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  • DE-07703 Jena
  • 10/2012
  • Ergebnis
  • (ID 2-108004)

Neugestaltung Ernst-Abbe-Platz


  • Anerkennung


    Landschaftsarchitekten
    capattistaubach Landschaftsarchitekten, Berlin (DE) Büroprofil

    Preisgeld
    8.200 EUR

    Erläuterungstext
    Prolog
    “But, after all, the aim of art is to create space - space that is not compromised by decoration or illustration, space within which the subjects of painting can live.”
    Frank Stella

    Der Ernst-Abbe-Platz spielt eine besondere und vielschichtige Rolle innerhalb des Stadtgefüges von Jena. Das ihn umfassende, heterogene Gebäudeensemble des ehemaligen Carl-Zeiss-Hauptwerkes markiert als ‚Stadt neben der Stadt‘ den Beginn der städtebaulichen Erweiterung des industriellen Zeitalters direkt westlich des Altstadtkerns aus dem Mittelalter. Der Platzraum fungiert als campusartiger Kommunikationsraum und stellt das rare Beispiel eines modernen, funktionierenden ‚Binnenplatzes‘ dar - mit geschlossenen Raumkanten und nur über Durchgänge von den Straßenräumen erreichbar.
    Auf der ideellen Ebene repräsentiert der Ernst-Abbe-Platz prägende Kapitel in der wechselhaften (Industrie-)Geschichte Jenas - er ist mit Kontroversen und Emotionen aufgeladen. Die Skulpturen Frank Stellas kommentieren die Vielschichtigkeit und Brisanz des Ortes und verweisen über Vergangenes hinaus auf zufkünftige Potentiale. Die Neugestaltung des Platzes muss all diesen Belangen Rechnung tragen und dem Wunsch entsprechen, die Aufenthaltsqualität des Platzes zu erhöhen, ohne seine funktionale Durchgangs- und Verkehrsfunktion wesentlich zu beeinträchtigen.

    Konzept
    Der Kontrast zwischen den Raumcharakteren der Altstadt und der Stadterweiterung des industriellen Zeitalters soll künftig durch eine moderne Gestaltung des Freiraums noch besser herausgestellt und erlebbar gemacht werden. Bisher stört trotz einer bereits angelegten räumlichen Großzügigkeit eine Vielzahl von unterschiedlichen Materialien und unvorteilhaft gealterten Ausstattungselementen die Wahrnehmung des Platzes als visuell zusammenhängenden, kulturellen Aufenthaltsort. Der Platz soll eine noch eigenständigere, individuelle Rolle als Kommunikationsraum und ‚Marktplatz des Wissens‘ im Freiraumgefüge Jenas spielen.
    Durch einfache gestalterische Maßnahmen soll der bisher in Teilflächen zerfallende Raum (Korridor mit Straßenbahn, Bereich an Mensa) zu einer Gesamtheit zusammengefasst werden. Dies wird vor allem durch die Belegung aller Flächen mit einem homogenen Bodenbelag aus Gussasphalt und ein über die komplette Platzfläche gelegtes Raster aus bodenintegrierten Glaselementen erreicht. Das Raster als mathematische Struktur zur Beschreibung von Raum und Geometrie verweist auf den Wissenschafts- und Forschungsstandort. Der Platz soll nicht mehr als fragmentierter, lediglich den Gebäuden untergeordneter Raum wahrgenommen werden, sondern eine eingene visuelle und inhaltliche Kraft entfalten.
    Mit einem neuen Dreiklang an Materialien manifestiert sich die vielschichtige Identität Jenas auf dem Ernst-Abbe-Platz: Asphalt als verkehrsgerechtes Material des Industriezeitalters wird an den Schwerpunkten des Platzes durch Muschelkalkstein aufgebrochen: die uralten geologischen Grundlagen der Region offenbaren sich selbst auf der vom Industriezeitalter geprägten Platzfläche. Glas als drittes charakteristisches Material verweist auf die geschichtliche Verbindung des Ortes mit der die Stadt prägenden optischen Industrie. Die neuen Gestaltungselemente sollen nicht allein addiert und auf die Fläche appliziert werden, sondern sich in Form einer integrativen Raumskulptur zu einer schlüssigen urbanen Szenerie verbinden.
    Diese raumgreifende Platzgestaltung respektiert die Kunstwerke Frank Stellas, indem sie einen zurückhaltenden, einheitlichen Hintergrund bildet. Auch die Standorte der Skulpturen sollen mit der neuen Platzgestaltung nicht verändert werden. Die zusätzlich neu gepflanzten hochstämmigen Bäume mildern die sommerliche Hitze und bereichern die Aufenthaltsqualität des Platzes. Sie bilden ein Baumdach ‚über dem Platz‘, liegen oberhalb des menschlichen Sehfelds und beeinträchitgen somit nicht die Wahrnehmung der Skulpturen. Mit landschaftsarchitektonischen Mitteln wird unterstützt, was Frank Stella mit seinen Skulpturen bewirken wollte:

