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  • DE-89075 Ulm
  • 09/2010
  • Ergebnis
  • (ID 2-36820)

Neuordnung Klinikbereich Safranberg Ulm


  • 3. Preis

    Vogelflug über Gesamgebiet

    Architekten
    florian krieger architektur und städtebau gmbh, Darmstadt (DE) Büroprofil

    In Zusammenarbeit mit:
    Landschaftsarchitekten: grabner huber lipp landschaftsarchitekten und stadtplaner partnerschaft mbb, Freising (DE), Hamburg (DE)

    Erläuterungstext
    Kleinteiligkeit und Dichte
    Der Entwurf setzt sich mit den spezifischen Bedingungen von Wohnbebauung am Hang und in der Ebene auseinander. Es wird eine Struktur entwickelt, die auf beide Bedingungen unterschiedlich reagiert, dabei aber als eine zusammengehörige Einheit erkennbar wird. Dies gelingt mithilfe drei typologisch unterschiedlicher Strukturbausteine: dem bis zu fünfgeschossigen Wohnturm, dem 3-4 geschossigen Riegel und dem 2-3 geschossigen Wohnteppich. Diese Bausteine werden abhängig von der Lage am Hang oder in der Ebene in unterschiedlichen Abständen, d.h. dicht und weniger dicht positioniert. Gegenüber der Bebauung in der Fläche können am Hang Gebäudeabstande verringert und eine höherer Dichte erzielt werden, ohne auf Besonnung und Aussicht – und damit Wohnqualität - verzichten zu müssen. Der Entwurfsprozess wurde von Besonnungsstudien begleitet, um auch in den Wintermonaten jeder Wohnung in jedem Gebäude ausreichende Besonnung zu sichern.

    Grünzug
    Die relative Dichte und Kompaktheit des neu geschaffenen Wohnquartiers schaffen Spielraum für einen großzügig dimensionierten Grünzug, der das Planungsgebiet von Ost nach West durchzieht und somit als ein landschaftliches Verbindungsstück zwischen dem Örlinger Tal und der Friedrichsau angelegt ist. Er spielt daher eine gebietsübergreifende, die Gesamtstadt betreffende Rolle. Der Grünzug wird von Bebauung freigehalten. Stadt- und Landschaftsraum werden daher klar voneinander unterschieden, auch wenn das Wohngebiet selber durchaus durchgrünt ist (Taschenparks, Gärten und Biotope). Der als zeitgemäßer Landschaftspark gestaltete Grünzug nimmt auch Sporteinrichtungen wie Beachvolleyball und generationenübergreifende Spielangebote auf. Er schafft damit ein Angebot, das auch den benachbarten Quartieren wie z.B. der angrenzende Hochschule zugute kommt. Die Freilegung des Örlinger Bachs in den flachen Teilbereichen des Grünzugs unterstreicht die Bedeutung der wichtigen Freiraumverbindung und trägt darüber hinaus gleichermaßen zur Nutzungsvielfalt des Parks sowie zu dessen ökologischer und mikroklimatischer Aufwertung bei.

    Verkehrskonzept
    Das neue Wohngebiet wird über eine hangparallele Wohnsammelstraße in Verlängerung des Alberweges und ringförmig angelegte
    Wohnstrassen effizient erschlossen. Im westlichen Teilbereich wird der Hang im Zuge der Wohnbebauung leicht modelliert um auch hangseitig einen Ringschluss mit akzeptablen Steigungsstrecken zu ermöglichen und Wendehämmer zu vermeiden. Die Garagen der Gebäude am Hang sind im Sockelgeschoss an der Nordseite des Gebäude untergebracht. Sie können ohne große Rampenanlagen praktisch auf Straßenebene direkt erschlossen werden und machen sich so die Hanglage zunutze. Am Hang und in
    der Ebene wird jeweils einer Gruppe von Gebäuden mit Geschosswohnungen eine gemeinsame Tiefgarage zugeordnet. Bei den realgeteilten Reihen- und Townhäusern wird entweder ein Garagenplatz im Gebäude (EG bzw. Sockelgeschoss) oder es werden
    Stellplätze auf dem Grundstück angeboten. Bis auf die Zufahrt zur Psychatrie über den Leimgrubenweg wird der Grünzug von motorisiertem Individualverkehr freigehalten.

    Brosche am Park
    Am Übergang des neuen Grünzuges über die Heidenheimer Strasse wird in flachem Gelände ein Gebäudevolumen positioniert, welches sich an der städtebaulichen Maßstäblichkeit des historischen Klinikgebäudes und der benachbarten Hochschulbebauung orientiert. Die urbane Großform markiert als „Brosche“ den Eingang zum neuen Stadtpark im Planungsgebiet bzw. seine Anknüpfung an die bestehenden Grünzüge. Als Nutzung kommen verschiedene Formen des „Sonderwohnens“ in Frage; vom Hotel oder der Seniorenresidenz, über ein Boardinghaus bis zum Studentenwohnheim. Im durchgängigen Sockelgeschoss können auf der großen Grundfläche auch Versorgungseinrichtungen und Gewerbe untergebracht werden, die beispielsweise durch Außengastronomieangebote einen Akzent am Gelenkpunkt zwischen den Grünverbindungen setzen.

