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  • DE-07545 Gera
  • 09/2011
  • Ergebnis
  • (ID 2-65011)

Campus Goethe-Gymnasium Gera / Rutheneum seit 1608


  • Anerkennung


    Architekten
    Dietrich | Untertrifaller Architekten ZT GmbH, Bregenz (AT), Wien (AT), St. Gallen (CH), Paris (FR), München (DE) Büroprofil

    In Zusammenarbeit mit:
    Architekten: F29 Architekten, Dresden (DE)
    Landschaftsarchitekten: Rotzler Krebs Partner GmbH, Winterthur (CH)

    Erläuterungstext
    Campus
    Das neue Campusareal wird Teil der Stadt. Zur Reichsstrasse mit dem begleitenden Parkband hin wird der Campus durch die Setzung einer Stützmauer in Anlehnung an die historische Lage der ehemaligen Stadtmauer definiert. Die entstehende Campus-Terrasse ist über die gesamte Länge der Westseite des Areals den Schulbauten vorgelagert.

    Durch die Umwidmung der Burgstrasse in eine „Shared-space-Zone“ erhält das Campusareal altstadtseitig eine räumliche Erweiterung bis an die bestehende Bebauung, so dass die Schul-bauten inmitten des Campus zu liegen kommen, von diesem umflossen werden.
    Die Burgstrasse wird so mit der Setzung des neuen Erweiterungsbaus zur Enfilade, an die sich der bestehende Johannisplatz, der neugestaltete Ehrenhof sowie der neu entstehende Florian-Geyer-Platz als Stadtplätze eigener Prägung aneinanderreihen.

    Die campusspezifische Durchlässigkeit des neuen Schulhausensembles ermöglicht an mehre-ren Stellen den Wechsel zwischen den Stadtplätzen, der Campus-Terrasse und dem Parkband. Grosszügige Rampen- und Stufenanlagen stellen dabei den Übergang zwischen den Niveaus her, und dienen den Schülern teilweise auch als tribünenartige Aufenthaltsbereiche.

    Im Übergang zu den Bestandshäusern an der Florian-Geyer-Strasse öffnen sich Stadtplatz und Campus-Terrasse zu einem grosszügigen Stadtraum, der über das vorgelagerte Parkband hin-weg den Blick in die Reichsstrasse – und viceversa – freigibt. Die vielfältige Nutzungsmöglich-keit dieses Bereichs als Spielfeld für jedermann sollte auch nach einem allfälligen späteren Bau einer Turnhalle an dieser Stelle auf deren Dach ermöglicht werden.

    Stadtplätze
    Der Johannisplatz bleibt in seiner Gestaltung als baumbestandener, grüner Platz bestehen und könnte allenfalls zum Schmuckplatz entwickelt werden. Der Ehrenhof, durch Entfernung einiger bestehender Zaunfelder bis über die Burgstrasse erweitert, wird als ansonsten leerer Platz ge-prägt von einer bestehenden Linde und dem relikthaft erhaltenen Zufahrtstor des ehemaligen Reußischen Regierungsgebäudes. Der Florian-Geyer-Platz als Gelenk zwischen den hier zu-sammen kommenden Typologien ist bestimmt von einem grossen Aufenthaltselement, das explizit der Aneignung durch die Jugendlichen zur Verfügung steht: try-out! Daneben erfolgt über diesen Platz die Ver- und Entsorgung des neuen Schulbereichs.
    Die Enfilade mit den Stadtplätzen ist materiell geprägt vom gängigen Geraer Altstadtbelag mit seinem Granitgroßsteinpflaster, welcher vom Johannisplatz kommend auf dem Niveau der Stadtplätze von Fassade zu Fassade reicht.

    Campus-Terrasse
    In Anlehnung an den Bereich vor dem Rutheneum mit seinen markanten Bestandsbäumen, ist die Terrasse vor den neuen Schulgebäuden mit einem zusammenhängenden Baumdach aus japanischen Zierkirschen bestanden, welches den hier vorgesehenen eingefassten Pausenbe-reich beschattet.
    Die öffentliche Querung der Pausenterrasse kann als sekundäre Wegebeziehung mittels trans-parenter Absperrelemente ermöglicht werden, die aus den Geländern der Terrassenmauer ent-wickelt sind. Sowohl die Terrassenmauer als auch die Stufenanlagen zum Stadtplatzniveau sind aus weich anmutendem Konglomeratbeton erstellt. Der dazwischen aufspannende, robuste Hartbelag wird im Bereich des Baumdaches von einem Feld aus wassergebundener Wegedecke unterbrochen. Aufenthalts- und Spielelemente stehen den Schülern hier in der Pause zur Verfügung.


