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  • DE-21335 Lüneburg
  • 04/2014
  • Ergebnis
  • (ID 2-153541)

Sanierung der IHK Lüneburg-Wolfsburg


  • 1. Preis

    Perspektive Grapengießerstraße

    Architekten
    WESTPHAL ARCHITEKTEN BDA, Bremen (DE) Büroprofil

    In Zusammenarbeit mit:
    Tragwerksplaner: pb+ Ingenieurgruppe AG, Bremen (DE)
    TGA-Fachplaner: Hansa-Planung Ingenieurbüro für Gebäudetechnik GmbH, Bremen (DE)

    Preisgeld
    26.000 EUR

    Erläuterungstext
    LEITBILD
    Neue Arbeitswelten unter Fortschreibung des stadträumlichen Bildes - so sehen wir die planerische Antwort auf die Entwurfsaufgabe vom Neu- und Umbau der Industrie- und Handelskammer im Herzen von Lüneburg.

    STÄDTEBAU
    Durch sorgfältige Wahl der Baukörperabmessungen und –höhen gilt es die Körnungsgröße der Altstadt Lüneburgs zu wahren. Die neuen Baukörper greifen die vorhandenen Baufluchten der Grapengießerstraße und Heiligengeiststraße auf und schließen das stadträumliche Bild unter Wahrung der Gebäudegrößen aus dem baulichen Umfeld. Die Höhe der neuen Baukörper orientiert sich an den historischen Altbauten der IHK und führt die Traufhöhe fort.
    Die typologisch vorherrschende Form des Satteldaches verwenden wir auch für unsere Neubauten und übernehmen die First- und Traufhöhe. Morphologisch überformte Gauben geben den Baukörpern eine gestaltprägende Eigenständigkeit, ohne den Bezug zum historischen Nachbarn zu verlieren.

    NEUER MITTELPUNKT
    Zentraler Gedanke der räumlichen Abfolge ist der Innenhof bzw. in den Obergeschossen der Lichthof: Alle Räume und Wege gruppieren sich um ihn, er bietet Tageslicht, Frischluft, Orientierung und Kommunikation für die neuen Arbeitswelten der IHK.
    Eine Terrasse im 1. Obergeschoss bietet Fläche für Pausen an der Frischluft, Nikotingenuss und Kurzerholung im Arbeitsalltag.

    VERBINDENDER RUNDGANG
    An dem neuen Lichthof im Zentrum des Baukörpers orientiert sich auch die innere Zirkulation . Im ersten Obergeschoss ist das Konzept der ringförmigen Erschließung am deutlichsten ablesbar. Diese Planung ermöglicht kurze Wege, schnelle Orientierung und bietet im Alltag Raum für spontane Begegnungen.
    Auch die vertikalen Erschießungskerne sind entlang dieses Ringes angeordnet. So entsteht aus dem Zusammenspiel von Position und Bewegung ein abwechslungsreiches Raumerlebnis für den Nutzer.

    VERTIKALE ERSCHLIESSUNG
    Ein neues Treppenhaus bildet die Schnittstelle zwischen den Gebäudeteilen. Es erschließt alle Nutzungseinheiten und macht eine direkte vertikale Verknüpfung der einzelnen Ebenen möglich.
    Der neuhinzugefügte Aufzug ist südlich der Haupttreppe angeordnet. Er ist von allen Nutzungseinheiten erreichbar und führt über sämtliche Geschosse ohne in die historische Substanz einzugreifen.

    ADRESSBILDUNG
    Der Haupteingang der Industrie- und Handelskammer verbleibt am historischen Schütting und ist identitätsstiftende Adresse für die IHK Lüneburg-Wolfsburg ‘Am Sande 1‘.
    Ein weiterer ergänzender Eingang für die Mitarbeiter befindet sich an der Heiligengeiststraße mit direkter Erschließung aus den südlichen Liegenschaften der IHK und der dort befindlichen Parkplätze. Der barrierefreie Zugang erfolgt ebenfalls von diesem Nebeneingang in den Gebäudekomplex mit unmittelbarem Anschluss an den hausinternen neuen Aufzug.

    FASSADE
    Die Gestaltung der Fassaden wird in ihren Ordnungsprinzipien abgeleitet von den historischen Vorgaben der Nachbarn Schütting und ‘Haus Zelle‘:
    Die horizontale Bänderung wird zeitgemäß fortgeführt, Fensteröffnungen werden modern überformt und die anthrazite Farbigkeit der historischen Nachbarn wird mit zeitgemäßem Material auf den neuen Entwurf übertragen. Baubronze verleiht den neuen Fenstern eine angemessene Eleganz und greift Verzierungs- und Gestaltungselemente der historischen Fassaden vom Schüttung und ‘Haus Zelle‘ auf.
    Alle neuen Fassadenmaterialien werden somit abgeleitet aus den denkmalgeschützten Nachbarn, zeitgemäß interpretiert und morphologisch überformt.

    INNENRÄUMLICHES KONZEPT
    Der öffentliche Charakter des Erdgeschosses wird geprägt durch den wiederhergestellten, denkmalgerecht sanierten und von Einbauten befreiten Großraum des historischen Schüttings. Niveaugleich und ohne Höhenversatz schließen sich alle angrenzenden Räume des Erdgeschosses an und erhalten ihre räumliche Mitte durch einen erdgeschossigen, glasüberdeckten Innenhof. Der große Veranstaltungsraum kann sowohl direkt aus dem historischen Schütting als auch aus dem neuen Hof erschlossen werden. Alle Versammlungs- und Gruppenräume sind absolut multiflexibel teilbar, selbst der glasüberdeckte Hof kann in den Großraum einbezogen werden.

