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  • DE-76726 Germersheim
  • 03/2019
  • Ergebnis
  • (ID 2-316139)

Erweiterungsbau Kreishaus Germersheim


  • 2. Preis

    Lageplan, © WANDEL LORCH ARCHITEKTEN

    Architekten
    WANDEL LORCH ARCHITEKTEN + STADTPLANER, Saarbrücken (DE), Frankfurt (DE) Büroprofil

    Verfasser
    Prof. Andrea Wandel , Prof. Wolfgang Lorch , Florian Götze , Thomas Wach

    Mitarbeit
    Dana Pretzsch, Tianze Yu, Marcel Müller, Ann-Sophie Glenz

    In Zusammenarbeit mit:
    Landschaftsarchitekten: Weidinger Landschaftsarchitekten GmbH, Berlin (DE)

    Preisgeld
    32.500 EUR

    Erläuterungstext
    STÄDTEBAULICHE SETZUNG

    Das neue Kreishaus Germersheim zeichnet sich durch eine kompakte und damit wirtschaftlich und energetisch effiziente Bauform aus. Das Motto „Kurze Wege - Starker Service“ wird damit nicht nur als zentraler Verwaltungsstandort in der Stadt umgesetzt, sondern auch innerhalb des Baukörpers fortgesetzt. Um die beiden Höfe gruppieren sich mit minimalen Laufwegen alle Dezernate und Stabstellen, sodass ein intensiver Austausch entsteht und die dezernatübergreifende Kommunikation gefördert wird. Die begrünten und farblich markierten Höfe bilden halböffentliche Räume, die zum Verweilen einladen und gleichzeitig die interne Erschließung und Orientierung ermöglichen. Die kompakte Anordnung hat weiterhin den Vorzug, dass ein zusammenhängender attraktiver Grünraum entlang der Queich entsteht der sowohl von den Einwohnern, den Gästen und den Mitarbeitern der Verwaltung qualitätsvoll genutzt werden kann, ohne lediglich schmaler Durchgangsraum zu sein. Im Weiteren erlaubt die gewählte städtebauliche Setzung einen sofortigen zusammenhängenden Planungs-und Baubeginn ohne Zeitverzug wegen der noch nicht gänzlich geklärten Grundstückssituation. Durch das Hinzufügen des zweiten Bau-abschnitts wird der Baukörper selbstverständlich komplettiert. Das Einhalten der vorgegebenen Traufhöhe und das Abstaffeln des obersten Ge-schosses wertet den bestehenden Altbau auf und bildet für das Ensemble eine Art Schlusstein, der hervorsticht und dem Kreishaus seine Prägung gibt.

    DIE ARCHITEKTUR DES NEUEN KREISHAUSES GERMERSHEIM

    Der neue Haupteingang des neuen Kreishauses Germersheim liegt zentral am Luitpoldplatz. Dem denkmalgeschützten Bestandsbau wird im Sinne des Weiterbauens ein selbstbewusster moderner Baukörper zur Seite gestellt, der den Bestand nobilitiert, sich aber in der Höhenentwicklung klar unterordnet. Die bestehende Mauer entlang der Bismarckstraße wird in das Ensemble intergiert und prägt die Fassade als Spolie. Der Torbogen bildet den Eingang zum Hof. Der Haupteingang und der separate Eingang zum Gesundheitsamt an der Hauptstraße sind die öffentlichen Eingänge, durch die Höfe sind zusätzliche interne Zugänge für Mit-arbeiter vorgesehen. Die klassische Lochfassade orientiert sich an der umgebenden Bebauung und hat dennoch einen so hohen Fensteranteil, dass selbst kleine Büroräume optimal belichtet werden. Das ausgewogene Verhältnis von opaken, massiven und transparenten Flächen führt zu einem nachhaltigen und wirtschaftlichen Gebäudebetrieb. Trennwände im Büroraster können auch an den Fensterpfosten angeschlossen werden, sodass in Kombination mit der Skelettbauweise flexible und reversible Büroeinteilungen möglich werden. Eine optimierte Anzahl von Lichtraumachsen ermöglicht eine maximale Anzahl an Einzelbüroräumen.
    Die Fassade bildet die Nutzungen des Innenraum nach Außen ab. Das Foyer und die öffentlichen Nutzungen im Erdgeschoss zeichnen sich durch einen größeren Öffnungsanteil bodentief in der Fassade ab und beleben den Luitpoldplatz. Der Sockel des Bestandsgebäudes wird abstrakt in den Neubau übergeleitet und zitiert. Als Material wird ein Werkstein mit örtlichen Natursteinzuschlägen sowie der in der ehemaligen Garnisonsstadt ansässige Klinker verwandt. Zur Beschleunigung des Bauablaufs werden Fertigteile eingesetzt. Der Werkstein wird in unterschiedlichen Texturen zum Beispiel im Eingangsbereich gespitzt und an den Fassaden glattgeschalt verwandt. Die Höfe erhalten zur Orientierung und Identifizierung zwei unter-schiedlich farblich glasierte Oberflächen (Grüner Hof und Weißer Hof).
    Im Staffelgeschoss sind Austritte auf die Dachterrasse möglich, sodass attraktive Sichtbeziehungen in den Stadtraum entstehen. Die Flachdachflächen sind intensiv begrünt und können je nach Nachhaltigkeitsberechnungen mit Photovoltaik, Solarthermie o.ä. Elementen bestückt werden.

