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  • DE-65189 Wiesbaden
  • 04/2013
  • Ergebnis
  • (ID 2-125339)

Wohngebiet Bierstadt-Nord


  • 1. Preis


    Landschaftsarchitekten
    faktorgruen, Freiburg im Breisgau (DE), Rottweil (DE), Heidelberg (DE), Stuttgart (DE) Büroprofil

    Mitarbeit
    Ricardo Patings

    In Zusammenarbeit mit:
    Architekten: Thomas Schüler Architekten und Stadtplaner, Düsseldorf (DE), Stuttgart (DE)

    Preisgeld
    30.000 EUR

    Erläuterungstext
    Übergeordnete Idee

    Am nördlichen Stadtrand von Bierstadt entsteht eine flächensparende und klimagerechte Siedlung in einer besonderen Lage von Wiesbaden. Diese Qualität gilt es zu betonen und zu einem Alleinstellungsmerkmal des neuen Quartiers zu machen.

    Neben der Lagequalität und den funktionalen Anforderungen an den solaren Städtebau werden zudem die gesellschaftliche Infrastruktur des gemeinschaftlichen Lebens für die Akzeptanz und den Erfolg des Siedlungsprojektes von Bedeutung werden.

    Das Konzept schafft einen familienfreundlichen naturbezogenen Stadtteil, der über eine hohe Freiraumqualität Gemeinschaft, Identität und Kommunikation fördert und somit die Voraussetzung für eine hohe Wohn- und Lebensqualität im Quartier schafft.


    Landschaft

    Das freiräumliche Konzept fügt sich wie selbstverständlich in die örtliche Situation mit seiner besonderen Hanglage ein. Die bestehenden Fußwege bleiben erhalten und gliedern das Gebiet in seine Wohnquartiere. Die offene Grünschneise bildet hierbei das zentrale freiräumliche Element, die grüne Mitte des Quartiers. Die Grünfugen entlang der Fußwege werden für die Retention und Ableitung des Regenwassers genutzt.

    Im Übergang zum bestehenden Stadtteil Wolfsfeld schafft ein grünes Aktionsband zentrale Spiel- und Aufenthaltsflächen und nimmt an seiner tiefsten Stelle Retentionsflächen zur Rückhaltung des anfallenden Regenwassers auf. Das Aktionsband bildet eine zentrale Drehscheibe und Verteiler, in die alle Fußwege einmünden.

    Die Grüne Mitte wird naturnah ausgebildet und bietet gleichzeitig die erforderlichen Ausgleichsflächen für das Gebiet. Lockere Baumstellungen mit Obstbäumen greifen das Motiv der Streuobstwiesen auf und lassen die Landschaft in den Siedlungsraum hineinfließen.

    Die Grüne Mitte trägt durch ihre Aufenthaltsqualität und ökologische Funktion als Regenwasserretentionsfläche zur Qualitätssteigerung des Quartiers bei. Sie verzahnt sich landschaftlich mit den nördlichen Ackerflächen und gestaltet ein natürliches Wohnumfeld. Als zentrale Grünfläche bildet sie die gemeinschaftliche Mitte und fördert die Identifikation mit dem Quartier. Der besondere Blick auf das Rheintal wird inszeniert und für alle Bewohner erlebbar gemacht.

    Großzügige Sitzstufen bilden eine zusätzliche Verweilqualität und öffnen das Gebiet stadteinwärts.


    Städtebau

    Das städtebauliche Konzept folgt der freiräumlichen Grundidee. Die bestehenden Feldwege werden in den Straßenräumen weitergeführt und verbinden sich mit dem Grünraum. Die Siedlungsstruktur folgt den Höhenlinien und bildet eine gestaffelte Bebauung mit optimaler Südorientierung.

    Wie Zwiebelringe legen sich die Wohnwege in den Hang und wirken durch ihre Sackgassensituationen wie kleine Wohnhöfe. Diese Hofsituationen orientieren sich zur „Grünen Mitte“ und bilden dort gemeinschaftliche Platzsituationen als Nachbarschaftsplätze. Bänke und Spielbereiche bilden hier kommunikative Plätze mit einem besonderen Ausblick über die Grüne Mitte hinweg.