    ÖFFENTLICHKEIT IM HAUSE
    Die erdgeschossigen Vortragsbereiche dienen dem öffentlichen Bedarf für größere Veranstaltungen der Industrie- und Handelskammer. Sie können direkt aus dem historischen Schütting oder auch aus dem Hof erschlossen werden, eine multiflexible Teilung dieser Großräume ist gewährleistet.
    Seminarräume mit Blick zum Platz befinden sich im historischen Schütting an der Ostseite im 1. und 2. Obergeschoss und bieten Raum für gezielte Besuchergruppen und Seminarteilnehmer.
    Der Plenarsaal befindet sich nun im 3. Obergeschoss des Neubaus und bietet konzentrierten Tagungsraum für repräsentative Besuchergruppen der IHK. Eine vorgelagerte Lounge schafft angemessenen Raum für Vor– und Nachbesprechung sowie Bewirtung.

    STATISCHES KONZEPT
    Alle Neubauten sind herkömmliche Massivbauten in klassischer Bauweise. Der sensible und denkmalgerechte Umgang mit den historischen Nachbarn erfordert eine getrennte Gründung, Errichtung und statische Eigenständigkeit der Neubauten.

    HAUSTECHNISCHES KONZEPT
    Modernste Arbeitswelten mit einem Höchstanspruch auch an die energetischen Aspekte charakterisiert auch die Auswahl der haustechnischen Entscheidungen:
    Die Neubauten entsprechen einem Niedrigenergiestandard, die Altbauten hingegen werden denkmalgerecht saniert und entsprechend der bauphysikalischen Möglichkeiten energetisch ertüchtigt. Für die Versorgung ist ein Gas-Brennwertkessel vorgesehen. Die Einhaltung des EEWG wird über ein entsprechendes BHKW gewährleistet. Die vom BHKW erzeugte Strommenge kann für den Eigenbedarf genutzt werden.
    Alle Büros, Besprechungsräume und Nebenräume erhalten bodengleiche Unterflurkonvektoren. Der Empfangsbereich wird über eine UFB-Heizung versorgt. Solarthermie wird als unwirtschaftlich erachtet auf Grund von zu begrenzten Südflächen, zu geringer Heizungsunterstützung, zu geringem Warmwasserbedarf in diesem Projekt. Alle Wärmeregulierungen erfolgen raumweise. Für die Versammlungsräume im EG und im DG werden hocheffiziente Lüftungsanlagen der Effizienzklasse A vorgesehen. Zur Energieversorgung der Kälteanlagen ist der Einsatz einer Photovoltaikanlage zum Innenhof vorgesehen, so entsteht keine Beeinträchtigung der denkmalgeschützten Dachlandschaft im Straßenbild.
    LED-Leuchten ermöglichen den energieeffizienten Einsatz von Kunstlicht in allen Funktionsbereichen incl. der Sicherheitsbeleuchtung. Die Konferenzräume werden zur optimalen Anpassung und Steuerung aller Gewerke in Abhängigkeit der jeweiligen Nutzungsverhältnisse über eine KNX-Steuerung geregelt.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Das Projekt nimmt an beiden Straßen die Traufen und die Geschossigkeiten des Bestandes auf und verlängert diese auf gleicher Höhe. Dabei wirken die Fassaden zunächst ruhig und strukturiert, wodurch sich der Neubau gut in sein Umfeld einpasst und sich gut mit den Bestandsbauten verbindet. Entlang der Heiligengeiststraße ist die Fassade in drei Abschnitte gegliedert und verbindet damit geschickt Einheitlichkeit und Parzellierung.

    Die Materialisierung der Fassade in Betonfertigteilen und deren Wirkung sowie die Ausgestaltung der Gauben werfen jedoch Fragen auf. Die von den Verfassern angestrebte zusätzliche Vertikalisierung erscheint nicht notwendig.

    Der Hauptzugang über den Altbau ist großzügig gelöst und setzt sich logisch in den Saal Lüneburg fort. Der seitliche Eingang benutzt den vorhandenen Baukörperversatz an der Heiligengeiststraße geschickt um den barrierefreien Zugang in das Gebäude zu organisieren. Das zentrale Treppenhaus und der dazu gehörige Aufzug sind von hier aus selbstverständlich und sinnfällig zu erreichen. Aus der Sicht des Haupteinganges liegt der Aufzug jedoch etwas versteckt.

    Der Raum zwischen den beiden Baukörpern wird als zentrale Halle ausformuliert und dient sowohl dem Saal Lüneburg, wie auch dem Saal Wolfsburg als Foyer.

    Die Büros sind gut unterteilt und erschlossen. Durch den Umlauf im 1. und 2. Obergeschoss entstehen hier nicht nur kurze Wege zwischen den Gebäudeflügeln sondern auch die Fluchtwegefrage wird elegant gelöst; jedoch wurde der Brandschutz (Rettungswege) keinesfalls abschließend geprüft und ist überarbeitungswürdig (s. Arkadengang/S. 2 des Protokolls).

    Die Verortung des großen Sitzungssaales im Dach, unter einem offenen Dachstuhl mit beidseitiger Belichtung, bietet eine interessante Inszenierung.