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  • DE-61231 Bad Nauheim (Hessen), DE-65197 Wiesbaden
  • 02/2019
  • Ergebnis
  • (ID 2-309897)

Neubau eines Lehr- und Lernzentrums der Hochschule RheinMain am Campus Kurt-Schumacher-Ring in Wiesbaden


  • 3. Preis

    © ATELIER 30

    Architekten
    ATELIER 30, Kassel (DE) Büroprofil

    Verfasser
    Thomas Fischer , Ole Creutzig

    Mitarbeit
    Yunus Coskun, Zaher Abou-Alfadel, Gani Ilijazi

    In Zusammenarbeit mit:
    Landschaftsarchitekten: Büro Grün plan, Hannover (DE)
    Visualisierer: 3DWAY architectural graphics, München (DE)

    Preisgeld
    36.333 EUR

    Erläuterungstext
    Städtebau und Campusidee
    Um dem Wunsch eines zukünftigen Leitbildes zur städtebaulichen Entwicklung des Campus am Kurt-Schumacher-Ring Rechnung zu tragen, beschäftigt sich der Entwurf mit einer stabilen Arrondierung des Areals im südlich gelegenen Campusbereich.
    Bewusst setzt der Entwurf auf einen in sich ruhenden und unprätentiösen Baustein, der die künftige, südliche Eingangssituation zum Campus hin definiert.
    Über eine Allee erreicht man an dieser Stelle eine vorplatzartige Aufweitung, welche auch gleichzeitig die Adresse und den Auftakt des Lehr- und Lernzentrums bildet. Der Neubau stellt sich als eine kompakte und wirtschaftliche Kubatur dar. Dadurch entsteht im Osten des Wettbewerbgrundstücks eine Erweiterungsfläche für eine künftige Bebauung mit ca. 2500 qm BGF. Mit der leichten Auskragung der beiden oberen Geschosse erhält der Haupteingang zum Lehr- und Lernzentrum eine gut auffindbare Adresse und zudem wettergeschützte Eingangssituation, welche in das lichte und kommunikative Foyer des Gebäudes führt.
    Von hier aus entwickelt sich über einen galerieartigen Innenraum das kommunikative Herz des Gebäudes und verknüpft die einzelnen Funktionen.
    Durch die Hangsituation staffelt sich der Baukörper hin nach Osten durch ein Geschoss ab. Diese Staffelung findet sich auch im Schnitt wieder. Der Studierende erreicht über die kommunikative und zentrale Treppenanlage die Seminarräume, welche im Sockelgeschoss angeordnet sind. Hier vernetzt ein weiterer Zugang das neue Haus mit dem Bestand.

    Freiraumkonzept
    Das Freiraumkonzept führt das Leitbild zur städtebaulichen Entwicklung im Außenraum fort. Die Eingangsbereiche zum Hochschulgelände werden durch ein einheitliches, helles Pflasterband mit einer begleitenden Baumreihe betont.

    Im Süden führt der leicht abfallende Campus-Boulevard von der Hollerbornstraße aus zum neuen Lehr- und Lernzentrum. Hier trennt die durchlaufende Baumreihe den großzügigen Fußgängerweg von der Fahrbahn. Vor dem Neubau weitet sich der Boulevard zu einem baumbestandenen Platz auf, der neben der nötigen Erschließung der Gebäude einen attraktiven Außenraum hoher Aufenthaltsqualität bietet.

    Nördlich des Neubaus verbindet eine kräftige Freiraumspange den Campus-Boulevard mit den Eingängen des Lehr- und Lernzentrum im Untergeschoss sowie die Erschließungsebene des benachbarten Bestandsgebäudes D. Locker eingebettete Sitzblöcke strukturieren den Außenraum und schaffen abwechslungsreiche Aufenthaltsbereiche. Im Abschnitt der geneigten Fläche entstehen terrassierte Zonen mit ergänzenden Stufen. Die nördlich angrenzende Fahrbahn für Anlieferung und Feuerwehr führt mit rund 8% Gefälle auf die untere Ebene. Ein neuer Weg im Osten, zwischen Gebäude D und der angrenzenden Feuerwehr verbessert die Vernetzung der bestehenden und geplanten Gebäude.

    Auf den vorläufig freibleibenden Flächen zukünftiger Bauabschnitte bilden wildblumenreiche Wiesenansaaten einen ökologischen Ausgleich zur funktional notwendigen Versiegelung im Neubau. Die Wiesenflächen sollen gleichermaßen temporäre Freizeit- und Aufenthaltsqualität im Grünen bieten. Auf dem gesamten Campus sorgt ein umfangreiches Blätterdach aus stadtklimageeigneten Baumarten (u.a. Celtis australis, Ostrya carpinifolia, Sophora japonica und Gleditsia triacanthos) mit großzügigen und vielfältig unterpflanzten Baumscheiben für sommerliche Beschattung und Wärmeschutz.  
    Gebäudekonzept

    Offenheit-Transparenz / Kommunikation-Konzentration / Lernlandschaft
    Das Lehr- und Lernzentrum ist eine Einladung an alle Lehrenden, Studierenden und Gäste in das Haus zu kommen. Das Herz des Gebäudes stellt die öffentliche und halböffentliche Zone dar. Das Eingangsfoyer ist offen und einladend gestaltet. Der Hörsaal ist dem Eingangsbereich direkt zugeordnet, die publikumsintensiveren Seminarräume liegen eingangsnah im Sockel- und Erdgeschoss. Die Erschließung des Gebäudes ist klar erkennbar angeordnet und die Orientierung im Gebäude ist somit sehr leicht.
    Der Zugang zum Lernzentrum liegt im 1. Obergeschoss und ist mit einem zentralen Informationsbereich besetzt.