    Die markante Bebauung mit den hangaufwärts gestaffelten Gebäuden bildet entlang der „Grünen Mitte“ eine markante Raumkante zum Grünraum. Die Gebäudestellung auf den Sockelbauwerken verweist auf die dazwischen liegenden Nachbarschaftsplätze und den Zugänge zu den Wohnhöfen.




    Erschließung

    Die zentrale Quartierszufahrt folgt der Hangkante und gliedert das Quartier in einen nördlichen und einen südlichen Bereiche. Sie wird als städtebauliches Rückrat verstanden das sich vom „Platz am Quartierseingang“ bis zur Kindertagesstätte spannt und als kommunikativer Boulevard verstanden wird.

    Diese zentrale Entwicklungsspange bildet die Haupterschließung für das gesamte Quartier und kann in seinem weiteren Verlauf nach Osten verlängert werden. Über diese Spange werden alle Wohnquartiere erschlossen.

    Die Bushaltestelle liegt zentral in der „Grünen Mitte“ und gewährleistet eine gute Erreichbarkeit. Eine Schleifenführung bindet an die Bestandsstraßen an.

    Der kleine Quartiersplatz am Quartierseingang bildet das Entree zum Quartier und funktioniert als Ort für öffentliches, gemeinschaftliches Leben. Kleinere Flächen für die Nahversorgung, Gastronomie und eine Platzgestaltung mit hoher Aufenthaltsqualität an einer offenen Wasserfläche sorgen hier für Kommunikation zwischen Bewohnern.


    Gebäudetypologie und Quartiersbildung

    Das städtebauliche Konzept bildet drei Bereiche mit unterschiedlichen Gebäudetypologien:

    1. Wohnen an der städtischen Spange - Stadthäuser und Geschoßwohnungsbau entlang der Entwicklungsspange:

    Die städtische Hauptachse wird begleitet durch urbane Bauformen mit Stadthäusern, die sich zwischen dem 4-geschossigene Kopfgebäude am Quartierseingang und dem Baufeld mit Kita und dem Mehrgenerationenwohnen spannen. Die Stadthäuser entwickeln sie sich über 3 Geschosse und können für unterschiedliche Mischungen aus Wohnen und Arbeiten genutzt werden. Als gereihte Zeilen werden sie individuell und unterschiedlich bebaut und schaffen ein abwechslungsreiches Straßenbild entlang des Boulevards. Gemeinschaftliche Tiefgarage liegen direkt unter der jeweiligen Hauseinheit und funktionieren wie private Garagen.

    2. Wohnen an der „Grünen Mitte“ - Locker gestellte Hausgruppen als Raumkante zur „Grünen Mitte“:

    Die besondere Wohnlage am Grünraum wird durch repräsentative Einzelbaukörper betont, die als Hausgruppen auf einem gemeinsamen Sockel liegen. Auf diesen Baufeldern können unterschiedliche themenorientierte Wohnprojekte entstehen und eine spannungsvolle Raumkante zur "Grünen Mitte" bilden. Auf den gemeinschaftlichen Sockelbauwerken, in dem sich die Stellplätze befinden, liegen die Privatgärten die über Treppensituationen mit der „Grünen Mitte“ verbunden sind. Durch die erhöhte Lage des Sockels entsteht ein Höchstmaß an Privatheit zum öffentlichen Grünraum.

    3. Einfamilienhäuser am Wohnhof - Verdichtete individuelle Einfamilienhäuser für unterschiedlichen Typen

    Entlang der Wohnwege, die wie kleine Hofsituationen funktionieren, entstehen Grundstücke für unterschiedlichste Wohnformen des flächensparenden Bauens. Durch die Möglichkeit einer flexiblen Bebauung können hier verschiedenste Bautypen vom gereihten Hofhaus bis zum Einzelhaus realisiert werden. Es entstehen Nachbarschaften aus kleinen Einheiten für familienorientiertes Wohnen, die ein gemeinschaftliches Leben und die Identifikation fördert. Die Wohnhöfe funktionieren als Spielstraße die sich zur „Grünen Mitte“ öffnen.