    Gebäudevielfalt - Bewohnervielfalt
    Um alle Wohnungen der neuen Siedlungsstruktur an der Südausrichtung teilhaben zu lassen, basieren die Baukörper auf einer rechteckigen Grundfläche, die mit der Längsseite zum Hang bzw. nach Süden orientiert ist. Die Proportion der Grundfläche ist bei allen Gebäuden gleich, in Höhe, Breite und Tiefe unterscheiden sie sich deutlich. In den resultierenden Gebäudevolumina Turm, Riegel und Teppich werden grundsätzlich verschiedene Wohnungstypologien angeboten: vom Geschosswohnen (möglich in allen
    drei Bausteinen) bis hin zu kompakten Reihen- und Townhaustypen in den zwei und dreigeschossigen Bausteinen. Diese typologische Vielfalt ermöglicht auch Vielfalt hinsichtlich der zukünftigen Bewohnerschaft. Barrierefreie und damit
    seniorengerechte Wohnungen können genauso angeboten (und barrierefrei erschlossen) werden wie solche, die das Wohnen am Hang auf unterschiedlichen Ebenen inszenieren und beispielsweise Familien ansprechen. Das neue Stadtquartier kann daher als
    generationenoffenes Quartier betrachtet werden. Bei den Reihen- und Townhaustypen schaffen Einliegerwohnungen die Voraussetzung für das Schrumpfen bzw. Wachsen des Hauses je nach Lebensphase und sichern damit eine hohes Maß an Flexibilität.
    Bei der Gebäudeplanung sind grundsätzlich verschiedene architektonische Handschriften und Interpretationen denkbar. Sie individualisieren das in der städtebaulichen Struktur bereits angelegte vielfältige Angebot. Das Wohnungsangebot wird durch entsprechende Infrastrukturangebote des täglichen Bedarfs (Kita, Seniorentreff, Pflegestützpunkt, Bäcker mit Café) ergänzt.

    Lärmschutz
    Die städtebauliche Struktur verdichtet sich an Ihrem Westrand, wo sie den Lärmemissionen der Bahn am stärksten ausgesetzt ist. Die dichte und versetzte Anordnung der Gebäude mindert die Emissionen im dahinterliegenden Bereich.
    Kernbestandteil der Lärmschutzstrategie ist jedoch ein gebäudetypologischer Ansatz: Die Gebäude sind klar zur lärmabgewandten Südseite ausgerichtet. Hier bilden Sie für jede Wohneinheit einen in die Gebäudestruktur integrierten lärmgeschützten Freibereich
    aus: Bei den Teppichstrukturen können dies Innenhöfe sein, bei den Reihenhäusern mit winkelförmigem Grundriss ein dreiseitig eingefasster Terrrassenhof, bei den Wohntürmen eine großzügige, besonders tiefe Loggia, die als „grünes Zimmer“ mit einer
    Verglasung auch komplett abgeschirmt werden kann.

    Energiekonzept
    Südausrichtung und Kompaktheit der Gebäudevolumina sind die Basis für ein ambitioniertes Energiekonzept für das Gesamtgebiet. Die Positionierung der Baukörper mithilfe von Verschattungsstudien optimiert dabei die Bedingungen für eine durchgängige
    Nutzung der solaren Einstrahlung. Auf den Flachdächern können Photovoltaikmodule, an den Südfassaden Solarthermiepaneele oder Wandelemente mit PCM (Phase-changing -materials) zum Einsatz kommen. Ziel ist hierbei eine Nullemissionsstrategie, bei der der gesamte Energieverbrauch auf Basis regenerativer Energieformen erzeugt wird. Der dabei betrachtete Bilanzraum umfasst die Heizwärmeerzeugung, die Energie zur Warmwasserbereitung, den Betriebstrom der technischen Anlagen incl. der kontrollierten Wohnungslüftung sowie den Verbrauchsstrom für die Hauhalte (vgl. Ergänzungen zum Energiekonzept).

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Der Entwurf versucht, dem traditionellen Siedlungsmuster der Straßenbebauung eine eigene spezifische Struktur entgegen zu stellen. Das flächige Städtebau-Layout weist sehr unterschiedliche Gebäudetypologien auf, die auf die bewegte Topografie gut reagieren. Trotz der recht hohen Ausnutzung ergeben sich viele kleine öffentlich und gemeinschaftlich genutzte Freibereiche. Die Gebäudetypologie reagiert auf die eingeschränkte Grundfläche mit interessanten und innovativen, aber auch sehr bestimmenden und fixierten Ideen. Als Ausgleich zu der relativ dichten Bebauung entsteht ein ausgeprägter Grünzug bis zu Stuttgarter und Heidenheimerstraße. Der Gewerbehof ist an den Hauptverkehrsstraßen richtig positioniert. Die alleinige Anbindung des gesamten Wohngebiets an der Steinhövelstraße wird als sehr kritisch gesehen. Insgesamt bietet der Entwurf einen innovativen städtebaulichen und gebäudetypologischen Ansatz, leidet aber unter der Hierarchisierung des Straßennetzes und einer eingeschränkten Orientierbarkeit.