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  • Anerkennung

    Modell, © Waechter+Waechter Architekten BDA

    Architekten
    Waechter + Waechter Architekten BDA, Darmstadt (DE) Büroprofil

    Erläuterungstext
    Die Nymphenburger Schlossanlage ist ein einzigartiges Beispiel für die Synthese von Architektur und Natur, die sich gegenseitig zu einem unverwechselbaren Gesamtkunst- werk steigern. Leitlinie für die baukörperliche Weiterentwicklung für das Naturkunde-museum ist deshalb die vorhandenen Beziehungen und Strukturen nicht zu stören, sondern bestenfalls neu zu interpretieren.

    Im Hinblick auf die charakteristische symmetrische Gesamtform der historischen Schlossanlage darf der Museumshof nicht mit Hochbauten jeglicher Art bestückt werden. Um den hofartigen Charakter beizubehalten und zugleich die Kubaturen des südlichen Schmiedehofs aufzunehmen, muss daher ein großer Teil des umfangreichen Raum- programms unsichtbar, unterirdisch organisiert werden. Dies bedeutet auch, dass das Museum nicht mit einer spektakulären Geste für den Besucher sichtbar ist.

    Aus der Gesamtanlage ergibt sich der axial in der Längsseite angeordnete Museumseingang. Sowohl vom Museumshof als auch von der zum Botanischen Garten führenden Maria-Ward-Straße ist der Museumseingang so gut zugänglich und leicht auffindbar. Die ungewohnte, große schaufensterartige Maueröffnung über die volle Längsseite zum Straßenraum sowie U-förmig zum Hof lädt ein und markiert deutlich die besondere Nutzung. Die vitrinenartig ausgestellten Großobjekte sind so weithin sichtbar.

    Große, trichterförmige Hofdurchgänge von Ost und West leiten in den Museumshof; die
    bestehenden Zugänge über den Orangeriehof bleiben erhalten und werden durch die zentrierende Neugestaltung der Freiflächen gestärkt. Ein Hof
    besonderer Art empfängt den erstaunten Besucher: in der Mitte eine arenaartige steinerne Sitzbank, als forumartiger Treffpunkt vor und nach dem Museumsbesuch sowie zwei seitliche Tiefhöfe. Ähnlich Grabungslöcher erregen diese Neugier auf das was sich unter dem Museumshof verbirgt – zum Prinzip des Forschens gehört das ‚Graben‘ um zu neuen Erkenntnissen zu kommen. Thematisch den Ausstellungsbereichen zugeordnet wird dem Besucher so ein erster Einblick gewährt.

    Von außen nur erahnbar bestimmen die vertikalen Raumvolumen in denen die Großobjekte ausgestellt sind, zu beiden Seiten die unverwechselbare Raumatmosphäre des Foyers. Canyonartige, schmale über die Geschosse reichende Lufträume laden in die Ausstellung ein, beflügeln rechts und links des Foyers die Neugier und den Forschergeist zu einer Entdeckungsreise in die Tiefe des Erdreichs. In der Eingangsmitte sind Ticketschalter, sowie Shop und Garderobe angeordnet, Schließfächer und Sanitär- räume liegen seitlich. Durch die räumliche Verzahnung der verschiedenen Ebenen ist die Orientierung direkt vom Eingangsbereich einfach und klar: zur Vertikalerschließung wird der Besucher an den Großobjekte wie dem Diplodocus entlang geleitet, die so aus verschiedenen Blickrichtungen betrachtet werden können. Schrägverlaufende Stege in den Lufträumen, die Wendeltreppe und die felssteinartige Ausbildung der Außenwand zur
    Maria Ward Straße mit Spolien und sonstigen Funden verstärken die canyonartige Wirkung. Das Herabsteigen, räumlich differenziert über die skulptural gewendelte Treppe und die anschließenden langgezogenen Treppenrampen ist als Teil der Ausstellung inszeniert. Der Einblick in die weiteren Ausstellungsbereiche (Teilbereich I-III) wird auf der Zwischenebene an wenigen Stellen durch Setzkästen ermöglicht. Erst auf der Aus- stellungsebene öffnen große Tore den Zugang zu einem einzigartigen Kosmos von Mensch, Tier, Pflanze, Klima. Das Kabinett mit Darstellung der Geschichte des Schloss
    Nymphenburgs liegt zentral am Rampenfuß unterhalb der Eingangsgalerie.

