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  • DE-30519 Hannover
  • 04/2012
  • Ergebnis
  • (ID 2-106140)

Kirchenzentrum Hannover Süd


  • 2. Preis


    Architekten
    MOSAIK Architekten BDA, Hannover (DE) Büroprofil

    In Zusammenarbeit mit:
    Landschaftsarchitekten: Büro GrünPlan, Hannover (DE)

    Preisgeld
    7.500 EUR

    Erläuterungstext
    1 Städtebau
    Stadträumliche Präsenz der Kirche am Kirchplatz
    Das Kirchenzentrum positioniert sich prägnant im Stadtraum Ecke Hildesheimer- / Garkenburgstraße. Es fasst stadträumlich den platanenbestandenen Kirchplatz, der sich einladend zur Hildesheimer- und Garkenburgstraße hin öffnet. Die Kirche besetzt mit dem vertikal aufragenden Baukörper die am stärksten in den öffentlichen Raum wirkende Kante.

    Wohnen im Park
    Während die Kirche sich in die Garkenburgstraße schiebt, treten die beiden Stadtvillen im Grün zurück. Sie lassen den parkähnlichen durchgrünten Freiraum durchfließen und ordnen sich auch in der Baukörperhöhe dem Kirchenbau unter.


    2 Kirche und Gemeindezentrum
    Baukörpergestalt
    Der zweigeschossige horizontale Gebäudewinkel für Kirche und Gemeindezentrum richtet sich vertikal über dem Altarraum und der Sakristei an der Garkenburgstraße auf. Oberhalb der Sakristei ist zum Kirchplatz hin eine tiefe Nische aus dem Baukörpervolumen ausgeschnitten, in der sich symbolisch Innen- und Außenraum verschränken und sich die Kirche durch den Glanz der Auskleidung und die Beleuchtung im Dunklen mitteilt.

    Räumliche Organisation / Nutzung
    Ziel der räumlichen Organisation ist, die gegensätzlichen Wünsche nach Offenheit (Transparenz) und Geschlossenheit (Transzendenz) auszubalancieren und darüber hinaus die Wandelbarkeit für unterschiedlichen Gebrauch und die Aufnahme auch externer Nutzungen zu gestalten.

    Das Portal markiert den großen zentralen Zugang. Die zum Kirchplatz orientierte, verglaste Raumschicht des Foyers bündelt und strukturiert die unterschiedlichen Zugänglichkeiten und bietet mit der (abteilbaren) Cafeteria einen ruhigeren Ort außerhalb der Bewegung.

    Sensibler Punkt ist die Stelle des Übergangs in die Räume des Gottesdienstes, besonders in den Kirchensaal. Kirchensaal und Erweiterungssaal bilden eine durchgehende Raumeinheit in Breite, Höhe und Innenraumanmutung. Im abgetrennten Zustand fungiert ein dazwischen geschobenes Bindeglied des Foyers als vorbereitender, ruhiger Übergang in den Kirchensaal, der in der Achse des Mittelganges betreten wird. Der herausgehobene, ins Helle getauchte Altarbereich, der davor liegende, durch die seitlichen Nischen gefasste Musikbereich und der dann anschließende Gemeindebereich sind räumlich klar ablesbar. Seitlich vorn im Altarbereich befindet sich die Orgel.

    Der Kirchensaal ist vom Altar aus gesehen um vier „Joche“ einzeln oder insgesamt erweiterbar. Für einen großen Gottesdienstes mit weiteren 200 Plätzen wird um zwei „Joche“ erweitert und das Foyer-Bindeglied auf die Nordseite verschoben, sodass auch jetzt ein Zugang aus einer ruhigen, auf den Gottesdienst einstimmenden Situation auf den Altarraum zentriert stattfindet.

    Über den Nebeneingang im Portal direkt von außen oder vom Foyer aus betritt man den Raum der Stille. Über die vom Altar aus linke Seitennische des Chorbereiches können Menschen in geschützter Situation abgeschirmt dem Gottesdienst folgen.