    Regenrückhaltung
    Für die Entwässerung des gesamten Gebietes wird ein dezentrales Regenwassermanagement in drei Stufen vorgeschlagen, mit dem Ziel, das anfallende Regenwasser möglichst lange zurückzuhalten bzw. einer Mehrfachnutzung zuzuführen.

    In einer ersten Stufe wird das anfallende Regenwasser aus den privaten Flächen in dezentralen Retentionszisternen gesammelt, auf dem Grundstück zurückgehalten und in Form von Grauwassernutzung zur Gartenbewässerung oder für die Toilettenspülung genutzt. Dadurch kann auch der Verbrauch an kostbarem Trinkwasser reduziert werden. Lediglich ein Notüberlauf wird über die offenen Mulden abgeleitet. Die anteilige Dachbegrünung kann das anfallende Regenwasser aus den privaten Flächen zusätzlich reduziert.

    Das Regenwasser aus den öffentlichen Straßen- und Platzflächen wird in einem Netz aus offenen Mulden gesammelt und den Rasenmulden in der zentralen Grünfläche zugeführt. Diese sind in der durch einzelne Sitzstufen terrassierten Grünfläche kaskadenartig angelegt, so dass das überschüssige Wasser jeweils an die tiefer liegende Mulde weitergeleitet wird. Am tiefsten Punkt des Geländes wird schließlich als dritter Baustein eine Rigole unter der letzten Mulde als Retentionsvolumen angelegt, die das anfallende Wasser zurückhält und verzögert an den vorhandenen Kanal abgibt.

    Durch die hohe Verweildauer des Wassers in den begrünten Mulden kann ein Teil des Wassers verdunsten oder versickert in den Vegetationsflächen. Die offenen Regenwassermulden tragen so gleichzeitig zur Verbesserung des Mikroklimas bei.

    Die Investitionskosten können durch den Entfall aufwendiger unterirdischer Kanäle zugunsten eines offenen Systems minimiert werden, das Thema der Regenwasserbewirtschaftung wird als ökologische Qualität sichtbar und erlebbar gemacht und trägt zum positiven Image der Siedlung bei.


    Entwicklungsstufen

    Die Entwicklungsabschnitte folgen zwangsläufig der Erschließungsplanung und entwickelt sich in drei Abschnitten von West nach Ost, mit der Möglichkeit auch weitere Bauabschnitte nach Osten hin anzubinden.

    Der erste Abschnitt entsteht an der Quartierszufahrt und entwickelt sich entlang der westlichen Gebietsgrenze, wobei der Lärmschutz zur späteren Umgehungsstraße im Freihaltebereich untergebracht werden kann. Der Quartiersplatz bildet die kommunikative Mitte des Quartiers und fördert die Identität. Der südliche Grünbereich mit seinen Spiel- und Sportflächen sollte möglichst frühzeitig realisiert werden, und als Motor für die weiteren Entwicklungsschritte dienen. Im östlichen Teil entsteht die Energiezentrale.
    Die „Grüne Mitte“ sollte ebenfalls frühzeitig realisiert werden, da sie den Rahmen für die Entwicklung der angrenzenden Baufelder bilden wird. Die weiteren Entwicklungsabschnitte können schrittweise auf den einzelnen Baufeldern erfolgen und der „Grüne Mitte“ Stück für Stück seine Raumkante geben.

    Im weiteren Verlauf kann die Hauptachse nach Osten hin erweitert werden und die Erschließung der weiteren Flächen gewährleisten

    Energiekonzept

    Alle Gebäude haben durch gute Südorientierung, hohe Kompaktheit und geringe Verschattung ausgezeichnete Voraussetzungen für einen niedrigen Heizenergiebedarf. Der Effizienzhausstandard 55 der KfW ist problemlos erreichbar und damit wirtschaftlich. Die städtebauliche Struktur aller Gebäudetypen ermöglicht eine verschattungsfreie Integration solarer Energiesysteme auf den Flachdachflächen. Mit einer Solarfläche von 1/3 der Dachfläche ist eine Dachbegrünung eine ökologisch optimale Kombination.