    Parkband
    Entlang der Reichsstraße wird die bestehende Grünzone zu einem Parkband entwickelt, das mit seiner ansteigenden freien Rasenfläche den Höhenversatz zur Campus-Terrasse entschärft. Über neue Wegeführungen werden die Längsbeziehung entlang der bestehenden Alleebäume sowie die Querbeziehungen zwischen Wohnquartier und Altstadt gewährleistet. Die Anlage der ehemaligen Vogelinsel mit ihrem Baumbestand geht im Parkband auf.

    ARCHITEKTUR

    Städtebau
    Als präzis gesetzter, dritter Baustein komplettiert das neue Schulgebäude im Sinne des Cam-pusgedanken das Ensemble des Goethe-Gymnasium mit den historischen Schulhäusern Rutheneum und Reußisches Regierungsgebäude. Das neue Schulgebäude fasst den Ehrenhof in südliche Richtung und interpretiert dessen historische Grundintention neu. Leicht abgesetzt vom Reußisches Regierungsgebäude folgt der Neubau der linearen Abfolge der bestehenden Schulanlage entlang der freigelegten Stadtmauer und wahrt gleichzeitig die gewünschte Wege-verbindung zwischen Burg- und Reichsstraße. Zwischen Alt- und Neubau wird somit die über-geordnete Wegeverbindung zwischen Altstadt und westlichen Wohnquartier ganz selbstver-ständlich in den Campus integriert.

    In westlicher Richtung, auf der historischen Stadtbegrenzung und mit Blick auf die vorgelagerte Vogelinsel erhalten die Schüler in Form von Schulterrassen ihre neuen Pausenflächen.
    In östlicher Richtung entsteht eine urbane, öffentliche Platzabfolge mit dem Johannisplatz und Ehrenhof, die den neuen Campus mit der nachbarschaftlichen Altstadt räumlich verbindet.
    Zwischen dem neuen Schulhaus und der Bebauung an der Florian-Geyer-Straße entsteht der dritte Platz, der sich in südlicher Richtung öffnet und den Blick zur Altstadt freistellt. Das Be-standsgebäude an der Florian-Geyer-Straße wird Bestandteil des Campus, indem es als südli-ches Pendant zum neuen Schulhaus die Torsituation zur Altstadt definiert.
    Dem Campusgedanken folgend, sind die den drei Schulhäusern vorgelagerten Plätze miteinan-der verbunden. Die Schüler können vom Johannisplatz direkt durch die Bibliothek auf den Eh-renhof gelangen und von dort durch den Gemeinschaftsbereich des neuen Schulhauses den neuen Platz an der Florian-Geyer-Straße erreichen.

    Die 3 unterschiedlichen Schulbauten beinhalten auch unterschiedliche Nutzungen:

    Rutheneum (Sekundarstufe II)
    Im Rutheneum verbleibt die Sekundarstufe II, lediglich der Schulleitungsbereich wird für Musik-übungsräume umgenutzt. Im 1.Obergeschoß wird der Flur erweitert und mit dem reußischen Regierungsgebäude eine Wegeverbindung hergestellt.

    Reußisches Regierungsgebäude (Fachklassen, Bibliothek, Lehrkörper)
    Der Altbau wird behutsam renoviert und teilweise rekonstruiert. Mit seiner zentralen Lage bein-haltet das Reußische Regierungsgebäude die Bibliothek, die Verwaltung und die gemeinschaft-lichen Fachklassen.
    Hauptzugang und Foyer wird das stattliche Vestibül. Vom Foyer gelangt man direkt in die Bibliothek im Nordflügel. Prunkstück der Bibliothek ist der Leseraum im ehemaligen Rittersaal. Über die seitlich angeordneten, barocken Treppenläufe wird aus dem Vestibül das 1. Obergeschoß erreicht. Im Nordflügel ist der Lehrerbereich zentral zur Schulanlage gelegen und bietet im östlich abschließenden Kopfbau dem Lehrerzimmer einen besonderen Raum mit umlaufenden Blickbeziehungen. Erschlossen wird der Lehrerbereich sowohl extern über den separaten Eingang im Kopfgebäude, als auch intern über den Westflügel. Im 1. und 2.Obergeschoß werden unter Berücksichtigung tragender Wandstrukturen die Fachklassen angeordnet. Der Flur mit Blick zum Ehrenhof wird von nichttragenden Einbauten befreit und wird um großzügige Aufenthaltsflächen bereichert. Das Dachatelier erhält neue Gauben und wird durch räumliche Erhöhung bis zum ehemaligen Spitzboden der besonderen Nutzung als Musikräume gerecht.