    Alle Räume der Dauerausstellung sind ungeteilt auf 1 Ebene angeordnet. Die Erschließung der einzelnen Teilbereiche aus der Magistralen entlang den Großobjekten ermöglicht vielfältige und bei Bedarf auch veränderbare Unterteilungen der Dauer-ausstellung. Der dreiecksförmige Trägerrost erfordert nur wenige Stützen und erlaubt zahlreiche Hänge- und Beleuchtungspunkte für die Ausstelllungen. Die felssteinartige Außenwand ist an den Außenwänden der Ausstellungsbereiche ebenso spürbar.

    Die Grabungshöfe, die bereits im Museumshof Neugier weckten und Einblick gewährten dienen als tageslichthelle Orientierungspunkte in dem Großraum der Ausstellung und ermöglichen dem Besucher Kontakt zur Außenwelt. Eine rautenförmiger, vorgehängter Blendschutz und eine entsprechende UV-Verglasung verhindern szenologisch störenden
    Lichteinfall.

    Ein kleiner Lichthof ist räumlicher Zielpunkt der Magistralen - von hier wird das Kinder-museum und der Bereich Bayern Natur erschlossen. Das Kindermuseum ist bewusst mit geringerer Raumhöhe zweigeschossig ausgebildet und so schon vom Zwischengeschoss in Foyernähe betretbar mit schönen Sichtbezügen aus der Galerie zu Bruno dem Braunbären. Direkt oberhalb liegen mit sehr kurzen Wegen zum Kindermuseum die Räume der Museumspädagogik im Westflügel. Diese können direkt aus dem Foyer erreicht werden mit dem gewünschten Außenbereich zum Innenhof. Der Vor tragsraum liegt ebenfalls in unmittelbarer Nähe des Eingangs auf der Zwischenebene - die seitlichen Blickbezüge auf die Canyons mit den Großobjekten bestimmen die spezifische Raum- atmosphäre.

    Die Sonderausstellung im 1. OG, direkt über dem Foyer gelegen, wird zweiseitig entlang der Canyons über die beiden stirnseitig in den Lufträumen angeordneten Spindeltreppen erreicht. Der galerieartige Raumzuschnitt ermöglicht eine für Sonderausstellungen sinnvolle, eindeutige Wegeführung. Der Raum kann ohne tragende Zwischenwände vielfältig, der Ausstellungskonzeption entsprechend, unterteilt werden. Durch die zwei- seitige Erschließung sind auch parallele Ausstellungen möglich. Die galerieartige Wirkung wird durch den Raumquerschnitt mit offenem Giebel unterstützt. Die notwendigen Raumhöhen sind außerhalb des seitlichen Laufbereichs vorhanden. Die Dachgeometrien der südlichen Schlossbaukörper um den Schmiedehof werden auf- genommen, jedoch mit einer neuen ‚Lichtraupe‘ im First neu interpretiert. Das von außen in der Ziegelfarbe siebbedruckte Glas fügt sich kaum wahrnehmbar in die ruhige
    Dachlandschaft ein, markiert jedoch subtil auch nach außen die Museumsnutzung. Im Inneren ergibt sich durch die Lichtdecke ein gleichförmiges, für Ausstellungen besonders geeignetes UV- und blendfreies Tageslicht, das je nach Ausstellungskonzeption bei Bedarf teilweise oder vollständig abgeschattet werden kann.