    “Das im Grundriss nicht vorhandene Zentrum wird durch den künstlerisch gesetzten Blickpunkt geschaffen. Diese Wirkung ist das Ergebnis einer künstlerischen Setzung im wörtlichen Sinn: Unter Berücksichtigung der Dimensionen der Skulptur im Verhältnis zum umgebenden Raum legte Stella den Ort fest, an dem Platz und Skulptur symbiotisch zusammenwirken und die Skulptur eine städtebauliche Funktion erfüllt. Der in seinen Begrenzungen inkonsistente Raum wird durch seine künstlerische - das heißt ideelle und zugleich handfest greifbare - Mitte als in sich geschlossener Platz konstituiert.”
    Franz Nagel

    Platzbelag
    Der Platz erhält eine homogene, pflegeleichte Oberfläche aus Gussasphalt – einerseits hochwertig und edel wirkend, anderseits einen dezenten Hintergrund für Nutzer und Objekte bildend. Ein Punktraster mit den Maßen 240cm x 240cm belegt den Platz mit einer teppichartigen Struktur und nimmt ein vorhandenes Gestaltungselement des Platzes in veränderter Form auf – ohne wieder ein Netz miteinander verbundener Linien zu schaffen. Die Rasterpunkte bestehen aus in den Asphalt eingelassenen Glaszylindern, die die Platzfläche durch Brechung des einfallenden Tageslichts mit einem Teppich aus schillernden und glitzernden Punkten beleben.
    Nachts wird die Rolle der Sonne von einzelnen Mastleuchten übernommen, deren nach verschiedenen Seiten ausgerichtete Strahler die Reflexionen in den Glaszylindern entfachen. Unterstützt werden die optischen Streueffekte von energieeffizienten LEDs, die unter den Glaszylindern angebracht sind und die Mehrzahl der Rasterpunkte beleuchten. In spielerischer Weise soll die neue Platzgestaltung auf die Geschichte des Ortes aufmerksam machen, ohne belehrend zu wirken.

    Platztopographie
    Die Aufenthaltsqualität des Platzes wird durch weitere Maßnahmen verbessert, die die bisherigen standardisierten Sitzgelegenheiten und Pflanzgefäße ersetzen und durch eine schlüssige, homogene Gestaltung mit einer aufeinander abgestimmten Materialität ersetzen. An drei Stellen wird die Platzfläche um bis zu 95cm aufgewölbt, ohne die Verkehrsfunktionen zu beeinträchtigen. Der homogene Asphaltbelag unterstützt die Ausformung einer sanft modellierten Oberfläche. Das strukturierte Gitter der Glasintarsien verformt sich in diesen Bereichen entsprechend und bildet die Modellierung auf der Platzoberfläche geometrisch ab.
    Zum zentralen Bewegungsbereich des Platzes hin werden diese topographischen Aufwölbungen von drei langgestreckten winkelförmigen Sitzmauern aus Muschelkalkstein abgefangen, die zum Verweilen und Bespielen einladen. Der Muschelkalk ist in Form von Werksteinblöcken bearbeitet und transformiert ein typisches Naturelement aus der Umgebung Jenas auf die Platzfläche. Die natürliches Variabilität und Farbigkeit des Kalksteinmaterials schafft einen belebenden Kontrast zum neutral grauen Asphalt. Mit dieser Gestaltung werden die Sitzelemente nicht als aufgesetzte Ausstattungselemente aufgefasst, sondern schälen sich wie eine topographische Verwerfung aus der Platzfläche heraus. Es entsteht eine Raumskulptur, die Merkzeichen und nutzbares Element zugleich ist. Die urbanen Akteure sind sowohl die vorüber eilenden Passanten als auch die relaxenden Stadtbewohner und Studierenden, die auf den Sitzmauern verweilen.

    Platzvegetation
    Die topographischen Aufwölbungen des Platzes erlauben mit ihren höheren Substratdicken die Pflanzung von drei lockeren Gruppen aus Robinien. Die Robinie symbolisiert als ‘früher Neophyt’ und Pioniergehölz die Industrialisierung nicht nur der Stadt, sondern auch der Natur durch den Menschen. Ihr flimmerndes Blätterdach spendet lichten Schatten und mildert sommerliche Extreme im Mikroklima des Platzes ab. Der späte Laubaustrieb der Robinien erlaubt es den Verweilenden, in einem kühlen Frühjahr noch die volle Sonne zu genießen. Es sollen aufgeastete und hochstämmige Exemplare der Varietät Robinia pseudoacacia ‘Semperflorens’ verwendet werden, die das Potential hat, das ganze Jahr über zu blühen. Dabei wird mehrstämmigen und gekrümmten Exemplaren der Vorzug gegeben, um ein einprägendes und lebendiges Gesamtbild zu erhalten. Aufgrund der Hochstämmigkeit der Robinien und ihrer Lage auf den Aufwölbungen des Platzes beeinflusst das ‘Stockwerk der Baumkronen’ die Komposition der Stella-Skulpturen nur wenig, das Sichtfeld der Nutzer wird kaum beeinträchtigt. Die drei bestehenden Bäume entlang der Straßenbahntrasse werden erhalten und gegebenenfalls durch vitale Exemplare ersetzt.