    NUTZUNG UND ORGANISATION

    Im Erdgeschoss zum Luitpoldplatz befinden sich die öffentlichen Nutzungen. An das Foyer gliedern sich der Multifunktionsraum, das Café und das Bürgerbüro direkt an, es bildet die Verknüpfung in den Stadtraum. Das Bürgerbüro ist leicht erhöht ausgebildet, dadurch kann man das Foyer ideal überblicken und es entstehen dennoch hochwertige Arbeitsplätze. Der Veranstaltungsraum kann durch Schiebeelemente geteilt werden und hat einen direkten Zugang zum Grünbereich im Hof. Im geöffneten Zustand entsteht ein Raumfluss durch Foyer und Multifunktionsraum der Hof und Luitpoldplatz miteinander verbindet. Das direkt angrenzende Café kann Luitpoldplatz, Multifunktionsraum und Foyer bespielen. Im Foyer können großzügig Ausstellungselemente installiert werden, sodass es auch als Ausstellungsraum genutzt werden kann. Für externe Veranstaltungen können die öffentlichen Flächen im Erdgeschoss inklusive ihrer Infrastruktur separat vermietet werden. Eine maximale Nutzungs- und Barrierefreiheit wird durch den Anschluss an die Geschosshöhen des Bestandsbaus erreicht. Vier Erschließungskerne mit einem Hauptkern am Platz und dem separat zugänglichen Gesundheitsamt gewährleisten eine reibungslose Vertikalerschließung. Direkt an diese angegliedert stehen geschossweise Empfangszonen und Besprechungsräume für alle Dezernate zur Verfügung. Die einzelnen Fachbereiche der Dezernate sind in direktem räumlichem Bezug situiert. Im repräsentativen Bestandsbau befindet sich das Dezernat 1 mit dem Landrat. Lagerräume und Archive sind im Untergeschoss direkt an die dazugehörigen Vertikalerschließung der Dezernate angeordnet. Die Tiefgarage und die Anlieferung werden über die Hauptstraße erschlossen.
    Alle Nutzungseinheiten sind kleiner 400 m² so-dass brandschutzrechtlich keine notwendigen Flure vorgesehen werden müssen. Jede Nutzungseinheit verfügt über zwei bauliche Rettungswege, sodass eine Anleiterung durch die Feuerwehr nicht not-wendig wird.

    IDEENTEIL

    Der Ideenteil vervollständigt den Baukörper und lässt eine Erweiterung um bis zu 2.300 m² Fläche über dreieinhalb Geschosse zu. Der Zugang kann von der Hauptstraße aus erfolgen, die Geschosshöhen sind sinnvollerweise dem restlichen Ensemble anzupassen. Eine besondere Qualität bildet der direkte Bezug zum Grünraum entlang der Queich aus.