    An zentraler Stelle wird die Energiezentrale vorgesehen, welche hier die Besonderheit des Quartiers sichtbar macht und die Energiegemeinschaft symbolisiert. Identitätsstiftend wird die Siedlung von hier aus mit Wärme versorgt.

    Die zeichenhafte Energiezentrale wird vorrangig aus regenerativen Energiequellen Wärme und Elektrizität erzeugen. Die Zentrale kann nach Umwelt- und Wirtschaftlichkeitskriterien zwischen Energiequellen wechseln, z.B. Holz, Rapsöl, Bio-Erdgas, alles vorrangig in Kraft-Wärme-Kopplung. Ein Nahwärmenetz transportiert die Wärme zu den Wärmeübergabestationen in allen Gebäuden. Die Architektur der Energiezentrale ist integral mit Solarsystemen und thermischem Speicher gestaltet. Die zentrale elektrische Energieerzeugung in Kraft-Wärme-Kopplung ist kombiniert mit den dezentralen Photovoltaiksystemen auf den Gebäuden.

    Ziel der regenerativen elektrischen Optimierung ist eine möglichst geringe Netzbelastung auch in Kombination mit Elektrospeichern z.B. in Verbindung mit Elektromobilität mit Stellplätzen mit Ladestationen und Schnellladestation für Car-Sharing, die sich am Quartierseingang befindet.

    Der städtebauliche Entwurf, der energetische Gebäudestandard, die integrierten Solarsysteme, eine Energiezentrale mit Kraft-Wärme-Kopplung und das Nahwärmenetz bilden die zukunftsweisenden Voraussetzungen für die wirtschaftliche Realisierbarkeit.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Das stringent strukturierte städtebauliche Konzept entwickelt sich um die große „Grüne Mitte“ mit gut gegliederten Wohnquartieren mit differenzierten Haus- und Wohnangeboten, die lagegerecht zur Vielfalt beitragen.

    Die Haupterschließung mit Quartiersplatz als städtebauliches Rückgrat schafft eine weitere Mitte für das neue Wohngebiet und eröffnet problemlos zukünftige Entwicklungsmöglichkeiten. Auch im Weiteren ist die Erschließung sinnvoll gelöst. Bestehende Wege werden dabei gut aufgegriffen. Auch die Anbindung an den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) ist richtig.

    Sehr gelungen ist der Übergang zu dem vorhandenen Wohngebiet im Süden durch ein Spiel- und Sportband in Form eines Angers. So wird auch das markante Gebäude des DG-Verlages ein-bezogen und eine attraktive Verknüpfung zum AWO-Pflegeheim im Osten geschaffen.

    Durch die Anordnung der Kita im Bereich des AWO-Pflegeheims ergibt sich eine sinnvolle Bün-delung und Stärkung der Gemeinbedarfseinrichtung im Übergang zu der bestehenden Wohnbebauung.

    Die Gruppierung der unterschiedlichen Haus- und Wohnformen um Wohnhöfe schafft reizvolle und Identität stiftende Bereiche. Die Bebauungsvorschläge an der „Grünen Mitte“ schaffen hohe Wohnqualitäten und nutzen die besonderen Lagequalitäten individuell.

    Das Regenrückhaltesystem ist schlüssig und sehr gut durchdacht. Durch die Aufteilung gelingt eine selbstverständliche Integration in die Grüngestaltung.

    Planungs- und bauordnungsrechtlich ist der Entwurf auch in Abschnitten sehr gut umsetzbar.

    Die wirtschaftliche Umsetzung ist adäquat möglich, wobei Modifizierungen innerhalb der vorgeschlagenen Struktur problemlos gegeben sind.

    Insgesamt wird eine sehr tragfähige städtebauliche Entwicklung vorgeschlagen, die bei hoher Funktionalität eine eigene Prägung für das neue Wohngebiet in Bierstadt schafft. Gleichzeitig schafft das Konzept durch die vermittelnde Grünfläche im Süden einen Mehrwert für die bestehende Nachbarschaft und eröffnet eine gute Einbindung in die Landschaft.