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  • DE-47051 Duisburg
  • 03/2011
  • Ergebnis
  • (ID 2-55108)

Mercator Quartier


  • 3. Preis

    Vogelperspektive

    Architekten
    Eller + Eller Architekten, Düsseldorf (DE), Berlin (DE), Moskau (RU) Büroprofil

    Verfasser
    Erasmus Eller

    Mitarbeit
    Martin Schliefer, M.S.Christiane Flasche

    In Zusammenarbeit mit:
    Architekten, Stadtplaner: NIEMANN + STEEGE Gesellschaft für Stadtentwicklung Stadtplanung Städtebau Städtebaurecht mbH, Düsseldorf (DE), Wismar (DE)
    Architekten: rheinflügel severin, Düsseldorf (DE)
    Architekten: urbanegestalt, Köln (DE)

    Erläuterungstext
    Verbindung
    Die Entwicklung der Innenstadt von Duisburg ist in den letzten Jahren einerseits durch die Entwicklung eines vielgestaltigen Quartiers für Wohnen, Arbeit und Freizeit entlang des langgestreckten Bandes des Innenhafens geprägt. Andererseits ist auch eine Aufwertung der Achse der Fußgängerzone Königstraße ist am neugestalteten König-Heinrich-Platz, an der Steinschen Gasse und zukünftig am neugeschaffenen Portsmouthplatz vor dem Hauptbahnhof gelungen, durch welche sich die urbanen Qualitäten der „alten“ Innenstadt wieder in einem guten Licht zeigen.
    Der Block zwischen Oberstraße, Gutenbergstraße und Kuhlenwall liegt zwischen diesen beiden Entwicklungsbändern. Doch seine monofunktionale Nutzung und die geringen Aufenthaltsqualität seiner Außenräume verhindern bislang, dass er von dieser Lagegunst profitiert. Durch eine intensive kompositorische Verankerung der neu entstehenden Bebauung in ihrer Umgebung, die Entwicklung attraktiver Laufwege entlang der mittelalterlichen Stadtmauer, vor allem durch die Schaffung eines lebendigen, gemischten Wohnquartiers mit ergänzenden gewerblichen Nutzungen, soll anstelle des alten Schulstandorts mit dem zukünftigen Mercatorquartier „ein Stück Stadt“ neu geschaffen werden, das zwischen der Hauptachse der Innenstadt und dem Innenhafen verbindet.

    Form
    Das zu beplanende Gebiet ist der mit Abstand größte zusammenhängende Baublock in der Duisburger Altstadt. Das neue Quartier wird in Richtung der Nonnengasse mit dem Dreigiebelhaus, dem Burgplatz mit der Salvatorkirche, dem Kuhlenwall mit den Resten der mittelalterlichen Obermauer und der Gutenbergstraße geöffnet. Ausgehend von diesen schmalen Öffnungspunkten werden Gassen in das Innere des Quartiers geführt, die sich dort zu einem komplexen System von linearen Strukturen und kleinen
    Aufweitungen verbinden. Durch die so gebildeten Freiräume werden die Baumassen in vier Baufelder gegliedert, welche die Maßstäblichkeit der altstädtischen Umgebung wiederspiegeln. Diese werden zueinander verschoben und „verkantet“, so dass ein spannungsvolles räumliches Gesamtbild entsteht. Die Randbebauung der Schollen
    wird zu der Mitte des Quartiers transparent geöffnet, um eine räumliche Verflechtung der allgemein zugänglichen Außenräume des Quartiers mit den dem Wohnen zugeordneten Innenhöfen zu erreichen. Die Kubaturen der Neubebauung werden maßvoll in ihrer Höhenentwicklung gestaffelt sowie durch Loggien und eingeschnittene Dachterrassen aufgelockert, ohne dabei die klare Konturierung der Schollen aufzugeben.

    Nutzung
    Die Schollen werden ihrer jeweiligen Lagegunst entsprechend mit unterschiedlichen Nutzungen belegt: Während der Ostteil des Gebiets, der von seiner Lage am aufgewerteten Kuhlenwall profitiert, ein kleines Café aufweist und ansonsten weit überwiegend der Wohnnutzung vorbehalten bleibt, sind im Westen auch rein gewerblich zu nutzende Gebäude (Hotel, Bürohaus) in Verbindung mit gut geschnittenen Ladenlokalen vorgesehen. Die Nutzungen sind so angeordnet, dass Konflikte durch Geräuschimmissionen und andere Störungen vermieden werden. Wohnungen in Mehrfamilienhäusern vom Studio-Appartment bis zur großzügigen Familienwohnung,
    Einzelhäuser als sogenannte „Townhouses“ sowie ein Haus für altersgerechte Wohnungen bilden ein breitgefächertes Angebot für alle, die (wieder) in der Innenstadt leben wollen. Das der Planung zu Grunde liegende Achsmaß von 6 m erlaubt eine kleinteilige Mischung der unterschiedlichen Bautypen und, bis zur Realisierung, eine flexible Anpassung der geplanten Bebauung an die Nachfragesituation.

