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  • AT-6200 Jenbach, AT-6290 Mayrhofen
  • 01/2019
  • Ergebnis
  • (ID 2-312204)

Neubau Bahnhof Mayrhofen


  • 3. Preis

    Schaubild Standpunkt 1, © Visualisierung: rococoon

    Architekten
    scharmer-wurnig-architekten ZT gmbh, Innsbruck (AT) Büroprofil

    In Zusammenarbeit mit:
    Tragwerksplaner: ZSZ Ingenieure, Innsbruck (AT)
    Verkehrsplaner: Huter - Hirschhuber OG Ingenieurbüro für Verkehrswesen
    Visualisierer: Rococoon, Innsbruck (AT)

    Preisgeld
    12.000 EUR

    Erläuterungstext
    STÄDTEBAU
    In unmittelbarer Nähe zum Dorfzentrum der Markgemeinde Mayrhofen soll inmitten einer kleingliedrigen Struktur aus vorwiegend Mehrfamilienhäusern und Hotelanlagen der neue Bahnhof Mayrhofen entstehen. Die Anforderungen sind vielfältig, so sollen neben dem eigentlichen Bahnhof ein Busterminal, eine Garage sowie Abstellplätze für Fahrräder entstehen. Der neue Bahnhof wird zum Dreh- und Angelpunkt ….
    Die Bauvolumen erzeugen durch ihre Anordnung am Planungsareal, die Höhendifferenzierung und die Formgebung einen Kontext untereinander, wie zur Umgebung. Die Bahnhofshalle, zwischen Remise und dem Baukörper der Betriebsleitstelle erscheint mehr als raumbildendes schwebendes Dach denn als tatsächliches Gebäude. Im NW wurde das Dach bewusst abgesenkt um auf den geringen Abstand zum Nachbargebäude zu reagieren. Der daraus resultierende Torcharakter der Einfahrt in die Bahnhofshalle verstärkt zudem den architektonischen Ansatz. Die Halle wird bei Bedarf mit Rollgittertoren abgeschlossen, mit Ausnahme in Richtung Nachbargebäude im nordwestlichen Bereich – hier ist eine Verglasung vorgesehen.
    Das Gebäude „Kundencenter“ wird gegenüber der Bahnhofshalle als raumbildendes Element an der Grundgrenze positioniert, um einen hochwertigen Zwischenraum zu schaffen. Dieser von zwei Seiten begrenzte, und teilweise überdachte Platz wird zum Herzstück des Entwurfs. Er präsentiert sich mit seiner „Nord-Süd“ Achse als großzügiger Entree-Bereich und agiert gleichzeitig als Dreh- und Angelpunkt. Durch seine Ausformulierung und Gestaltung dient er als Orientierungshilfe gleichermaßen wie als qualitativer, öffentlicher Ort zum Verweilen, für Besucher wie für Einheimische.
    Es entsteht ein Ort der Begegnung, der sich zum Dorfzentrum hin öffnet, und Mobiliar im Außenbereich wie etwa Betonbänke als räumliche Abgrenzung nutzt. Der neue Bahnhofsplatz verfügt über ein intuitives Wegeleitsystem und schafft mit seinem Stadtmobiliar und der Außenraumgestaltung wie etwa dem zentralen Brunnen, der durch Absenkung des Platzes entsteht, einen Raum der Betriebsamkeit und der Ruhe, einen urbanen Treffpunkt der nicht nur als reiner Bahnhof zu verstehen ist. Die Anordnung der einzelnen Gebäudeteile erzeugt auf einfache Weise ein gut überschaubares System, das durch den Einsatz bestimmter Materialien und Konstruktionen energetisch wie funktional zukunftsweisend ist.

    BUSTERMINAL
    Zugunsten dieses wertvollen, öffentlichen Raumes werden die Busparkplätze inkl. Wendeschleife ein wenig Richtung Südost verlegt und in diesem Zuge das Busterminal umgestaltet. Durch diese Verlegung wird das Planungsareal Richtung Osten um ca. 270m² erweitert. Der daraus resultierende Mehrwert beschränkt sich nicht nur auf die Großzügikeit des Platzes, sondern auch auf die Anordnung und Funktionalität des Busterminals. Busse fahren vom Kreisverkehr zur Wendeschleife, nach Umfahrung dieser, reihen sich die Busse in parallel angeordnete Busbuchten ein und verlassen diese in weiterer Folge wieder Richtung Kreisverkehr. Diese mit „Mediensäulen“, Sitzgelegenheiten und einem Dach ausgestatteten Inseln werden fußläufig über den begleitenden Gehsteig erschlossen. Die kompakte Anordnung erleichtert die Orientierung.
    Die Wendeschleife ist Teil des großen Platzes. Sie wird durch „Poller“ optisch ersichtlich gemacht.
    Im Bedarfsfall können die Poller abgesenkt werden um eine Durchfahrt zu ermöglichen (Notstraße).