    Mit der offenen Erschließung und den differenzierten, multifunktionalen Raumeinheiten wird das Haus zu einem Ort der Kommunikation und Konzentration.
    Die im Erdgeschoss angeordnete Kaffeebar öffnet sich zum Campus und stellt im Innern einen attraktiven Aufenthaltsbereich dar. Hausinterne Veranstaltungen können von hier beschickt werden.
    Die Dachterrasse im 3. Obergeschoss bietet zudem einen Freiraum im Bereich des Zentrums, der als Ort zum Abschalten dient.
    Das Raumkonzept bietet mit seinen „Multi Space Options“ eine große Bandbreite an unterschiedlichen Lehr- und Lernumgebungen mit einer entsprechenden Nutzungsmischung. Klassische Seminar- und Arbeitsräume werden mit Begegnungsflächen ergänzt, die sowohl spontane als auch informelle Kommunikation unterstützen. Es entsteht eine attraktive Lernlandschaft.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Die Arbeit 1030 schafft durch die Differenzierung seines Gebäudevolumens in zwei verschiedene Höhen und der Ausbildung eines Kopfbereiches eine deutliche Adressbildung am Campus Boulevard. Der Körper ist allseitig durch eine homogene Fassadenausbildung gekennzeichnet, die Eingangssituation wird durch das zurückgesetzte Erdgeschoss auf dem Niveau des Boulevards und der großzügigeren, offeneren Fassadengliederung in diesem Bereich als empfangende Geste gesehen. Dieses Fassadenmotiv erweitert sich bis in das Sockelgeschoss und schafft insgesamt einen charaktervollen Ausdruck. Die dazu im Gegensatz stehende strenge Gliederung und Kleinteiligkeit in den oberen beiden Geschossen erzeugt allerdings ein hermetisches Erscheinungsbild.
    Der geplante Fahrradunterstellplatz im nördlichen Hofbereich wirkt wie eine Barriere zum Hof von Gebäude D und bezieht diesen damit räumlich nicht mit ein. Weiterhin wird nicht ersichtlich, wie die Anlieferung in diesen Hof zukünftig funktionieren soll. Die begleitende Bepflanzung der Boulevards mit Bäumen wird sehr positiv gesehen, da sie eine landschaftliche Überleitung zum Campus schafft. Die Ausbildung eines Lichthofs einerseits, der sich als Außenraum durch die Bibliothek bis in das Untergeschoss hineinzieht, und die Horizontalverglasung über dem Eingangsatrium andererseits, erzeugen atmosphärisch lichte Räume, die sich positiv auf ein Lernklima auswirken können. Gleichzeitig führt dieses Konzept der geschossübergreifenden Lufträume zu einem hohen Anteil von Verkehrsflächen und muss darüber hinaus hinsichtlich eines notwendigen Brandschutzes kritisch geprüft werden.
    Die Positionierung der Bibliothek im Gebäude wird hinterfragt, ebenso erscheint ihre rigide Abschottung von den Lernräumen unzeitgemäß.
    Insgesamt gibt es erhebliche Flächenabweichungen vom geforderten Raumprogramm, sowohl im Lernzentrum als auch in der Bibliothek (hier besonders im Freihandbereich), aber auch hinsichtlich notwendiger Technikflächen. Im Innenbereich ist die Barrierefreiheit gewährleistet, im Außenraum dagegen durch die Rampenneigung fraglich.
    Die hessischen Vorgaben zur Energieeffizienz können im Rahmen des Entwurfs sehr gut eingehalten werden. Die vorgeschlagene Solarthermie ist vor dem Hintergrund des überschaubaren Warmwasserbedarfs zu überprüfen. Die Stromversorgung soll durch eine Photovoltaik-Anlage ergänzt werden, wobei die vorgeschlagene Größe das Potential der Dachflächen nicht ausschöpft.
    Der moderate Glasflächenanteil in der Fassade erlaubt den Schluss, dass das Gebäude ohne besondere technische Aufwände konditioniert werden kann. Die Relation von Investitionskosten zu Energieeinsparpotential wird als gut bewertet. Die Nutzungsfläche (NUF 1-6) des Entwurfs liegt unter dem Wert der Vorgabe aus dem „0“-Projekt; der Technikflächenanteil ebenfalls und auch unter dem Durchschnitt aller Wettbewerbsbeiträge. Die Tragkonstruktion ist hinsichtlich der wirtschaftlichen Ausführung zu konkretisieren.
    Insgesamt stellt die Arbeit mit ihrer kompakten und effizienten Nutzung des Baufeldes und der Außenund innenräumlichen Gestaltung einen wertvollen Beitrag dar.