    Freiraum
    Die Freiräume des Mercator-Quartiers sorgen für eine lesbare Abstufung der Öffentlichkeit von Stadt zu Quartier zur einzelnen Scholle mittels Plätzen, Gassen und grünen Höfen. Adressbildende Plätze an den Quartiersgrenzen schaffen Beziehung zu angrenzenden Stadträumen, die innen liegenden Gassenräume sind skulptural und ortsprägend. Die Schollen umschließen jeweils einen privaten Innenhof.

    Außen – Freiräume und Lagequalität
    Das Quartier liegt an dem zukünftigen Grünzug Kuhlenwall entlang der historischen Stadtmauer. Dieser Freiraum ist in zwei Zonen gestaltet: ein breiter Boulevard zwischen Quartier und Stadtmauer und ein Grünraum, der durch Wiesen und Baumbestand geprägt ist. Boulevard und Grünraum dienen als öffentliche Verbindung und schaffen einen attraktive Lage. Die Gliederung des Quartiers folgt wichtigen Sichtbeziehungen zum Drei-Giebelhaus und zur Salvatorkirche. Ein in Richtung Boulevard aufgeweiteter Gassenraum schafft einen wertvollen Platz. Gegenüber der Salvatorkirche nimmt eine Aufweitung des Stadtraums Bezug zum Burgplatz und ermöglicht eine prägnante
    Adresse mit Taxenvorfahrt vor dem Hotel.

    Innen – skulpturale Freiraumabfolge
    Die mit einem durchgehenden Belag gestalteten Gassen und Aufweitungen zwischen den Schollen dienen der inneren Erschließung, hier sind Hauseingänge und Rampenzugänge zu den Höfen. Die Fassaden bestimmen das Bild, der Charakter der mittelalterlichen Struktur wird aufgenommen. Die versetzten Schollen erzeugen einen zentralen Bereich, der mit Großbäumen und Bänken Aufenthaltsraum und Treffpunkt wird.
    Hier wird der Blick von außen in das Quartier gefangen und subtil eine Abstufung der Öffentlichkeit angezeigt.

    Grüne Höfe
    Die privaten Innenbereiche der Schollen liegen um etwa 0,7 m höher als die öffentlich zugänglichen Freiräume. Sie gliedern sich in private, den EG-Wohnungen bzw. Townhouses zugeordnete Gärten und gemeinschaftliche Park- und Spielräume für alle Anlieger. Die Rampenzugänge erschließen im Zusammenhang mit Gartentürchen und rückwärtigen Hauseingängen barrierefrei.

    Erschließung
    Die innere Erschließung des geplanten Mercatorquartiers ist als Verkehrsmischfläche ausgebaut, die für alle Anlieger sowie die Fahrzeuge der Feuerwehr und der Müllabfuhr befahrbar sind. Dadurch, dass oberhalb des 2. OG alle Wohnungen „durchgesteckt“ sind, ist eine Befahrbarkeit der Höfe für Feuerwehrfahrzeuge nicht erforderlich. Der Boulevard bietet genug Platz für den übergeordneten Fuß- und Radverkehr und wird durch
    den Anliegerverkehr und die Terrasse eines Cafés belebt. Die Tiefgarageneinfahrten sind an die in ihrem Profil reduzierte Oberstraße sowie die Gutenbergstraße angebunden. Weitere Stellplätze sind in den Erdgeschossen der Townhouses vorgesehen. Die Anlieferung der Geschäfte in Richtung Burgplatz und Gutenbergstraße erfolgt über die Straßenseite. Für das Hotel ist eine Anlieferung über die Tiefgarage vorgesehen.