    Im Schnittpunkt der Foyerflügel ist zentral der Info-Punkt und die vertikale Erschließung angeordnet. Von der Gebäuderückseite, über den Parkplatz aus der Thurnitistraße erreichbar, werden der Nebeneingang und der Kücheneingang bedient. In der Obergeschossebene gruppieren sich im nördlichen Flügel die Räume der Sonntags-/ Vorsonntagsschule und Großtagespflege. An der Platzseite der Kirche fügt sich die Empore an. In der Mittelzone des Winkels zum Kirchplatz orientiert liegen der Mehrzweckraum und die Bibliothek. Die Jugendräume im Untergeschoss verfügen über einen abgegrabenen Außenbereich und separaten Zugang.

    Materialität und Innenraumqualität
    Prägendes Material außen ist der Ziegelstein. Dieses Material ist buchstäblich aus „Erde“ gemacht und vermittelt den menschlichen Maßstab in Form, Größe und Verarbeitung, besitzt herausragende haptische Qualität und steht in einer (bau-)geschichtlichen Tradition. Die offene Nische und das Portal sind mit glänzend goldfarben oxidierten Kupferblech ausgekleidet. Die Nische wird im Dunkel als Lichtraum erlebbar.

    Der Kirchensaal konzentriert sich auf den Altarbereich, über dem sich der Raum aufrichtet und von oben mit Licht geflutet wird. Die geistliche Zentrierung der Gemeinde auf den Altar ist das Hauptthema des Kirchensaales. Über dem ruhigen Kirchensaal mit seinem warmen Holzboden spannt sich eine gestufte und gefaltete Decke. Sie fängt die Seitenempore räumlich ein. Gegenüber der Seitenempore fällt durch Buntglasfenster in der tiefen Außenwand Licht von Osten ein. Die Vergrößerung des Kirchensaales durch Zuschalten des Erweiterungssaales steigert die Zentrierung und Grundstimmung des Raumes.


    3 Stadtvillen
    Im disparaten städtischen Umfeld behaupten sich die beiden kompakten Stadtvillen als Solitäre im Grün. Aus städtebaulichen Gründen sollen beide gleich hoch sein, wodurch sich gleiche Baumassen in beiden Bauabschnitten ergeben. Die unterschiedlichen Wohnungen sind um einen inneren, zentralen Lichtraum mit Treppe und Aufzug herum organisiert. Über ein Glasdach von oben belichtet, lassen großzügige Deckenausschnitte einen bis ins Untergeschoss reichenden Luft- und Lichtraum entstehen. Die Treppenläufe sind versetzt zueinander angeordnet und engen den weiten Raum nicht ein. In der Tragstruktur und dem Installationsraster der Stadtvillen lassen alle gewünschten Wohnungsgrößen und – mischungen realisieren. Darüber hinaus ist Flexibilität auch für andere Mischungen und Behindertengerechtigkeit vorhanden. In der Regel sind die Mehrzimmerwohnungen über Eck organisiert, Einzimmerwohnungen liegen an den Ost und Westseiten der Bauten. Jede Wohnung hat eine Loggia (bzw. Terrasse im EG).


    4 Nachhaltiges Bauen - Energiekonzept
    Die Außenflächen des Kirchenzentrums sollen mit Passivhaus-Komponenten wirtschaftlich gedämmt werden, um die Transmissionswärmeverluste und Leckagen weitestgehend zu senken. Eine Lüftungsanlage mit hocheffizienter Wärmerückgewinnung be- und entlüftet alle Räume nutzungsabhängig im erforderlichen Maße. Im Kirchensaal und im Ergänzungssaal wird über eine Fußbodenheizung die Grundwärme bereitgestellt. Frischluft wird über seitliche Quellluftauslässe -im Wandsockel der Längswände integriert- eingeführt. Eine Vorkonditionierung der Frischluft erfolgt: durch den Einsatz von Erdwärmesonden wird dem Erdboden Wärme entzogen und über eine Wärmepumpe den Lüftungsheizregistern in Form von Wärme zugeführt.

    Eine Ausstattung mit Passivhauskomponenten (Gebäudehülle und Lüftung) bietet sich auch für die Stadtvillen an.


    5 Außengelände
    Die imposante Platanengruppe bestimmt im Zusammenspiel mit dem Kirchengebäude wesentlich die räumliche Wirkung und Atmosphäre des Kirchplatzes, der im Westen durch eine niedrige Sitzmauer gefasst wird. Eine Stufenanlage führt - ähnlich der Expo-Plaza - zur tieferliegenden Grandfläche der Baumgruppe. Ein Wasserbecken ergänzt die zurückhaltende Gestaltung.