    FAHRRADABSTELLPLÄTZE
    In unmittelbarer Nähe, entlang der Unterflurtrasse positionieren sich 100 Fahrradabstellplätze, sowie Fahrradboxen mit E-Ladefunktion. Das vor Witterung schützende, unaufdringlich gestaltete „Flugdach“ nutzt die geplante Sockelmauer der Unterflurtrasse einseitig als Auflager. Zur Formgebung und zum Verlauf des Daches, hat wie auch schon bei der Überdachung des Busterminals der Geländeverlauf maßgeblich beigetragen.

    ERDGESCHOSS - BAHNHOF
    Die Betriebsleitstelle im Obergeschoß sowie der Wartebereich im Erdgeschoß begrenzen die Bahnhofshalle nach SO. Der reine Dienstleistungsbereich (Kunden) findet sich im Gegenüber. In diesem Baukörper sind zentral das Kundencenter, im nördlichen Bereich der Kiosk, südlich die WC-Anlage, der Fahrradverleih und der Müllraum vorgesehen. Die Räume öffnen sich großzügig Richtung Bahnhofsplatz und lassen interessante Blickbeziehungen in den öffentlichen Raum, wie in die gegenüberliegende Bahnhofshalle und zu den Bahnsteigen zu. Sowohl der ankommende wie auch der abfahrende Fahrgast haben alle Funktionen schnell im Blick. Der teilweise überdachte Platz führt über ein intuitiv nutzbares Leitsystem zum gewünschten Ziel. Im Erdgeschoss des Bahnhofsgebäudes findet sich der Wartebereich mit direktem Zugang zu den Bahnsteigen, zur Tiefgarage und dem Verwaltungstrakt (Personal) im Obergeschoß. Die Erdgeschosszone des Bahnhofsgebäudes vermittelt durch ihre transparente Gestaltung eine gewisse Offenheit und Leichtigkeit die zum Verweilen einlädt. Von hier aus hat man sehenswerte Blickpunkte durch die Bahnhofshalle hindurch in Richtung Remise und natürlich auf den Vorplatz Richtung Dorfzentrum. Die Holzlattenfassade der Remise „löst sich im Bereich der Bahnsteige auf“, um spannende Einblicke in ihr Inneres zu gewähren.

    OBERGESCHOSS
    Im 1. Obergeschoß befindet sich die Betriebsleitstelle. Formal setzt sie sich elegant vom Sockelbereich ab und erstreckt sich in Form einer Schlaufe bis ans Ende des Bahnsteiges um diesen zu überdachen. Der tatsächliche Raumabschluss wurde hier bewusst von der Fassade weg nach innen versetzt, um eine Art „Puffer“ zwischen dem betriebsamen Bahnhofsplatz und den Schlafräumen zu schaffen.

    UNTERGESCHOSS
    Um eine einwandfreie Funktion zu garantieren, wurde für die Tiefgarage die Seite westlich der Unterflurtrasse gewählt. Die Garage verfügt über 125 Abstellplätze mit Erweiterungsmöglichkeit nach Norden. Die Taxi Spur formiert sich entlang der Bahnhofshalle mit direkter Blickbeziehung in den Innenraum der Halle. Die Anbindung zur Wartehalle im EG, den Bahnsteigen und dem Kundencenter führt über eine Rolltreppe bzw. einen großen transparenten Aufzug. Über das großzügige Treppenauge wird die Halle im Untergeschoß mit natürlichem Licht versorgt.
    Die lange leicht gebogene Wand entlang der Unterflurtrasse kann vollflächig als hinterleuchteter Medienscreen für Werbezwecke genutzt werden.