    Die Andienung der Sonderausstellung erfolgt mit kurzem Weg über den Lastenaufzug im Westflügel, der gleichzeitig auch Werkstätten, sowie Magazin- und Lagerräume, erschließt. Verwaltung und Werkstätten sind im Bestand nachgewiesen. Alle Werk- stätten einschließlich des Montageraums sind mit den geforderten Raumhöhen auf der Erdgeschossebene angeordnet, so dass keine Höhentransporte erforderlich werden. Die Andienung erfolgt über die überdachte Tordurchfahrt oder weitere Zugänge ohne Störung der sonstigen Nutzung von Westen.

    Am Ein- /Ausgang zum Museumsquatier lädt das Café im Ostflügel in ruhiger und besonnter Lage am Museumshof zum Verweilen ein. Neben dem Zugang aus dem Foyer ist dieses auch direkt aus dem Hofdurchgang zur Maria-Ward-Straße erschlossen. Der Brotzeitraum befindet sich im Galeriegeschoss über dem Café, so dass hier funktionale Synergieeffekte erzielt werden können.

    Zum Museumshof und nach außen zur Maria-Ward-Straße orientieren sich alle umgreifenden Fassaden an den Materialien und Farben am südlichen Schmiedehof mit weißer Putzstruktur und symmetrischen Dachgeometrien in Biberschwanzdeckung. Die plastisch ausgebildeten Fassaden der Schmalseiten nehmen Proportionen der an- grenzenden Lochfassade auf und weisen auf die besondere Nutzung hin. Diese ist durch entsprechende Illumination nachts mit dem beleuchteten Schaufenster, den Grabungs-löchern im Museumshof, Bodenleuchten im Forum und der Lichtraupe über der
    Sonderausstellung auch nachts weithin erkennbar.

    Die großen begrünten Rasenflächen zwischen den seitlichen Grabungshöfen und dem mittigen Forum mit wassergebundener Oberfläche nehmen Bezug zu der charakteristischen Gestaltung der übrigen Höfe. Pflaster aus dem für die Schlossanlage typischen Kalkstein umsäumen diese Flächen, wobei durch differenzierte Oberflächentexturen und Formatwechsel die Geometrie der Tragstruktur der Ausstellungsbereiche nachgezeichnet wird. Im Bereich der westlichen Anlieferung werden die Fahr- und Parkierungsflächen ebenfalls großflächig mit Kalkstein, bänderartig verlegt, befestigt.

    Die Massivkonstruktion ist einfach und wirtschaftlich herstellbar; durch die Nutzungs- anordnung ist die bauabschnittsweise Realisierung bei weiterlaufendem Museumsbetrieb einfach umsetzbar. Die Konstruktion des Rings orientiert sich am Bestand – tiefe, massive, tragende Wände mit außenseitigem Putz dazu kontrastierend filigran profilierte Holzfenster. Im Inneren wird die Anmutung aus weiß geölten Douglasiebohlen als Bodenbelag und als Wandverkleidung bestimmt. Decken und weitergehende Wände sind aus hell eingefärbtem in schmaler Holzschalung hergestelltem Sichtbeton konzipiert.
    Sämtliche Oberflächen sind strapazierfähig und so für die Nutzung dauerhaft geeignet – bei der Materialwahl sind die Nachhaltigkeit und die Schonung der natürlichen Ressourcen besonders berücksichtigt. Die Energiekennwerte sind durch den großen Anteil unterirdischer Bauteile hervorragend.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Die Maxime der Verfasser ist es, den Neubau des Museums in die historische Schlossanlage einzufügen. Der Symmetrie folgend verzichten sie daher auf jegliche sich nicht einfügende Hochbauten und legen großen Wert darauf, den Museumshof als Pendant zum Schmiedehof im Süden der Anlage zu gestalten.