    Der neue, leicht angehobene Kirchweg führt über den Platz vorbei an den im Gartenpark liegenden Stadtvillen. Der Baumbestand entlang des Weges ist leicht ausgelichtet, nur Kirchengebäude und Platanen werden stärker freigestellt. Heckenkörper strukturieren den baumbestandenen Gartenpark und schaffen Sichtschutz. Neben den Freisitzen der Erdgeschosswohnungen ordnen sich einzelne Terrassenplätze in die Parkstrukturen ein.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Konzept:
    Die Arbeit bietet weit überdurchschnittliche Qualitäten der Außen- und Innenräume und findet für das Kirchengebäude einen überzeugenden und angemessenen gestalterischen Ausdruck. Der Wohnungsbau bleibt baukörperlich und von den Fassaden her eher schematisch.

    Die Eingangssituation öffnet sich zur Kreuzung an der Hildesheimer Straße als übergeordneter Erschließung und bietet die notwendigen Sichtbeziehungen für eine gute Auffindbarkeit des Eingangs. Die Winkelform des Außenraums bezieht die vorhandene Baumgruppe sehr selbstverständlich ein und bildet ein einladendes Entree für das Kirchenzentrum. Es wird als angemessen angesehen, dass sich die Baukörper mit den Wohnungen baukörperlich zurückhalten und als Solitäre im Grün dem Kirchenzentrum den städtebaulichen Vorrang lassen.

    Die formalen Mittel der Gestaltung sind zurückhaltend, die Höhenbetonung des Altarbereichs setzt den Akzent städtebaulich und innenräumlich an der richtigen Stelle.

    Die außenräumliche Orientierung des Zugangsbereichs ist überzeugend und wird auch funktional nutzbar gemacht. Die notwendigen Abstände zu den vorhandenen Bäumen werden gewahrt. Die oberirdischen Stellplätze sind gut platziert.

    Erschließung und Orientierung sind sehr gut gelöst. Die Erweiterungsflächen sind von der Erschließung her gut angeordnet, ihr Zuschnitt und ihre Proportion sind allerdings verbesserungsbedürftig. Sie sind in Summe ca. 100 qm zu groß, die gute Organisation des Foyers kompensiert dies jedoch. Großer Vorteil ist das Tageslicht und die Außenorientierung in allen Erweiterungsräumen. Die Cafeteria ist gut organisiert und räumlich attraktiv, es kommt zu keiner Störung der Funktionen. Die Empore ist aufgrund der Sichtverhältnisse schwer nutzbar.
    Die Wohnungen sind einfach und gut organisiert. Die zentrale Erschließung ist sehr wirtschaftlich, der Wohnungsschlüssel ist flexibel.

    Lichtführung und räumliche Proportionen des Kirchenraums sind sehr gut abgestimmt und reizvoll.
    Die Erschließungsflächen bieten eine gute Aufenthaltsqualität. Die Raumhöhe der Erweiterungsräume kommt bei Zusammenschaltung mit dem Kirchensaal zu positiver Wirkung.

    Die Barrierefreiheit ist grundsätzlich gegeben. Die separate Erschließung des OG über den Aufzug ist nur über den Kirchenbereich möglich. Die Jugendräume sind auf einfache Weise separat zu erreichen.
    Bei den Wohnungen entspricht der Treppenraum nicht dem Bauordnungsrecht.

    Wirtschaftlichkeit:
    Das Bauvolumen liegt trotz der zweigeschossige Erweiterungsräume und des hohen Altarbereichs noch unterhalb des Durchschnitts. Die Erschließungsflächen sind sehr angemessen dimensioniert. Einige Details, z.B. die übertiefe Außenwand sind mit erhöhtem Aufwand verbunden.

    Grundstruktur und Spannweiten liegen im wirtschaftlichen Bereich. Die orthogonale Geometrie ermöglicht einfache Konstruktionen. Die Materialvorschläge sind angemessen.

    Das vorgeschlagene Material ist dauerhaft und verspricht eine unproblematische Bauunterhaltung. Die Innenraummaterialien sind angemessen und sorgen für eine freundliche Atmosphäre.

    Die spezifischen Herstellungskosten dürften aufgrund der Materialwahl über dem Durchschnitt liegen. Das Volumen lässt Kosten im mittleren Bereich erwarten. Da es wenige innenliegende Räume gibt, sind die Betriebskosten eher niedrig zu erwarten.