    LANDSCHAFTSARCHITEKTUR

    Das Konzept sieht eine dialektische Anordnung von Freiraumsituationen vor. Der Luitpoldplatz bildet das Steinerne als historischer, geometrischer Platz aus und die neu gewonnene Fläche an der Queich das Natürliche, Organische, Biologische, Grüne. Der Platz wird mit dem mineralischen Belag, dem Café, dem denkmalgeschützten Altbau, dem Neubau und den im Raster angeordneten Bäumen und den geometrischen Wasserspielen als urbane Fläche wahrgenommen. Der Grünbereich an der Queich soll renaturiert werden und die Natur erfahrbar machen, die harte Uferkante wird durch einen weichen, flachen Übergang ersetzt in dem Schilfbereiche möglich sind. Über einen hölzernen Steg ist die Nähe zum Wasser gut erfahrbar. Eine natürliche Wiese bietet Raum für Bienenstöcke oder Insektenhotels. Die Baumanordnung kann gewachsen sein der Anteil an versiegelten Flächen ist geringstmöglich. Zur Hauptstraße und zum Ideen-teil des Kreishauses hin geht die natürliche Landschaft in leichter nutzbare Bereiche über. Sitzstufen mit warmer Holzoberfläche laden zum Verweilen ein, im Sommer kann hier eine Freilichtbühne oder Open Air stattfinden. Das neue Grün am Kreishaus reiht sich ideal entlang der Queich ein und ergänzt das Freiraumkonzept des bestehenden Fußwegs.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Der Entwurf bindet in einer kompakten städtebaulichen Setzung das Bestandsgebäude ein. Es entsteht ein kraftvolles Ensemble zum Luitpoldplatz, das sich als zentraler Verwaltungsstandort in der Stadt zeigt, und zugleich zur Queich einen großzügigen Freiraum lässt, der sich im Norden bis zur Hauptstraße öffnet. Im Inneren entsteht um zwei Innenhöfe ein gut organisiertes und hoch funktionales Verwaltungsgebäude. Zur Hauptstraße wird ein maßstäbliches Gebäude gesetzt. Das Staffelgeschoss trägt dem Raumprogramm Rechnung, wird aber im Straßenraum der Hauptstraße räumlich nicht wirksam und ordnet sich auch zum Luitpoldplatz noch dem Bestandsgebäude unter. Die Gestaltung des Haupteingangs und Lage des Cafés an seiner Seite adressieren klar den vorgelagerten Stadtplatz. Die Orientierung wird durch die unterschiedliche Gestaltung der halböffentlichen Innenhöfe erleichtert. Im Westflügel schließt an das Offiziersgebäude ein „weißer“ Innenhof mit kompaktem Baumpaket an, im Ostflügel öffnet sich ein grüner Innenhof mit lockerer naturnaher Baumsetzung. Die Qualität und Belichtung der Arbeitsplätze sind gut.

    Der Eingang zum Gesundheitsamt ist dagegen noch nicht gelöst, da weder der enge Eingangsbereich noch die interne Anbindung im Erdgeschoss an die anderen Dezernate überzeugen. Ebenso wird die Lage des Bürgerbüros und der Infotheke im Hochparterre wird vom Preisgericht negativ beurteilt, sie sollte auf Straßenniveau am Eingang platziert werden.

    Der Anschluss an die Fassade des Offiziersgebäudes und der Eingang in das neue Ensemble sind von hoher architektonischer Qualität. Die Fassadendetails sind überzeugend, weil sie die Maßstäblichkeit und die Detailgenauigkeit der Bestandstandfassade aufnehmen, aber zugleich eine kontextbezogene Eigenständigkeit haben. Die Einbindung und das Weiterbauen an der historischen Mauer an der Bismarckstraße haben eine große Selbstverständlichkeit. Der sensible Anschluss an das denkmalgeschützte Offiziersgebäude bedarf besonderer Abstimmung mit dem Denkmalschutz. Der Entwurf kann auch ohne die Realisierung des Ideenteils in seiner Qualität überzeugen. Die Option, im Norden zusätzliche Flächen für die Verwaltung zu ergänzen, spricht für den Entwurf. Das kompakte Ensemble bietet eine wirtschaftlich und energetisch effiziente Bauform. Insgesamt besticht der Entwurf durch die einfache und klare städtebauliche Setzung und überzeugt durch seine architektonische Qualität.