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  • 2. Preis


    Architekten
    Riemann Gesellschaft von Architekten mbH, Lübeck (DE) Büroprofil

    Erläuterungstext
    Es besteht der Wunsch, ein spezifisches Klangbild des 17. Jahrhunderts wiederzugewinnen, über das bei den Musikern und Orgelbauern heute so weitreichende Kenntnisse vorhanden sind, dass eine Rekonstruktion der Orgel in der Schnitger`schen Bauweise in technischer Hinsicht möglich erscheint. Im Fall der Orgel im Lübecker Dom sind neben der Größe der Orgel auch die Disposition und die Pfeifenmensuren bekannt. Ein wichtiger Aspekt für die Orgelfachleute und Musiker ist die gewünschte Übereinstimmung der Gestalt der neuen Orgel mit der klanglichen Erwartungshaltung an ein barock klingendes Instrument, bzw. an den typischen Arp- Schnitger- Klang.

    Historische Rahmenbedingungen
    Gestalterisch prägende Merkmale der Lübecker Orgel waren, wie bei allen Orgeln Arp Schnitgers: die klare Werkgliederung (hier: Hauptwerk, Brustwerk, Rückpositiv, Pedaltürme) in symmetrischer Anordnung, symmetrische Anordnung der Pfeifen (im Terzabstand), komplett das Pfeifenwerk umschließende Gehäuse in Rahmen-Füllungsbauweise und profilierte kräftige Kranzgesimse (jeweils farbig gefasst bzw. in Teilen vergoldet). Die geschnitzten Schleierbretter von Joh. Jakob Budde waren bei der Lübecker Orgel ähnlich plastisch ausgebildet wie der übrige Schmuck in Form von Ranken und Figuren, der die Kontur der Orgel verschleierte und sie mit ihrer Umgebung verwob.
    Diese Orgel hatte einen tragenden hölzernen Unterbau, dessen Gestalt mit den segmentbogenförmigen „Schultern“ und zusammen mit der eingeschobenen Ebene des Krämerchores der Orgel optischen Halt gab und die Orgel auch formal glaubhaft getragen hat.

    Heutige Situation, räumliche Bedingungen
    Nach der Zerstörung des Domes an Palmarum 1942, bei der neben der Ausstattung auch die Orgel verloren ging, entschied sich die Domgemeinde beim Wiederaufbau für ein neues liturgisch-räumliches Konzept der Architekten Horst Sandtmann und Friedhelm Grundmann, das den freistehenden Altar zusammen mit der Kanzel als liturgisches Zentrum in der Raummitte formuliert, um das sich die feiernde Gemeinde versammelt. In diese räumliche Anlage, die Bestandteil des Denkmals ist, ist das Westwerk mit dem dreibahnigen Fenster von Lothar Quinte und der Stufenanlage mit dem aufsteigenden Gestühl mit eingebunden und lässt das Licht aus Westen tief in den Raum eindringen. Wichtig auch: die Uminterpretation des Lettners als „Portal“ für die dahinter befindliche Taufkapelle im ehemaligen Chorquadrat des Domes Heinrichs des Löwen.
    In dem beschriebenen Spannungsfeld zwischen den beiden Polen, der historischen Situation einerseits – und der veränderten Raumsituation heute andererseits, muss der Entwurf für die Orgel entwickelt werden, in dem er neue Lösungen zu den Themen findet: Wie sieht der Raum zwischen den Türmen („hinter der Orgel“) aus? In welcher Beziehung steht er zum Gesamtraum? Wie sieht der tragende „Unterbau“ der Orgel aus? Schließlich: Welche Gestalt einer heutigen Orgel kann die „Faszination“ der barocken Orgel transportieren?

    Unterbau der Orgel, Kapellenraum und räumliche Kontinuität
    Der von uns entworfene Unterbau der Orgel nimmt Bezug auf die portalartige Wirkung des Triumphkreuzes und des Lettners. Das komplett hölzerne Tragwerk besteht aus hintereinander gestaffelten Holzrahmen, die zur Mitte hin, entsprechend dem Lastverlauf, größer werden und –entsprechend dem historischen Vorbild- kräftig genug sind, die Orgel auch formal- architektonisch zu tragen. Das Motiv der Staffelung leitet sich her aus dem plastisch gegliederten hölzernen Tragwerk des Triumphkreuzes und findet sich auch in den dienstartig gestaffelten Mauervorlagen und Pfeilergliederungen des Domes. Auf diese Weise soll hier nicht nur ein tragender „Unterbau“ für die Orgel entstehen, sondern eine räumliche Begrenzung, die gleichzeitig „Portal“ zwischen Kirche und dem Raum zwischen den Türmen ist.

    Dieser Raum wird zu einer Kapelle, z.B. als Ort des stillen Gedenkens, umgestaltet. Er fungiert in der Gesamtanlage des Kirchenraumes mit dem mittigen Altar genau als Pendant zur Taufkapelle, die über die Stufenanlage des zum Portal umgedeuteten Lettners begangen wird und greift deren Motiv einer zentralisierenden Gestaltung auf: Im Normalfall sind die blockartigen Bänke als Quadrat, das sich U-förmig zur Kirche hin öffnet, um die Raummitte der Kapelle angeordnet. Sie können für die Gottesdienste an den Hochfesten an die Außenwände geschoben werden, um eine ergänzende, auf den Altar gerichtete Bestuhlung aufstellen zu können.

