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  • CH-9100 Herisau
  • 03/2014
  • Ergebnis
  • (ID 2-167047)

Arealentwicklung Bahnhof


  • Teilnahme

    kein Bild vorhanden
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    Landschaftsarchitekten
    Kuhn Landschaftsarchitekten, Zürich (CH)

    In Zusammenarbeit mit:
    Architekten: weberbrunner architekten, Zürich (CH), Berlin (DE)
    Projektsteuerer: Urs Alpstäg, Zürich (CH)

    Erläuterungstext
    Liegt nicht vor.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Städtebau / Architektur
    Der städtebauliche Vorschlag besticht durch seine stadträumliche Klarheit. Die Konzentration fast sämtlicher Hochbauten auf Baufelder nördlich der Güterstrasse erzeugt ein kraftvolles architektonisches vis-à-vis zur Hangkante. Dieser Gebäudekulisse sollen individuelle architektonische Identitäten eingeschrieben werden. Gleichzeitig wird diese als Riegel der anderen Talseite gegenüber empfunden.
    Der durch die lineare Konzentration der baulichen Entwicklung nördlich der Güterstrasse
    freigespielte und etappenweise entstehende lange Freiraum zwischen dem Nagelfluh-Hang und den Hochbauten würde eine einmalige Raumkonfiguration in Herisau darstellen. Die Vorstellung eines langestreckten künstlichen „Talraumes“ vermag durchaus zu faszinieren, gibt aber in seiner „Unbestimmtheit“ auch Anlass zu einigen Bedenken.
    Für die erste Etappe im Bahnhofplatzbereich wird neben der neuen Umsteigeinfrastruktur ein hoher Neubau zwischen Bahnhof und Post vorgeschlagen. Allerdings wird dieses Hochhaus in unmittelbarer Nachbarschaft des alten Bahnhofsgebäudes als „respektlos“ empfunden und suggeriert somit, dass man sich des historischen Gebäudes eigentlich lieber durch Abriss entledigen würde.
    Die Qualität des funktionalen Bahnhofsplatzes vermag nicht zu überzeugen, die zurückhaltende gestalterische Komposition ist zu wenig identitätsstiftend, die räumliche Definition und Abgrenzung bleibt undefiniert. Die zentrale, aufgewertete Unterführung und der neue Aufgang
    auf die Ebnet-Ebene stellen allerdings eine sehr interessante Lösung dar.
    Der Bahnhofsplatz geht ostwärts in verschiedene Freiraumfelder über, deren Qualitäten, insbesondere in Zusammenhang mit der Entwicklung der parallelen Gebäudezeile zu unklar bleiben: Der Freiraum bestimmt für die jeweils gegenüberliegenden Baufelder sowohl die „Adresse“ als auch die räumliche Ergänzung (insbesondere bei Wohnnutzung). Dieser Wechselwirkung wurde zu wenig Rechnung getragen, es fehlen Aussagen dazu, wie und mit welchen Folgen die Entwicklung beider Bereiche koordiniert werden kann.
    Der behutsame und sinnvolle Umgang mit den Bestandsgebäuden der Appenzeller Bahnen im westlichen Bereich (Werkstätten und Stellwerk) verdient lobende Erwähnung. In der Abwägung sieht das Beurteilungsgremium an diesem Standort aber das Potential für eine weitergehende Veränderung und Aufwertung des Ortes. Der angebotene westliche Zugang zum Areal muss als eine verpasste Chance gewertet werden, diesem anspruchsvollen Übergang ein neues Gesicht zu geben.
    Gesamthaft kann die Etappierung der Entwicklung nicht vollständig überzeugen, es werden dem Image unzuträgliche Zwischenzustände befürchtet. Die Abhängigkeit von der „Strahlkraft“ des vorgeschlagenen (und nicht überzeugenden) Hochbaus zwischen dem alten Bahnhofsgebäude und der Post, für die erste Etappe, erscheint als ungedeckter Scheck auf die Zukunft des Gebietes: Ohne einen solchen Neubau wirken die vorgeschlagenen Massnahmen zu schwach um hier ein neues Zeitalter des Bahnhofgebietes einzuläuten.
    Insgesamt hat dieser Beitrag besonders auf der städtebaulich-räumlichen Ebene zu einer
    Klärung der spezifischen räumlichen Qualitäten des Bahnhofsumfeldes beigetragen. Gleichzeitig muss das Beurteilungsgremium zum Schluss kommen dass es doch schwer vorstellbar erscheint diesen Standort in überschaubarer Zeit mit den vom Team angestrebten Qualitäten zu einem neuen, identitätsstarken Ort zu entwickeln. Die vorgeschlagene städtebauliche Konfiguration wird als städtebaulicher Massstabssprung bewertet, der für Herisau weniger angemessen erscheint und auch von der Nachfragesituation her grosse Fragen aufwirft.