    Konsequenter Weise folgen die Verfasser der Kubatur des Bestandes. Lediglich der Nordflügel erhält den Bedürfnissen des Raumprogramms entsprechend etwas mehr an Raumtiefe. Auch die Erschließung folgt streng der Symmetrie. Der Hauptzugang befindet sich in der Mittelachse des Nordflügels und kann sowohl von der Maria- Ward- Straße als auch vom Innenhof aus betreten werden. Weiterhin ermöglichen zwei in den Ost- und Westflügeln angeordnete Zugänge das Betreten und Durchqueren des Innenhofs. Die Lage der Erschließung hält die Option eines Zugangs vom Orangerie Hof sowie eine Erweiterung des Museums offen. Die strenge Symmetrie setzt sich im Inneren des Gebäudes fort. Über gewendelte Treppen erreicht man das Zwischengeschoss mit dem Vortragssaal, weitere gerade Treppen führen in den gut nutzbaren Hauptausstellungsraum im UG, der sich unter dem gesamten Museumshof und Neubau
    erstreckt und auch in das westliche Baufeld ausgreift.

    Die Sonderausstellung befindet sich im OG des Nordflügels. Die Großobjekte sind in den Lichthöfen der vertikalen Erschließung integriert. Die Lichthöfe schaffen eine räumliche Verbindung zwischen den Ausstellungsebenen und geben Orientierung. Trotz der Zwänge der vorgegebenen Kubatur gelingt es dem Verfasser Tageslicht in viele Bereiche der Ausstellungsfläche zu führen. Zwei große eingeschnittene Lichthöfe belichten die Ausstellungsebene im UG, Firstverglasungen die im OG. Die räumliche Organisation ist in sich schlüssig und bietet die Möglichkeit für eine gute Wegeführung. Die EG- Verglasungen an der Nordseite und zum Innenhof bieten Einblicke ins Museum. Die Gestaltung der Fassaden ist jedoch verbesserungswürdig. Die Cafeteria ist prominent im Ostflügel des Hofes eingeordnet und trägt zur Belebung des Innenhofes bei.

    Insgesamt erscheint dieser Entwurf ausstellungstechnisch nicht ganz optimal: Die Ausstellungsfläche ist knapp. Die Großobjekte in Verbindung mit den Wendeltreppen-Eingangsbereichen erscheinen sehr inszeniert und erfüllen vor allem eyecatcher-Funktion. Der Sonderausstellungsraum unter dem Dach ist ungünstigerweise lang und schmal. Lichtschächte vom Hof unterbrechen die Ausstellungen im UG. Zwar erscheint die Dauerausstellung grundsätzlich frei gestaltbar, eine generelle Großzügigkeit fehlt jedoch. Der Entwurf erscheint solide und funktional hinsichtlich der Ausstellungsmöglichkeiten, eine spezielle Ästhetik und Auratik ist jedoch nicht erkennbar.

    Auch in konstruktiver Hinsicht folgen die Verfasser der Maxime, die vorhandene Schlossanlage zu ergänzen. Sie schlagen eine zweischalige verputzte Außenwand, ein ziegelgedecktes Dach und Holzfenster vor. Bei den Fassaden wird die konzeptionelle Tragfähigkeit der geplanten Weißbetonfertigteile in Frage gestellt. Die weitgehende Aufglasung im Erdgeschoss durch eine eingestellte Skelettstruktur lässt eine Integration des Neubaus als Teil der Schlossanlage vermissen. Dabei bieten Materialwahl (Dachziegel und Putz) gute Voraussetzungen. Beim geplanten Oberlichtband in Firstnähe wird angeregt, hier jeweils eine Bandverglasung zu den drei Hofseiten hin zu wählen und die äußeren Dachflächen geschlossen zu halten. Dies würde die Dachflächen beruhigen und die für die Gesamtfigur wichtige Materialität der Firstlinie nach außen stützen.

    Der Entwurf verfügt über ein schlüssiges Technikkonzept sowie über einen geringen Heizenergiebedarf. Der Kühlbedarf liegt über dem Durchschnitt. Zur Bedarfsdeckung werden überwiegend erneuerbare Energien herangezogen. Der sommerliche Wärmeschutz ist im
    Bereich der EG- und Firstverglasungen kritisch zu bewerten. Die verwendeten Materialien sind überwiegend nachhaltig.

    Insgesamt handelt es sich um einen funktional schlüssigen Entwurf mit innen- und außenräumlichen Qualitäten, der von der Maxime der Einordnung in den städtebaulichen Kontext des Schlosses bestimmt wird.