    Neubau (Unterrichtsklassen Sekundarstufe I, Ganztagsbereich, Mensa)
    Der kompakt organisierte Neubau ist als einfacher, zweihüftiger Schultyp mit innenliegender Kernzone konzipiert. Die Unterrichtsräume gruppieren sich innerhalb der beiden Obergeschosse um einen zentralgelegenen, zweigeschossigen Luftraum. Innenräumlich entwickeln sich somit abwechslungsreiche Blickbeziehungen mit natürlich belichteten und gut überschaubaren Aufenthaltsbereichen. Großzügig angelegte Vorzonen und attraktive Sitznischen vor den Klas-senzimmern bieten darüberhinaus kommunikationsfördernde Aufenthaltsqualitäten.
    Die beiden Obergeschosse binden niveaugleich an das Reußische Regierungsbegäude an und erschließen so die Fachklassen auf kurzem und direktem Weg. Ein gläserner Übergang bildet das bauliche Bindeglied zwischen Alt- und Neubau und bietet als frei konzipierte Medieninsel attraktive Ausblicke in die unmittelbare Umgebung. Fassadenseitig vorgelagerte Lamellen schützen vor unerwünschtem Blendlicht und sommerlicher Überhitzung.
    Erdgeschossig befinden sich die Gemeinschaftsbereiche mit Ganztagsbereich, Mehrzweck- und Speiseraum. Letztere öffnen sich über eine großzügig vorgelagerte, gedeckte Campusterrasse in Richtung Westen.

    Materialität
    Der Neubau reiht sich in seiner reduzierten Formensprache respektvoll und angenehm zurück-haltend in das lebendige Volumenspiel seiner historischen Nachbarn.
    Die Schlichtheit und volumetrische Reduktion setzt sich in der Wahl des Fassadenmaterials fort. Unaufdringlich und zweckentsprechend antwortet die Klinkerfassade in zeitgemäßer Form und nimmt gleichermaßen Bezug zur klassische Klinkermoderne in Gera, die stellvertretend durch den Freund Otto Dix oder den Geraer Architekten Thilo Schoder im Stadtbild verankert ist (Wohnhäuser, Industriebauten, Begründer Kunstgewerbeschule in Anlehnung Weimars).
    Mit weißen Steinen pigmentiert, reagiert die ansonsten in natürlichem rot gehaltene Klinkerfas-sade dezent auf das farbige Wechselspiel der umgebenden Stein- und Putzfassaden ohne de-ren Präsenz dominieren zu wollen.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Grundidee der Arbeit sind die Arrondierung des Gebäudeensembles mit einem kompakten, freistehenden Neubau sowie die Ausbildung einer alle Einzelbereiche miteinander verbindenden Pausenterrasse zur Reichsstraße. Für die optional vorzusehende Sporthalle wird ein Baufeld im Bereich Florian-Geyer-Straße vorgehalten.
    Ausgehend von der Hoffigur des ehemaligen Regierungsgebäudes gelingt es der Arbeit mit nur einer baulichen Setzung, sowohl die historische Raumfigur des Ehrenhofes neu (und großzügiger) abzubilden, als auch den südlich angrenzenden Stadtraum im Bereich Florian-Geyer-Straße klar zu ordnen. Mit der angehobenen, von Nord nach Süd konsequent durchbindenden Pausenterrasse auf der Westseite gelingt zudem eine deutliche städtebauliche Aufwertung der Freiflächen entlang der Reichsstraße.
    Unter Bezugnahme auf die am Standort vorzufindenden Klinkerfassaden (Rutheneum und Eckgebäude Florian-Geyer-Straße) wird der Neubau als dreigeschossig eindeutig gefügtes und zurückhaltend gestaltetes Volumen in gleicher Materialität vorgeschlagen. Der dreibündig organisierte Grundriss schafft trotz seiner sehr kompakten Grundfläche attraktive Erschließungsbereiche und gut zonierte Innenräume.
    Hierzu trägt insbesondere die gute Tageslichtführung bei. Insbesondere die Rückstaffelung des Neubaus gegenüber dem Westflügel des ehemaligen Regierungsgebäudes wie auch dessen kompakte, zurückhaltende Erscheinung lassen das Einzeldenkmal grundsätzlich im rechten Licht erscheinen.
    Gestört wird dies lediglich durch das gewählte Fensterformat.
    Die wesentliche freiräumliche Qualität der Arbeit liegt in der Schaffung dreier miteinander kommunizierender Freiräume unterschiedlichen Charakters (Ehrenhof, „Florian-Geyer-Platz“ und Pausenterrasse). [...]
    Im Neu- wie Altbau entstehen insgesamt gut funktionierende räumliche Strukturen. [...] Die kompakte Baumasse des Schulgebäudes lässt eine wirtschaftliche Realisierung erwarten. Vorabinvestitionen für den Bau der Sporthalle sind bei der gewählten Disposition nicht erforderlich.