    Freiraum
    Mit dem Grundkonzept der baulichen Verdichtung an der Hangkante gelingt es dem Entwurf, einen sehr grosszügigen Raum freizuspielen. Zwischen dem Nagelfluh-Hang und der gegenüberliegenden Erhebung der Gebäude bildet der Bahnhofsplatz eine geschützte, doch offene, talähnliche Situation. Das Potential dieser grosszügigen Leere zu füllen und mit der nötigen räumlichen Spannung und Differenzierung zu unterlegen, gelingt jedoch nur bedingt. Die Eingriffe, vereinzelte, etwas zu unpräzise Baumsetzungen sowie eine Möblierung mit Sitzgelegenheiten und Pflanzschalen setzen zu wenig klare Zeichen in den Raum. Der durchgängige Bodenbelag aus grossformatigen Betonplatten auf dem Bahnhofplatz stellt sich dieser Kleinteiligkeit entgegen: die grosse, urbane Hartfläche ist im Kontext des konkreten Ortes und seiner Nutzung zu hinterfragen. Zonierungen, Einzelräume und Funktionalitäten bleiben so schwer ablesbar.
    Die Geborgenheit stimmiger Teilräume kann nur selten aufkommen.
    Die grundlegende Qualität eines grosszügigen räumlichen Ansatzes verliert sich im Aussenraum in einer Detailgestaltung, deren Idee zu wenig in den entsprechenden Teilräumen und Raumcharakteren ablesbar wird.

    Verkehr
    Die gegenüber dem Vorlageprojekt verschobene Platzierung des Bushofs führt zu ungünstigen Umsteigewegen. Insbesondere das Umsteigen zwischen Appenzeller Bahnen und Bus ist wenig plausibel gelöst. Die Verschiebung des Schwerpunktes des Bushofs nach Osten wird als Nachteil gesehen, sie entfernt den Bushof vom fussläufigen Einzugsgebiet. Auf den grosszügigen Platzflächen sind die Abgrenzungen der Bewegungsräume für die Busse und Autos bzw. dem Mischverkehr unklar.
    Ein interessanter Lösungsansatz ist der Aufzug aus der verlängerten Unterführung auf das
    „alte Bahntrassee“ und die Verbindung zum höher gelegenen „Ebnet“. Der fussläufige Zugang zum Zentrum von Herisau hingegen erfährt gegenüber dem heutigen Zustand leider keine Verbesserung.

    Wirtschaft
    Die eingereichten Grundlagen ermöglichten es nicht, in zufriedenstellendem Masse die Gedankengänge des Teams nach zu vollziehen, um entsprechend die Wirtschaftlichkeit und die Nachhaltigkeit der vorgeschlagenen Entwicklung einschätzen zu können.
    Eine fundierte Beurteilung der Wirtschaftlichkeit und ein Vergleich mit den weiteren Arbeiten konnte nicht erstellt werden. Die Chancen für eine ökonomisch tragfähige Umsetzung des Projekts können nur vermutet werden und stellen eine Aufnahme am Investitionsmarkt nicht sicher.
    Dieser Projektvorschlag konnte durch seine markante und reizvolle städtebauliche Setzung und einem starken Konzept faszinieren. Hat auf der einen Seite die Arbeit zum Verständnis der vorhandenen topographischen Identität und Eigenheit des Areals beigetragen, so wurde in der Interpretation mit dem vorgeschlagenen Projekt ebendiese identitätsstiftende Kraft vermisst. Der vorgeschlagene Bahnhofplatz ist grosszügig und flexibel gestaltet, in seinerräumlichen Definition bleibt er zu unbestimmt.


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