    Weitere Platzelemente
    Das charakteristische Material Muschelkalk der Sitzmauern taucht als Bodenplatten in den Eingängen und Durchgängen zum Platz wieder auf. Die Natursteinplatten markieren diese ‘transitorischen Räume’ als Übergänge zwischen äußerer, organischer Stadtlandschaft und dem speziellen, industriell geprägten ‘Innenraum’ des Ernst-Abbe-Platzes. Diese Durchgänge werden mit einer flächigen Beleuchtung mittels Lichtlinien versehen und inszenieren die Passagen als Transit- und Übergangstore bei Nacht.
    Die geschwungenen Holzbänke entlang des Mensagebäudes werden erhalten, gegebenenfalls ergänzt und in die neue Platzgestaltung integriert. Wo es die Verkehrsfunktionen des Platzes erlauben, werden Fahrradstellplätze in kompakten Formationen angeordnet, um dem hohen Stellplatzbedarf Rechnung zu tragen. Die vier Behindertenstellplätze werden im Süden des Platzes angeordnet.
    Der homogene und durchgehend barrierefrei angelegte Belag erlaubt eine flexible und mulitfunktionale Besetzung des Ernst-Abbe-Platzes für Veranstaltungen und Festivitäten. Die Einzelhandels- und Gastronomieangebote sowie die Kinderbetreuung können sich bei Bedarf von den Platzrändern aus auf die Platzfläche ausbreiten. Die Entwässerung der Platzflächen erfolgt in Abläufe, die einzelne Rasterpunkte besetzen.

    Epilog
    Die neue Gestaltung des Ernst-Abbe-Platzes soll zusammen mit den Skulpturen der ‚Hudson River Valley-Serie‘ in einer zurückhaltenden ‚Gesamtkomposition Platz‘ aufgehen, ganz im Sinne der Intention Stellas:
    „Die Bildbegrenzung (Rahmen), Bildfläche (Leinwand) und Bildbinnenformen … ordnen sich nicht wechselseitig unter. Es läßt sich von einem Werk Stellas schwerlich sagen, dass etwa die Farbe der Form, die Form der Farbe, der Rahmen dem Format, das Format dem Rahmen diene. Kein Konstituens des Bildes lebt auf Kosten und zu Lasten der andern, weil das Werk nicht durch Malen, sondern durch Aufbauen entsteht…“ Franz-Joachim Verspohl

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Der Wettbewerbsbeitrag ist auf den Kontrast von Altstadt und industriellem Zeitalter angelegt. Das Konzept besteht aus drei wesentlichen Entwurfsansätzen:
    1. Die neue, egalisierende Platzoberfläche aus Gussasphalt.
    2. Die Aufwölbung der Platzoberfläche gegen Werksteinmauern (Muschelkalk) mit Pflanzsubstrat für Baumgruppen.
    3. Das Raster aus im Boden eingelassenen Glaszylindern.

    Der neue Bodenbelag vereinheitlicht die durch Ein- und Anbauten verunklärte Platzsituation. Der Gussasphalt wird dabei konzeptionell aufgewölbt und durch das Raster aus Glaszylindern strukturiert. Das Raster ist dabei raffiniert auf die Wirkung von Reihen und Diagonalen ausgelegt.

    Die Platzzugänge werden durch große Flächen aus Kalksteinplatten markiert

    Die sogenannten Bruchkanten aus Werkstein funktionieren als Sitzbänke sowie als Stützwand für die Anschüttungen aus Erdreich für die Baumgruppen aus hochstämmigen Robinien, die als Referenz an die „Pioniergehölze der Industrialisierung“ zum Einsatz kommen sollen. Hauptsächlich sind die Bruchkanten als platzgliedernde und raumbildende Kulisse für die Skulpturen von Frank Stella gedacht. Die teilweise jedoch die Wege verbauenden Sitzkanten beeindrucken somit durch ihre Mehrfachfunktion:
    - Bewegung der Topografie,
    - Abgrenzung der Baumgruppen sowie
    - Kulisse für die Kunst.

    Das Raster der im Boden eingelassenen Glaszylinder reagiert auf die Sitzbankwinkel und ist auf die Wechselwirkung mit den Mastleuchten angelegt.

    Die dunkle Gussasphaltoberfläche verspricht eine starke neue Basis für die heterogene Bebauung des Ernst-Abbe-Platzes. Der Nachteil, die stärkere sommerliche Erwärmung im Vergleich zu helleren Bodenbelägen, sollte durch die großkronigen Baumgruppen kompensiert werden können.

    Die Taillierung des Platzes sollte in Bezug auf die Hauptwegeverbindungen überprüft werden. Dies gilt ebenso für die Vielseitigkeit der Möglichkeiten zum Bespielen des Platzes.

    Die unter anderem von Frank Stella hervorgehobene Arbeit 1008 verspricht eine wesentliche Qualifizierung des Ernst-Abbe-Platzes zum Campusplatz. Mit wenigen raumbildenden Entwurfselementen wird das Maximum an Wirkung erreicht.