durch schmalkronige Sumpfeichen (Quercus palustris) ersetzt. Die verwendete Baumart orientiert sich am markanten westlichen Abschlussbaum der Fußgängerzone und schafft ein wiederkehrendes Pflanzmotiv mit auffälliger Herbstfärbung. Die Bäume werden dort platziert wo es der beengte Straßenquerschnitt zulässt. Sie brechen die Linearität, lockern den Straßenraum auf und schaffen neue Orientierungspunkte. Ergänzt um Sitzbänke entstehen so kleine Aufenthaltsbereiche entlang der Stadtpromenade.

    Ein zentrales Klinkerband schafft eine visuelle Leitlinie durch die Innenstadt – das Lengericher Band. Durch seinen dunklen Farbkontrast und seine leicht abgesetzte Vertiefung vereint es vielfältige funktionale Aspekte wie die Entwässerung und das visuelle und taktile Leitsystem. Die Verwendung gängiger Klinkerformate aus der Region wie der Westfalenbackstein verweist auf den historisch wichtigen Baustoff im Münsterland, heute noch präsent in den denkmalgeschützten Klinkerfassaden rund um die Stadtkirche. Wie ein Zeitstrahl durch die Geschichte der Stadt Lengerich spiegeln sich auf eingearbeiteten Bodenplatten aus Baubronze bedeutende Denkmale oder Anekdoten aus der Stadtgeschichte wieder.
    Das Beleuchtungskonzept orientiert sich am auf dem Rathausplatz verwendeten Leuchtentyp (wenn möglich jedoch in neuer Ausführung in Baubronze) um den gestalterischen Zusammenhang der Stadtpromenade herauszuarbeiten. Unterstützt werden die Mastaufsatzleuchten durch Akzentbeleuchtungen historisch wertvoller Fassaden.
    Die querenden Straßenzüge der Münsterstraße, der Bergstraße und der Straße Zur Alten Gießerei verspannen das Areal mit den angrenzenden Stadtquartieren und den wichtigen Nutzungsbausteinen wie der Gempt-Halle oder dem ALVA-Skulpturenpark. Die Schnittstellen werden subtil mit niveaugleichen Tiefborden und einem Wechsel in der Belagsrichtung eingewoben und erlauben geschwindigkeitsreduzierte Querungen der Stadtpromenade für den MIV. Der erst kürzlich im Rahmen eines Partizipationsverfahrens neu gestaltete Westliche Rathausplatz bleibt in seiner Gestaltung erhalten und wird in das Gesamtkonzept integriert, ebenso der Kirchplatz als wichtiger Grünraum innerhalb der steinernen Innenstadt.


    Urbane Platzfolge

    Die Fußgängerzone verspannt die drei Plätze Bodelschwinghplatz, Rathausplatz und Wapakonetaplatz zu einer wichtigen Platzfolge innerhalb der Innenstadt. Je nach stadträumlichem Kontext verfügen sie über ganz unterschiedliche Atmosphären. Gemeinsam sind den Platzräumen die prägenden Elemente Baumdach und Brunnen.

    Die Platzräume heben sich deutlich durch ihre Baumdächer aus Liquidambar styraciflua ab und schaffen visuelle Orientierungspunkte im Promenadenverlauf. Insbesondere der westliche Auftakt in die Innenstadt erhält mit dem großen Baumpaket auf dem Bodelschwinghplatz ein neues Gesicht. Gleichzeitig werden rückwärtige Gebäudefassade, Anlieferzone und Stellplatzflächen optisch ausgeblendet. Die Bäume werden in einer Fläche aus wassergebundener Wegedecke gepflanzt, die als deutlich abgesetzte Intarsien Aufenthaltsbereiche innerhalb des steinernen Bewegungsraums definieren. Frei verteilte Sitzelemente und Pakete mit Fahrradbügeln werden unterhalb der Baumdächer konzentriert, außerhalb der Hauptbewegungsrichtungen. Die Materialkombination aus Baubronze und Holz erzeugt eine neue Leichtigkeit und Eleganz, als ein bewusster Kontrast zu den wuchtigen Betonsitzblöcken im umgebenden Stadtraum. Vereinzelte Rückenlehnen schaffen variierende Aufenthaltsqualitäten.
    Individuell gestaltete Wasserspiele prägen die Gesichter der Platzräume und schaffen wiederkehrende Motive in der Innenstadt. Während den Rathausplatz zwei getrennte Wasserspiele mit unterschiedlichen Funktionen prägen, vereinen die neuen Brunnensetzungen auf dem Bodelschwingh- und dem Wapakonetaplatz skulpturale und spielerische Elemente in einem Objekt.
    Der vorhandene Brunnen auf dem östlichen Rathausplatz wird baulich neu gefasst und die bekannte Figurengruppe „Der Zwischenfall“ wird auf einem neu gestalteten Betonsockel platziert. Das spielerische Motiv mit bodengleichen Wasserdüsen auf dem westlichen Rathausplatz bleibt ebenfalls erhalten.
    Der Brunnen auf dem Bodelschwinghplatz besteht aus einer Bodenplatte aus dunkel gefärbtem Beton und einem Mikrorelief aus einer aufgerauten Oberfläche, so dass je nach Wasserstand und Benetzung ein wechselndes „Pfützenrelief“ ähnlich einer verblassenden Aquarellzeichnung entsteht. Gefasst wird der Brunnen durch einen hellen Rand aus Betonsegmenten mit Holzauflage. Wasserdüsen mit verschiedenen Spritz- und Sprudeleffekte schaffen einen informellen Wasserspielbereich im Zentrum.
    Der Brunnen am Wapakonetaplatz wird als bodengleicher Wasserspiegel ausgebildet, mit einer nur leicht vertieften Bodenplatte aus anthrazitfarbenem Beton. Die integrierte Brunnenskulptur der Firma Dyckerhoff kommt in der spiegelnden Wasseroberfläche besonders gut zur Geltung. Der ebenerdig begehbare Wasserfilm schafft Raum für eine spielerische Aneignung und haptische Greifbarkeit der Skulptur. Der neue Brunnen ist wesentlich wartungsärmer.
    Das durchgängige Gestaltungsprinzip mit Reduktion auf wenige prägnante Materialien schafft eine wohltuende Einheitlichkeit mit hohem Wiedererkennungswert. „Stadtpromenade“ als Linie von der Innenstadt ab. Die Platzflächen werden zukünftig vom Amberbaum als kompaktes Baumdach geprägt, die Stadtpromenade von der Sumpfeiche als lichte Baumgruppen.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Leitidee ist eine neu gestaltete Stadtpromenade zwischen Bodelschwinghplatz im Westen, Rathausplatz im Zentrum und Wapakonetaplatz im Osten. Ein durchgehender, homogener Bodenbelag aus Betonpflaster von Fassade zu Fassade schafft eine Großzügigkeit im beengten Straßenraum. Mittig der Promenade verbindet ein zentrales Klinkerband aus dunklem Westfalenbackstein die Plätze visuell miteinander. Zusätzlich zur Leitlinie prägen Sumpfeichen als lichte Baumgruppe die Stadtpromenade. Im Westen und im Osten heben sich die Platzflächen deutlich durch ihre Baumdächer ab. Die Bäume werden in einer Fläche aus wassergebundener Wegedecke gepflanzt, die als abgesetzte Intarsien Aufenthaltsbereiche innerhalb des steinernen Bewegungsraums definieren. Individuell gestaltete Wasserspiele prägen die Platzräume zusätzlich und schaffen wiederkehrende Motive in der Innenstadt.