    Die formale Gestalt des unteren Teils der bestehenden Stufenanlage soll samt begleitenden Wänden und dem Postament für den goldenen Löwen erhalten bleiben und vermittelt auf diese Weise zwischen der bestehenden liturgischen Gestaltung des Kirchenraumes und dem neuen Kapellenraum.
    Zur Aufstellung eines Chores und Instrumentalensembles unterhalb der Orgel soll eine stufenweise herausfahrbare Podestanlage eingebaut werden. Bei Bedarf wird diese Anlage durch mobile Podeste Richtung Osten weiter ergänzt.
    Der neue Raum unterhalb der Podestanlage kann je nach Bedarf Nebenräume (WC- Anlage und/ oder Abstellraum/ Werkstatt) aufnehmen.
    Wir glauben, dass die neue Gesamtanlage nicht im Widerspruch zur Gesamtarchitektur und der Gestaltung des Wiederaufbaus steht, sondern deren Gedanken der räumlichen Differenzierung – trotz des Verlustes des frei erlebbaren Westfensters- an dieser Stelle weiterführt.

    Die Orgel
    Die Orgel soll weitestgehend in ihrer originalen Grundgestalt wieder entstehen: die Anordnung der Werke und die Gehäuseabmessungen haben wir genau übernommen; abweichend vom historischen Vorbild schließt das Hauptwerk nicht an die Pedaltürmen an, indem -wie mit den Orgelbauern abgestimmt- die Hauptwerkswindladen kürzer ausfallen (entfallende Subsemitöne) und die Pedaltürme um 10 cm nach außen geschoben werden. Die hierdurch entstehende Lücke erzeugt eine partielle Transparenz, die einen Teil der Wirkung des farbigen Westfensters an den Kirchenraum weiter gibt.
    Aus diesem Grund soll das Balghaus nicht hinter der Orgel, sondern im südlichen Turm untergebracht werden; die Kanalführung erfolgt im Bereich der rückwärtigen Brüstung und mündet direkt in der vorhandenen Öffnung des Südturms.

    Im sichtbaren Detail des Gehäuses möchten wir vom historischen Vorbild abweichen: Ziel ist, dass die Gesamtgestalt der Orgel in ihrer Fernwirkung dem Bild der historischen Orgel nahe kommt, bzw. dem erwarteten Bild der „Faszination Schnitger“ entspricht. Erst beim Nähertreten soll man erkennen, dass die Details dieser Orgel keine Repliken sind, sondern eine Neuinterpretation, die klarstellen, dass es sich um einen zeitgenössischen Orgelbau handelt.
    Die Gesimse haben wir neu entwickelt als Abstraktion der barocken Profile: flacher, mit Schattenfugen und auf Schweifungen verzichtend.

    Die Schleierbretter greifen ein typisches Schmuckmotiv auf, nämlich das Motiv der Ranken, das in verschiedener Gestalt im Dom u.a. an der Kanzel, am Gitterwerk der Grabkapellen und in Form des Lebensbaumes am Triumphkreuz bereits vorhanden ist. Wir haben aus einem Dornengeflecht einen rankenden, dreidimensionalen „Schleier“ entwickelt, der in Holz gefertigt wird. Die Irritation, die beim näheren Betrachten ausgelöst werden kann, ist gewollt: das Dornengeflecht mit der Konnotation der Dornenkrone des Gekreuzigten weist hin auf Leid, Schmerz und Verlust, die durch den Krieg, durch die Bombardierung, die Zerstörung des Gotteshauses entstanden sind. Die an wenigen Stellen knospenden Blätter bedeuten, dass es Trost, Hoffnung und einen die Gewalt überwindenden Neuanfang gibt.

    Wir halten eine farbige Fassung, analog der historischen Vorbilder überlieferter Schnitger-Prospekte für unbedingt notwendig. Dies zum einen, um die gliedernden Prospektteile weiter zu differenzieren, aber vor allem, um die Orgel in den Farbklang des Domes einzubinden. In diesem Sinne schlagen wir abgestufte, warme Grautöne mit einzelnen Farbakzenten in Rot (z.B. Randkanten) und Gold (Fugen, Gesimsprofile, Schleierbretter) vor. Vorbild für diese Farbigkeit im Dom sind die Kanzel mit Treppenaufgang, die Reste der Fassungen des Lettners und an Epitaphen, aber auch die Grundfarben des Sandsteines (Fußboden, Stufen) und nicht zuletzt die warmen Farben des Quinte- Fensters. In dieser abgestuften Farbigkeit wird auch der Portal-Unterbau der Orgel ausgeführt.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Denkmalpflegerische Einordnung:
    - Orgelprospekt und Tragkonstruktion als Einheit – geringste Eingriffe in die Bausubstanz
    - Neuformulierter Kapellenraum bei Absenkung Bodenniveau Und durch Verzicht auf WC-Anlage
    - Balganlage im Südturm
    - Geringe Transparenz im Brüstungsbereich

    Organologische Einordnung:
    - Keine technischen und musikalischen Einwände
    - Orgel entspricht „Faszination Schnitger“
    - Keine Subsemitonien

    Formalleistungen:
    Programm erfüllt

    Funktion:
    Neuinterpretation einer Barockorgel mit klassischen Elementen wie Schleier-brettern und Gesimsen, Orgel wird durch einen in die Öffnung eingestellten „Tisch“ getragen, podestartig erhöhter Raum als Kapelle

    Gestaltung:
    Gestaltung der Orgel weitestgehend in ihrer originalen Grundgestalt bei Übernahme der Originalmaße, die Gesamtwirkung der Orgel soll dem historischen Bild nahekommen, partielle Transparenz zwischen Hauptwerk und Pedaltürmen lässt farbiges Licht des Quintefensters in den Kirchenraum, Materialität und Farbgebung analog historischer Vorbilder


INFO-BOX

Angelegt am 06.09.2012, 11:37
Zuletzt aktualisiert 07.09.2012, 09:31
Beitrags-ID 4-58469
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