    KONSTRUKTION - ENERGETIK
    Die Statik der Bahnhofshalle wie der Remise baut auf einem System von V-Stützen Reihen aus Stahl in einem Achsraster von 8m auf. Das Hauptdach wird von einem Stahlrahmen gebildet, in dem Kielstegträger aus Holz und Sheds mit transluzenten Photovoltaikpaneelen eingehängt werden. Die Kielstegträger weisen eine hohe Steifigkeit wie kostengünstige Herstellung auf und können bei Bedarf auch in EI60 ausgebildet oder brandschutztechnisch verkleidet werden. Die transluzenten Photovoltaik-Sheds dienen nicht nur der natürlichen Belichtung, sondern auch der Energiegewinnung. Somit ist die Bahnhofshalle nicht einfach nur eine raumbildende Hülle, sondern auch Energielieferant für die H2 – Züge.

    LÜFTUNG
    Bei der Bahnhofshalle wird die natürliche Querlüftung durch das Überragen des Daches zu den angrenzenden Gebäuden hin, durch offene Seiten gewährleistet. Zusätzlich werden Ventilatoren am Dach eingebaut, um dem Dampf und Rauch der Nostalgiebahn entgegen zu wirken. Diese positionieren sich im Überschneidungsbereich des „schwebenden“ Daches der Bahnhofshalle mit dem Bahnhofsgebäude. Bei der Remise werden die Sheds zur Durchlüftung öffenbar ausgeführt. Ein „schwebendes“ Dach scheint hier auf Grund der zu erwartenden Klimatisierung des Raumes nicht sinnvoll.

    MATERIALITÄT
    Die Stahlkonstruktion der Remise wird mit vertikalen Eichenlatten (ca. 25x10cm) bekleidet, um einen Bezug zur Umgebung herzustellen und formal einen eigenständigen Baukörper zu bilden. Das Bahnhofsgebäude und das Kundencenter werden in Stahlbetonbau mit einer Pfosten-Riegel-Glasfassade ausgeführt. Die Fassadengestaltung sieht eine Verkleidung mit hellen Alucobond-Platten vor, welche jeweils das Dach als 5. Fassade miteinbeziehen. Um die Zusammengehörigkeit des Ensembles zu verstärken finden sich die vorgesetzten Holzlatten auch in diesen Gebäudeteilen wieder.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Das Projekt versucht einen eigenen ortsbaulichen, straßenraumbildenen Lösungsansatz. Die Positionierung des Kundencenters als eigenständiger, abgesetzter Baukörper an der östlichen Grundgrenze, schafft eine zentrale, offene Raumzone mit direkter Anbindung an die Bahnhofshalle. Die hohe räumliche als auch funktionale Qualität dieses Ansatzes wird ausdrücklich gewürdigt. Der Vorschlag die Garage westlich der vorgegebenen Unterflurtrasse zu positionieren, ermöglicht eine gut funktionierende Tiefgaragenlösung, mit einer sehr interessanten und hochwertigen Anbindung an den Aufenthalts- und Wartebereich in direkter Anbindung an die Bahnhofshalle. Die Errichtung der Tiefgarage unter der Gleisanlage wird jedoch von der Ausloberin kritisch hinterfragt. Anschließend an den zentralen Aufenthaltsbereich leitet ein Flugdach entlang der Kante zur
    Unterflurtrasse in Richtung Busterminal und den südlichen Kreisverkehr. Die Lösung die Busse in einer Schrägaufstellung zu organisieren ist ein interessanter Ansatz, lädt aber die Buspassagiere dazu ein, die Fahrspur der Busse auf der gesamten Länge des Terminalbereiches zu überqueren.

    Die vorgeschlagene Materialisierung erfolgt der Bauaufgabe entsprechend. Die Verwendung von Holz als traditionellen Baustoff hat seine absolute Berechtigung und kommt in der Dachkonstruktion von Halle und Remise, wie als Fassadenverkleidung zur Anwendung. Die vertikalen Lamellen aus Eichenholz werden allerdings vom Preisgericht kritisch bewertet, da sie als zusätzliches Fassadenmaterial das markant gegliederte Bauensemble unruhig wirken lassen.

    Das Projekt stellt einen sehr wertvollen Beitrag zum Wettbewerbsverfahren dar, kann aber in seiner gesamtheitlichen Durcharbeitung das Preisgericht nicht gänzlich Überzeugen.