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  • DE-65428 Rüsselsheim am Main
  • 01/2019
  • Ergebnis
  • (ID 2-321863)

Neubau Wohn- und Geschäftshaus Karstadt-Areal in Rüsselsheim


  • ein 1. Preis

    Straßenansicht, © FFM-ARCHITEKTEN / mainfeld-ffm

    Architekten
    FFM-ARCHITEKTEN. Tovar + Tovar PartGmbB, Frankfurt am Main (DE) Büroprofil

    Verfasser
    Hendrik Tovar , Prof. Cilia Tovar

    Mitarbeit
    Annika Schröck, Gwenaelle Mauguen

    Preisgeld
    16.000 EUR

    Erläuterungstext
    (Auszug)

    Städtebauliche Einbindung
    Leitgedanke des Entwurfes ist es, mit dem 4-geschossigen Blockrandgebäude einerseits die bestehende heterogene Blockrandbebauung der Altstadt aufzugreifen, aber auch einen ruhigen Abschluss zur Frankfurter Straße und zum Friedensplatz zu setzen.
    Der Gebäudekomplex wird durch Fugen, Rücksprünge und Einschnitte in 4 Baukörper gegliedert und nimmt so Bezug auf die kleinteilige Umgebung zum Friedensplatz.
    Die Fluchtlinie der südlichen Bebauung der Frankfurter Straße aufnehmend, stellt sich das Wohn- und Geschäftsgebäude jedoch auch in die Reihe und Maßstäblichkeit der Solitärgebäude an der Frankfurter Straße und bildet von Osten kommend mit der Eckbetonung einen markanten Auftakt. Unterstützt wird diese Wirkung durch die Höhenausbildung des Gebäudes:

    Zum Löwencenter die Flucht der 4 Geschosse aufnehmend, wird mit der höheren Eckbetonung zum breiten Straßenraum des Friedensplatzes / der Frankfurter Straße ein proportional entsprechendes Volumen ausgebildet. Das Gebäude greift mit seinen Einschnitten und Rücksprüngen die Fluchten der vorhandenen Altstadtstruktur auf und stärkt mit seinem Angebot die öffentlichen Nutzungen der vorhandenen Passagen.
    Ein wesentliches Element ist die offene und „grüne“ Gestaltung es gesamten Innenhofes, die für die weitere Entwicklung des anschließenden halböffentlichen und öffentlichen Blockinnenbereich prägend wirkt.

    Architekturqualität
    In seiner Dimension und Lage nimmt das Gebäude eine markante Stellung im Stadtgebiet ein.
    Mit den ruhigen, straßenseitigen rhythmisch gegliederten hellroten Ziegelsteinfassaden und seinen Fensterformaten nimmt das Gebäude bewusst Bezug zur traditionellen, aber auch industriellen Geschichte und Architekturqualität des Ortes.

    In deutlich erlebbaren Fugen zwischen den Gebäuden, wirkt mit seinen Bepflanzungen der grüne Innenraum in den Straßenraum hinein.
    Die Fassaden zum Innenhof sind mit ihren Laubengängen aus hell eingefärbtem Beton, Holzelementen, und hellem Putz, zu der großen, angehobenen Pflanzfläche mit Bäumen und Möglichkeiten des Urban Gardening ausgerichtet.
    Der Hof mit Pflanzkübeln aus hellem Beton und Holzbänken ist wie ein Wohnzimmer im Freien gestaltet, zu dem auch alle Wohnungen ausgerichtet sind.

    Wohnqualität, Wohnungsverteilung/-struktur
    Übergeordneter Gedanke des Entwurfes ist es, ein Wohnumfeld zu schaffen, das sowohl Privatsphäre als auch gemeinschaftliches Wohnen gleichermaßen ermöglicht. Der grün gestaltete Innenhofbereich mit seinen großzügigen Laubengangerschließungen im Norden, Osten und Westen, bietet Möglichkeiten zur gemeinschaftlichen Nutzung und Vergrößerung des Wohnbereiches. Privatbereiche werden durch begrünte Rankgitter von der Erschließungsfläche abgeschirmt.
    Die Gestaltung der Wohnungen erfolgt nach ihrer Lage im Ensemble. Grundsätzliches Ziel ist es alle Wohnungen möglichst von zwei Seiten zu belichten und belüften zu können.