    Archäologie
    Den Belangen der Bodendenkmalpflege wird im Rahmen der Planung umfassend Rechnung getragen. Die vermuteten Keller und Fundamente der Bürgerhäuser an der Oberstraße – auch des Mercatorhauses – werden durch eine großflächige Bodenplatte geschützt, auf der die nicht unterkellerte Neubebauung in diesem Bereich errichtet werden kann. Notwendige Leitungen sollen innerhalb des Gebiets möglichst in
    Medienschächten im Zusammenhang mit den Tiefgaragen verlegt werden, so dass Störungen der archäologisch wertvollen nicht unterbauten Freiräume innerhalb des Quartiers vermieden werden können. Am Standort des historischen Mercator-Hauses besteht die Möglichkeit, im Erdgeschoss des dort vorgesehenen Geschäftshauses eine Sondernutzung – z.B. eine Sammlung für kartographische Darstellungen („Mercator-Bibliothek“) – zu etablieren, die in besonderer Weise auf die Geschichte des Ortes Bezug nimmt.

    Phasierung
    Die geplanten „Schollen“ entsprechen den verschiedenen Baufeldern, die grundsätzlich unabhängig voneinander entsprechend der konkreten Nachfragesituation entwickelt und an geeignete Bauherren veräußert werden können. Ein Beginn der Entwicklung mit dem Hotel- und Bürokomplex gegenüber dem Burgplatz ist dabei ebenso möglich wie mit der besonders attraktiven Wohnbebauung am Kuhlenwall. Der schöne Bau der Schule an der Ecke Gutenbergstraße / Kuhlenwall kann vorübergehend erhalten und z.B. als Gründerzentrum für sogenanntes „Kreativ-Gewerbe“ genutzt werden und so einen Impuls zur Adressierung des zukünftigen Mercator-Quartiers geben. Eine „Teilung“ der Schollen ist grundsätzlich denkbar; in diesem Fall wären ggf. zusätzliche Tiefgaragenzufahrten vorzusehen. Die Townhouses auf eigenem Grundstück, die nicht von Tiefgaragen
    unterfahren sind, können sogar – ggf. nach „Baureifmachung“ der Flächen durch Errichtung der gemeinsamen Bodenplatte – parzelliert und an Einzelbauherren veräußert werden.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Das städtebauliche Konzept ist nachvollziehbar, in Bezug auf die Maßstäblichkeit der „Schollen“, der Anbindung an die Umgebung, der Nutzungsverteilung und der öffentlichen Räume. Die vier „Schollen“ sichern eine abschnittsweise Realisierung und stehen weitgehend in Übereinstimmung mit den abgängigen Schulgebäuden. Die „Schollen“ strukturieren das Wettbewerbsgebiet in angemessen umfänglich öffentlichen Raum und vergleichsweise großzügige grüne Wohnhöfe. Die Ausbildung des Mercatorplatzes in Richtung Rathaus die Weiterführung der Nonnengasse mit Blickbezug zum Dreigiebelhaus und die neue Anbindung an den Kuhlenwall garantieren eine Integration des neuen Mercator Quartiers. Richtigerweise ist der Innenbereich verkehrsberuhigt. Alle Tiefgaragen sind von den Erschließungsstraßen aus erschlossen. Der Boulevard entlang der Stadtmauer wird für die Anwohner befahrbar sein müssen.
    Ein qualitätsvolles Wohnen wird sichergestellt durch eine maßstäbliche Bebauung, sinnvolles Öffnen der Blöcke und eine schlüssige innere Erschließung. Die Wohnnutzung an der Gutenbergstraße sollte entsprechend des Vortrages der Entwurfsverfasser durch Dienstleistungsnutzungen ersetzt werden. Die Zonierung der blockinneren Bereiche in wohnungsbezogene Gärten und Gemeinschaftsflächen ist plausibel und entspricht der innerstädtischen Lage. Die öffentlichen Bereiche zwischen den „Schollen“ erscheinen monoton und erfordern eine weitere Differenzierung.

    Positiv wird beurteilt, dass die vermuteten mittelalterlichen Keller entlang der Oberstraße weitestgehend erhalten bleiben bzw. nicht tangiert werden durch einen Rücksprung der geplanten Tiefgaragen unter den „Schollen“. Kritisch wird gesehen, dass durch die Unterbringung fast aller Stellplätze in Tiefgaragen in das Grundstück mit den vermuteten Bodendenkmälern massiv eingegriffen wird. Die durchschnittliche Bruttogeschoßfläche BGF, GFZ und GRZ lassen insgesamt eine sinnvolle Realisierbarkeit erwarten.

    Insgesamt zeigt die Arbeit einen positiven Beitrag zur Klärung der städtebaulichen Aufgabe nach Verlegung der Schulstandorte.
    Der Entwurf überzeugt insgesamt durch hohe konzeptionelle, städtebauliche und freiräumliche Qualitäten.