    Ruhender Verkehr / Erschließung
    Die Erschießung der Läden, der Gastronomie und des 2- geschossigen Bürgerbüros erfolgt jeweils von der Straße aus. Diese Läden mit ihren rückwärtigen Nebennutzzonen erhalten, bis auf die untergeordnete Belichtung und Belüftung, keinen Zugang zum Innenhof.
    Die Wohnungen werden im EG durch 2 mit offenen Toren abschließbare Passagen im Norden und im Osten und über den Innenhof barrierefrei erschlossen.
    Hier befinden sich die zentralen vertikalen, größtenteils offenen Erschließungen mit Briefkästen, großzügige Abstellflächen für Fahrräder etc. Im Süden befindet sich ein zusätzlicher nicht barrierefreier Zugang.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Der Baukörper wird mit durchgehenden Baukörperfugen in drei Gebäudeteile angemessen gegliedert und gut in den städtebaulichen Kontext eingefügt. Die Vorgaben des städtebaulichen Wettbewerbs werden beachtet und sinnvoll weiter interpretiert.

    Der ruhige und durchgehende 4-geschossige Baukörper mit Staffelgeschoss zur Frankfurter Str. erfährt mit einem 6-geschossigen Baukörper eine markante Eckbetonung an der Ecke Frankfurter Str./ Friedensplatz. Im Kontrast zu dieser Akzentuierung wirkt die nordöstliche Eckausbildung zum Friedensplatz gestalterisch ungünstig und in der Erdgeschosszone zu geschlossen.
    Das Hofgebäude ist mit 4 Geschossen relativ hoch und führt zur Verschattung des Innenhofes und der Südseite des Vordergebäudes.

    Im Innenhofbereich wird eine attraktive Begrünung und zugleich gut abgestimmte funktionale Zuordnung der überdachten Fahrrad- und Müllstellplätze vorgesehen. Die Grün- und Freifläche auf der Dachterrasse des Hofgebäudes, die über eine gute Zugänglichkeit vom Innenhof aus verfügt, dient als attraktiver gemeinschaftlicher Garten für die Hausbewohner und ist sinnvoll in ruhigere Nutzungsbereiche für Erholung und aktivere Bereiche für Urban Gardening zoniert.

    Die Anordnung des Stadtbüros an der Nordostecke und die funktionale Anordnung über zwei Geschosse ist eher ungünstig, gleichwohl die Verfasser durch die zweigeschossige Fassade eine Adressbildung erreichen wollen. Eine Verlegung des Bürgerbüros an die Nordwestecke und damit eine zentrumsnähere Anordnung, wäre möglich.

    Die Wohnungsverteilung wird sehr durchgängig und sinnvoll zugeordnet. Die Zonierung und Ausrichtung der Grundrisse wird dabei konsequent innerhalb der Bauteile abgestimmt: an der Frankfurter Straße werden überwiegend 3-4 ZW mit klarer Nord-Süd-Orientierung und Ausrichtung der Wohnbereiche in den Innenhof vorgeschlagen, an der Löwenstraße folgerichtig durchgesteckte Grundrisse von 3-ZW in Ost-West-Ausrichtung, zum Friedensplatz und im Hofgebäude kleinteiligere 1-2 ZW.

    Die Grundrisse weisen eine strukturierte und durchgängige Zonierung sowie eine hochwertige Gestaltung auf, die zusammen mit den gut nutzbaren Freiflächen eine hohe Wohnqualität erkennen lässt. Durch die Laubengänge verfügen nahezu alle Wohnungen über eine zusätzliche wohnungsnahe Freifläche. Die großzügige raumhohe Befensterung verleiht den Wohnungen eine offene und großzügige Atmosphäre.

    Die Anforderungen des Auslobers an die Verteilung der Wohntypen wird passgenau erfüllt, zudem verfügt die Arbeit über den geringsten Anteil an überbauter Fläche.

    Fazit
    Die Verfasser entwickeln einen städtebaulich verträglichen und gut proportionierten Baukörper, der durch die Zäsuren eine angemessene Gliederung erfährt ohne an Prägnanz zu verlieren.
    Die Klinkerfassade wird hinsichtlich ihrer Berechtigung als Zitat einer Industriearchitektur an diesem Ort hinterfragt.
    Die Zonierung der privaten, halböffentlichen und öffentlichen Bereiche ist klar abgestuft und sind jeweils störungsfrei nutzbar. Ein angemessenes und gemeinschaftsförderndes Freiraumangebot für die Bewohner wird im Innenhofbereich angeordnet.
    Das Gesamtkonzept überzeugt mit einer inhaltlichen und konzeptionellen Durchgängigkeit, einem klar zonierten Wohnungsangebot, attraktiven qualitätvollen Grundrissen mit hoher Varianz und sinnvoller Zuordnung in einem städtebaulich angemessen eingefügten Baukörper.